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Full text of "Geschichte der Slavenapostel Konstantinus (Kyrillus) und Methodius"

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ßeschichte der Slavenapostel 

Konstantinus (Kyrillus) 



und 



Methodius. 



Quellenmäfsig untersucht und dargestellt 



von 



Lic. Leopold Karl Goetz, 




Gotha. 

Friedrich Andreas Perthes. 
1897. 



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Johannes Friedrich 

in dankbarer Verehrung gewidmet. 



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Vorwort 



Zum näheren Studium des Lebens und Wirkens 
der Slavenapostel wie zur Bearbeitung ihrer Ge- 
schichte hat mich Johannes Friedrich veranlafst Auch 
während der Ausführung der Arbeit hat er mich 
öfters mit seinem Rat unterstützt, so dafs es nur 
als der geziemende Ausdruck des Dankes erscheint, 
wenn die folgende „Geschichte der Slavenapostel" 
ihm gewidmet ist 

Da die hiesige k. Kreisbibliothek und zugleich 
Bibliothek des römisch-katholischen Lyceums (theo- 
logische Fakultät) ziemlich ungenügend ist, und zu- 
mal für das Gebiet der neueren wissenschaft- 
lichen theologischen und historischen Litteratur 
wenig in Betracht kommt, so bin ich seit einer Reihe 
von Jahren für meine Studien auf das Entgegen- 
kommen der k. Hof- und Staatsbibliothek in München 
angewiesen. Diese hat mich nun jederzeit durch 
reichliche Verleihung der benötigten Bücher und 
Auskünfte bei meinen Arbeiten wesentlich unterstützt, 
und ich statte ihr gerne auch an dieser Stelle dafür 
meinen besonderen Dank ab. 



VI Vorwort. 

Die Möglichkeit, die Vita Methodii abzudrucken, 
verdanke ich der Freundlichkeit der k. Akademie 
der Wissenschaften in Wien. 

Nach Fertigstellung des Manuskriptes war es mir 
möglich, von den slavischen Bearbeitungen dieses 
Themas wenigstens die kürzere Golubinskijs in seiner 
russischen „Kirchengeschichte Rufslands" im Ori- 
ginal kennen zu lernen und für einige Anmerkungen 
zu verwerten. 

Als litterarische Kuriosität und um Verwechse- 
lungen vorzubeugen will ich noch anführen, dafs 
mein Amts- und Namenskollege, der evangelische 
Pfarrer in Königsberg i. Pr. Lic. Karl Goetz, gleich 
mir eine Schrift über die Lehre Cyprians von Karthago 
verfafst hat. Lic. Karl Goetz (altkatholischer Pfarrer): 
Die Bufslehre Cyprians. 1895. X und 100 S. 8°. 
Mk. 2. Lic. Karl G. Goetz (evangelischer Pfarrer): 
Das Christentum Cyprians. 1896. 10 Bogen. 8°. 
Mk. 3. 60. 

Passa/U, September 1896. 

Leop. Karl Goetz. 



Inhalts-ÜbersicM. 



Seite 

Vorwort V 

Einleitung i 

I. Untersuchender Teil: 

Die Quellen für die Geschichte des Konstantinus (KyriUus) 
und Methodius. 

^ I. Vorbemerkung ii 

Erster Abschnitt: Primäre Quellen. 

A. Vorwiegend für Konstantinus. 

g 2. Anastasius Bibliothecarius . . 13 

g 3. Die epistola Anastasii und die translatio Gauderichs ... 17 

B. Vorwiegend für Methodius. 

§ 4. Gauderichs translatio 39 

§ 5, -Die echten Papstbriefe 40 

g 6. Die unechten Papstbriefe 50 

a) I. E. 2924. Die Fälschung von 869 52 

b) I. E. 3319. Die Fälschung von 880 58 

§ 7. Die conversio Bagoariorum et Carantanorum und das Schrei- 
ben des bayerischen Episkopats an Johann IX. vom Jahre 900 71 

Zweiter Abschnitt: Sekundäre Quellen. 

A. Vorwiegend für Methodius. 

§ 8. Die Vita Methodii 77 

B. Vorwiegend für Konstantinus. 

J 9. Die Vita Konstantini 87 

Dritter Abschnitt: Jüngere Quellen. 
§ IG. Die Vita Klementis und jüngere Legenden 107 



VllI Inhalts-Übersicht. 

II. Darstellender Teil: 

Geschichte der Slavenapostel Konstantinus (Kyrillus) und 

Methodius. 

Erster Abschnitt: Bis zum Tod des Konstantinus 869. 
Vorwiegend Geschichte des Konstantinus. 

Seite 

§ II. Abstammung und Jugendzeit der Slavenapostel 115 

§ 12. Die Sendung zu den Chazaren 122 

§ 13. Die Auffindung der Reliquien des heiligen Klemens . . . . 127 

? 14. Die Sendung nach Mähren 131 

§ 15. Die angebl. Erfindung der slavischen Schrift durch Konstantinus 135 

2 16. Die Missionsthätigkeit in Mähren 141 

§ 17. Die Berufung der Brüder nach Rom. Tod des Konstantinus 146 

Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius nach dem 

Tode des Konstantinus. 

J 18. Rückkehr des Methodius nach Mähren bzw. Pannonien . . . 157 

§ 19. Die Einführung der slavischen Liturgie 162 

? 20. Die Erhebung des Methodius zum Erzbischof 171 

§ 21. Absetzung des Methodius durch die Regensburger Synode im 

Herbst 870 178 

§22. Wiedereinsetzung des Methodius durch Johann VIII., sein 

Wirkungskreis 185 

§ 23. Das erste Verbot der slavischen Liturgie 196 

§ 24. Thätigkeit des Methodius in Mähren bis 879 200 

g 25. Neue Anklagen gegen Methodius ; zweites Verbot der slavischen 

Liturgie, Rechtfertigung des Methodius in Rom. Ernennung 

des Wiching zum Suffraganbischof 206 

§ 26. Neue Angriffe des Wiching, deren Zurückweisung durch Johann 219 

§ 27. Die letzten Lebensjahre des Methodius. Sein Tod .... 223 

g 28. Die Schicksale der Methodianer 231 

§ 29. Schlufsbemerkung 238 

III. Quellen zur Geschichte der Slavenapostel. 

I. Epistola Anastasii apostolicae sedis bibliothecarii ad Gaudericum 

episcopum 243 

II. Vita cum Translatione S. Clementis 247 

XU. Vita Sancti Methodii 255 

Zusätze und Berichtigungen 271 



Einleitung. 



,,Bei der grofsen Tragweite, welche die Thätigkeit der 
beiden Slavenapostel Kyrill und Methodius für die späteren 
nicht nur rein religiösen, sondern auch allgemeinen Kultur- 
verhältnisse der slavischen Völker hatte, mufs die Er- 
forschung aller auf ihre Person und ihre Wirksamkeit bezug- 
nehmenden Fragen fortwährend grofse Anziehungskraft aus- 
üben auf alle Geschichts- und Altertumsforscher. Man kann 
auch in der That behaupten, dafs im Laufe des Jahrhunderts 
die besten geistigen Kräfte der Slaven an der Lösung der 
vielen in Betracht kommenden Fragen beteüigt waren. Ein 
Dobrowsky und Öafafik u. a. bei den Cechen, ein Gri- 
gorovic Gorskij Bodjanskij, Ireznevskij u. a. bei den Russen, 
ein Kopitar, Miklosich Raöki u. a. bei den Südslaven haben 
ausführUche tiefgehende Untersuchungen über dieses Thema 
angestellt. Dafs auch westländische Gelehrte an diesen 
Forschungen teilnahmen, dafür genügt es, einen Watten- 
bach, Dümmler, Ginzel, Leger u. a. zu erwähnen. Schon 
dieser äufsere Umstand läfst vermuten, dafs dem Gegen- 
stande viele Seiten abgewonnen werden können. Und so 
ist es auch wirklich. Das vielbewegte Leben der Brüder 
an und für sich, ihre Beziehungen zu den beiden Zentren 
der damaligen Kulturwelt, sind inhaltreich genug, um für 
ausführliche Darstellungen Stoff zu liefern. Nimmt man 
noch hinzu die vielen Fragen historischer und philologischer 
Kritik, welche mit einzelnen Momenten ihrer Wirksamkeit 
bei den Slaven verknüpft sind, so wird man recht wohl 

Goetr, Geschichte der Slavenapostel. 1 



3 Einleitung. 

begreifen, warum die Untersuchungen von verschiedenen: 
Gesichtspunkten ausgehen mufsten und wie ihr Erfolg von 
verschiedenen Fachkenntnissen bedingt wurde/' 

Diesen Worten Jagids (im Archiv für slavische Philo- 
logie IV, 97), der selbst einer der gründlichsten Kenner 
sowohl der historischen als der philologischen Fragen die 
hier in Betracht kommen, ist, kann ich durchaus bei-- 
stimmen. 

Aber trotz dieser vielseitigen Behandlung der Frage ist 
die darüber vorhandene Litteratur doch teilweise einseitig, 
teilweise beruht ihre Darstellung auf falscher Grundlage. 
Ein der Wahrheit entsprechendes Bild des Lebens und der 
Wirksamkeit der Slavenapostel besitzen wir heute noch 
nicht, obwohl der Gegenstand so viele Bearbeiter gefunden 
hat. Bonwetsch (Kyrillus und Methodius, Erlangen 1885) 
konnte darum mit Recht sagen (S. 4): ,,Noch giebt es- 
keine wirklich befriedigende Darstellung des Lebens und 
Wirkens dieser beiden Männer, ja noch sehr wesentliche 
Punkte in ihrem Leben sind noch nicht aufgeklärt. An 
sehr tüchtigen Vorarbeiten fehlt es nicht, aber noch giebt 
es kein Werk, das einfach befragen könnte, wer Zuver- 
lässiges über die Lehrer der Slaven erfahren will." 

Die Schuld daran trägt einmal die Einseitigkeit, in die 
die bisherigen Forscher zum Teil verfallen sind. Ich meine 
da einmal die slavischen Gelehrten, deren Werke, Philare ts 
,, Kyrillus und Methodius'' ausgenommen, mir allerdings 
nur aus den, manchmal sehr ausführlichen, Referaten in 
Jagids Archiv bekannt sind ^). Einmal scheinen einzelne 
den Zwiespalt zwischen Römisch- und Griechisch-katho- 
lisch auch in die Wissenschaft hineinzutragen, wie denn 
Jagid davon spricht (Archiv IV, 99), dafs der religiöse Stand- 
punkt einzelner Verfasser der objektiven Würdigung der 
geschichtlichen Fragen Schwierigkeiten in den Weg lege. 



i) Vgl. auch Pypin u:id Spasovic, Gesch. d. slavischen Littera- 
turen I, 51. 



Einleitung. 3 

Und Jag-id selbst (Archiv X, 306) mufste sich geg-en den 
von ihm hochgeschätzten russischen Forscher Lavrovskij 
dagegen verwahren, ,,als ob wir westslavische Forscher [mit 
ihm ist wohl vor allem der russische Jesuit Martinow ge- 
meint, der in seinen verschiedenen umfangreichen und weit- 
schweifigen Aufsätzen in der , Revue des questions historiques ' 
einen ähnlichen Standpunkt wie Jagid einnimmt] nichts Wich- 
tigeres zu thun hätten, als überall nur geheime westlich- 
katholische Tendenzen und Ziele zu verfolgen, während jene 
allein das Privilegium besitzen, die Wahrheit zu sehen und 
zu lehren." Es ist doch gewifs für die Pflege objektiver 
Wissenschaft bedauerlich, wenn Jagid, weil er eine latei- 
nische Quelle, die „Translatio Clementis" in Schutz nahm, 
ausdrückHch erklären mufste, dafs ihm „ nicht im Geringsten 
daran lag, diese Legende irgendwie vor der Vita Con- 
stantini etwa wegen ihres katholisch-lateinischen Charakters 
herauszustreichen.** 

Noch gröfsere konfessionelle Einseitigkeit findet sich 
auf der römisch-katholischen Seite ; ihr Vertreter ist Ginzel, 
dessen „Geschichte der Slavenapostel 1857 und 1861", 
davon lautes Zeugnis ablegt. 

Verwarfen die Slaven die lateinischen Quellen, so hegte 
er gegen die slavischen Urkunden ein übertriebenes Mifs- 
trauen und warf ihnen ihren ,, schismatischen" Ursprung 
immer wieder vor. So ist seine Darstellung eine äufserst 
mangelhafte, weit entfernt von Objektivität. Teilweise liest 
sie sich nicht wie eine geschichtliche Darstellung, sondern 
wie eine Legende oder ein Erbauungsbuch. Dann leidet 
seine Arbeit sehr viel an wertlosen Kombinationen, die alle 
seiner konfessionellen Voreingenommenheit entsprungen sind. 
Zumal die Tendenz zieht sich durch seine ganze Arbeit 
hindurch, sowohl den Konstantinus als auch den Methodius 
als treue Söhne der römischen Kirche erscheinen zu lassen, 
die, obgleich sie Griechen waren, doch von Jugend auf mit 
unendlicher Verehrung gegen den heiligen römischen Stuhl 
erfüllt waren. 

1* 



4 Einleitung. 

Seine Gering-schätzung- der slavischen Quellen ist daran 
schuld, das eine wichtig-e Epoche im Leben des Methodius 
gar nicht bei ihm zur Darstellung gekommen ist. Er ver- 
warf die davon handelnden Quellennachrichten als griechisch- 
schismatische Unwahrheit und erlebte es allerdings nicht 
mehr, dafs diese Quellen durch die Auffindung neuer Papst- 
briefe vollauf bestätigt wurden. So kommt seine Arbeit 
für den heutigen Stand der Forschung wenig mehr in 
Betracht. 

Weit entfernt sowohl von historischer Unbefangenheit 
als von wissenschaftlicher Quellenkritik ist die Encyklika 
Leos XIII. „Grande munus*' vom 30. September 1880, 
durch die der Papst für den 5. Juli, in Erweiterung einer 
früheren Ermächtigung Pius' IX. das Fest der heiligen 
Kyrillus und Methodius als duplex minus für die ganze 
römische Kirche einführte. 

Durch das ganze Schreiben zieht sich die Tendenz, die 
Slavenapostel als treue Söhne der römischen Kirche hin- 
zustellen, denen überhaupt erst die Päpste die Vollmacht 
erteilt haben, das apostolische Amt bei den Slaven aus- 
zuüben. 

In der Darstellung der Lebensgeschichte der Brüder 
verfährt die Encyklika ganz kritiklos ; was sich in irgendeiner 
Quelle oder Legende findet, wird wahllos zusammengetragen, 
damit die Missionsverdienste zumal des Methodius recht 
gehäuft werden. 

Die Darstellung der Thätigkeit des Methodius in Mähren 
entspricht auch durchaus nicht dem thatsächlichen Gang 
der Geschichte , und der ganze Streit zwischen den baye- 
rischen Bischöfen und ihm wird gleichfalls gar nicht er- 
wähnt. Dafs Methodius, wie die Encyklika meint, ,, immer 
bereit gewesen sei zu gehorchen", dem Papst natürlich, 
schien selbst einem Ginzel sehr zweifelhaft und ist absolut 
unwahr. Endlich operiert der Papst gleichfalls mit der päpst- 
lichen Approbation der Liturgie des Methodius, die unten 
als Fälschung nachgewiesen werden soll. 



Einleitung. 5 

So ist also die Encyklika „Grande munus** wohl eine 
neue aus früheren zusammengestellte Legende über die 
Slavenapostel, aber als historische Darstellung ist sie gänz- 
lich wertlos. 

Eine Folge dieser Encyklika sind die „Memorie storico- 
critiche - archeologiche dei santi Cirillo e Metodio e del 
loro apostolato fra le genti slave". Der Verfasser, Kar- 
dinal Dominik Bartolini, Präfekt der Riten -Kongregation, 
iiefs sie als Festschrift erscheinen zu Ehren der slavischen 
Pilger, die sich am 5. Juli 1881 bei Leo XIII. für die oben 
erwähnte Encyklika bedankten. Nach dem Zweck der Schrift 
und der Stellung ihres Verfassers bemifst sich der Wert 
der Schrift, die von Rattinger in den ,, Stimmen aus Maria 
Laach** eingehend dargestellt ist (Band XXII). Der Stand- 
punkt ist der einseitig römisch-konfessionelle, wie ihn Ginzel 
eingenommen hat ^). 

Das Gleiche gilt auch von der neuesten römischen 
Bearbeitung dieser Frage bei dem S. J. Lapotre, L'Europe 
et le St. Siege ä Tepoque carolingienne. Mit sehr grofser 
Gelehrsamkeit und grofsem Aufwand rhetorischer Phrasen 
wird der Standpunkt omnia ad majorem ecclesiae (d. h. nach 
dem Jesuiten Gretser des Papstes, DöUinger-Friedrich : Janus 
292) gloriam vertreten. Und um dieses Standpunktes willen 
wird nach der in neuester Zeit so in Mode gekommenen 
Manier römischer ,, unbefangener** Geschichtsdarstellung 
um- und weggedeutet, wie sich weiter unten zeigen wird. 

Eine gute Wiedergabe des damaligen Standes der 
Quellenkritik und der Forschung ist der Festvortrag, den 
Bonwetsch zu Dorpat zur Gedächtnisfeier des tausendjährigen 
Todestages des Methodius am 6. (18.) April 1885 gehalten 
hat. In der Quellenfrage stellt er sich von vornherein 

i) Auf demselben Boden steht Höflers „Bonifatius der Apostel der 
Deutschen und die Slavenapostel Konstantinus (Kyrillus) und Methodius", 
1887. Auch ihm ist Konstantinus „ein treuer Sohn der römischen Kirche", 
S. 33, der „in keiner Weise eigenmächtig vorging, wie die Legenden ihn 
handeln lassen", S. 29. 



6 Einleitung. 

(S. i6 i) auf den slavischen Staudpunkt, indem er Voronov 
(s. unten S 8) unter den bisherig-en Forschern den Preis 
zuerkennt. Aus dem gleichen Anlafs wie Bonwetschs 
Vortrag- erschienen eine Reihe Arbeiten slavischer Autoren, 
die im Supplementband zu Jag-ids Archiv 1892, S. 160 ff. 
alle verzeichnet sind, aber mit der vielsagenden Bemerkung : 
„Die meisten von ihnen stehen auf einem einseitig kirch- 
lichen Standpunkt.** 

Unbefangener natürlich sind die Profanhistoriker und 
deren Darstellungen zumal die Dümmlers in seiner Ge- 
schichte des ostfränkischen Reiches, und die von Bretholz 
in seiner Geschichte Mährens entsprechen den hier zu 
stellenden Anforderungen. 

Aber sie arbeiten für wichtige Fragen mit päpstlichen 
Urkunden, die falsch sind und die unten als Fälschung 
hoffentlich nachgewiesen werden sollen. 

Damit komme ich nun zu dem wichtigen Punkt, in dem 
sich meine Arbeit von den bisherigen unterscheidet. 

Die Geschichte der Slavenapostel kann nicht eher ge- 
schrieben werden, als wir nicht über den Wert und die 
Zuverlässigkeit der Quellen möglichst im Klaren sind. Mar- 
tinow bemerkt im Eingang seines Artikels „St. Methode 
apotre des Slaves" („Revue des questions historiques *' 1880, 
369), mit Recht: ,,La question des sources doit servir de 
base ä tout travail historique vraiment serieux. Cette etude 
preliminaire devient d'une necessite absolue, quand il s'agit 
d'un sujet rempli de difficultes et d'incertitudes, oü Ton ne 
peut faire deux pas de suite sans se heurter contre un 
doute, sans rencontrer quelque obstacle imprevu. L'histoire 
des saints Cyrille et Methode surnommes les apotres des 
Slaves, est un sujet de cette nature. Elle a tente la plume 
de bien des ecrivains, eile a inspire une quantite de travaux 
signes des noms les plus estimables." 

Die richtige Quellenkritik ist also der sichere Grund, 
der zuerst gelegt werden mufs, ehe auf ihm die Geschichte 
aufgebaut werden kann. Darum zerfällt meine Arbeit in 



Einleitung. 7 

einen untersuchenden, grundleg-enden und in einen dar- 
stellenden aufbauenden Teil. Und der wichtig-ere von diesen 
beiden ist meiner Meinung* nach entschieden der unter- 
suchende Teil. 

In diesem hoffe ich nun den verschiedenen Wert der 
Quellen g-enau bestimmen, ihre Teilung- in primäre und 
sekundäre durchführen zu können. Für die Quellen zur 
Geschichte des Konstantinus , fiir die älteren Legenden ist 
der sichere Grund zu dieser Untersuchung- g-eleg-t durch die 
Veröffentlichung eines Briefes des Anastasius bibliothecarius 
an den Bischof Gauderich von Velletri, durch die sich Jo- 
hannes Friedrich hohes Verdienst um die Geschichtsschrei- 
bung der Slavenapostel erworben hat. 

Diese Urkunde ist also der absolut sichere Grund, von 
dem bei der Untersuchung auszugehen ist. 

Für die Wirksamkeit des Methodius nach dem Tode 
des Konstantinus handelt es sich um zwei wichtige Papst- 
schreiben, die man bisher meistens als echt ansah und als 
echte Quelle zur geschichtlichen Darstellung verwertete. 
Je wichtiger aber ihr Inhalt, die angebliche Bestätigung der 
slavischen Liturgie durch Rom ist, um so einschneidender 
wird auch der Nachweis sein, den ich für diese Quellen 
zu bringen hoffe, dafs sie Fälschungen sind, mit anderen 
Worten, dafs die slavische Liturgie des Methodius vom 
Papst nicht bestätigt, sondern immer verworfen wurde. 

Bei der geschichtlichen Darstellung nun werden nicht 
blofs die primären, sondern auch die sekundären Quellen 
zur Verwendung kommen. Nachdem aber erst einmal der 
verschiedene Wert der Quellen festgestellt ist, kann man 
beide Arten zur Darstellung und gegenseitigen Ergänzung 
verwenden. Der Leser wird immer auf Grund der Resul- 
tate des untersuchenden Teils die Aussagen der primären 
Quellen als sichere historische Wahrheit von den mehr 
oder minder möglichen, wahrscheinlichen oder wenn durch 
andere Quellen bezeugt sicheren Angaben der sekundären 
Quellen zu unterscheiden wissen. 



S Einleitung. 

So glaube ich, steht meine Arbeit einmal im Geg-ensatz 
zu den bisherig'en Untersuchungen über dieses Thema, da 
zum erstenmal auf neuer Grundlage die Quellenkritik durch- 
geführt ist, und verschiedene bisher für wichtig angesehene 
Schriftstücke aus der Reihe der echten Quellen gestrichen 
werden sollen. 

Im Gegensatz besonders zu den slavischen Forschern 
stützt sich andererseits meine Untersuchung vorwiegend auf 
die lateinischen Quellen als auf die unbefangeneren, die nicht 
so in die Kämpfe jener Zeit verwickelt und darum von 
religiösen und kirchenpolitischen Tendenzen mehr frei sind 
als die slavischen Urkunden. 

Auf alle die Einzelheiten der früheren Forschung ^), auf 
die verschiedenen Wege, die die Quellenkritik eingeschlagen 
hat, auf die Folgerungen, die daraus gezogen wurden, näher 
einzugehen, ist nicht notwendig, zumal manche Behaup- 
tungen sowohl durch Friedrichs PubUkation als durch meinen 
zu erbringenden Nachweis der Fälschung der Papsturkunden 
hinfällig und gegenstandslos geworden sind. 

In der Darstellung habe ich mich möglichst eng an das 
Thema gehalten und demgemäfs nichts hereingezogen, was 
nicht direkt zu diesem Gebiet gehört. Auf alle in der Ge- 
schichte der Slavenapostel sich ergebenden philologischen 
Fragen bin ich daher gar nicht eingegangen. 

Bei der Trennung der Arbeit endlich in untersuchenden 
imd darstellenden Teil ist es nicht zu vermeiden, dafs manche 
Dinge in beiden Teilen wiederholt werden, da dieselbe That- 
Sache oder Behauptung einerseits zur Feststellung des Wertes 
einer Urkunde, die sie enthält, dient, andererseits zur ge- 
schichtlichen Darstellung verwendet werden mufs. 

i) Die Litteratur über die Slavenapostel ist verzeichnet bei Potthast: 
„Bibliotheca historica medii aevi", 2. Aufl., 1262, die slavischen Schriften 
sind mir nicht verständlich, die von Leger und Avril waren mir nicht zu- 
gänglich. 



I. 
Untersuchender Teil: 

Die Quellen für die Geschichte des Konstantinus 
(Kyrillus) und Methodius. 

(Vgl. Potthast, Bibliotheca historica medii aevi [2. Aufl.], p. 1 261 sqq.) 



§ I. Vorbemerkung. 

Unter den Quellen für die Darstellung- des Lebens und 
der Thätigkeit bedeutender Männer pflegt man vielfach an 
erster Stelle das aufzuzählen und zu berücksichtig-en , was 
sie uns an Schriften oder kleineren Notizen selbst hinter- 
lassen haben. So beginnt denn auch Bonwetsch seine Schil- 
derung des Lebens der Slavenapostel mit der Aufzählung* 
der Schriften und Bruchstücke, die Konstantinus verfafst 
habe. Indes erscheint es unthunlich, diese Stücke zum 
Ausgangspunkt für die Quellenuntersuchung zu nehmen. 
Denn einmal bezieht sich, abgesehen natürlich von der 
Evangelienübersetzung des Konstantinus, das, was von echten 
Schriften uns erhalten ist, nur auf ein Ereignis und zwar 
auf die durch Konstantinus geschehene Auffindung der Re- 
liquien des hl. Klemens. Ferner ist auch nicht von vorn- 
herein bestimmt, in welchem Umfang diese Stücke uns als 
die echten Schriften des Konstantinus erhalten sind. Wir 
können erst auf Grund der Untersuchung und nach Fest- 
stellung des Wertes der Quellen und Vergleichung ihrer 
Texte genau ausmachen, welche Stücke wirklich von Kon- 
stantinus verfafst sind und in welchem Umfang sie uns 
erhalten sind ^). Endlich zählt Bonwetsch die in der Vita 
Konstantini c. 5 und 6 enthaltenen Disputationen des Kon- 
stantinus als Quelle auf. Auch diese Behauptung darf, 
wenn auch mit der Einschränkung *), dafs dahin stehe, „ wie 
viel von dem in Kyrills Leben über diese Disputationen 



i) Siehe unten § 3. 

2) Bonwetsch, Kyrill und Methodius, S. 5. 



13 ? I. Vorbemerkung. 

Mitgeteilte den polemischen Schriften Kyrills entstammeir 
'mag"", nicht als ein Ausgangspunkt für die Quellenunter- 
suchung aufgestellt werden. Denn auch hier können wir 
erst aus der Untersuchung dieser Vita Konstantins selbst 
ersehen, welcher Wert ihr und damit den darin enthaltenen 
Disputationen zukommt. Und auch da wird sich zeigen, 
dafs dieser Wert äufserst gering ist *). 

So können wir also die Untersuchung nicht mit einer 
Darlegung der Schriften der Slavenapostel bezw. des Kon- 
stantinus anfangen, sondern müssen sie auf anderen un- 
bezweifelt sicheren Quellen aufbauen. 



i) Siehe unten § 9. 



Erster Abschnitt. 
Primäre Quellen. 



A. Vorwiegend für Konstantinus. 

§ 2. Anastasius bibliothecarius. 

Der Hauptg-ewährstnann bzw. die Hauptquelle für die 
Geschichte des Konstantinus ist nach dem jetzigen Stand 
der Quellen Anastasius bibliothecarius. Schon früher hatte 
man erkannt, dafs er als Zeitgenosse, persönlicher Be- 
kannter des Konstantinus sowohl wie als „kraft seiner Stel- 
lung ebensowohl unterrichteter als verläfslicher*' Mann 
(Ginzel S. 5) der Berufenste zur Abgabe eines unparteiischen 
Zeugnisses über Konstantinus sei, auf dessen Wort man 
sich am meisten verlassen dürfe, dessen Angaben also 
„in die Klasse der echten und glaubwürdigen Zeugnisse 
über das öffentliche Wirken der Slavenapostel gehören*' 
(Ginzel S. 5). Bis vor einigen Jahren waren der allgemeinen 
Forschung nur zwei kleinere Stücke des Anastasius bekannt, 
die sich mit Konstantinus beschäftigen. Einmal berichtet 
er in seiner Vorrede zum achten allgemeinen Konzil (Ginzel, 
Anhang S. 43) Konstantinus sei, obwohl enger Freund des 
Photius, doch kraftvoll und energisch zur Verteidigung des 
orthodoxen Glaubens gegen diesen aufgetreten, als Photius 
eine ketzerische Lehre verbreitete. Wie Anastasius in diesem 
Stück die magna sanctitas des Konstantinus lobt, so rühmt 
er in einem Brief an Karl den Kahlen vom Jahre 875 



14 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Konstantinus. 

(Ginzel, Anhang- S. 44) den Konstantinus als vir magnus^ 
et apostolicae vitae ^) praeceptor , der die Schriften des 
Dionysius Areopag*ita — die eben Anastasius gerade an 
Karl den Kahlen schickte — auswendig wufste und sie 
seinen Zuhörern aufs angelegentlichste als Werkzeug zur 
Bekämpfung aller Häresieen empfahl. Für die Biographie 
des Konstantinus ist von wesentlicher Wichtigkeit die weitere 
Angabe in diesem Brief, dafs dieser Konstantinus Philo- 
sophus zu Lebzeiten Hadrians nach Rom gekommen sei 
und den Leib des hl. Klemens suae sedi zurückerstattet 
habe. 

Diese kurzen Notizen sind nun vor einigen Jahren um 
ein umfangreiches Stück von höchstem Wert für die Ge- 
schichte der Slavenapostel vermehrt worden, durch den 
Brief des Anastasius an Gauderich von Velletri, den J. Fried- 
rich veröffentlicht und mit einem reichhaltigen Kommentar 
ausgestattet hat ^). Friedrich sagte gleich eingangs seiner 
Arbeit nach einer Übersicht über die bisherigen Quellen- 
forschungen, dafs dieser Brief ,,ohne Zweifel eine durch- 
greifende Revision der Forschung über die Kyrillus- und 
Methodius-Frage notwendig machen" werde (S. 399). Ohne 
dem Gang der Quellenkritik vorzugreifen, kann ich schon 
jetzt diese Bemerkung vollauf bestätigen: die wichtigste 
Quelle ist nunmehr dieser Brief; nach dem Verhältnis zu 
diesem Brief bemifst sich der Wert und die Echtheit der 
übrigen Quellen, auf diesem Brief ist die richtige dem 



i) Der bei Ginzel 1. c. abgedruckte Text des Briefes des Anastasius 
an Karl den Kalilen lautet apostolicae sedis praeceptor. Ginzel hat dazu 
die Note: loco „sedis" alii legunt „vitae"; quae lectio et mihi magis 
arridet. Dafs die Lesart vitae die richtige ist, bezeugt der Brief des Ana- 
stasius an Gauderich, in dem Konstantinus gleichfalls vir apostolicae vitae 
genannt wird. 

2) Friedrich: Ein Brief des Anastasius bibliothecarius an den Bischof 
Gaudericus von Velletri über die Abfassung der „Vita cum translatione s. 
Clementis Papae". Eine neue Quelle zur KyriUus- und Methodius-Frage. 
Sitzungsberichte der bayer. Akademie der Wissenschaften, Historische Klasse^ 
Sitzung vom 2. Juli 1892. 



I 2. Anastasias bibliothecarias. 15 

thatsächlichen Verlauf der Ding-e entsprechende Darstellung 
des Lebens des Konstantinus aufzubauen. 

Für verschiedene Fragen kann ich die Resultate Fried- 
richs durchaus annehmen und halte es für angezeigt, mög- 
lichst ihn selbst dabei reden zu lassen. So sagt er über 
Herkunft und Echtheit des Briefes (S. 399f.): 

„Doch ehe ich weiter gehe, will ich erst über die Her- 
kunft und die Echtheit des Briefes einige Worte sagen. 
Derselbe liegt mir nur abschriftlich im schriftlichen Nach- 
lafs DöUingers vor und kam dahin durch den Nachlafs des 
1848 verstorbenen Dr. Heine, den dessen Bruder, der in- 
zwischen ebenfalls verstorbene Professor in Halle, DöUinger 
übergab. Dr. Heine bemerkt aber über den Fundort: 
„ Entnommen ist er aus dem Codex 205 der jetzt in Lissabon 
befindUchen Bibliothek von Alcobaza ^), wo er die Einleitung 
zu der Rufinischen Überarbeitung der Klementinischen Ho- 
milien bildet." Die Echtheit des Briefes kann nicht be- 
zweifelt werden. Wer sich die Mühe giebt, die anderen 
noch vorhandenen Briefe des Anastasius, namentlich den 
an den Diakon Johann, mit dem Heineschen zu vergleichen, 
für den kann es keinen Augenblick zweifelhaft sein, dafs 
dieser dem Bibliothekar Anastasius angehören mufs. Hier 
wie dort die nämüchen Phrasen, Epitheta für Personen und 
für sich selbst *). Alle von ihm berührten Umstände sind 



1) Wie ich auf einem der Blätter, welche die Bibliothek von Alcobaza 
beschreiben, finde, ist der Codex saec. XIV. Übrigens ist keine Hand- 
schrift von Alcobaza älter als saec. Xu, da sie alle von den Mönchen des 
Klosters geschrieben sind, dieses aber erst 1148 gestiftet wurde. 

2) In einer Besprechung der Friedrichschen Abhandlung in den Acta 
BoUandiana (1893) XII, 3 19 sq. wird hierzu bemerkt: L'authenticit6 de la 
lettre d'Anastase est nettemcnt affirm^e par M. Friedrich. Nous n'y contre- 
dirons certes pas, mais ä cause de Timportance capitale du document nous 
eussions d^sirö une d^monstration plus ample. £n particulier, la com- 
paraison avec d'autres lettres d'Anastase s'^tablit plus sürement avec la 
seconde lettre adress^e a Charles le Chauve qu'avec celle envoy6e ä Jean 
Diacre sur laquelle M. Friedrich insiste surtout. En effet, dans la lettre 
a Charles le Chauve, comme dans celle ä Gauderic S. CyriUe re9oit les 



16 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Konstantinus. 

zeitentsprechend, und über die darin ang-egebene Litteratur 
war damals überhaupt nur Anastasius, der gesuchte Über- 
setzer aus dem Griechischen, so zu sprechen imstande. 
Dafs gar später jemand über dieselbe eine solche Auskunft 
hätte geben können , davon kann keine Rede sein. Jeden 
Zweifel schliefst aber vollends die Beobachtung aus, dafs 
die Vita cum translatione s. Clementis nicht nur nach der 
Weisung unseres Briefes abgefafst, sondern unser Brief 
selbst eine Hauptquelle derselben ist." 

Nach der Untersuchung Friedrichs kann der Brief, wenn 
auch in der Handschrift nicht datiert, doch hinsichtlich 
seiner Abfassungszeit ziemlich genau bestimmt werden, 
sie fällt zwischen 875 — 879 (S. 400f.). 

Weshalb Anastasius diesen Brief an Gauderich von 
Velletri geschrieben hat, wird von Anastasius ausführ- 
lich erzählt (Friedrich S. 401). 

„Da die Kirche von Velletri von altersher dem hl. Cle- 
mens gewßiht ist, sucht Gauderich dessen Kult höher zu 
beleben. Die Reliquien welche er von dem Heiligen finden 
kann, bringt er in seine Kirche ; in Rom aber baut er ihm 
ein Oratorium von wunderbarer Schönheit, an das er seinen 
ganzen Besitz schenkt — eine Thatsache, welche meines 
Wissens bis jetzt noch nicht bekannt ist. Noch ist aber 
Gauderich nicht zufrieden ; er will auch eine Biographie des 
von ihm so hoch verehrten Heiligen haben. Der Diakon 
Johann übernimmt es, das Leben und die Leidensgeschichte 
desselben mittels des aus den Werken verschiedener La- 
teiner gesammelten Materials zu schreiben. Doch dieses 
genügt Gauderich nicht; es soll auch das griechische Ma- 
terial, wenn solches vorhanden ist, herangezogen werden, 
weshalb er sich öfters an Anastasius bibliothecarius wendet, 
ihm dasselbe zu übersetzen und für die zu bearbeitende 
Biographie zu überlassen.*' 



memes 6pithetes: vir apostolicae vitae, de part et d'autre il est question 
du codex de S. Denys l'Ar^opagite et des scolies de Jean de Scythopolis. 



^ 3. Die epistola Anastasii und die translatio Gaaderichs. 17 

Das ist zugleich der wesentliche Inhalt des Kap. i 
dieses Briefes. Nach einer weiteren Notiz nun über die 
Gesta S. Klementis (Friedrich S. 402) beschäftigen sich die 
folgenden Kapitel mit der Auffindung der Reliquien des 
hl. Klemens durch Konstantinus und mit dem, was Kon- 
stantinus darüber geschrieben habe. Das Schlufskapitel 
erwähnt noch bisher unbekannt gewesene Schriften des 
hl. Klemens, die bei Dionysius Areopagita und Johannes 
Scythopolitanus angegeben seien ^). Zum Schlufs erwähnt 
noch Anastasius die Übertragung der Reliquien nach Rom, 
wovon Gauderich ja Augenzeuge gewesen ist. 

§ 3. Die epistola Anastasii und die translatio 
Gauderichs. 

So ist also dieser Brief des Anastasius von hervorragen- 
der Wichtigkeit durch die direkten Nachrichten über das 
Leben und Wirken und die Schriften des Konstantinus, auf 
Grund deren die Lebensbeschreibung des Konstantinus rich- 
tig herzustellen ist. Nicht minder wichtig aber ist der Brief 
deshalb, weil durch ihn die Echtheit und Glaubwürdigkeit 
einer weiteren Urkunde sichergestellt wird, nämlich der 
translatio s. Klementis, oder der sogen, italischen Legende 
(Friedrich S. 395). 

„Der Bollandist Henschen, der Herausgeber der Trans- 
latio, schrieb diese dem Bischof Gauderich von Velletri zu, 
welcher in der That eine Vita et translatio s. Clementis in 
einem noch vorhandenen Schreiben dem Papst Johannes VIII. 
widmete (Acta SS., Mart II, 15; Biblioth. Casin. IV, 373). 
Die Annahme schien um so wahrscheinlicher, als die noch 
vorhandene fragmentarische Vita et translatio, an deren 
Spitze Gauderichs Schreiben stand, die nämliche Einteilung 
hat, die der Bischof von Velletri seinem Werke gegeben 
hatte.** 



i) Vgl. dazu die von Dionysius handelnde Stelle in dem Brief des. 
Anastasius an Karl den Kahlen (Ginzel, Anhang S. 44). 

Goetz, Geschichte der Slavenapostel. ^ 



1(8 Erster Abschnitt: Primäre Qaellen für Konstantinus. 

Während nun Ginzel die Aufstellungen Henschens an^ 
nahm und demgemäfs dieser sogenannten „italischen Le- 
gende", „schlichte Einfalt und Besonnenheit der Erzählung*^ 
„fast historisches Gepräge*' nachsagte und sich auf sie als 
auf die verlässigste Kunde, die man in Rom aus dem 
Munde der Slavenapostel selbst schöpfte und deren Nach- 
richten mit allen echten historischen Urkunden überein- 
stimmten, stützen zu können meinte, betrachteten die sla- 
vischen Gelehrten die translatio mit steigendem Mifstrauen. 
Ihre Kritik ging nicht nur soweit, dafs sie behaupteten, die 
translatio sei ein Auszug aus den slavischen Quellen (die 
später in § 8 und 9 besprochen werden sollen), es komme 
ihr also geringer historischer Wert zu, sie verlegten gar ihre 
Abfassungszeit so spät, dafs sie die translatio selbst von 
der Legenda aurea des Jacobus de Voragine, gest. 1298,. 
abhängig sein liefsen. Jagid und Martinow verteidigten da- 
gegen die translatio, und zumal letzterer ist geneigt, den 
Gauderich wirklich für den Verfasser der von Henschen 
edierten translatio zu halten. 

Es hat keinen besonderen Wert, sich auf Einzelheiten 
dieser Kritik — deren allgemeinen Gang Friedrich S. 395 ff. 
schildert ^) — näher einzulassen. Alle diese da aufgestellten 



i) Der allgemeine Gang dieser Kritik ist dargestellt bei Friedrich. 
S. 395 ff. Dem dort beigebrachten Material ist noch beizufügen : Jagiö im 
Archiv für slavische Philologie X, 305 f. Rezension einer russischen Studie 
über die italische Legende von Peter Lavrovskij : „ Der Verfasser steht auf 
dem äufsersten Standpunkt Vorono vs und hält die italienische Legende nicht 
nur für einen schwachen Auszug aus der Vita Cyrilli und aus dem cherso- 
nischen Panegyricus, sondern läfst sie ebenfalls nach Voronovs Vorgang 
selbst von der Legenda aurea Jacobs de Voragine abhängig sein." Mar- 
tinow entgegnete im Januarheft 1887 der „Revue des questions historiques"^ 
Im selben Band X des Archivs S. 293 — 295 bespricht Jagid einen Vortrag^ 
den der russische Kirchenhistoriker Golubinskij in der Moskauer Geistlichen 
Akademie im Jahre 1885 bei der Erinnerungsfeier an den vor 1000 Jahren 
erfolgten Tod des Methodius hielt. Für unsere Frage kommt nur folgender 
Passus der Besprechung in Betracht: „Betreffs der legenda italica steht der 
Verfasser nicht auf dem extremen Standpunkt Voronovs, er schreibt sie 
aber dem Leo von Ostia zu (1115 — 11 17)". 



J 3. Die epistola Anastasii and die translatio Gauderichs. 19 

Behauptungen über das geringe Alter der translatio, ihre 
Abhängigkeit von den slavischen Quellen sind nach der 
Publikation Friedrichs hinfällig und haben für den Darsteller 
des Lebens des Konstantinus wie für die Quellenkritik keine 
weitere Bedeutung mehr. 

Auf Grund der epistola Anastasii kann eine durchaus 
sichere Meinung über die translatio und deren Verhältnis 
zur epistola Anastasii aufgestellt werden, und wir gewinnen 
so einen sicheren Boden für die Darstellung des Lebens 
der Slavenapostel. 

In Kürze sei nun als Grundlage der folgenden Unter- 
suchung nochmals der Inhalt der epistola Anastasii an- 
gegeben, aber nicht in der Folge der einzelnen Kapitel, 
sondern nach dem geistigen Zusammenhang. 

Wie ausführlich Anastasius von der Veranlassung zu 
seinem Brief schreibt, ist oben schon gesagt worden. Der 
Inhalt seines Briefes erstrekt sich nun auf zwei Hauptpunkte. 
Einmal giebt er dem Gauderich über Klemens im allgemeinen 
Nachrichten, sowie Winke für die Anlage seiner Klemens- 
biographie. Dann aber konzentriert er seine Mitteilungen 
auf die Auffindung der Reliquien durch Konstantinus. 

Das Material, das er darüber dem Gauderich beibringt 
bzw. das er dem Gauderich zur Verwertung anempfiehlt, 
ist verschiedener Art. Über die unmittelbaren Vorgänge 
vor der Auffindung hat — nach des Anastasius Angabe 
und Wiedergabe — Konstantinus selbst öfters gesprochen 
ipse his verbis enarrare solitus erat, die äufsere Veranlassung 
zur Auffindung schildert Anastasius mit den Worten, die 
er von dem Metropoliten von Smyma Metrophanes gehört 
hat. Die eigentliche Auffindung selbst hat nach Anastasius 
Konstantinus selbst mehrfach beschrieben, wenn auch in 
seiner Bescheidenheit, ohne seinen Namen zu nennen, und 
Gauderich erhält deshalb von Anastasius eine Übersetzung 
der Storiola und des Sermo declamatorius des Konstantinus 
(Friedrich S. 437). Übrigens erklärt sich Anastasius auch 
zur Übersetzung des dritten Stückes des Hymnus bereit, 

2* 



30 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Konstantinus. 

Gauderich scheint das aber nicht verlangt zu haben, we- 
nigstens ist, soviel ich weifs, keine lateinische Übersetzung 
bekannt (Friedrich S. 441). Für die Erzählung der Über- 
tragung der Reliquien endlich nach Rom kommt die Autopsie 
des Gauderich in Betracht, darum sagt davon Anastasius 
non necesse habeo scribere, cum et ipse inspector factus 
non nescias, et scriptor vitae illius silentio, sicut credimus, 
non praetereat. 

Wie hat nun Gauderich diesen Inhalt der epistola Ana- 
stasii verwertet? 

Friedrich hat bereits darauf hingewiesen (S. 402), dafs 
Anastasius dem Gauderich den Plan für dessen zu schreibende 
Vita et translatio s. Klementis entworfen habe. Das ist 
nun nicht so zu verstehen, dafs Anastasius an einer be- 
stimmten Stelle des Briefes dem Gauderich einen systema- 
tischen Plan für die Einteilung seines Werkes aufgestellt 
habe. Er hat in seinem Brief aber an verschiedenen Stellen 
erwähnt, welche Hauptteile in die vita Klementis aufgenom- 
men werden müfsten. Gauderich dagegen hat in seinem 
Schreiben an Johann VIII. einen systematischen Arbeits- 
und Stofferweiterungsplan aufgestellt. Dieser Plan Gau- 
derichs enthält nun alle einzelnen Anweisungen des Ana- 
stasius. Wie wir nachher an einem anderen Beispiel sehen 
werden, lag es in dem Arbeitsplan des Gauderich, dafs er 
die Anweisungen des Anastasius nach seinem Bedürfnis um- 
stellte und systematisch ordnete. Dafs aber Gauderich 
thatsächlich nach dem Plan und der Anweisung des Ana- 
stasius hat arbeiten lassen, das wird klar, wenn man die 
folgende Vergleichung des Planes des Gauderich im Brief 
an Johann VIII. (Acta SS. 9 mart., p. 15) mit den Sätzen 
des Anastasius ansieht. 

Gau de rieh. Anastasius. 

Dignum esse putavi ad ho- Hinc etiam viro peritissimo 

norem et laudem tui prae- Johanni digno Christi levitae, 

decessoris B. Klementis Mar- scribenda eins vitae actus et 



§ 3* I^iß epistola Anastasii und die translatio Gauderichs. 



21 



tyris atque Pontificis, aliqua 
de genere vel vita ipsius 
Deo institutore in unum -col- 
ligi . . . 

Non tarn strenue quam 
devote collegi et in tribus 
libris conglutinans ordinavi. 

In primo siquidem 
libro Klementis genus, pa- 
triam nativitatem institutio- 
nem propositum, vitam con- 
versionem et qualitatem re- 
cognitionis eins innuimus. 

In secundo vero, Deo 
auxiliante , profunditatem 
doctrinae dignitatem Epi- 
scopalis apicis auctoritatem 
singularis pontificatus et au- 
daciam contra idola sophistice 
disputantis, subdidimus. 



Ast in tertio miramur 
prodigia exulationis angustias, 
martyrii laureas, reversionis 
eins ad propriam sedem mira- 
cula colligere procuravimus. 



passionis historiam ex diver- 
sorum colligere latinorum vo- 
luminibus institisti. Ad ex- 
tremum hinc quoque mihi 
exiguo, ut si qua de ipso 
apud Grecos invenissem la- 
tinae traderem linguae saepe 
iniungere voluisti (cap. i). 

Cuius [Klementis] nimirum 
cum rerum gestarum monu- 
mentum iam latinus habebat 
stilus . . . [Friedrich S. 402 : 
lateinische Übersetzung der 
Klementinen durch Rufinus] 
cap. I. 

Ceterum nolo sanctimo- 
niam tuam latere scripsisse 
beatum Klementem quaedam 
quae ad nostram notitiam 
nondum venere , quae ad- 
modum sanctus Dionysius 
Areopagites meminit Athe- 
narum episcopus et beatus 
Johannes Scythopolitanus, 
cuius doctrina inter gesta si- 
nodalia reperitur , quorum 
sensus super hac circumstan- 
tia iam dudum translatos in- 
venies, in codice iam memo- 
rati s. Dionysii Athenarum 
antistitis (cap. 5). 

. , . illa tantum occurrunt 
adhuc romano transferenda 
sermoni, quae Konstantinus 
Thessalonicensis philosophus 
vir apostolicae vitae, super 



22 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Konstantinas. 

eiusdem reliquiarum beati 

Klementis inventione paulo 

ante descripsit (c. i). 

Que nos ut meminimus Qualiter autem reliquiae 

quae vidimuset legimus ipsiussempermemorandiKle- 

ipsius Christi Martyris fieri mentis crebro dicto aspor- 

orationibus colligentes tante philosopho in Romam 

transscripsimus et ad delatae atque reconditae sunt, 

laudem Dei omnipotentis ex non necesse habeo scribere, 

multis paucissima defloravi- cum et ipse inspector 

mus. f actus no n nescias, et scrip- 

tor vitae illius silentio, sicut 
credimus, non praetereat. 

Wie nun Gauderich nach dieser Vergleichung- sein 
ganzes dreiteiliges Werk über Klemens nach dem Plan 
hat aufbauen lassen, den er aus den Anweisungen des Ana- 
stasius herauslas, so ist auch das uns erhalten gebliebene 
Stück, die translatio, ganz gearbeitet nach dem Material, 
das der Brief des Anastasius bot. 

Die thatsächlichen Mitteilungen des Anastasius, 
sowohl die mündlichen als die schriftlichen, sind in der 
translatio unzweifelhaft wieder zu finden. 

Die mündliche Erzählung des Konstantinus über das der 
Auffindung vorangehende — quae hinc ipse his verbis 
enarrare solitus erat, bei Anastasius Schlufs von Kap. i und 
Kap. 2 bis haec quidem ille tantus ac talis revera philo- 
sophus — ist enthalten in Kap. 2 der translatio (vgl. die 
Zusammenstellung bei Friedrich, S. 405 f.). Was Anastasius 
von Metrophanes über die Sendung des Konstantinus zu 
den Chazaren und seine Bemühungen zur Auffindung der 
Reliquien gehört hat (ep. Anastasü cap. 3), ist verwendet 
in Kap. 2 und 3 der translatio. Die Anordnung ist aller- 
dings da eine andere, weil Gauderich den Bericht des Me- 
trophanes durch die Einschaltung der eben erwähnten münd- 
lichen Erzählung des Konstantinus geteilt hat. 



J 3. Die epistola Anastasii und die translatio Gauderichs. SB 

Die von Anastasius übersetzte und dem Gauderich zu- 
g-eschickte „storiola**, also der Eigenbericht des Konstan- 
tinus über die inventio liegt vor in der translatio von Kap. 3 
quadam autem die bis zum Schlufs von Kap. 5. 

Die bei Anastasius Kap. 5 erwähnte Autopsie des Gau- 
derich über die Vorgänge nach der Auffindung der Reli- 
quien, zumal über deren Verbringung nach Rom, bieten 
endlich die folgenden Kapitel der translatio. 

Diese verschiedenen Quellen hat nun Gauderich mit- 
einander verbunden und zu einem geordneten Bericht über 
die inventio reliquiarum vereint, wie er das in seinem Brief 
an Johann VII. überhaupt von seiner Arbeit ankündigt 
(conglutinans ordinavi). 

Die Verwendung bzw. Anordnung des von Anastasius 
mitgeteilten Materials ist nun bei Gauderich eine andere 
als bei Anastasius. Und zwar ist es in dem besonderren 
Zweck des Gauderich, nämlich einen geordneten Bericht 
über die inventio zu schreiben, begründet, dafs er das von 
Anastasius mitgeteUte systematischer ordnete, als Anastasius 
es ihm beibrachte. 

Diesen Gesichtspunkt: die systematische Ordnung und 
den besonderen Schreibzweck des Gauderich, hebe ich eigens 
hen^or, weü er mir der richtige Gesichtspunkt zu sein 
scheint, von dem aus sich — wie das nachher geschehen 
soll — die Frage lösen läfst: wie weit bietet die uns vor- 
liegende translatio Henschens den Text der ursprünglichen 
translatio des Gauderich. 

Gauderich also beginnt naturgemäfe mit der Thatsache, 
dafs unter dem Kaiser Michael Konstantinus zu den Cha^ 
zaren reiste und bei dieser Gelegenheit die Reliquien suchte 
und fand. Gauderich Kap. i — ich sage Gauderich, ohne 
damit jetzt schon ein endgültiges Urteil über die Echtheit 
von Kap. i zu fällen — beruht also nach einer Einleitung 
über die Person und Jugend des Konstantinus auf dem, was 
Anastasius als Erzählung des Metrophanes in Kap. 3 mit- 
teilt; desgleichen bietet translatio Kap. 2 die Reise zu den 



S4 



Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Konstantinus. 



Chazaren und die Forschung^ des Konstantinus teilweise wört- 
lich die bei Anastasius mitgeteilte Aussage des Metrophanes. 
Die folgende Schilderung der translatio dagegen, wie infolge 
der Gottlosigkeit der Einwohner der Ort als Wallfahrtsstätte 
verlassen wurde, stammt aus dem mündlichen Bericht 
des Konstantinus, so zwar, dafs ganze Redewendungen direkt 
herübergenommen sind. Zum Vergleich führe ich zwei 
Sätze an. 



Ep. Anastasii c. 2. 
Subducto itaque miraculo, 
quo carnales, ut mos se habet, 
populi delectabantur, et cre- 
scente circumquaque multi- 
tudine paganorum, qua sunt 
infirmiores quique soliti de- 
terreri, immo quia üt evan- 
gelice perhibeatur, abundavit 
iniquitas, refriguit Caritas mul- 
torum, desertus est et factus 
inhabitabilis locus, destruc- 
tum templum, et tota illa 
pars Cersonicae regionis 
prope modum desolata est. 
Ita ut ubi Cersonis episcopus 
intra eandem urbem cum non 
plurima plebe remansisset, 
cerneretur, qui scilicet non 
tam urbis cives quam esse 
carceris habitatores, cum non 
auderent extra eam progredi, 
viderentur. Hac itaque causa 
factum est, ut ipsa quoque 
archa, in qua beati Klementis 
reliquiae conditae partim ser- 
vabantur, penitus obrueretur, 



Translatio c. 2. 
Praetereaetob multitudinem 
incursantium Barbarorum lo- 
cus ille desertus est, et tem- 
plum neglectum atque de- 
structum, et magna pars re- 
gionis illius fere desolata et 
inhabitabilis reddita; acprop- 
terea ipsa sancti Martyris arca 
cum corpore ipsius fluctibus 
obruta fuerat. 



§ 3« I^ic epistola Anastasii und die translatio Gauderichs. "35 



ita ut nee esset iam memoria 
prae longitudine temporum, 
ubinam ipse foret archa, de- 
clarans. 

Den Entschlufs des Konstantinus , von Gott die Offen- 
barung- der Gebeine des Heiligen zu erflehen, hat Gauderich 
Kap. 3 wieder mit eYigem wörtlichem Anschlufs aus dem 
Bericht des Metrophanes genommen, desgleichen die Schil- 
derung, wie Konstantinus Bischof, Klerus und Volk zum 
Aufsuchen der Reliquien begeistert: 



Ep. Anastasii c. 3. 
Super quo stupefactus phi- 
losophus se in orationem 
multo tempore dedit deum 
revelare, sanctum vero re- ' 
velari corpus deposcens. Sed 
quod et episcopum cum clero 
plebeque gerendum salutiferis 
hortationibus excitavit, osten- 
soque ac recitato quid de 
passione quidve de miraculis, 
quid etiam de scriptis beati 
Klein entis et praecipue quid 
de templi siti penes illos 
structura, et ipsius in ipsa 
conditione librorum numero- 
sitas commendabat ; omnes 
ad illa littora fodiendä et tam 
preciosas reliquias sancti mar- 
tiris et apostolici inquirendas 
ordine, quem ipse philoso- 
phus in historica narratione 
descripsit, penitus animavit, 
Huc usque praedictus Metro- 
phanes. 




Translatio c. 3. 
Super quo responso mira- 
tus valde ac tristis Philo- 
sophus redditus, ad orationem 
conversus est, ut quod per 
homines explorare non po- 
terat, divina sibi revelatio 
meritis praefati Pontificis 
dignaretur ostendere. Civi- 
tatulae ipsius Metropolitam, 
nomine Georgium, simul cum 
clero et populo ad eadem de 
coelo expetenda invitans : 
super hoc etiam referens illius 
gesta passionis, seu mira- 
culorum ejusdem beatissimi 
Martyris, plurimos eorum ac- 
cedere et tam pretiosas mar- 
garitas tamdiu neglectas re- 
quirere, et in lucem Deo ju- 
vante reducere, suis adhor- 
tationibus animavit. 



!26 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Konstantinus. 

Am Schlufs dieses Berichtes des Metrophanes ist bei 
Anastasius schon angedeutet, dafs Gauderich für die Schil- 
derung der thatsächlichen Auffindung sich auf den schrift- 
lichen Bericht des Konstantinus stützen solle, den Ana- 
stasius für Gauderich übersetzt hatte. So haben wir denn 
auch in der translatio von Kap. 3 quadam autem die bis 
zum Schlufs von Kap. 5 die storiola.des Konstantinus vor 
uns. Und wüfsten wir nicht schon von Anastasius, dafs 
Konstantinus selbst dieses Stück geschrieben hat, so würde 
doch eine Anzahl Wendungen im Text auf einen Augen- 
zeugen als Verfasser hinweisen. So z. B. Kap. 4 der Satz : 
Quantae iam omnium voces in coelum, quantae laudes et 
gratiarum actiones in Deum ab universis cum lacrymarum 
effusionibus, datae sunt, si vel aestimare quidem vix possu- 
mus, quanto minus exprimere? 

Die Kap. 6 — 9 endlich sind der Teil, der auf der eigenen 
Kenntnis, die Gauderich von dem Leben und Wirken des 
Konstantinus hatte, beruht, worauf ja, wie schon erwähnt, 
Anastasius selbst am Schlüsse seines Briefes hinweist. 

Die Hauptfrage ist nun : wie weit bietet die von Henschen 
edierte translatio den Text der translatio des Gauderich, bzw. 
ist die uns vorliegende translatio der ursprüngliche Text 
oder hat sie eine oder mehrere Überarbeitungen erfahren? 

Friedrich hat diese Frage eingehend untersucht, das 
Resultat, zu dem er kommt, fafst er am Schlufs seiner 
Arbeit in folgenden Sätzen zusammen (S. 437 f.): 

9. Gauderichs translatio ist nur noch in der translatio 
Henschens erhalten, kann aber mit Hilfe des Briefes des 
Anastasius und des Gauderich an Johann VIII. noch nach 
ihrem Umfange bestimmt werden, und zwar besteht sie aus 
Kap. 2 — 5; 7 — 9, einige nachweisbare Zusätze in Kap. 2. 9 
abgerechnet. 

10. Gauderichs translatio hat, wie es scheint, zwei Über- 
arbeitungen erfahren : Die erste bestand nur in Zusätzen zu 
ihr, nämlich Kap. i, in Kap. 2 die Angabe, dafs Konstantin 
in Cherson die Chazarensprache lernte, Kap. 6 die Thätig- 



? 3- ^ic epistola Anastasii und die translatio Gauderichs. 2^ 

keit desselben bei den Chazaren, aber charakteristisch erst 
nach der Auffindung- der Klemensreliquien. Der in der 
Legenda aurea dem Leo von Ostia zugeschriebene Bericht 
ist ein verständnisloser Auszug- aus dieser ersten Über- 
arbeitung-. Die zweite Überarbeitung, mit dem Zwecke der 
Bearbeitimg der translatio zu einer Legende Konstantins, 
ist die von Henschen edierte translatio mit den neuen Kap. 
lO- -12. Diese ist daher kein Bestandteil der Vita cum 
translatione Gauderichs in der Handschrift von Monte Cassino. 

Dieser Ansicht kann ich nicht beistimmen, vielmehr 
glaube ich, dafs Kap. i — g unverändert ohne weitere Re- 
daktion die translatio des Gauderich darbietet. 

Zur Begründung meiner Behauptung führe ich zunächst 
im allgemeinen folgendes an: Es ist richtig, dafs Gau- 
derich mehr Text und mehr Bericht über Konstantin bietet 
als Anastasius. Aber diese Differenz erklärt sich aus der 
verschiedenen Aufgabe, die Anastasius und Gauderich beim 
Schreiben hatten. Anastasius sollte im Auftrage des Gau- 
derich nur über Klemens und dann über die inventio reli- 
quiarum durch Konstantinus berichten, die Person des Kon- 
stantinus , seine späteren Lebensschicksale , seine Gelehr- 
samkeit, sein sonstiges Wirken brauchte er durchaus nicht 
in den Kreis seines Schreibens zu ziehen, denn das wufste 
Gauderich schon von dem Aufenthalt des Konstantinus in 
Rom her. Gauderich aber schrieb nicht für einen Kenner 
des Konstantinus, sondern in gewissem Sinne für die ganze 
Christenheit, für jeden, der sich für die Reliquien des Kle- 
mens interessierte, nicht nur für die Gegenwart, auch für 
spätere Zeiten, kurz er schrieb nicht für einen einzelnen, 
der den Konstantinus kannte, sondern für die Menge, die 
ihn nicht kannte. 

Daher ist es zu erklären, dafs er ausführlicher als Ana- 
stasius über die Pierson des Konstantinus berichtet, dafs er 
diesen als Auffinder der Reliquien gewissermafeen den Lesern 
vorstellt, kurz einiges von seiner Jugend erzählt, begründet, 
wie es kam, dafs gerade dieser die Reliquien auffand. So 



38 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Konstantinus. 

grut Friedrich den Teil der translatio für das Werk des 
Gauderich ansieht, in dem dieser nach der inventio über 
die weitere Thätigkeit des Konstantinus bei Rastislaw be- 
richtet, ebenso gut darf man den Teil für echt halten, in 
dem Gauderich als Einleitung" zur inventio die Person und 
den Lebensgang- des Konstantinus bis zur inventio kurz 
charakterisiert. Und man wird dabei wohl auch darauf 
hinweisen dürfen, dafs wie die späteren Kap. 7 — 9 auch 
Kap. 4 nur Thatsächliches in Kürze, durchaus nicht in 
legendenhafter Breite und Weitschweifigkeit, wie es etwa 
die Art der Vita Konstantini ist, erzählt; denn gerade darin, 
dafs diese biographischen Notizen kurz sind, nur Thatsäch- 
liches bringen und sich dadurch eben von der Vita Kon- 
stantini weit unterscheiden, liegt eine Gewähr, dafs sie wohl 
von Gauderich selbst stammen können. Ferner, wenn nach 
Friedrich Kap. i in d6r in der translatio vorliegenden Form 
für unecht erklärt wird : einen Anfang mufs doch der Bericht 
des Gauderich gehabt haben, Gauderich konnte doch nicht 
mit Kap. 2 e vestigio igitur praeparatis omnibus necessariis, 
iter arripiens venit Cersonam anfangen; der Held — ut ita 
dicam — der Geschichte mufs doch erst vorgestellt sein. 
Wie gesagt : Anastasius schrieb für Gauderich eine Art Er- 
gänzung der Kenntnisse, die Gauderich schon hatte, Gau- 
derich aber schrieb eine volle Geschichte für Leute, die 
dem Konstantinus fern standen. Dadurch aber, dafs Gau- 
derich die Jugend des Konstantinus etwas ausführlich schil- 
dert, wird die translatio noch nicht zu einer Legende des 
Kyrillus, wie Friedrich meint (S. 408), das wird sie erst 
durch den Schlufs Kap. 10 — 12. 

Der allgemeine Gesichtspunkt, der mir hier berech- 
tigt zu sein scheint, ist der: Die besondere Aufgabe des 
Gauderich in ihrer Verschiedenheit von der des Anastasius 
brachte es mit sich, dafs Gauderich das von Anastasius 
gelieferte Material anders gruppierte, ausführlicher darstellte, 
mit seinen eigenen Kenntnissen erweiterte. 

Insofern nun diese Erweiterungen nicht in Widerspruch 



§ 3> ^i^ epistola Anastasii und die translatio Gauderichs. 29 

stehen zu dem kurzen Text des Anastasius, insofern sie in 
den Rahmen der Handlung hineinpassen und sich nur als 
weitschweifige, aber richtige Darstellungen zu erkennen 
geben, haben wir keinen Grund daran zu zweifeln, dafs sie 
die ursprüngliche und eigene Arbeit des Gauderich sind. 

Zu diesen allgemeinen Grundsätzen ist nun im ein- 
zelnen nachzuweisen, dafs Kap. i und 6 sowie die ein- 
zelnen von Friedrich beanstandeten Stellen in den Rahmen 
der translatio des Gauderich passen, also von diesem selbst 
stammen. 

Kap. I ist also nach meiner Meinung kein fremder 
Zusatz, sondern der naturgemäfee Anfang und die Über- 
leitung der Erzählung auf die inventio durch Konstantinus. 
Denken wir uns nur, der uns verloren gegangene Teil der 
Vita Klementis des Gauderich habe etwa mit folgenden 
Worten geschlossen: „wie nun aber die Reliquien des hl. 
Klemens gefunden wurden, wollen wir im folgenden er- 
zählen** — so bildet der Anfang von Kap. i tempore igi- 
tur quo Michael Imperator Novae Romae regebat imperium, 
fuit quidam vir . . . den natürlichen Fortgang des Ge- 
dankens, die Überleitung der Geschichte auf die eigentliche 
Auffindung in derselben Weise, wie z. B. in Kap. 2 und 5 
der translatio der Gedanke mit igitur weiter gesponnen 
wird. 

Die Jugendzeit des Konstantinus zu berühren, hatte 
Anastasius keine Veranlassung, dagegen wohl Gauderich. 
Die Sendung zu den Chazaren, die Anastasius nach dem 
Bericht des Metrophanes kurz mit den Worten ,,aMichaele 
imperatore in Gazaram pro divino praedicando verbo direc- 
tus (c. 3) erwähnt, ist in der translatio eben dem ver- 
änderten Zweck der Arbeit des Gauderich entsprechend 
näher geschildert. Und zwar deshalb, weil sie eine Haupt- 
sache ist, als die äufeere Veranlassung zur Auffindung der 
Reliquien, während, wie schon gesagt, Anastasius nur über 
die Auffindung selbst einiges dem Gauderich unbekanntes 
Detail nachtragen sollte. 



30 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Konstantinus. 

Über die spezielle Differenz, die Friedrich in diesen 
Sätzen zwischen Anastasius und der translatio Henschens 
findet, werde ich gleich sprechen. 

Eine Anzeige für die Echtheit von Kap. i finde ich in 
der Bezeichnung des Konstantinus als Philosophen. Fried- 
rich erweist (S. 412) mit Recht die Unechtheit von Kap. 10 
aus der Bezeichnung Philosophus qui et Konstantinus und 
konstatiert, dafs auch „ Gauderich Konstantinus nie in seiner 
translatio, wie sie jetzt noch vorliegt, mit diesem Namen 
(Kap. 2 — 5, 7 — 9) nennt, sondern wie Anastasius kurzweg 
,der Philosoph*". Was aber Friedrich zum Erweis der 
Unechtheit von Kap. 10 beizieht, darf umgekehrt auch zum 
Erweis der Echtheit von Kap. i verwendet werden. Darum 
sei darauf hingewiesen, dafs, nachdem Gauderich die Namens- 
gebung des Konstantinus infolge seiner Gelehrsamkeit er- 
wähnt hat, er ihn am Ende von Kap. i ,,praefatus Philo- 
sophus** nennt, genau so wie in dem auch von Friedrich 
für echt gehaltenen Kap. 3 sowohl in dem Text des Metro- 
phanes als in dem schriftlichen Eigenbericht der storiola, 
genau so, wie es auch in c. 7 supernominatus Philosophus c. 9 
praefatus Philosophus heifst. Vorgreifend sei gleich zu dem 
zu erbringenden Beweis der Echtheit von Kap. 6 bemerkt, 
dafs auch hier Konstantinus nur kurz praedictus PhUosophus 
genannt wird, wennschon es im weiteren Text auch aus- 
führlicher Konstantinus Philosophus heifst. Die Bezeichnung 
der Thätigkeit des Konstantinus ist in Kap. i und 7 die- 
selbe : edocere, die, was übrigens bemerkt sei, auch in dem 
— nach Friedrich — unechten Kap. 6 sich findet. Auch ist 
in Kap. i die Thätigkeit, die Konstantin bei den Chazaren 
entfaltet, ähnlich begründet wie in Kap. 7 diejenige, die er 
im Lande des Rastislaw ausüben soll. 

So glaube ich also aus dieser inhaltlichen und wört- 
lichen Übereinstimmung von Kap. i mit der ganzen trans- 
latio Kap. I als die von Gauderich selbst herrührende Ein- 
leitung der Erzählimg der inventio bezeichnen zu dürfen. 

Eine weitere Differenz zwischen Anastasius tmd der 



l 3. Die epistola Anastasii und die translatio Gauderichs. Sl 

translatio, auf der andere kleinere beruhen, lieg-t in der An- 
gabe hinsichtlich des Zeitpunktes der Auffindung der Re- 
liquien. 

Nach dem Text der translatio, wenn man nicht den Text 
des Anastasius bezw. Metrophanes zur Erklärung beizieht, 
könnte man meinen, die inventio sei auf der Hinreise zu 
den Chazaren geschehen. Konstantinus habe sich zur Er- 
lernung der Sprache einige Zeit in Cherson aufgehalten: 
Kap. 2 e vestigio igitur praeparatis omnibus necessariis, 
iter arripiens venit Cersonam, quae nimirum terrae 
vicina Cazarorum et contigua est, ibique gratia discendi 
linguam gentis illius est aliquantulum demoratus. Während 
dieses Aufenthalts — interea — habe er die Reliquien ge- 
funden. Nachdem Gauderich dann die inventio ausführlich 
berichtet hat, fährt er in Kap. 6 fort: post haec praedictus 
Philosophus iter arripiens et ad gentem illam, ad 
quam minus fuerat veniens . . . 

Anastasius nun sagt nach der Auffassung von Friedrich 
(S. 408) „deutlich, dafe Konstantinus, da er, zu den Cha- 
zaren reisend und von ihnen zurückkehrend, Nachforschungen 
nach den Reliquien des hl. Klemens anstellte (pergens ac 
rediens c. 3) erst nach der Lösung seiner Aufgabe bei 
den Chazaren sie fand". 

Aus dieser Differenz zwischen Anastasius und der trans- 
latio entstehen für Friedrich weitere Schwierigkeiten, die ihn 
dazu führen, Zusätze in Kap. 2 und Kap. 6 für unecht, 
d. h. für eine Überarbeitung der ursprünglichen translatio 
des Gauderich zu erklären. 

Die fragliche Stelle bei Anastasius in dem Bericht des 
Metrophanes hat folgenden Wortlaut: Perhibebat enim quod 
idem Konstantinus philosophus a Michaele imperatore in 
Gazaram pro divino praedicando verbo directus, cum Cer- 
sonam quae Chazarorum terrae vicina est pergens ac rediens 
frequentaret , cepit diligenter investigare, ubinam templum, 
ubi archa, ubi essent illa beati Klementis insignia, quae 
monumenta super eo descripta liquido declarassent. Ich 



3S Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Konstantinus. 

glaube nun, dafs man diese Stelle auch anders als Friedrich 
übersetzen kann, und dafs auf Grund dieser Übersetzung 
auch eine Lösung der anderen Schwierigkeiten möglich ist. 
Beide Texte , Anastasius wie die translatio sagen , dafs 
Cherson an der Grenze des Chazarenlandes lag (vicina, con- 
tigua). Es war also durchaus nicht unmöglich, dafs Kon- 
stantin nicht nur einmal, sondern öfters während seiner 
Wirksamkeit bei den Chazaren das nahegelegene 
Cherson besuchte und dort verweilte. In dem wichtigen 
Satz „cum Cersonam, quae Chazarorum terrae vicina est, 
pergens ac rediens frequentaret, cepit diligenter investigare", 
fasse ich die Worte pergens ac rediens frequentare als ein 
geschlossenes Wortbild. Ich möchte also nicht wie Fried- 
rich pergens ac rediens auf die Hin- und Rückreise zu den 
Chazaren beziehen, sondern als eng zu frequentare gehörig 
und einen Wortbegriff mit ihm bildend, auf die öftere 
kleinere Reise von den Chazaren nach Cherson. Cum Cer- 
sonam . . . pergens ac rediens frequentaret hiefse also: 
„ da er (von den Chazaren aus) Cherson öfters (jeweils hin- 
und zurückreisend) besuchte. 

Nach dieser Übersetzung würde also Konstantinus wäh- 
rend seiner Wirksamkeit im Chazarenlande — sagen wir — 
einen kleinen Abstecher nach Cherson gemacht haben. 

Dadurch erklärt sich mir auch leichter die Wendung 
cepit investigare, „er fing an" nämlich etwa bei seinem 
ersten Aufenthalt und setzte das bei späteren Aufent- 
halten fort. 

Der Zusatz des Gauderich von der Erlernung der Sprache 
kann nun wohl von ihm selbst deshalb gemacht worden 
sein, um die öftere und längere Anwesenheit des Konstan- 
tinus in Cherson — aliquantulum demoratus — zu erklären. 
Nach Anastasius hatte also der öftere Besuch nur den Zweck 
des investigare, während Gauderich mit diesem noch den, 
des Erlemens der Sprache — den Anastasius wie auch sonst 
manchmal erweiternd — verbindet. 

Zu dieser meiner Anschauung stimmt es, wenn diG trans- 



§ 3' ^^^ epistola Anastasii and die translatio Ganderichs. SS 

latio bzw. Gauderich in Kap. 6 nach der Auffindung" den 
Konstantinus — iter arripiens — zu den Chazaren zurück- 
kehren läfst, unrichtig wäre es aber bei dieser Voraus- 
setzung- von Gauderich, wenn er dann die Ankunft bei den 
Chazaren überhaupt als die erste ansähe. Um nun zu er- 
klären, dafs Gauderich erst nach vollständig" geschehener und 
berichteter inventio den eigentlichen Bericht über die Mis- 
sionsthätigkeit des Konstantinus giebt, könnte man wohl an- 
nehmen, dafs Gauderich die beiden Thätigkeiten des Kon- 
stantinus nicht ineinander verschoben und verschlungen dar- 
stellen wollte. Als das für ihn wichtigere berichtet er erst 
einzeln die inventio, dann handelt er von dem minder 
wichtigen der Missionsthätigkeit , während in Wirklichkeit 
beide Arbeiten gleichzeitig und nebeneinander geschahen, 
zeitlich sich also deckten. So glaube ich, würde meine 
Übersetzung und Erklärung einige Schwierigkeiten wohl 
heben, aber ein gewisser Widerspruch zwischen Anastasius 
und Gauderich bleibt doch bestehen. 

Eine weitere Differenz, die in der Verschiedenheit des 
Auffindungstermins mit ihren Grund hat, findet Friedrich 
zwischen Anastasius und den nach seiner Meinung unechten 
Kap. I bzw. 6 (Friedrich, S. 409). 

,,Dem Zweck des Überarbeiters, wie er* Kap. i. 6 aus- 
gesprochen wird, dafs Konstantin es bei den Chazaren 
eigentlich mit Juden und Sarazenen zu thun gehabt habe, 
mufste dann in der Überarbeitung auch die Angabe des 
Anastasius geopfert werden , Kap. 3 : quod item Konstan- 
tinus philosophus a Michaele imperatore in Chazaram pro 
divino praedicando verbo directus. Während er also 
bei diesem und sicher auch bei Gauderich Missionär ist, 
erscheint er bei dem Überarbeiter blofs als Disputator mit 
Juden und Sarazenen." 

Das scheint mir eine zu weitgehende Kritik zu sein. 
Denn auch bei Anastasius findet sich ein Hinweis, dafs in 
der Gegend von Cherson, also wohl auch bei den benach- 
barten Chazaren, verschiedene Arten von Barbaren lebten, 

Goetz, Geschichte der Slavenapostel. 3 



34 Erster Abschnitt: Primäre Quellen fiir Konstantinus. 

unter denen wohl auch Juden mit einbegriffen sein können: 
ep. Anastasii c. 2 . . . praecipue cum in confmibus ille sit 
romani locus imperii et a diversis barbarorum quam maxime 
nationibus frequentetur. Aufserdem erscheint Konstantin in 
Kap. 6 nicht „blofs als Disputator" (rationibus eloquiorum 
suorum), sondern auch als Missionar (in fide catholica 
corroborati atque edocti). Das gleiche Wort eloquium wird 
übrigens auch zur Bezeichnung der missionarischen Thätig- 
keit bei Rastislaw in Kap. 7 gebraucht. 

So glaube ich also, darf man die betreffenden Stellen 
bei Gauderich Kap. i als eine von ihm selbst stammende, 
in dem gröfseren umfangreicheren Zweck seiner Arbeit ge- 
legene Erweiterung des kurzen pro divino praedicando verbo 
directus bei Anastasius ansehen. 

Weiter sagt Friedrich (S. 410) : „Ebenso ist es eine spä- 
tere Zuthat des Überarbeiters, wenn er einmal den Bischof 
von Cherson Metropoliten nennt. Das thut weder Konstan- 
tinus noch der Metropolit Metrophanes von Smyrna in ihren 
von Anastasius berichteten Äufserungen. Aber auch in der 
storiola Konstantins hat er nicht Metropolit geheifsen, da 
er in der Mitteilung Gauderichs daraus Kap. 3 (von der 
Mitte) bis 5 nur als Bischof und Pontifex bezeichnet wird. 
Dann nennt Gäuderich Cherson, entsprechend der Schil- 
derung desselben durch Konstantin als einer ärmlichen und 
menschenleeren Stadt, nur „Städtchen" (civitatula, c. 3); 
bei dem Überarbeiter heifst es gleichwohl Kap. 5 ,, Metro- 
pole *'. 

Auch hier scheint mir die Kritik zu weit zu gehen. Was 
aber Friedrich am Schlufs dieser Bemerkung „Überarbeiter" 
nennt, ist der der storiola — nach Friedrichs eigener Mei- 
nung — entnommene Eigenbericht des Konstantinus. So 
gut also Konstantinus die Stadt metropolis nannte, durfte 
auch Gauderich den Bischof Metropolit nennen. Wenn nach 
Friedrich Konstantin die Stadt als menschenleer und ärm- 
lich schildert, so nennt er sie doch in Kap. 2 bei Anastasius 
urbs. Zur Erklärung des Wortes civitatula dürfen wir auf 



§ 3* ^i^ epistola Anastasii und die translatio Gauderichs. S5 

die Note bei Henschen hinweisen (Acta S. S. 9 mart., 
p. 21) cum gesta sunt quae hie narrantur, fortassis iam tum 
a barbaris direpta et ex parte excisa fuerat. 

Das scheint mir auch ein Punkt von untergeordneter 
Bedeutung zu sein, der einfach zu erledigen ist. 

Was nun Kap. 6 betrifft, das Friedrich als unecht, d. h. 
als nicht von Gauderich stammend erklärt, ist ein Haupt- 
argument Friedrichs die Differenz mit Anastasius bezüglich 
des Auffmdungstermins und der Art der Thätigkeit des 
. Konstantinus schon durch meine obige Erklärung erledigt. 
Desgleichen habe ich schon zum Beweis der Echtheit von 
Kap. 6 auf die Gleichheit der Namensnennung Philosophus 
hingewiesen. 

Auch dieses Kapitel 6 wie Kap. i halte ich für ein 
solches, das Gauderich selbst wie Kap. 7 im Interesse der 
Belehrung seiner Leser dem von Anastasius gelieferten 
Material zufügte. Die Handlung schreitet von Kap. 5 — 7 
auch ganz logisch fort. Nach der Auffindung „post haec" 
Kap. 6 setzt also Konstantinus seine Missionsreise fort, 
und seine Thätigkeit bei den Chazaren wird nun erzählt. 
Dann wird er nach vollbrachter Mission heimgeleitet „ de- 
ducentes autem" Kap. 6, und er bittet sich für seine be- 
vorstehende Heimkehr ,,mox reversuro" Kap. 6 die Ge- 
fangenen als Geschenke aus. In Kap. 7 wird dann die 
Handlung ohne Unterbrechung weiter geführt mit den 
Worten, die direkt an Kap. 6 anknüpfen ,,Philosopho autem 
reverso". 

Über die Kap. 7 — 9 urteilt Friedrich (S. 410 f.): „Die 
Kap. 7 — 9 enthalten nichts, was Gauderich nicht hätte wissen 
können, und sind so selbständig, dafs sie ohne Zweifel von 
ihm stammen. Der Überarbeiter Gauderichs hat daran auch 
nichts geändert, sondern blofs am Schlufs des Kap. 9 einige 
Zusätze hinzugefügt. Er schreibt nämlich nach der Er- 
zählung Gauderichs von der Einholung der durch Konstantin 
nach Rom überbrachten Reliquien des Clemens durch 
P. Hadrian IL, den Klerus und das Volk: Multis itaque 

3* 



36 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Konstantinus. 

gratiarum actionibus praefato philosopho pro tanto bene- 
ficio redditis, consecraverunt ipsum et Metho- 
dium in episcopos, necnon et ceteros eorum dis- 
cipulos in presbyteros et diaconos. Das kann Gauderich 
unmög-lich geschrieben haben und mufs notwendig- erst 
später von dem Überarbeiter hinzugefüg-t worden sein. 
Denn weder die Legende Kyrills, welche gerade hier eine 
grofse Verwandtschaft mit der translatio Henschens zeigt, 
noch die des Methodius und das in ihr sich findende^ 
freilich hinsichtlich seiner Echtheit auch bestrittene Schrei- 
ben Hadrians IL an die Herzöge Rastislav und Kozel 
wissen etwas davon, dafs Konstantin zugleich mit seinem 
Bruder Methodius zum Bischof ordiniert worden sei. Noch 
mafsgebender ist aber das Zeugnis des Zeitgenossen Ana- 
stasius, auf dessen Brief an Karl den Kahlen schon Dümmler 
hingewiesen hat (Ostfr. Gesch.^ II, 261), der aber auch in 
seiner Vorrede zum achten Konzil (Mansi XVI, 6) und in 
unserem Briefe, also zwischen 875 — 879, den Konstantin 
beharrlich nur Philosophen, nie aber Bischof nennt. Und 
wie Anastasius schreibt auch P. Johann VIII. (880) : a Kon- 
stantino quondam philosopho, Jaffe 3319. Der Zeitgenosse 
Gauderich kann daher unmöglich Konstantin zum Bischof 
gemacht haben. Dagegen mag die Bemerkung schon von 
ihm stammen, dafs die Schüler der beiden Slavenapostel 
zu Priestern und Diakonen ordiniert wurden." 

Ich nehme diese Darstellung Friedrichs an, nur erheben 
sich da zwei Schwierigkeiten, aus denen ich zunächst keinen 
Ausweg sehe. Wenn nach Friedrich (S. 412) die Be- 
merkung, dafs die Schüler der Slavenapostel ordiniert 
wurden, noch von Gauderich selbst stammen soll, wie soll 
man den Text des Schlufssatzes zerlegen, nm die Fälschung 
nachzuweisen? Und ist wirklich der Schlufssatz unecht, dann 
fehlt einmal zur Bestätigung von Kap. 8, dafs die Schüler 
überhaupt geweiht und dann, dafs sie dem Wunsch des 
Konstantinus und Methodius entsprechend zu Bischöfen ge- 
weiht wurden. 



J 3. Die epistola Anastasii und die translatio Gauderichs. S7 

Jedenfalls tritt in diesen zwei Kap. 8 und 9 mehr als 
in der ganzen translatio der römisch-kirchliche Standpunkt 
des Gauderich zutage, Gauderich wird so weitschweifig und 
betont so nachdrücklich, wie die Slavenapostel der hohen 
vom Papste ihnen angethanen Ehre bewufst gewesen wären 
(gratias agentes Deo, quod tanti erant habiti quod mere- 
Tentur ab apostolica sede vocari) wie wir es sonst von ihm 
in der translatio gar nicht gewohnt sind. 

Mit Friedrich halte ich endlich die Kap. 10 — 12 fiir 
eine Erweiterung der translatio des Gauderich und gebe 
ihm recht, wenn er sagt S. 408: „Namentlich aber [Anfang 
und] Schlufs, welche sich nur auf Konstantin beziehen, sind 
ganz im Legendenton gehalten. Man hat offenbar, als man 
Konstantinus als Heiligen zu verehren anfing, um das Be- 
dürfnis nach einer Legende desselben zu befriedigen, den 
Schlufs der Vita et translatio des Gauderich zu einer sol- 
chen umgebildet und sie in dieser neuen, von der Vita et 
translatio losgetrennten Form verbreitet. Statt Vita cum 
translatione s. Klementis hiefse es daher viel richtiger : Vita 
s. Konstantini oder Kyrilli." 

Dagegen halte ich also gegen Friedrich die translatio, 
wie sie uns vorliegt von Kap. i — 9, für das Werk des 
Gauderich. Denn um das noch einmal kurz zu erwähnen, 
als Einleitung mufste Gauderich in Kap. i das Leben und 
die Jugendwirksamkeit des Konstantinus erwähnen, und darum 
ist dieses Kap. wie Kap. 6 als echt anzusehen. Für Gau- 
derich aber schlofs der über Konstantinus notwendige Be- 
richt mit der Überbringung der Reliquien, und des- 
halb kann Kap. 10 — 12 die weitere Lebens- und Sterbe- 
geschichte des Konstantinus ein späterer Zusatz die Um- 
bildung der translatio zu einer Legende des Kyrillus sein. 
Dem Schlufs, den Friedrich S. 417 fiir die spätere Abfassung 
von Kap. 10 daraus zieht, dafs anders als in den früheren 
Kap. Konstantinus als ,,Philosophus qui et Konstantinus*' 
erscheint, stimme ich ganz bei, ebenso wenn er Kap. 11 
und 12 für eine Folge der in Rom aufgekommenen 



38 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Konstantinus. 

bildlichen Verehrung des Konstantinus erklärt (S 418 bis 

419) •). 

So haben wir also in Anastasius und Gauderich zwei 
durchaus glaubwürdige und sichere Quellen von nahezu 
gleichem Werte, die vor allem den Vorzug der Thatsäch- 
lichkeit und der Objektivität haben ^). 

Es erscheint also gerechtfertigt, wenn die Darstellung 
des Lebens des Konstantinus durchaus in erster Linie auf 
der Basis dieser beiden Quellen aufgebaut wird. Neben 
diesen absolut sicheren primären Quellen können und sollen 
allerdings noch andere sekundäre Quellen benutzt werden. 

Als allgemeiner Grundsatz für die Benutzung weiterer 
Quellen zunächst für die Geschichte des Konstantinus ist 
folgendes aufzustellen : alle weiteren Quellen sind nach ihrem 
Verhältnis und ihrer Übereinstimmung mit Anastasius und 
Gauderich zu beurteilen. So weit sie mit diesen beiden 
übereinstimmen, erscheinen sie durchaus glaubwürdig, was 
zur Ergänzung dieser beiden dient und in den Rahmen dieser 
beiden Quellen pafst, kann als wahrscheinlich angenommen 
werden; was aber den beiden Quellen direkt widerspricht, 
mufe als unrichtig verworfen werden. 



i) Über die genauere Datierung der Kap. 10 — 12 siehe unten J 9. 

2) Der Jesuit Lapotre, L'Europe et le st. Siege a T^poque caro- 
lingienne I, hält trotz Kenntnis der Abhandlung Friedrichs die translatio in 
der Form, in der wir sie besitzen, für das Werk Leos von Ostia (S. 105). 
Es ist schwer begreiflich — wenn man nicht bei Lapotre eine gewisse 
Befangenheit annehmen mufs — , dafs er ohne weiteren Beweis die Unter- 
suchungen Friedrichs mit den Worten ablehnt: II a cm qu'il pourrait, au 
moyen de cette d^couverte, renouveler toute Thistoire des sources pour la 
vie des saints Cyrille et Methode. Jai, pour ma-'part, le regret de penser, 
que ses eflforts n'ont pas abouti, qu'il n'a meme pas redonn6 ä la Legende 
dite Italique toute Tautorit^ qu'il croit, ni retrouv^ tous les ^l^ments dont 
cette legende est compos^e, p. 156 [!]. — Dagegen wird in den Acta 
BoUandiana (1893) XII, 319 f. die Bedeutung der Publikation Friedrichs 
für die Kenntnis und Würdigung der translatio anerkannt. Die von Fried- 
ricii für die Geschichte der Brüder bei den Mähren zumal für die litur- 
gische Frage gezogenen Folgerungen werden dann abgelehnt. 



§ 4« Gauderichs translatio. 39 

B. Vorwiegend für Methodius. 
§ 4. Gauderichs translatio. 

Auch bei den Quellen für die Thätigkeit des Methodius 
können wir die Unterscheidung der primären Quellen von 
den sekundären genau durchführen. Desgleichen lassen 
sich auch die echten Quellen genau von den unechten 
sondern. 

Unter den echten Quellen pflegten bisher einige 
mitgefiihrt zu werden, die die Darstellung der Wirksam- 
keit des Methodius und seiner Streitigkeiten wesentlich 
beeinflussen. Friedrich bezweifelt bereits ihre Echtheit, 
es sind zwei angebliche Papstbriefe I. E. 2924 und 3319. 
Diese Urkunden glaube ich nun im folgenden mit Sicher- 
heit als Fälschung nachweisen zu können und glaube, dafs 
wenn dieses Resultat feststeht, der Verlauf der Streitigkeiten 
des Methodius in wichtigen Punkten anders dargestellt 
werden mufs, als es bisher noch bei Dümmler wie Bretholz 
geschieht. 

Ferner sind die Quellen, die die Thätigkeit des Metho- 
dius — man könnte sagen — unter Konstantinus behandeln 
andere, als die seine eigene Wirksamkeit nach dem Tode 
Konstantins, seinen Kampf mit der bayerischen und Salz- 
burger Kirche beschreiben. 

Als primäre Quelle für die Zeit bis zum Tode Kon- 
stantins kann nur die translatio des Gauderich angesehen 
werden. Und auch in dieser Urkunde wird doch Metho- 
dius nur nebenbei erwähnt, da ja das Zentrum der Dar- 
stellung des Gauderich doch Konstantinus ist. Natürlich 
berichtet ausführlich über diese Zeit auch die Vita Me- 
thodii, über die als sekundäre Quellen ich weiter unten 
(in S 7) sprechen werde, und deren Angaben wir, sofern 
ihnen die kirchenpolitische Tendenz genommen wird, als 
wahr anerkennen dürfen. 



40 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 

§ 5. Die echten Papstbriefe. 

Für das Wirken des Methodius nach dem Tode des 
Konstantinus sind absolut sichere Zeugnisse die echten 
Briefe der Päpste Johann VIII. und Stephan V. Sie sind 
ziemlich reichhaltig- vorhanden. Nach Ginzel S. 6 „nehmen 
dieselben als amtliche, von dem apostolischen Stuhle aus- 
gegangene Schreiben den höchsten Grad der historischen 
Glaubwürdigkeit in Anspruch ; denn wenn jedem Besonnenen 
von selbst einleuchtet, dafs Rom, die lebendige und gestal- 
tende Mitte des gesamten kirchlichen Lebens, die genaueste 
Kenntnis aller kirchlichen Zustände und Verhältnisse besitzt, 
so bürgt insbesondere der briefliche Charakter der genannten 
Urkunden für die unbestreitbare Wahrheit ihres Inhalts, da 
dieser der Kontrolle des Empfangers vonseite des Brief- 
stellers selbst anheimgegeben wird". 

Allerdings operierte auch Ginzel mit einem sichtlich 
falschen Briefe als mit einer echten Urkunde, während er 
eine unzweifelhaft echte als unecht erklärte. 

Seit dem Erscheinen der Arbeit Ginzels sind allerdings 
die Papstschreiben um einige wichtige Stücke in der Col- 
lectio Britannica (Neues Archiv der Gesellschaft für ältere 
deutsche Geschichtskunde V, 275 — 414 und 505 — 596) 
vermehrt worden, die über bisher strittige Punkte sichere 
Klarheit verschaffen. 

Diese Papstbriefe nun gruppieren sich hauptsächlich um 
zwei wichtige Punkte im Leben und Wirken des Methodius. 
Der erste Punkt ist seme Absetzung durch die bayerischen 
Bischöfe (Vita Methodii c. 9. 10) bzw. seine Wiederein- 
setzung durch Johann VIII. im Jahre 873. Der Natur des 
Streites nach behandeln sie vorwiegend die eine der zwei 
grofsen Lebensfragen des Methodius, die kirchenrechtliche 
Frage, die Stellung, die er, gestützt vom Papst, dem Salz- 
burger und den bayerischen Bischöfen gegenüber einnahm. 
Gerichtet sind sie an die dem Methodius feindlich gesinnten 
Bischöfe Adalvin von Salzburg I. E. 2975, Hermanrich von 



§ 5* -^^^ echten Papstbriefe. 41 

Passau I. E. 2977, Anno von Freising I. E. 2979 und an 
den päpstlichen Legaten Paul von Ancona I. E. 2976. Ein 
Brief Johanns VIII. aus jener Zeit, der mehr die liturgische 
Frage behandelt, ist leider verloren gegangen, um 
jetzt noch nicht — wie wir aus der späteren Darstellung 
schliefsen dürfen — zu sagen: von Methodius absichtlich 
beseitigt worden, I, E. 2978, wir wissen von ihm nur aus 
einem späteren Brief Johanns an Methodius, in dem er sich 
auf dieses verlorengegangene Schreiben beruft, I. E. 3268. 

Die Rechtsfrage bzw. der Rechtsstandpunkt, den in die- 
sem Streit der Papst und auf ihn gestützt Methodius ein- 
nahm, erfahren gleichfalls nähere Beleuchtung in den beiden 
Schreiben Johanns an Ludwig den Deutschen und seinen 
Sohn Karlmann I. E. 2970, I. E. 2971. Hierher gehört 
auch noch das Schreiben an den „dux Slavoniae Monte- 
merus" I. E. 2973 bezüglich seiner Zugehörigkeit zu des 
Methodius Diöcese. Ferner hat die coUectio Britannica 
(Neues Archiv V, 307) das Fragment eines Schreibens Jo- 
hanns an Ludwig den Deutschen nach Ewalds Datierung 
von Ende Januar 874, das im wesentlichen dem König 
vorhält, Dekrete des römischen Stuhls würden selbst vom 
griechischen Kaiser respektiert und bei der Ein- und Ab- 
setzung selbst der Patriarchen handle der Kaiser gemäfs 
der (sententia) Entscheidung des römischen Stuhles. Überall 
in der Christenheit würden päpstliche Entscheidungen mit 
grofser Freude aufgenommen, I. E. 2990. Die Vermutung 
liegt nahe, dafs Johann dieses Schreiben erlassen hat, um 
seinem im Vorjahr ergangenen Urteil im Streite des Me- 
thodius und der Bischöfe mehr Nachdruck zu geben. 

Mehr die zweite Lebensfrage, die dogmatische und litur- 
gische, betreffen die aus dem Jahre 879 und den späteren 
Jahren stammenden Schreiben Johanns an Methodius, I. E. 
3268, und Swatopluk, I. E. 3267, die beide die willkürlichen 
Abweichungen des Methodius vom römischen Brauch in 
Lehre und Liturgie zum Gegenstand haben. Von der 
Orthodoxie des Methodius und den Angriffen seiner Wider- 



43 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 

sacher handelt noch das Schreiben Johanns an Methodius 
vom 23. März 881, I. E. 3344, das auch gefälschte von 
den Feinden des Methodius vorgebrachte Papstbriefe er- 
wähnt ^). 

Zu den offenbar echten Urkunden gehört auch das 
Schreiben Stephans V. an Swatopluk vom Jahre 885. 
Wattenbach fand das Schreiben in einer Handschrift des 
Cistercienserstiftes Heiligenkreuz in Niederösterreich und 
veröffentlichte es 1849 ^^ seinen „Beiträgen zur Geschichte 
der christlichen Kirche in Mähren und Böhmen**. Er liefs 
die Frage offen, ob das Schreiben echt sei, oder ob nicht 
da die Fälschung vorliege, die Johann VIII. in dem eben 
angeführten Brief an Methodius, I. E. 3344, erwähne. In 
jedem Fall „bliebe es ein wertvolles Dokument, da es ja 
auch dann den Zeitumständen angepafst sein müfste** (1. c. 
p. i). Dümmler drückte sich in seiner „ Pannonischen Le- 
gende des hl. Methodius" (Archiv für Kunde österreichi- 
scher Geschichtsquellen XIII, 198 f.) gleichfalls schwankend 
aus, Ginzel aber (S. 10 und Kirchenhistor. Schriften II, 
24 ff.) und andere (vgl. Dümmler, Ostfränkisches Reich* 
III, 254, 4) verwerfen dieses Schreiben I. L. 3407 entschieden 
als unecht, als Fälschung der Feinde des Methodius. 

Auf die Beweisführung Ginzels näher einzugehen, hat 
heute keinen Wert mehr. Denn das Schreiben ist zweifellos 
echt, an seiner Echtheit kann nicht mehr gerüttelt werden, 
seitdem in der CoUectio Britannica (Neues Archiv V, 408, 



i) Blumberger suchte in den Rezensionen über Dobrowskys Kyrillus 
und Methodius (Wiener Jahrbücher für Litteratur 1824 XXVI, 211 ff.) und 
dessen „Mährische Legende von Kyrillus und Methodius" (ebend. 1827, 
XXXVII, 41 fif.) ausführlich die Unechtheit der Briefe Johanns aus den 
Jahren 879 — 881 zu erweisen. Sein Urteil über die Unechtheit der Briefe 
baute er auf: „ i) auf den Verwirrungszustand der Geschichte, 2) auf die 
abweichenden Ansichten mancher Quellen, 3) auf die sonderbaren Über- 
schriften der Briefe und 4) auf die Unverträglichkeit des Inhaltes dieser 
Briefe mit dem Schreiben von 900 an Johann X." Später nahm er diese 
Behauptungen gröfstenteils zurück (vgl. Sitzungsberichte der Kaiserl. Aka- 
demie d. Wissensch., Philos. Histor. Klasse, Juni 1855, Bd. XVII). 



? 5- I^ie echten Papstbriefe. 4g 

I. L. 3408) ein Commonitorium Stephans an seine Leg'aten 
Johannes und Stephan aufgefunden wurde, das in Kap. 13 
seiner Instruktionen direkt den frag^lichen Brief an Swato- 
pluk citiert. 

Eine sehr wichtige Frage, nachdem nunmehr an der 
Echtheit des Briefes Stephans nicht zu zweifeln ist, ist nun : 
in welchem Verhältnis steht das Commonitorium zum Brief, 
sowohl dem Inhalt als der Abfassungszeit nach und zwei- 
tens, wann sind beide verfafst. Ewald (im Neuen Archiv 
V, 408) hat sich diese Frage etwas zu schwierig vorgestellt, 
er sagt darüber: ,,Aber wird die Echtheit von I. L. 3407 
so aufrecht erhalten, wie ist dann die Chronologie dieser 
beiden Stücke anzusetzen? Eine Reihe von Fragen sind 
hierbei zu erledigen. Ist in der That in I. L. 3407 Me- 
thodius noch am Leben zu denken ? Ist er oben (im Com« 
monitorium) bereits tot? Und wenn das letztere der Fall, 
so müfste doch immerhin das Commonitorium nicht gar • 
so lange nach Methodius' Tod geschrieben sein, da über 
seinen Nachfolger Gorazd noch kein Entscheid getroffen 
und da die Verordnung über die slavische Liturgie in 
Kap. 1 2 nicht lang nach I. L. 3407 geschrieben sein kann. 
Bejaht man die obigen beiden Fragen, so dürfte eben I. L. 
3407 nur unmittelbar vor dem Tode, das Commonitorium 
unmittelbar nach dem Tode geschrieben sein. Auf alle 
Fälle wäre dann das von der Legende berichtete Todes- 
datum, so genau es auch überliefert zu sein scheint, 885 
April unmöglich. Ich nehme nach Mafsgabe der übrigen 
Daten der vorhergehenden Stücke [der coUectio Brit.] 888 
(höchstens vielleicht noch 887) für dieses Commonitorium 
und damit kurz vor diesem Datum das Todesjahr des 
Slavenapostels an.** 

Im Oktoberheft 1880 der Revue des questions histo- 
riques hat sich nun Martinow überhaupt mit den für unsere 
Frage in Betracht kommenden Schreiben Johanns und Ste- 
phans beschäftigt. Er hat da auch die von Ewald an- 
geregten Fragen etwas weitschweifig erörtert. Seine Arbeit 



44 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 

habe ich erst erhalten, nachdem ich selbst schon zu einem 
Resultat gekommen war, indes stimme ich ihm in einer 
Frag-e durchaus bei. Die zu lösenden Fragen sind also: 
erstens wann ist der Brief Stephans I. L. 3407 geschrieben. 
Nach Ewald unmittelbar vor dem Tode des Methodius. 

Dagegen wendet sich Martinow, und ich stimme ihm bei. 
Der ganze Inhalt des Briefes setzt Methodius als schon ge- 
storben voraus. Wiching hat sich persönlich im Auftrag 
des Swatopluk nach Rom gewendet, um sich vom Papst 
als Nachfolger des Methodius einsetzen zu lassen. Daher 
lobt der Papst quod ad matrem tuam sanctam videlicet 
romanam ecclesiam recurrere voluisti quae caput est om- 
nium ecclesiarum etc. Der Papst setzt demgemäfe den 
Wiching auch als Nachfolger des Methodius ein, vobis ad- 
regendam sibi commissam adeo ecclesiam remisimus. 

In dem Teil nun, der von Methodius handelt, wird 
dieser im Gegensatz zu dem venerandus episcopus et ca- 
rissimus confrater genannten Wiching nur mit seinem Na- 
men Methodius kurzweg bezeichnet. 

Martinow bemerkt dazu richtig: „Enfin, il n'est point 
dans les habitudes de la chancellerie romaine de designer 
un archeveque par son nom tout court ainsi que le fait la 
lettre" (p. 389). Im Text nun heifst es Methodium namque 
supersticioni nonedificacioni, contencioni nonpaci i n s i s t e n - 
tem plurimum mirati sumus. Insistentem ist nun im Zu- 
sammenhang nicht als Partizipium der Gegenwart , son- 
dern als das der Vergangenheit zu fassen, und Martinow 
weifst mit Recht darauf hin, dafe das grammatikalisch durch- 
aus möglich ist (S. 389). Im weiteren Text wird von Me- 
thodius ohnehin im Perfektum geredet, seine Willkür hin- 
sichtlich des Gebrauchs der liturgischen Sprache bezeichnet 
der Papst mit presumpsit. Das folgende Verbot der sla- 
vischen Liturgie ist auch ganz so gehalten — darauf weist 
Martinow nicht hin — , dafs es durchaus nicht den Metho- 
dius sondern seine Anhänger betrifft, . . . nuUo modo 
deinceps a quolibet presumatur. Zum Schlufs werden 



J 5. Die echten Papstbriefe, 45 

dann noch einmal die Schüler und Anhänger des Metho- 
dius als Ruhestörer gekennzeichnet und bedroht. 

Die Annahme ist also ganz gerechtfertigt: Der Brief 
Stephans ist geschrieben nach dem Tode des Methodius 
und ist die im Auftrage des Swatopluk von Wiching für 
sich in Rom erbetene und erlangte Einsetzung zum Nach- 
folger des Methodius. 

Die zweite Frage ist nun : wie verhält sich das Commo- 
nitorium zum Brief. Nach Ewald ist es also später als der 
Brief geschrieben, nach dem Tode des Methodius. Mehr 
als diese Meinung kommt Martinows Ansicht in Betracht. 
Er behauptet, beide Urkunden seien gleichzeitig verfafst: 
,,Du rapprochement qui vient d'etre fait, il resulte, c6 
semble, que le commonitoire et la lettre ä Swiatopolk, si 
defavorables ä saint Methode et a la liturgie slavonne, 
datent de la meme epoque; que les legats munis des In- 
structions que nous connaissons maintenant, etaient porteurs 
d'une lettre du pape ä Sviatopolk r6digee dans le meme 
sens et souvent dans les memes termes; de sorte que tout 
porte ä attribuer Tun et l'autre ecrit au meme auteur" 
(p. 388). Martinow vermutet, dafs vielleicht Wiching auf 
seiner Heimreise „fit le chemin en compagnie des legats 
porteurs des instructions et de la lettre ä Sviatopolk que 
le lecteur connait" (p. 395). 

Dieser Meinung kann ich nicht beistimmen , viel- 
mehr glaube ich, dafs das Commonitorium seinem Inhalt 
nach später anzusetzen ist und eine vorgeschrittenere Ent- 
wickelung der Verhältnisse darstellt , tils sie der Brief 
bietet. 

Martinow operiert immer mit der Behauptung, Wiching 
sei vor allem deshalb nach Rom geeilt, um die Einsetzung 
des von Methodius nach der Legende ausgesuchten Gorazd 
zum Nachfolger des Methodius zu verhindern; direkt be- 
hauptet Martinow, des Wiching Zweck sei gewesen „d'ac- 
cuser le defuftt d*arbitraire d'empietement sur les droits du 
siege apostolique, et de representer Gorazde comme usur- 



46 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 

pateur de TEglise pannonienne ainsi que le commonitoire 
le laisse entendre*' (p. 39S). 

Die erste Hälfte dieses Satzes läfst sich aus dem Brief 
Stephans als wahr erweisen, die zweite aber nicht. Stephan 
spricht von Gorazd als designiertem Nachfolger des Me- 
thodius gar nicht. 

Berechtigter als Martinows Behauptung scheint mir darum 
die Annahme: Wiching ist nach Methods Tod sofort nach 
Rom geeilt, hat in Rom den Gorazd gar nicht genannt, 
vielmehr aus kluger Berechnung seine Bezeichnung durch 
Methodius verschwiegen, hat nur sich als Kandidaten Swa- 
topluks legitimiert und wurde dann auch eingesetzt. Es 
liegt nahe anzunehmen, dafs wenn Stephan von der No- 
minierung des Gorazd Kenntnis durch Wiching erlangt hätte, 
er den Wiching nicht direkt eingesetzt oder gewifs in seinem 
Einsetzungsschreiben die Übergehung des Gorazd erwähnt 
hätte. Nun handelt aber Kap. 14 des Commonitorium von 
dem Nachfolger Gorazd, von dem Stephan inzwischen Kennt- 
nis erlangt hatte. 

Es darf darauf hingewiesen werden, dafs Stephan, ob- 
wohl er den Wiching schon eingesetzt hat, doch den Go- 
razd nicht von vornherein ganz verwirft. Er mifsbilligt 
wohl die Eigenmächtigkeit, dafs Methodius einen Nachfolger 
sibimet contra omnium sanctorum patrum statuta consti- 
tuere presumpsit. Und erklärlicherweise mufste ihn das 
um so mehr verletzen, als er die Devotion des Swatopluk 
und Wiching sah und zu dieser Ungesetzlichkeit des Me- 
thodius noch erfahren hatte, dafs Methodius sich um alle 
Verbote der Liturgie einfach nicht gekümmert hatte. Darum 
suspendiert er durch seine Legaten den Gorazd ne ministret 
nostra apostolica auctoritate interdicite. Aber immerhin 
läfst er dem Gorazd den Weg zur persönlichen Recht- 
fertigung in Rom offen, donec suam nobis presentiam ex- 
hibeat et causam suam viva voce exponat. 

Die Handlung ist also in dem Commonitorium weiter 
vorgeschritten als im Brief. Der Papst hat wahrscheinlich 



§ 5- I^Je echten Papstbriefe. 47 

nach der Absendung des Briefes bzw. naeh der Bestätigung' 
des Wiching" erst Kenntnis von den Wirren, die nach dem 
Tod des Methodius ausbrachen, erhalten. Darum schickt 
er nun seinem Brief seine Legaten mit dem Commonitorium 
nach und verweist sie dabei in Kap. 13 auf den Brief, sicut 
in sua decrevit epistola. Hätte er die Legaten, wie Mar- 
tinow meint, gleich mit Wiching geschickt, so würde er 
des gewifs in seinem Brief Erwähnung gethan haben. 

Wenn es sich auch blofs um Einsetzung des Wiching 
handelte, war ja die Entsendung von Legaten durchaus 
nicht so notwendig, als nachdem ein zweiter Prätendent für 
des Methodius Stuhl aufgetreten war. 

Noch in einem zweiten Punkt glaube ich, ist die Ent- 
wickelung im Commonitorium eine vorgeschrittenere als im 
Brief und darum das Commonitorium später verfafst als 
der Brief. 

Der Brief enthält eine ausführliche dogmatische Aus- 
einandersetzung über die Lehre vom Ausgang des heiligen 
Geist, die gegen Methodius und seine Anhänger gerichtet 
ist. Es ist begreiflich, dafs Wiching sofort nach seiner 
Heimkehr das Schreiben publizierte, ebenso erklärlich ist 
es, dafs die Bekämpfer des filioque — um kurz so zu 
sagen — die Methodiusjünger ihre Einwände dagegen 
machten. Auf diese Einwände nun geht das Commonitorium 
ein: Si dixerint Prohibitum est a sanctis patribus simbolo 
addere aliquid vel minuere; dicite ... Es scheint also, 
dafs Stephan gleichzeitig mit der Kunde von der Nomi- 
nierung des Gorazd auch über die ihm gemachte dogma- 
tische Opposition unterrichtet wurde und demgemäfs seinen 
Legaten Instruktionen gab. Hätte er zur Zeit der Abfas- 
sung seines Briefes von dieser Opposition und der Art 
ihrer Argumentation schon etwas gewufst, so hätte es 
ihm nahe gelegen, in dem Schreiben schon darauf ein- 
zugehen. 

Und das um so mehr, als ohnehin im Brief mit ähn- 
. liehen Wendungen wie im Commonitorium Rom als der 



48 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 

unerschütterliche Fels und Hort des Glaubens in allen dog- 
matischen Streitigkeiten geschildert wird. Also auch da 
— glaube ich — ist die Lage der Dinge etwas weiter 
vorgeschritten als im Brief. 

Man wird also annehmen dürfen, dafs Stephan nach 
Absendung des Briefes genauere Kunde von den Vor- 
gängen bezüglich der Person des Gorazd erhielt, von dem 
ihm Wiching wohl absichtlich nichts mitgeteilt hatte. Gleich- 
zeitig mit der Kunde von dem ausgebrochenen Rechtsstreit 
wurde er über die dogmatische Opposition unterrichtet. 
Beides veranlafste ihn nun, seine Legaten zu entsenden 
und ihnen das Commonitorium mitzugeben, das naturgemäfe 
im allgemeinen mit seinem Brief übereinstimmt, aber auf 
die unterdessen geschehene Weiterentwickelung der Dinge 
Rücksicht nimmt. Das Commonitorium wird also einige 
Monate nach dem Brief verfafst sein. 

Die dritte Frage, wann sind der Brief und das Commo- 
nitorium verfafst, ist, glaube ich wie Martinow, einfach zu 
lösen, und ich pflichte durchaus dem bei, was Martinow 
gegen Ewald für Beibehaltung des Todesdatums des Me- 
thodius April 885 vorbringt. Deshalb, weil das Commoni- 
torium in der Collectio Brit. das letzte Stück der Schreiben 
des Stephanus ist, braucht es noch nicht thatsächlich später 
als die andern verfafst zu sein. Ewald giebt ja selbst zu, 
dafe die Chronologie in der collectio nicht immer genau 
ist, wofür auch Martinow einzelne Beispiele anführt und 
darauf hinweist, dafs die collectio vor allem eine Sammlung' 
zu kanonistischen Zwecken sei. 

Andererseits stammt die vita Methodü, die den 6. April 
885 als Todestag des Methodius angiebt, wie die Unter- 
suchung in S 8 erweisen wird, von einem so genauen Kenner 
des Methodius, der den in der Vita erzählten Ereignissen 
so nahe steht, dafs wir keinen Anlafs haben, in seine Glaub- 
würdigkeit bezüglich des keiner Tendenz unterworfenen 
Todesdatums einen Zweifel zu setzen. 

Mit Martinow (S. 395) nehme ich also an, dafe der 1 



§ 5- I^ie echten Papstbriefe. 49 

Brief Stephans in den Sommer oder Herbst des Jahres 885 
zu verlegen ist. 

Das Commonitorium aber wäre nach meiner obigen Aus- 
führung erst ganz am Ende des Jahres 855 oder im Winter 
885/886 verfafst. 

Der Text endlich des Briefes Stephans an Swatopluck 
wird von Bretholz, Geschichte Mährens I, 97, 99 in 
seiner Echtheit angezweifelt. „Doch scheint mir" — sagt 
er — ,,dQi Brief wenigstens in der Form, in der er uns 
erhalten ist, nicht ganz makellos." Bretholz findet, dafs der 
Brief trotz mancher Übereinstimmung mit dem Commoni- 
torium in wichtigen Punkten im Gegensatz zu diesem steht, 
so mit seiner Verurteilung Methods und seiner Lehre, „für 
die wir im Commonitorium keine Parallelstelle finden". 
Ebenso findet er es auffallend, dafs im Commonitorium von 
Wiching nicht die Rede ist. So kommt er zu „Bedenken 
über die formale Echtheit des Briefes". Was die sachlichen 
Differenzen betrifft, so finden diese durch meine Datierung 
der beiden Urkunden bzw. durch die verschiedene Ent- 
wickelungsstufe, die beide darstellen, ihre Erledigung. Auch 
die Bedenken an der formalen Echtheit, glaube ich, lassen 
sich beseitigen. Stephans Brief ist unzweifelhaft echt, nach 
ihm ist, wie gleich nachgewiesen werden soll, das angeb- 
liche Schreiben Johanns an Swatopluck von 880 I. E. 3319 
gefälscht. Die Fälschung ist eine so vollständige, dafs 
ganze Abschnitte beinahe wörtlich aus dem Briefe Stephans 
herübergenommen worden sind. Da auch der Brief Ste- 
phans, wie er uns erhalten ist, mit der Fälschung von 880 
im Aufbau und in der Anordnung der einzelnen Teile sich 
deckt, dürfen wir daraus gewifs mit Recht schliefsen, dafs 
wir den Brief Stephans in der Form besitzen, in der er 
niedergeschrieben ist, dafs wir also auch in formeller 
Hinsicht das authentische Schreiben Stephans vor uns 
haben. 



Goetz, Geschichte der Slavenapostel. 



50 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 

§ 6. Die unechten Papstbriefe. 

Unter den Papstbriefen sind nun zwei, die bisher als 
besonders wichtige Quellen zur Geschichte des Methodius 
verwendet zu werden pflegten, die auch von besonderem 
Interesse deshalb sind, weil sie im wesentlichen beide den- 
selben Inhalt haben und zu den übrigen Urkunden ia 
direktem Widerspruch stehen. Es sind das a) ein von 
Hadrian II. angebhch an den mährischen Fürsten Rastislav 
und die Fürsten Swatopluck und Kocel im Jahre 869 ge- 
richtetes Schreiben, das in der Vita Methodii c. 8 uns über- 
liefert ist (I. E. 2924); b) ein Schreiben Johanns VIII. an 
Swatopluck vom Jahre 880 (I. E. 3319). 

Das wesentlich wichtige und beiden Urkunden gemein- 
same ist, dafs sie im Gegensatz zu allen anderen Quellen 
und zu dem ganzen Gang der Geschichte des Methodius 
die Einführung der slavischen Liturgie als von Rom erlaubt, 
den Gebrauch dieser als vom Papst direkt bestätigt und 
allen Angriffen gegenüber begünstigt und autorisiert dar- 
stellen. 

Dümmler, der (Archiv XIII) den Brief Hadrians mit der 
Vita Methodii veröffentlichte, hielt ihn für durchaus echt. 
Er meint (S. 181): „Dieser höchst merkwürdige Brief 
Hadrians II. ist nach Form und Inhalt so beschaffen, dafs 
* ich keinen triftigen Grund wüfste, seine Echtheit anzufech- 
ten. . . . Die Vollmacht, welche Hadrian II. dem Metho- 
dius erteilt, die slavische Sprache beim Gottesdienst in allen 
Beziehungen in Anwendung zu bringen und nur bei der 
Messe die Lektionen aus dem Neuen Testamente zuerst 
nach dem Text der Vulgata und dann in slovenischer Über- 
setzung zu lesen, stimmt so genau mit den späteren Vor- 
schriften Johanns VIII. über diesen Punkt zusammen, dafs 
wir an der Wahrhaftigkeit dieser Angaben nicht zweifeln 
können. . . . Sonach müssen wir es als eine Thatsache 
ansehen, dafs Hadrian nicht blofs die slavische Bibelüber- 
setzung billigte und lobte, sondern auch das im Gebiete 



i 6. Die unechten Papstbriefe. 51 

der römischen wie der griechischen Kirche unerhörte Privi- 
legium erteilte, die Liturgie in der Landessprache zu 
singen.** 

Ginzel dagegen (S. 8) sagte: „Dieses vorzüglichste 
Stück vom Inhalte des Briefes, nämlich die von Hadrian IL 
gegeben sein sollende Erlaubnis, die Liturgie in slavischer 
Sprache zu feiern, kennzeichnet ihn als offenbar unecht. 
Denn wie kam P. Johann VIII. im Juni 88o dazu, zu er- 
lauben, was Hadrian II. schon im Jahre 868 gestattet hatte? 
Johann VIII. wufste eben nichts von einer solchen Gestat- 
tung, und dafs er davon nichts wufste, also eine solche 
Erlaubnis seines Vorgängers Hadrian nicht vorlag, lehrt sein 
Brief vom 14. Juni 879 an Method, in welchem er die 
Feier der hl. Messe in slavischer Sprache als eine ihn be- 
fremdende Neuerung absolut verbot.** 

Trotz dieser Äufserung Ginzels verwendete Dümmler 
auch in der zweiten Auflage seines „Ostfränkischen Reiches" 
II, 262 die Nachrichten des Briefes als echt bzw. für die 
richtige Darstellung der Geschichte des Methodius als wert- 
voll, ebenso neuerdings noch Bretholz, Geschichte Mäh- 
rens I, 79. Diese beiden wie Ginzel halten in ihren an- 
geführten Äufserungen auch den Brief Johanns VIII. von 
880 für echt und glaubwürdig. 

Auch in der zweiten Auflage von ]a.ff6 ist der Brief 
trotz Ginzel noch als echt verzeichnet. 

Friedrich (S. 411) erklärte dagegen in seiner Abhand- 
lung über die Epistola Anastasii die Echtheit dieses sonst 
nicht beglaubigten Schreibens für bestritten. 

Auch das Schreiben Johanns von 880 erklärten alle 
bisherigen Forscher nahezu für echt. Ginzel (S. 80 — 84) 
Dümmler, Ostfränkisches Reich^ III, 194 f. und Bret- 
holz, Geschichte Mährens I, 88 f. bauen ihre ganze Ge- 
schichtsdarstellung auf diesem Schreiben auf. Auch Mar- 
tinow in seinen verschiedenen Aufsätzen in der „Revue des 
questions historiques** verwertet das Schreiben als eine echte 

Urkunde. 

4* 



53 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 

In Wetzer und Weites neuem Kirchenlexikon Artikel 
„Mähren" VIII, 432 ist im allg-emeinen die Echtheit be- 
zweifelt, und Friedrich (S. 411, Anm. 2) stellt mancherlei 
Notizen zusammen, die für die Unechtheit des Schreibens 
sprechen. 

a) I. E. 2924. Die Fälschung- von 869. 
Das Schreiben vom Jahre 869 wurde also von Dümmler 
in der Vita Methodii zum erstenmal lateinisch veröffentlicht. 
Die Übersetzung- in das Lateinische ist von Miklosich g-e- 
fertig-t. Ginzel druckte den Brief aufser der Vita Methodii 
noch einmal separat nach einer eig-enen Übersetzung ab, 
dieser folg-e ich mit Ausnahme einer Stelle. Der Über- 
sicht und leichteren Kritik weg-en lasse ich nun zunächst 
die Übersetzung- Ginzels (Anhang- S. 44 f.) folgen. Zu den 
einzelnen Sätzen und Stellen gebe ich Noten, die die Un- 
echtheit erweisen sollen. 

Epistola Hadriani P. II. ad Rastilavum Swato- 
pulcum et Cozelum spuria. 

(Ex P. J. Safarik: Pamätky dfcvn. pfsemnictni Jihoslov. Zivot S. Me- 
thodia. V Praze 1851, pag. 5. Hae literae extant versione tantum 
in lingua veteri Pannonica sive Slavica, cujus tenor una cum reversione 
latina hie subseqoitur) : 

Hadrianus episcopus et servus dei ^) Rostislavo et Svjato- 
polco *) et Cocelo. Gloria in excelsis deo et in terra pax 
hominibus bonae voluntatis! Quemadmodum de vobis 
spiritualia audivimus, quae optabamus cum desiderio et 
precibus propter vestram salutem, quod elevavit dominus 
corda vestra ad quaerendum eum, et ostendit vobis, quod 
non solum fide, verum et bonis factis deceat servire deo. 
Fides enim sine factis mortua est, et falluntur ii, qui se 
putant deum noscentes , et factis ab eo decidunt *). Non 
solum enim ab hacce sacrosancta sede petiistis praecep- 
torem, verum et a pio imperatore Michaele. Hie misit vobis 
beatum philosophum Konstantinum una cum fratre, prius 



§ 6. Die unechten Papstbriefe. 5S 

quam nos approperaremus. Hi autem cognoscentes apo- 
stolicae sedi hereditarie obvenire vestras partes, extra canones 
nihil fecerunt, sed ad nos venerunt, simul sancti Klementis 
reliquias ferentes *). Nos autem trina laetitia percepta, con- 
stituimus animo, habita exploratione , mittere Methodium 
presbyterum una cum discipulis ^), filium nostrum, in partes 
vestras, virum perfectum ingenio et orthodoxum, ut vos 
edoceret, quemadmodum petiistis, interpretans libros in 
linguam vestram, in omni ecclesiastico facto totaliter, una 
cum Sacra missa, nominatim cum liturgia et baptismate. 
Sicuti philosophus Konstantinus inchoavit divinum evan- 
g-elium et per sanctum Klementem preces: ita et si quis 
alius poterit digne ®) et orthodoxe interpretari, (hoc) sanctum 
et beatum deo et nobis et -omni catholicae et apostolicae 
ecclesiae sit, ut facile praecepta divina discatis. Hanc autem 
unam servate consuetudinem : ut in missa primum legatur 
epistola et evangelium ling-ua Romana, postmodum Slavica'), 
ut impleatur verbum scriptum: quod laudant deum omnes 
lingnae ; et alias : omnes loquuntur linguae diversae magni- 
tudinem dei, ut fecit eas Spiritus sanctus respondere. Si 
quis collectorum vobis magistrorum et audientium auditus, 
et a veritate avertentium in nugas incipiet temerarie aliter 
persvadere vobis , vituperans libros linguae vestrae ®) , ex- 
communicetur, imo vero in Judicium detur ecclesiae, donec 
sese correxerit. Hi enim sunt lupi, et non oves, hosque 
oportet secundum fructus eorum.noscere et vitare eos. Vos 
autem, filii dilecti! audite doctrinam divinam, neque con- 
temnatis praeceptum ecclesiae, ut convertamini veri cultores 
dei ad patrem nostrum coelestem cum omnibus sanctis. 
Amen. 

(Car. Jarom. Erben Regesta Bohemiae et Moraviae. Pars I. Pragae 
1855, in IV. pag. 14 s.) 

i) Das ganze Schreiben bewegt sich durchaus nicht in 
den stehenden Wendungen, die die Papsturkunden charak- 
terisieren. In dieser Hinsicht ist die Fälschung viel un- 



54 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 

g^eschickter als die von 880 und wird darum als solche 
g-leich schon nach der formellen Seite kenntlich *). 

2) Svjatopolcus; die Übersetzung Miklosichs bei Dümmler 
Archiv XIII hat nur Rastislav und Kozel. Dagegen bringt 
Miklosich in seiner Ausgabe von 1870 alle drei Namen. 
Wer von beiden, Miklosich oder Ginzel, richtiger übersetzt, 
entzieht sich meiner Beurteilung. Die Schreibweise Svja- 
topolk findet sich sonst in keinem Papstbriefe, sondern 
aufserdem nur in der Vita Methodii. Sie ist leicht erklärlich 
im Munde eines Slaven, aber nicht zu vereinen mit der 
sonstigen Schreibweise der Päpste: I. E. 3267 Zuventapu 
I. L. 3407 Zuentopolco. Auch hierin ist die Fälschimg 
von 880 geschickter und verrät weniger den slavischen 
Verfasser, sie hat Sfentopulcho. 

3) Dieser Satz scheint mir nach dem folgenden Satz 
des echten Briefes Johanns an Swatopluck von 879 I. E. 
3267 gefälscht: nostrisque assiduis precibus vos omnes Jhesu 
Christo Domino commendamus orantes semper pro vobis, 
ut Deus omnipotens qui corda vestra inluminavit et ad viam 
veritatis perduxit in bonis operibus confirmet et usque ad 
finem in recta fide bonaque actione decoratos vos atque 
incolumes dignetur perducere. 

4) Dieser Satz enthält eine Anzahl Kriterien dafür, dafs 
wir es hier nicht mit einem Papstschreiben zu thun haben. 
Zunächst sehen wir in diesem Satz die beiden geistigen 



i) Über den päpstlichen Briefstil vgl. meine Abhandlung in der „Revue 
internationale de Theologie" 1894, Nr. 6 und 7 und die zweite meiner 
„Zwei kanonistische Abhandlungen" in Friedberg-Sehlings „D. Zeitschrift 
für Kirchenrecht" 1895, V, i. Im Gegensatz zu meiner Ansicht meint 
Lapötre 1. c. I. 116 l\ n'est pas, selon moi, jusqu' ä la formule du d^but: 
Gloria in excelsis etc. qui ne milite en faveur de Tauthenticitö de cette 
piece, car on retrouve une formule semblable dans plusieurs autres lettres 
d'Hadrien II (V. Migne, T. 122, ep. 4, p. 1263; ep. 21, p. 193). Dieser 
Umstand würde höchstens für die erklärliche und naheliegende Annahme 
sprechen, dafs der Fälscher den Brief äufserlich möglichst nach echten 
Vorlagen zu gestalten gesucht hat. Ginzels Verwerfung des Briefes sei 
— meint Lap6tre — sans aucun motiv s^rieux geschehen. 



i 6. Die unechten Papstbriefe. 55 

Richtimg-en zusammenlaufen, in denen sich der Fälscher 
— jedenfalls ein Schüler oder Anhäng-er des Methodius — 
bewegt. Es ist derselbe Standpunkt, den die Vita Methodii 
überhaupt einnimmt. Der Abstammung- nach ist der Fäl- 
scher ein Grieche und neig-t auch in allen Stücken zum 
Brauch und zur Lehre der g-riechischen Kirche. Daher 
denn die Wendung-, dafs die Entsendung- des Konstantinus 
und Methodius zunächst durch den Kaiser g-eschah. Der 
Kaiser erhält das Beiwort pius — nach Miklosich-Dümmler 
orthodoxus — das, wie schon Ginzel (S. 9) etwas scharf 
bemerkt, „ Papst Hadrian niemals diesem Protektor des auf 
den Stuhl von Konstantinopel eing-edrung-enen Schismatikers 
Photius, welchen er mit dem Anathem belegte**, g-eg-eben 
hätte. Daneben aber steht der Fälscher g-anz auf dem Rechts- 
standpunkt der Methodianer, dafs Methodius und Konstan- 
tinus zu ihrer Thätig-keit von Rom autorisiert waren. Dieses 
Sich-stützen auf das Recht des Papstes über das Land und 
auf die päpstliche Legitimierung- der Thätig-keit des Me- 
thodius zieht sich auch durch die ganze Vita Methodn hin- 
durch. Die Wendung prius quam nos approperaremus soll 
im Munde des romfreundlichen Griechen den Papst ent- 
schuldigen, ungeachtet dafs die erste Aussendung nicht vom 
Papst ausging, soll doch das Recht des Papstes gewahrt 
werden. Eine ähnliche Wendung, die möglicherweise dem 
Fälscher vorgelegen hat, findet sich in dem Schreiben Jo- 
hanns an Ludwig den Deutschen J. E. 2970 : Verum quia 
quibusdam hostilium turbationum simultatibus impedientibus, 
illic ab apostolica sede non est diu directus antistes 
,hoc apud ignaros venit in dubium. Die Übersetzung Mi- 
klosichs bei Dümmler lautet hier statt priusquam nos 
approperaremus; cum nobis occasio deesset. An dieser 
Stelle möchte ich lieber Miklosich folgen und zwar, weil 
dessen Übersetzungswendung auch in der Vita Methodii selbst 
Kap. 4 sich findet: cum vero occasio venisset accersivit 
Imperator philosophum ... In seiner Ausgabe von 1870 
übersetzt dagegen Miklosich priusquam nos veniremus. 



56 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodias. 

Die ausdrückliche Erwähnung* der Überbringung der 
Klemensreliquien nach Rom weist — wenn der Fälscher nicht 
selbst bei dieser Reise vielleicht zugegen war — möglicher- 
weise darauf hin, dafs die translatio Gauderichs ihm vor- 
gelegen hat. 

5) Dazu bemerkt Ginzel (S. 9): Ein fernerer Beleg der 
Unechtheit des Briefes ist die Angabe desselben: Method 
sei als Presbyter von P. Hadrian zu den Slaven Pannoniens 
und Mährens gesendet worden, gestützt auf die Fabel der 
pannonischen Legende, Method sei erst von P. Nikolaus zu 
Rom zum Priester geweiht worden, — welche im offenbaren 
Widerspruche steht mit dem Briefe Johanns VIII. an 
Swatopluk vom Jahre 879, wo es ausdrücklich heifst: ,,Me- 
thodius vester archiepiscopus ab antecessore nostro Adriano 
scilicet papa ordinatus vobisque directus". Ginzel hat hier 
unrecht, und der Fälscher des Briefes hat in genauer Kennt- 
nis des geschichtlichen Ganges geschrieben. 

6) Besonders wichtig für die Entstehungszeit der Fäl- 
schung scheint mir die Wendung, dafs der Papst auch die 
Übersetzung eines anderen billige, wenn sie gut und ortho- 
dox sei. Die Vita Methodii erzählt in Kap. 15, dafs Me- 
thodius in einem Zeitraum von sechs Monaten alle Bücher 
der hl. Schrift, ausgenommen die Bücher der Makkabäer, 
d. h. die Apokryphen, aus dem Griechischen in das Slo- 
venische übersetzt habe. Allerdings habe er sich aus seinen 
Schülern zwei Priester als Helfer genommen, die recht 
schnell schrieben prius vero ex discipulis suis duobus pres- 
byteris constitutis, qui valde velociter scribebant. Ich glaube^ 
dafs die Wendung der Fälschung von 869 si quis alius 
poterit digne et orthodoxe interpretari nach dieser Stelle 
der Vita gemacht ist und dafs ihr Zweck war, die Über- 
setzungsthätigkeit der Schüler des Methodius gleichfalls als 
eigens von Rom autorisiert darzustellen. Meine Meinung 
finde ich in einer Stelle der Fälschung von 880 bestätigt. 
Auch da wird nicht die Übersetzung des Konstantinus 
oder des Methodius erlaubt, sondern im allgemeinen 



§ 6. Die unechten Papstbriefe. 57 

werden alle Übersetzungen gebilligt, wofern sie nur gut 
(bene translatae) sind. Wie in der Fälschung von 869 weist 
uns auch diese Stelle, auf der zugleich die in der Fälschung 
von 869 mit beruht, auf eine Zeit hin, wo neben der Über- 
setzung des Methodius eine andere seiner Schüler schon 
im Gebrauch war. Diese nun, da sie vielleicht angegriffen 
wurde, wollte man als gleichfalls päpstlich legitimierte Arbeit 
darstellen und fälschte so die fraglichen zwei Stellen. Aus 
dieser einen Stelle gewinnen wir also schon die Bestimmung, 
dafs die Fälschung von 869 bald nach dem Tode des 
Methodius in dem Kampf gegen Wiching entstanden ist. 

7) Die Anweisung, Epistel und Evangelium erst lateinisch 
und dann slovenisch vorzulesen, beruht auf der gleich- 
lautenden Stelle der Fälschung von 880. Von den an- 
geführten Bibelstellen, die den Gebrauch der slavischen 
Sprache in der Liturgie rechtfertigen sollen, findet sich die 
eine Ps. 116, i auch in der Fälschung von 880, die andere 
Act. 2, II dagegen nicht. 

8) Der Satz gegen die von aufsen kommenden doctores, 
die die slovenische Sprache etwa tadeln würden, ist sicht- 
lich gegen die bayerischen Priester geschrieben. Die An- 
ordnung, dafs zuerst in lateinischer Sprache das Evangelium 
vorgelesen werden soll , die aus der Fälschung von 880 
stammt, ist dort noch dahin ergänzt, dafs Swatopluck, wenn 
er lieber wolle, die Messe auch lateinisch sich lesen lassen 
könne. Diese beiden Bemerkungen weisen uns für die 
Entstehung der Fälschungen sichtlich auf eine Zeit hin, wo 
Swatopluck sich wieder mehr zu den deutschen Geistlichen, 
zu Wiching und seinem Brauch hinneigte. Deren Einflufs 
ist wohl so grofs gewesen, dafs thatsächlich die slavische 
Kirchensprache in einzelnen Fällen schon wieder verdrängt 
zu werden begann. Auf diese faktische Notlage nehmen 
diese Stellen Bezug, was ihnen abgezwungen war^ suchen 
die Methodianer als eine vom Papst selbst gebilligte Kon- 
zession hinzustellen, um den siegenden Bayern gegenüber 
wenigstens den Schein zu wahren bzw. die Verdrängung 



58 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 

ihrer liturgischen Sprache nicht direkt eingestehen zu 
müssen. 

Fassen wir nun diese einzelnen Bemerkungen zusammen, 
und übersehen wir das Schreiben im ganzen, so ist das 
Gesamturteil das: Wir haben es hier offenbar mit einer 
Fälschung zu thun, die ein Methodianer im Kampfe seiner 
Kirche gegen die fränkische verfafst hat. Er ist ein Grieche, 
mufs aber den abendländischen Franken gegenüber zu Rom 
halten und mufs sich für zwei Fragen auf Roms Autorität 
stützen. Einmal die Missionsthätigkeit seiner Lehrer und 
dann der Gebrauch der slavischen Kirchensprache mufs als 
von Rom legitimiert dargestellt werden. Formell ist die 
Fälschung gemacht nach der von 88o, der Zeitpunkt der 
Abfassung wird sich also so ziemlich mit dem der Fäl- 
schung von 880 decken. Ohne der Untersuchung der Fäl- 
schung von 880 vorzugreifen, glaube ich doch als Ab- 
fassungszeit die Zeit unmittelbar nach dem Tode des Me- 
thodius angeben zu können, in der die Methodianer in 
schwere Bedrängnis kamen, zumal durch das Schreiben 
Stephans und die Ernennung des Wiching zum Nachfolger 
des Methodius. Als Gegenmittel im Kampf wurden da diese 
Fälschungen gemacht. Dafs diese meine Ansicht richtig 
ist, wird die genauere Untersuchung der Fälschung von 880 
erweisen. 

b) I. E. 3319. Die Fälschung von 880. 
Die Fälschung von 880 nun, ein Brief Johanns an 
Swatopluck wurde, wie schon gesagt, von Ginzel, Dümmler 
und Bretholz ohne Bedenken zur geschichtlichen Dar- 
stellung des Lebens des Methodius als echte Quelle benutzt. 
Auch Voronov (Die hauptsächlichsten Quellen zur Ge- 
schichte des hl. Kyrill und Methodius, 1876) hielt sie für 
echt und erklärte dagegen das Schreiben Stephans für un- 
echt. Indes schon Jagiö (Archiv für slavische Philologie 
IV, 122) gestand in seiner eingehenden Besprechung der 
Quellenkritik Vorono vs „die Schwierigkeit, den Widerspruch 



J 6. Die unechten Papstbriefe. 59 

in den Benehmen des Papstes Johann VIII. auszugleichen **, 
zu. Auf diesen Punkt ist Friedrich S. 411 näher ein- 
g-eg-angen. Er wies darauf hin, dafs es auffallend sei, dafs, 
„während Johann VIII. 879 nur von dem Gebrauche der 
lateinischen oder griechischen Sprache in der ganzen Kirche 
weifs, er 880 plötzlich ganz in der Art der Vita Konstan- 
tini von drei liturgischen Sprachen, der lateinischen, grie- 
chischen und hebräischen, spricht und aus den nämlichen, 
879 angeführten Bibelstellen nunmehr nicht nur die Erlaubt- 
heit des Predigens, sondern auch der Feier der ganzen 
Liturgie in slavischer Sprache ableitet" ^). 

Das Schreiben Johanns hat, wie ich oben schon be- 
merkte, Ähnlichkeit mit der Fälschung von 869, der wesent- 
liche Inhalt und Gedankengang ist in beiden derselbe. 
Methodius wird vom Papst als Erzbischof bestätigt, die 
slavische Kirchensprache wird als solche vom Papst legi- 
timiert. Das sind also auch in der Fälschung von 880 die 
beiden Punkte, um die sich das ganze Schreiben dreht. 

Das Schreiben Johanns selbst aber ist eine Fälschung, 
die genau nach dem echten Briefe Stephans V. angefertigt 
wurde. Wenn Stephan V. den Wiching zum Nachfolger 
des Methodius einsetzte und die Liturgie entschieden ver- 
bot, so wird hier Methodius als der rechtmäfsige Erzbischof 
erklärt und die Liturgie in der slavischen Sprache geneh- 
migt. Die Fälschung ist eine so genaue Kopie des Briefes 



I) In der „Revue internationale de Theologie*« 1896, Nr. 15, S. 411 ff. 
läfst J. Friedricli den Brief des Anastasius an Gauderich abdrucken. In 
den einleitenden Bemerkungen sagt er von dem Schreiben Johanns an 
Swatopluck von 880, dafs es „interpoliert, wenn nicht ganz unecht ist". 
Die Textvergleichung der Fälschung von 880 mit dem Brief Stephans von 
885 wird ergeben, dafs eine teilweise Unechtheit, eine Interpolation bei 
Johanns Brief von 880 ausgeschlossen ist. Die Schreiben von 880 und 885 
decken sich so vollkommen in ihrem Wortlaut, dafs das eine ganz unecht 
und nach der Vorlage des anderen gefertigt sein mufs. Es handelt sich 
also nur darum, auf Grund des Materials und der sonstigen Bezeugung der 
Briefe — der Stephans durch dessen Commonitorium — zu entscheiden, 
welches die Vorlage und welches die danach gemachte Fälschung ist. 



€0 



Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 



Stephans von 88$ , dafs nicht nur die Einteilung" und der 
(Gedankengang derselbe ist, sondern dafs der Fälscher 
manchmal gleich mehrere Sätze hintereinander wörtlich aus 
dem Briefe Stephans herübergenommen hat. Auch hier 
glaube ich den Beweis für meine Behauptung am sichersten 
und einleuchtendsten dadurch zu erbringen, dafs ich die 
Urkunden selbst reden lasse. 

Der Eingang enthält in beiden Schreiben gleicherweise 
die Lobesäufserung des Papstes, dafs Swatopluck sich und 
sein Volk unter den Schutz des hl. Petrus begeben habe : 



I.E. 3319. F'älschung 
von 880. 
Dilecto filio Sfentopulcho 
glorioso comiti. Industriae 
tuae notum esse volumus, 
quoniam confratre nostro Me- 
thodio reverentissimo archi- 
episcopo sanctae ecclesiae 
Marabensis, una cum Se- 
misisno, fideli tuo, ad limina 
SS. apostolorum Petri et 
Pauli , nostramque pontifi- 
calem praesentiam veniente, 
atque sermone lucifluo re- 
ferente, didicimus tuae de- 
votionis sinceritatem et totius 
populi tui desiderium, quod 
circa sedem apostolicam et 
nostram patemitatem habetis. 
Nam, divina gratia inspirante, 
contemptis aliis seculi hujus 
principibus beatum Petrum 
apostolici ordinis principem 
vicariumque illius habere pa- 
tronum et in omnibus ad- 



I. L. 3407. Schreiben 
Stephans V. 
Stephanus episcopus se- 
ruus seruorum dei, Zuento- 
polco regi Sclauorum. Quia 
te zelo fidei sanctorum apo- 
stolorum principi Petro uide- 
licet regni celestis clauigero, 
omni deuocione deuouisti, . 
eiusque uicarium pre cunctis 
huius flucti uagi seculi prin- 
cipibus principalem patronum 
elegisti, eiusque te cum pri- 
matibus ac reliquo terre po- 
pulo tuicioni pariter commi- 
sisti : continuis precibus deum 
bonorum omnium largitorem 
exoramus, ut ipsius muniaris 
suffragio, in cuius manu sunt 
omnia iura regnorum qua- 
tenus cius uallatus auxilio et 
interuencionibus apostolorum 
principum Petri et Pauli et 
adiabolicis muniaris insidiis, 
et corporali sospitate laeteris. 



i 6. Die unechten Papstbriefe. 



61 



jutorem ad defensorem pari- 
ter cum nobilibus viris fideli- 
bus tuis et cum omni populo 
terrae tuae amore fidelissimo 
elegisti; et usque ad finem, 
sub ipsius et vicarii ejus de- 
fensione coUa summittens, 
pio afifectu cupis, auxiliante 
Domino, utpote filius devo- 
tissimus, permanere. Pro qua 
scilicet tanta fide ac devo- 
tione tua et populi tui apo^ 
stolatus nostri ulnis extensis 
te quasi unicum filium amore 
ingenti amplectimur. 



ut anima et corpore tutus 
abetemo iudice bonis operi- 
bus decoratus, perpetua feli- 
citate doneris. Nos eciam 
qui eius uicariacione fung-imur, 
debitam solicitudinem prote 
gerentes, inquocumque in- 
digueris negocio, inhis quc 
ad salutem tuam pertinent 
deo auxiliante protectorem 
inuenies inomnibus. Quem 
obfidei dignitatem cum Omni- 
bus tuis fidelibus, nuUa terra- 
rum obsistente inter capedine, 
spiritualibus ulnis quasi pre- 
sentem amplectimur amore 
ut spiritualem filium. 



Bei Stephan folgt nunmehr der durch Wichings Klagen 
über die Irrlehren des Methodius notwendig gewordene 
dogmatische Teil , die Erläuterung des Glaubens über den 
hl. Geist. Entsprechend wird in der Fälschung die Recht- 
gläubigkeit des Methodius geschildert und betont, dafs er 
auf die Frage, die der Papst coram positis fratribus nostris 
episcopis an ihn richtete: 

si orthodoxae fidei symbolum ita crederet, et inter sacra 
missarum soUempnia caneret, sicuti S. Romanam ecclesiam 
tenere, et in sanctis sex universalibus synodis, a sanctis 
patribus, secundum evangelicam Christi Dei nostri auctori- 
tatem, promulgatum atque traditum constat, 

die befriedigende Auskunft und damit den vollen Beweis 
seiner Orthodoxie gegeben habe: se iuxta evangelicam et 
apostolicam doctrinam, sicuti sancta Romana ecclesia docet 
et a patribus traditum est, tenere et psallere. 



63 



Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 



Aus dem Erweis der Rechtgläubigkeit erfolgt die fak- 
tische Einsetzung und Bestätigung zum Erzbischof, bei 
Stephan des Wiching, in der Fälschung des Methodius imd 
die Mahnung an Swatopluck und sein Volk, dem Erzbischof 
zu gehorchen. Besonders in diesem Teil ist die Fälschung 
klar sichtbar, da der Fälscher Wort für Wort den Brief 
Stephans ausgeschrieben hat: 



I. E. 3319. Fälschung 
von 880. 
Nos autem illum in Omni- 
bus ecclesiasticis doctrinis et 
utilitatibus orthodoxum et 
proficuum esse reperientes, 
vobis iterum ad regendam 
commissam sibi ecclesiam 
dei remisimus, quem veluti 
pastorem proprium ut digno 
honore et reverentia, laetaque 
mente recipiatis jubemus, 
quia nostrae apostolicae auc- 
toritatis praecepto ejus archi- 
episcopatus ei Privilegium 
confirmavimus, et in perpe- 
tuum, Deo juvante, firmum 
manere statuimus; sicuti an- 
tecessorum nostrorum auc- 
toritate omnium ecclesiarum 
dei jura et privilegia statuta 
et firmata consistunt, ita sane, 
ut juxta canonicam tradi- 
tionem omnium negotiorum 
ecclesiasticorum curam ha- 
beat ipse et ea, velut Deo 
contemplante, dispenset. Nam 
populus Domini illi commis- 



I. L. 3407. Brief Ste- 
phans V. 
Inqua et Wichingum ue- 
Herandum episcopum et ca- 
rissimum confratrem aeccle- 
siastica doctrina eruditum 
repperimus, et ideo eum 
uobis adregendam sibi comis- 
sam adeo aecclesiam remi- 
simus, quia fidelissimum eum 
tibi, et prote satis solicitum 
inomnibus agnouimus. Quem 
ueluti spiritualem patrem, et 
proprium pastorem digno 
honore et debita reuerencia 
sincera mente recipite tenete 
et amplectimini , quia in eo 
cxibitum honorem Christo 
conferitis, ipso dicente: Qui 
uos recipit, me recipit. Et 
qui me recipit, recipit eum 
qui me misit. Ipse itaque 
omnium aecclesiasticorum 
negociorum officiorum habeat 
curam, et dei timorem pre 
oculis habens dispenset 
eadem, quia et prohis et 
proanimabus commissi sibi 



J 6. Die unechten Papstbriefe. 6S 

sus est et pro animabus populi ipse rcdditurus erit 
eorum hie redditunis erit districto iudici racionem. 
rationem. 

Die bei Stephan nun folgende Auseinandersetzung- über 
das Fasten hatte für den Fälscher wenig Wert, da für ihn 
nur das praktische Moment, die Amtseinsetzung des Me- 
thodius durch den Papst und die Bestätigung der Liturgie 
in Betracht kam. Er hat darum auch diesen Abschnitt 
nicht so, wie die anderen ausgeschrieben. Bei Stephan 
folgt dann weiter der Tadel, den der Papst durch die Be- 
richte des Wiching wohl veranlafst über Methodius aus- 
spricht. Dem entsprechend hat der Fälscher dem Johann 
Sätze in den Mund gelegt, die von der dem Methodius 
untergeordneten Person und Stellung des Wiching handeln. 
Nach den kanonischen Satzungen sei er der Untergebene 
des Methodius, nichts dürfe er ohne den consensus et Pro- 
videntia dessen thun. Was die Fälschung da über Wiching^ 
seine Stellung und über die weiteren Ordinationen von 
Bischöfen und Priestern sagt, scheint mir die richtige Sach- 
lage darzustellen und wird, ungeachtet der Brief gefälscht 
ist, doch für die geschichtliche Darstellung zu verwenden 
sein. Denn die Angaben des Fälschers stimmen zu der 
von den bayerischen Bischöfen in ihrem Schreiben vom 
Jahr 900 an Johann IX. erhobenen Klage über die kirch- 
lichen Verhältnisse: Est enim unus episcopatus in quinque 
divisus. Intrantes enim praedicti episcopi [die päpstlichen 
Legaten] in nomine vestro, ut ipsi dixerunt ordinavenmt, 
in uno eodemque episcopatu unum archiepiscopum (si tamen 
in alterius episcopatu archiepiscopium esse potest) et tres 
sufFraganeos eins episcopos. . . . 

Bei Stephan wird das ungerecht ausgesprochene Ana- 
thema als wirkungslos erklärt. Entsprechend betont der 
Fälscher, dafs Methodius zu solcher Handlung vom Papst 
autorisiert gewesen sei. Nur ist dieser Satz bei Stephan 
am Anfang, beim Fälscher am Schlufs des davon handeln- 



64 



Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 



den Abschnittes. Mit denselben Worten werden in beiden 
Schreiben die Streitsüchtig"en getadelt und auf die ihnen 
gebührende Strafe hingewiesen. 



I. E. 3319. Fälschung 
von 880. 
Presbiteros vero, diacones, 
seu cujuscunque ordinis cleri- 
cos, sive Sclavos, sive cujus- 
libet gentis, qui intra pro- 
vinciae tuae fines consistunt, 
praecipimus esse subjectos et 
obedientes in omnibus jam 
dicto confratri nostro, archi- 
episcopo vestro, ut nihil om- 
nino praeter ejus conscien- 
tiam agant. Quod si con- 
tumaces et inobedientes ex- 
sistentes scandalum aliquod 
aut Schisma facere prae- 
sumpserint, et post primam 
et secundam admonitionem 
se minime correxerint, quasi 
zizaniorum seminatores ab 
ecclesiis et finibus vestris 
auctoritate nostra precipimus 
esse procul abiiciendos, se- 
cundum auctoritatem capitu- 
lorum que illi dedimus et 
vobis direximus. 



I. L. 3407. Brief Ste- 
phans V. 
Contumaces autem et in- 
obedientes , contencioni et 
scandalo insistentes , post- 
primam et secundam admoni- 
cionem si se minime corre- 
xerit, quasi zizaniorum semi- 
natores ab aecclesie gremio 
abici sancimus, et neuna ouis 
moruida totum gregem con- 
taminet nostro uigore refre- 
nari et auestris finibus procul 
excludi precipimus. 



Bei Stephan wird nun der Gebrauch der slavischen 
Kirchensprache für alle Zukunft verboten und nur die sla- 
vische Predigt gestattet. In der Fälschung wird die Ein- 
führung der slavischen Liturgie als vom Papst genehmigt 
— iure laudamus — dargestellt und eingehend motiviert, 



5 6. Die unechten Papstbriefe. 05 

ebenso werden Übersetzung-en der hl. Schrift legitimiert. 
Dafs am Schlufs bestimmt wird, das Evangelium solle erst 
lateinisch und dann slavisch vorgelesen werden und Swato- 
pluck könne auch lateinische Messe sich lesen lassen, 
scheint mir in Würdigung der thatsächlich vorhandenen 
Hinneigung Swatoplucks zur fränkischen GeistHchkeit ge- 
schrieben zu sein und soll, wie ich oben schon bemerkte, 
die Niederlage der Methodianer etwas maskieren. Voronov, 
der die Fälschung für echt hielt und den Brief Stephans 
für falsch, findet in diesem Satz „ dafs dem Papst eine Kon- 
zession zugunsten der lateinischen Sprache abgenötigt war, 
dafs das mit den Überzeugungen des Papsttums nicht im 
Einklang war". Auch Jagid (Archiv IV, 122) erklärte sofort 
diese Meinung für durchaus grundlos. 

So ist, glaube ich, an der Thatsache, dafs der Brief 
Johanns eine Fälschung ist, nicht zu rütteln. Und ebenso 
klar ist, wann und zu welchem Zwecke diese Fälschung ge- 
schehen ist. Zu derselben Zeit, zu demselben Zwecke, zu 
dem das Schreiben Hadrians vom Jahre 869 gefälscht 
wurde. 

Wir stehen in dieser Fälschung in der Zeit nach dem 
Tode des Methodius. Wiching ist triumphierend von Rom 
als Erzbischof zurückgekehrt, vom Papst hat er die feier- 
liche Erklärung, dafs Methodius verworfen und das Charak- 
teristikum seiner Kirche, die slavische Liturgie, verdammt 
wird. In dem Kampf nun . gegen Wiching und um das 
Weiterbestehen des Werkes des Methodius brauchten Gorazd 
und seine Anhänger ebenso kräftige Kampfmittel, als die 
des Wiching waren. Daher machten sie denn diese Fäl- 
schungen, die Stück für Stück Wichings Brief widerlegen 
und als im Widerspruch mit früheren Entscheidungen 
stehend erweisen sollen. Die Thätigkeit des Methodius wird, 
wie dort verdammt, so hier päpstlich bestätigt. Sein und 
damit seiner Schüler Recht auf das Erzbistum und sein 
Werk, die Einführung der slavischen Liturgie, werden feier- 
lich durch zwei Päpste legitimiert. So glaube ich, ist die 

Goctz, Geschichte der Slavenapostel. 5 



66 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 

Fälschung- in den Wirren, die nach des Methodius Tod 
ausbrachen im Lager der Methodianer, als Kampfmittel 
gegen Wiching und seinen Brief Stephans entstanden. 

Und möglicherweise hat die Fälschung noch einen 
zweiten Zweck verfolgt. Aus der geschichtlichen Darstel- 
lung werden wir ersehen, dafs Methodius 879 von der gegen 
ihn erhobenen Anklage betreif seiner Rechtgläubigkeit sich 
rechtfertigen konnte. Nach einer Bemerkung Johanns in 
einem späteren Schreiben an Methodius (vom 23. März 881 
I. E. 3344) sendete Johann über den Ausgang dieser Sache 
ein eigenes Schreiben an Swatopluck, das die Orthodoxie 
des Methodius als vollkommen erwiesen darstellte. Dieses 
Schreiben besitzen wir nun nicht mehr, offenbar haben es 
die Gegner des Methodius, da es ihnen für ihre fortgesetz- 
ten Angriffe gegen Methodius unbequem war, unterdrückt 
und haben ein falsches untergeschoben. Methodius aber 
konnte diese Fälschung dem Wiching und seiner Partei 
nachweisen, hatte möglicherweise selbst eine Abschrift des 
echten Briefes an Swatopluck in Rom genommen. Auf 
dieses verlorene Schreiben hat nun auch unsere Fälschung 
direkten Bezug. Sie hatte den Zweck, dieses echte Schrei- 
ben an Swatopluck zu ersetzen, war vielleicht in den Teilen, 
die den thatsächlichen Verhältnissen entsprechen, nach 
diesem Schreiben gearbeitet. Die Bestätigung der Liturgie 
und dergleichen Dinge wurden dann dem Hauptzweck der Fäl- 
schung entsprechend hinzugefügt. Dann läge also der Fäl- 
schung von 880 in einzelnen Teilen und Behauptungen wenig- 
stens das echte Schreiben Johanns an Swatopluck zugrunde. 

Lapotre 1. c. stellt nun über die Echtheit des Schreibens 
von 880 und sein Verhältnis zu den echten Papstbriefen 
eine ganz neue Hypothese auf, die mir aber auf sehr 
schwacher Grundlage zu beruhen scheint. 

Er ist eingestandenermafsen in grofser Verlegenheit dar- 
über, wie der Widerspruch zwischen der Gestattung der 
slavischen Liturgie 880 durch Johann VIII. und dem Ver- 
bot derselben durch Stephan V. 88$ zu erklären oder zu 



§ 6. Die unechten Papstbriefe. 07 

beseitig-en ist, zumal Stephan V. sich ausdrücklich auf 
frühere Verbote Johanns und einen Eid des Methodius, dem 
Verbot folgen zu wollen, berufe. 

Bisher hatte man allgemein angenommen, in den uns 
erhaltenen Briefen Johanns VIII. habe man nur einen Aus- 
zug aus dem offiziellen Registrum, eine zu bestimmtem 
Zweck angelegte Auswahl und Briefsammlung, die in einer 
einzigen Handschrift früher in Monte Cassino, jetzt im 
Vatikan erhalten ist. 

Daraus ergab sich für alle bisherigen Forscher die Kon- 
sequenz, dafs in dieser privaten Sammlung, selbst wenn sie 
bis nahe an Johanns Zeit hinaufreiche, immerhin auch unter- 
schobene Briefe enthalten sein könnten. Und in unserem 
Fall ist die Aufnahme einer Fälschung in diese Sammlung- 
um so eher denkbar und wohl möglich, als die Fälschung 
selbst in vielen Stücken die genaue Kopie einer echten 
Urkunde ist und unmittelbar nach dem Tode Johanns ver- 
fertigt und als echte Urkunde desselben ausgegeben wurde. 
Dieser Konsequenz verschliefst sich auch Lapotre nicht. 
Du moment que Ton n'a devant soi qu'un recueil prive et 
d'origine inconnue, il est clair que la seule presence dans 
ce recueü d'une piece quelconque ne constitue pas en sa 
faveur une garantie absolue d'authenticite. Les gens mal 
informes ou mal impressiones [!in den Augen Lapotres 
natürlich gegen den päpstlichen • Stuhl] peuvent continuer 
a en suspecter les plus importantes. Cela est tellement 
vrai que M. Guido Levi lui meme nous a laisses, au bout 
de son excellent travail (II tomo I dei regesti vaticani 
Roma 1881, Archivio della societä romana di storia patria 
vol. IV) en suspens devant Tauthenticite des lettres slaves . . . 

(p. 2). 

Den bisherigen Annahmen gegenüber nun sucht er 
nachzuweisen, dafs die fragliche Handschrift von Monte 
Cassino nicht die Arbeit eines privaten Sammlers ist, sei 
diese selbst bald nach Johanns Tode geschehen, sondern 
dafs wir in dpr jns efh altenen Sammlung das vatikanische 




68 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 

Originalexemplar, den authentischen Text zu sehen haben, 
Le vieux recueil que possedait au onzieme siecle Tabbaye 
iDenedictine de Mont-Cassin, n'etait pas seulement dans mon 
opinion, la repetition fidele du rcgistre orig-inal, c'etait Tori- 
ginal meme le propre manuscrit du Latran, primitivement 
derobe aux archives pontificales, dechire, mutile dans un 
but tres interesse, et par des mains qui, heureusement pour 
nous se sont trahis (p. 22). 

Der Beweis dafür nun ruht auf sehr unsicherer Grund- 
lage und ist nach meiner Meinung- gar nicht überzeugend. 
Von vornherein ist das ganze Verfahren Lapotres schon 
deshalb sehr verdächtig, weil ihm das erlangte Resultat^ 
seine Hypothese, aus der Verlegenheit, in der er sich als 
römischer Geschichtsschreiber befindet, helfen soll, wie er 
sagt : cette hypothese a de plus Tavantage de preparer une 
Solution ä Tun des plus epineux problemes de ce temps 
fp. 28). 

Denn auf Grund seiner neuen Hypothese kommt er zu- 
nächst zu der Annahme, dafs die Echtheit des Schreibens 
von 880 unzweifelhaft feststeht, qu'il est desormais impossible 
de denier ä l'oeuvre de Methode Thonneur * d'avoir re^u 
Tapprobation entiere et sans restriction du Siege apostolique 
(p. 125). Dieses Resultat steht ihm so absolut fest, dafs 
er die Zweifel, die auch J. Friedrich an der Echtheit des 
Briefes von 880 hat, sehr wegwerfend behandelt als ab- 
gcthane Dinge , dont pas une actuellement . — d. h. auf 
Grund seiner Hypothese — ne garde de valeur. 

Nun aber deckt sich der Brief von 880 mit dem Ste- 
phans von 885 , der eine ist — wie auch Lapotre durch 
Gegenüberstellung der Texte zeigt — - offenbar nach dem 
anderen gemacht. So könnte also nur ein Brief unter 
beiden echt sein, der auch die Vorlage für den anderen 
gewesen wäre? Lapotre aber mufs — um wie gesagt den 
Widerspruch in dem Benehmen Johanns VIII. und Ste- 
phans V. auszugleichen — , einen anderen Ausweg finden. 
Und da hilft er sich durch folgende Kombination : der echte 



§ 6. Die unechten Papstbriefe. 69 

Brief Johanns VIII. von 880 gestattet feierlich den Gebrauch 
der slavischen Liturgie. Wiching aber, der bei Lapotre 
überhaupt in sehr schlechtem Lichte erscheint, fälscht diesen 
Brief und macht unter genauer Benutzung des Schreibens 
von 880 daraus ein Verbot der slavischen Liturgie, mit dem 
er gegen Methodius agitiert. 

Diese Kopie oder vielmehr Fälschung des echten Briefes 
von 880 hielt nun Stephan V. für echt, sie lag ihm vor 
bei Abfassung seines Schreibens im Jahre 885, und auf 
Grund dieses Schreibens verbot also Stephan V. mit ähn- 
lichen Formeln die slavische Liturgie, mit denen sie seiner 
Zeit Johann VIII. gestattet hatte. 

Wiching seinerseits hat mit seiner Fälschung gewifs 
nur Swatopluck täuschen wollen, aber thatsächlich hat er 
auch Stephan V. mit getäuscht. So ist denn für Lapotre 
glücklich der Widerspruch zwischen den Erlassen Jo- 
hanns VIII. und Stephans V. gelöst, le cauchemar d'un 
pape sciemment faussaire et imposteur, en matiere aussi 
grave, s'evanouit (p. 169). 

Diese Kombination wird von Lapotre unter einem grofsen 
Aufwand von rhetorischen Phrasen als der geschichtlichen 
Wahrheit entsprechend zu beweisen gesucht, so dafs sich 
seine Darstellung mehr wie ein Roman als wie eine ge- 
schichtliche Darlegung liest. Sehr bedenklich ist dabei die 
Art, wie er den früheren, wohl 879 in Rom abgelegten Eid 
des Methodius, die slavische Liturgie, Johanns Verbot ge- 
mäfs, fallen lassen zu wollen, aus der Welt zu schaffen 
sucht. Er läfst sich auf das frühere Verbot der slavischen 
Liturgie im Jahre 873 wenig ein, den Eid des Methodius, 
von dem Stephan V. spricht, vermischt er mit dem Eid, 
den nach Johanns Brief von 881 dieser angebhch dem 
Wiching auferlegt haben soll und wogegen sich Johann VIII. 
energisch dem Methodius gegenüber verwahrt. Gar dans 
cette lettre, ecrite un an apres le voyage de Methode, 
Jean VIII. parlait bien, en eifet, du fameux serment mais 
pour le traiter de pure invention, pour lui opposer un 



70 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 

dementi absolu (p. 131). Nachdem so Lapotre erst ohne 
weiteres beide Eide, den des Methodius und des Wiching-, 
die ja absolut verschiedener Art sind — gleichsetzt, sieht 
er sich doch genötigt, in der Anmerkung die Einschrän- 
kung zu machen, dafs dieses Dementi Johanns VIII. streng 
genommen sich nur auf den Eid Wichings be- j 
ziehe. Trotzdem fügt er dann die Behauptung hinzu: 
Mais en ruinant le pretendu serment de Wiching Jean VIII. 
a ruine plus encore celui de Methode. Und nach dieser 
Bemerkung fährt er fort, in seiner Darstellung die beiden 
Eide als eins zu behandeln und mit dem Eid des Wiching 
auch den des Methodius zu verwerfen. Es ist begreiflich, 
dafs sich mit einer solchen Methode historischer Darstellung 
oder vielmehr Zurechtlegung und Umdeutung der That- 
sachen alles beweisen läfst, was man zu beweisen, wegen 
des a priori feststehenden Zieles nötig hat. 

Thatsächlich scheint mir also Lapotres Hypothese, ab- 
gesehen von solchen Mitteln geschichtlicher Darstellung, 
die ganze Sachlage hinsichtlich des Briefes von 880 auf 
den Kopf zu stellen; weil der Inhalt des Briefes, die Be- 
stätigung der slavischen Liturgie durch Johann VIII. für 
Lapotre von vornherein geschichtlich absolut feststeht, 
mufs mit allen Mitteln die Briefsammlung Johanns VIII. 
und damit auch dieser Brief — entgegen der Annahme 
aller bisherigen Forscher — als authentisch nachgewiesen 
werden ^). 

Der richtige Weg ist dagegen, aus der Übereinstimmung 
mit dem ganzen Verlauf der Geschichte des Methodius und 
aus der Textvergleichung die Entscheidung über die Echt- 
heit des Briefes von 880 und damit über die Authentizität 
der Briefsammlung Johanns VIII. zu fällen. Diesen von mir 



i) In den Acta BoUandiana (1893) ^^^t 47^ werden die früheren, dieses 
Thema und Johann VIII. behandelnden Artikel Lapotres in den „Etudes reli- 
gieuses" LIII, 261; LIV, 680; LIX, 169 besprochen und ihre Resultate 
angenommen. Bezeichnend ist auch hier der Satz: Le R. P. Lapotre a 
r^solu ce probleme ä la gloire de l'Eglise et du Saint-Siege. 



§ 7« I^ie conversio Bagoariorum et Carantanoruni. 71 

eingeschlag-enen Weg- hält auch Levi (1. c, p. 187) für 
den richtig-en: Ma intorno alla piü o meno diretta fig-lia- 
zione del nostro Codice dal Reg-esto ufficiale . . ., se non 
erano da tacersi le cose fin qui esposte, sarebbe temerario 
volerne dedurre troppo assolute conseguenze massime 
prima che sia definita la controversia intorno 
air autenticitä delle lettere relative a Metodio 
e di alcune altre forse ancora piü sospette. Su questo 
proposito, che oltrepassa i limiti del mio lavoro debbo solo 
fare osservare, che se anche tali lettere si vog"liano con- 
dannafe come spurie, esse hanno certamente un' orig-ine 
piü antica del codice deV Archivio Vaticano. 

§ 7. Die conversio Bagoariorum et Carantanorum ^) 

und das Schreiben des bayerischen Episkopats an 

Johann IX. vom Jahre 900. 

(Vgl. Potthast 2 1, c, p. 728.) 

Eine weitere zweifellos echte Quelle für die Geschichte 
des Methodius ist — wenn direkt auch nur in zwei 
Sätzen — die Anonymi Salisburgensis historia conversionis 
Bagoariorum et Carantanorum (M. G. SS. XI, p. i — 17). 

Es ist das (wie Ginzel in Kürze sie treffend charak- 
terisiert S. 7) eine von Salzburg ausgegangene Urkunde, 
welche es unternimmt, auf historischem Wege das Recht 
der Salzburger Erzbischöfe auf das östliche Pannonien dar- 
zulegen und hiermit das bischöfliche Walten Methods auf 

i) Das Excerptum e libello de conversione Bagoariorum et Caran 
tanorum (ex cod. bibl. caes. Vindob., nr. 423 sec. XIII bei Watten- 
ba c h : Beiträge zur Gesch. d. christl. Kirche in Mähren u. Böhmen, S. 50) 
kommt nicht in Betracht. Der hierher gehörende Passus lautet: Post hunc 
[sei. Hosbaldus episcopus Karentanorum] interiecto aliquo tempore super- 
venit quidam Sclauus ab Hystrie et Dalmatie partibus nomine Methodius 
qui adinuenit Sclauicas literas et Sclauice celebravit diuinum officium et 
uilescere fecit Latinum ; tandem fugatus a Karentanis partibus intravit 
Marauicam, ibique quiescit. 



73 Erster Abschnitt: Primäre Quellen für Methodius. 

diesem Gebiete als einen widerrechtlichen Eingriff in die 
kirchliche Jurisdiktion Salzburgs zu erweisen. Der Inhalt 
dieser Urkunde charakterisiert sie als das Werk eines aus 
amtlichen Aufzeichnungen wie aus unmittelbarer Erfahrung 
und Anschauung schöpfenden Zeitgenossen Methods. 

Es ist also ein Gegenstück zur Vita Methodii, wie in 
der Vita die Tendenz herrscht, die Wirksamkeit des Me- 
thodius als durch die päpstliche Autorisierung berechtigt 
darzustellen, so verficht die conversio dem päpstlichei;! 
Standpunkt gegenüber das Recht der Salzburger Kirche. 

Hinsichtlich der Abfassungszeit gehen die Meinungen 
auseinander. Es hängt das davon ab, wie der folgende 
Satz der conversio gedeutet wird. A tempore igitur, quo 
dato et praecepto domni Karoli Imperatoris orientalis Pan- 
noniae populus a Juvavensibus regi coepit praesulibus, 
usque in praesens tempus sunt anni LXXV. Ginzel deutet 
den Satz auf den nach der conversio im Jahre 798 an 
Arno ergangenen Befehl Karls, das bischöfliche Amt zu 
übernehmen, läfst also die conversio im Jahre 873 verfafst 
sein und zwar vor dem 14. Mai 873 , weil an diesem Tag 
Adalwin von Salzburg starb, die conversio aber nach ihrer 
eigenen Angabe zu dessen Lebzeiten geschrieben ist. Watten- 
bach, der Herausgeber der conversio in den M. G. und 
nunmehr ihm folgend Dümmler, verlegen die Abfassung in 
das Jahr 870 und beziehen den fraglichen Satz auf die 
erste Verleihung Pippins im Jahre 796, nach Dümmler ist 
bei der Berechnung nach römischer Art das Jahr 796 als 
Anfangsjahr der 75 Jahre mitzuzählen. Ich schliefse mich 
der Meinung Wattenbachs (Deutschlands Geschichtsquellen s 
I, 273, ibid.^ I, 291) an, vor allem deshalb, weil ich diese 
Datierung im Zusammenhang mit der Lösung der zweiten 
Frage, die hier in Betracht kommt, für richtig halte. 

Diese zweite Frage ist: für wen ist die conversio ge- 
schrieben, für den König Ludwig oder für den Papst? 
Dümmler (Ostfränk. Reich ^ II, 379) meint, sie sei für den 
Papst geschrieben, nicht für den König, der von allen in 



J 7. Die conversio Bagoariorum et Carantanorum. "J^ 

der conversio g-cschilderten Vorgäng-en ohnehin Kenntnis 
gehabt habe und den sein natürhcher Anteil schon auf 
Adalwins Seite gestellt habe. „Nicht darauf kam es an, 
seinen Beistand sich zu sichern, sondern gegen den Papst, 
von dem der Angriff ausgegangen, das Anrecht dergbaye- 
rischen Kirche auf Pannonien aufrecht zu erhalten und zu 
verteidigen.** Wattenbach dagegen läfst die conversio für 
den König Ludwig geschrieben sein, eine Ansicht, die ich 
gleichfalls für die richtige halte und für die sich gute Gründe 
anführen lassen. In der 6. Auflage seiner Geschichtsquellen 
aber läfst es Wattenbach dahingestellt, ob sie für König 
oder Papst bestimmt war, ,, sicher ist sie in ihrer Form nicht 
an den Papst gerichtet." Wäre die Denkschrift für den 
Papst gewesen, so hätte er gewifs in einem der aus jener 
Zeit vorhandenen Schreiben an die bayerischen Bischöfe 
darauf Bezug genommen, das ist aber nicht der Fall. 
Weiter bemerkt Wattenbach mit Recht: „Doch ist es mir 
ganz unglaublich, dafs man dem Papst gegenüber gewagt 
haben würde, die von päpstlicher Seite in dieser Sache ge- 
troffenen Anordnungen so gänzlich zu ignorieren." Schwer- 
lich würden die Bischöfe sich getraut haben, den vom Papst 
geweihten und eingesetzten Erzbischof seinem Schutzherrn 
gegenüber mit dem ganz verächtlichen quidam graecus Me- 
thodius nomine zu bezeichnen ^). Gegen diesen Einwand 
hüft Dümmlers Bemerkung nichts, die Bayern hätten die 
Weihe und Würde des Methodius nicht anerkannt und tot- 
schweigen wollen. Und auf das gleiche Verfahren im Brief 
des bayerischen Episkopats darf man sich deshalb nicht 
berufen, weü da Methodius schon fünfzehn Jahre tot ist 
und es sich gar nicht mehr um seine Person und doctrina 
handelt. 

Ich glaube, dafs die conversio für den König bestimmt 



i) Dazu vgl. aber unten J 20, wo sich im Zusammenhang mit dem 
Gang der Geschichte des Methodius möglicherweise eine Beschränkung des 
hier Gesagten und eine noch genauere Datierung der Conversio ergiebt. 



74 Erster Abschnitt: Primäre Quellen fiir Methodius. 

war und von den bayerischen Bischöfen ihm vor der Ab- 
setzung" des Methodius unterbreitet wurde, um das Anrecht 
Salzburgs auf Pannonien zu beg-ründen und damit die Er- 
laubnis des Königs zu dem geplanten Vorg-ehen gegen 
Meth^^dius bzw. zu dessen Absetzung zu erlangen. Um den 
Papst haben sich dabei Adalwin und seine Genossen gar 
nicht gekümmert. Meine Ansicht finde ich bestätigt durch 
das Schreiben Johanns an König Ludwig vom Frühjahr 873 
(I. E. 2970) , das das päpstliche Recht auf Pannonien ver- 
ficht. Wahrscheinlich hatte der Papst mit der Nachricht 
von der Absetzung des Methodius auch von dem Inhalt 
der an den König gerichteten conversio Kenntnis erlangt 
und nahm daraus Anlafs, den König auf des Papstes bzw. 
des Methodius Seite zu bringen, indem er ihn über das 
päpstliche Recht belehrte. Den gleichen Auftrag hatte sein 
Legat Paul von Ancona, dessen Commonitorium I. E. 2976, 
so weit es Ludwig betrifft, sich ziemlich mit dem Brief 
Johanns deckt. Die bayerischen Bischöfe behaupteten in 
der conversio, seit 75 Jahren habe Salzburg unbestritten 
die kirchliche Oberleitung über Pannonien gehabt. Dem 
gegenüber verweist der Papst den König auf das noch ältere 
päpsthche Recht, das sei schriftlich niedergelegt. Weil in 
den langen Kriegswirren von Rom kein Bischof geschickt 
worden sei, darum habe das päpstliche Recht doch nicht 
aufgehört zu existieren. Mit dem verlangten Frieden seien 
auch die päpstlichen Rechte wieder in Kraft getreten. Von 
einer Verjährung könne man nicht reden, nach Römischem 
Recht trete die in dem Falle erst nach 100 Jahren ein, 
überhaupt in solchen Dingen gebe es keine Verjährung. 
Das Schreiben enthält sogar, glaube ich, eine direkte 
Bezugnahme auf die Rechtsbegründung der Bischöfe und 
einen scharfen Tadel dieser selbst in dem Satz: Verum 
quia quibusdam hostilium turbationum simultatibus impe- 
dientibus, ilHc ab apostolica sede non est diu directus an- 
tistes, hoc apud ignaros venit in dubium. Nemo 
autem de annorum numero resultandi sumat fomentum. 



^ 7. Die conversio Bagoarioram et Carantanorum. 75 

Die gleiche Tendenz verficht das Schreiben des baye- 
rischen Episkopats an Papst Johann IX. aus dem Jahre 900 
(Ginzel, Anhang S. 68 — 72 vgl. über die früheren Ausgaben 
Dümmler, Ostfränk. Reich' III, 511'). Es ist in schar- 
fer Sprache gehalten und erhebt heftige Klage über das 
den Bischöfen durch die Legaten des Papstes angethane 
Unrecht, dafs gegen das alte Recht der bayerischen be- 
sonders der Passauer Kirche vom Papst Bischöfe eingesetzt 
würden. Heftige Vonvürfe werden gegen die Methodianer 
erhoben, „einen Geist leidenschaftlicher Gehässigkeit atmet 
die ganze Beschwerdeschrift** (Dümmler III, 314, Bretholz, 
Geschichte Mährens I, 100 f.). Von besonderem Wert für 
die Geschichte des Methodius ist sie schon deshalb nicht, 
weil absichtlich das Leben und die Wirksamkeit des Me- 
thodius gänzlich unerwähnt bleiben, und der darin verfoch- 
tene Rechtsstandpunkt ohnehin der der conversio ist. Auch 
die gegen die Methodianer geschleuderten Anklagen kommen 
für die Darstellung der Thätigkeit des Methodius nicht in 
Betracht. Der Brief erwähnt ein von den Methodianern 
gefälschtes päpstliches Schreiben, nach der Charakterisierung 
und dem Inhalt des Schreibens kann es aber keine von den 
besprochenen Fälschungen, sondern mufs kurz vor 900 ge- 
fertigt worden sein. 



Zweiter Abschnitt, 
Sekundäre Quellen. 



Unter die sekundären Quellen rechne ich alle jene 
Urkunden, die die Lebensgeschichte der beiden Slaven- 
apostel mit einer bestimmten religiösen oder kirchenpoli- 
tischen Tendenz darstellen. Ferner gehören hierher alle 
jene Quellen, die mehr den Charakter der ausgeschmückten 
Legende als den einer rein historischen Urkunde, wie es 
die Papstbriefe und die translatio etc. sind, tragen. Von 
früheren Forschern, zumal den slavischen Voronov, Lavrovs- 
kij u. a. sind gerade diese von mir sekundär genannten 
Quellen als die sichersten für den Aufbau der Lebens- 
geschichte des Konstantinus und Methodius hingestellt wor- 
den, während die translatio des Gauderich für ziemlich wert- 
los erklärt wurde. Dafs nun diese Quellen als sekundäre 
und teüweise für die geschichtliche Darstellung als minder- 
wertige erscheinen, ist vielfach wieder in der Auffindung 
des Briefes des Anastasius und dem dadurch notwendig 
gewordenen neuen Aufbau der Geschichte der Slaven apostel 
begründet. 

Ich bringe hier die vonviegend den Methodius be- 
treffende Quelle, die Vita Methodn, zuerst zur Untersuchung, 
und zwar, um das vorgreifend zu bemerken, weil sie älter 
und zuverlässiger ist als die erste sekundäre Quelle für 
Konstantinus, die Vita Konstantini, und sogar letztere von 
der Vita Methodii abhängig ist. 



i 8. Die Vita Methodii. 77 

A. Vorwiegend für Methodius. 

§ 8. Die Vita Methodii. 

Paul Joseph Safafik ^) machte in seinen ,,Pamatky 
Drewniho Pisemnictni Jihoslovanuv", Prag 1851, eine alt- 
russische Legende von Method bekannt, die ihrer Sprache 
nach dem 14. Jahrhundert angehört. Den altrussischen 
Text dieser Legende, der sich aber nur als Übersetzung 
eines griechischen Textes zu erkennen giebt, übersetzte 
Dr. Franz Miklosich, Professor der slavischen Litteratur an 
der Wiener Universität, zu Händen Ernst Dümmlers ins 
Lateinische, und dieser veröffentlichte die Vita Methodii 
unter dem Titel der „ pannonischen Legende" mit einer 
Einleitung über die Glaubwürdigkeit derselben, so wie mit 
Anmerkungen und Exkursen versehen im „Archiv für 
Kunde österreichischer Geschichts- Quellen 'S 13. Band, 
I. Heft, S. 14s — 199. Eine weitere Ausgabe sowohl des 
russisch-slovenischen als auch des lateinischen Textes er- 
folgte 1870 von Miklosich selbst, altslavisch und böhmisch 
ist sie von Perwolf in den „Fontes rerum Bohemicarum" I, 
39 — 52 ediert. 

Nach Dümmler gehört sie in die zweite Hälfte des 
9. Jahrhunderts, ist kurz nach dem Tode des Methodius 
geschrieben, weil sie die Verfolgung seiner Schüler nicht 
erwähnt, S. 153, ihre Ursprache sei nach Miklosich grie- 
chisch, ihre Heimat sei das slovenische Pannonien, weil der 
Verfasser sich selbst von den Mähren genau unterscheide, 
S. 153. Der Verfasser sei mit allen Verhältnissen genau 
bekannt und sei als ein Schüler des Methodius anzusehen, 
S. 153. 

Der allgemeine Standpunkt der Vita sei der, dafs sie 
geschrieben sei von einem Mann, der unter der Jurisdiktion 
des Papstes stehe. An vielen Stellen komme das zum Vor- 
schein, S. 151. Der dogmatische Glaube sei der orthodoxe, 

1) Ginzel S. 14. 



78 Zweiter Absclmitt: Sekundäre Quellen für Methodius. 

S. 151, das zeige sich vor allem in der Verwerfung und 
Verketzerung des filioque. „Unsere Legende im allgemeinen, 
wenn wir sie mit unbefangenem Blicke betrachten, macht 
ganz den Eindruck einer schlichten und ungeschminkten 
Darstellung wirklicher Thatsachen. Viele derselben lassen 
sich mit unseren sonstigen Nachrichten sehr wohl in Ein- 
klang bringen, bei einigen fehlt es uns gänzlich an ander- 
weitigen Zeugnissen, wodurch sie entweder bestätigt oder 
widerlegt werden können. Nirgends finden sich indessen 
unmögliche oder wunderbare Dinge berichtet, welche gegen 
die Glaubwürdigkeit unserer Quelle Zweifel erregten; es 
fehlt ihr durchaus der sagenhafte Charakter einer im Munde 
des Volkes ausgeschmückten und entstellten Überlieferung, 
und ihre Auffassung der Begebenheiten pafst auf keine 
andere Zeit und kein anderes Land, als die denen wir sie 
zugewiesen, am wenigsten auf das strenggriechische Rufs- 
land. Da nun auch ein bestimmter Zweck sich nicht denken 
läfst, zu welchem irgendein später Lebender die Legende 
untergeschoben haben sollte, so bleibt uns wohl kaum etwas 
anderes übrig, als für den Verfasser einen der in Pannonien 
erworbenen Schüler des Methodius zu achten, welcher in 
der vom Meister erlernten griechischen Sprache die Thaten 
desselben gleich nach seinem Tode zur Erbauung für die 
Nachwelt niederschrieb." 

Die Anschauungen Dümmlers habe ich deshalb aus- 
führlich wiedergegeben, weil ich sie selbst in vielen Punkten 
teile und für oder gegen einzelne Behauptungen Dümmlers 
gleichfalls Beweise beibringen will. 

Ginzel ist mit Dümmlers Wertschätzung der Vita Me- 
thodü nicht einverstanden. Er sagt vielmehr (S. 14): „Ich 
kann mich mit diesem Urteile nicht ganz einverstanden 
erklären, sondern mufs die pannonische Legende vielmehr 
als das Machwerk eines griechischen Schismatikers bezeich- 
nen, der es darauf angelegt hat, seiner Erzählung das Ge- 
präge zu geben, als rühre sie von einem Zeitgenossen des 
Method her, und der zwaf einige richtige Daten aus der 



§ 8. Die Vita Methodii. 79 

kirchlichen Tradition der Slawen uns bewahret, aber auch 
nicht wenig^er offenbarer Unrichtigkeiten sich schuldig ge- 
macht hat." Ob Ginzel recht hat, wird sich aus der Unter- 
suchung der Vita ergeben. Hätte er recht, so wäre das 
Charakteristikum der Vita, dafs nämlich der Autor sich so 
streng auf den römisch Jurisdiktionellen Standpunkt stellt, 
eine Fiktion, die dem Verfasser nicht recht von Herzen 
kam und die nur zu dem Zwecke angewendet wurde, um 
die Stellung des Methodius den Franken gegenüber zu ver- 
teidigen. Man kann sich dieser Absicht zuneigen, zumal 
wenn man bedenkt, dafs Methodius sich in der Organi- 
sation seiner Kirche, wenn er auch äufserlich von Rom ab- 
hängig war, doch wenig um den päpstlichen Willen ge- 
kümmert hat, und z. B. vor allem ruhig fortfuhr, trotz 
aller päpstlichen Verbote, die heilige Messe in slavischer 
Sprache zu feiern. 

Ganz anders urteilt Voronov (,,Die hauptsächlichsten 
Quellen zur Geschichte des heiligen Cyrill und Method*', 
1876) über die Vita Methodii und in Verbindung damit 
zugleich über die Vita Konstantini. Sein Buch liegt mir 
nicht vor, und seine Behauptungen sind mir nur aus dem 
ausführlichen Referat von Jagid (Archiv für slavische Philo- 
logie, IV) bekannt. Die wichtigsten Resultate sind folgende 
(Jagid S. 109 — iio): 

i) „Beide Legenden [die Vita Methodii und die Vita 
Konstantini] gehören demselben Verfasser an und können 
nicht als zwei abgesonderte und selbständige Quellenschriften 
betrachtet werden. 

2) , , Die ursprüngliche Abfassung derselben war griechisch . 
Die slavische Redaktion gilt als Übersetzung aus dem Grie- 
chischen, vielleicht mit einigen Abweichungen vom Ori- 
ginal. 

3) „Der Verfasser der Legenden war ein gelehrter 
Slave, der zur orientalischen Kirche gehörte und nicht in 
Pannonien, sondern in Bulgarien lebte. 

4) „Er war kein unmittelbarer Schüler und Augenzeuge 



80 Zweiter Abschnitt: Sekundäre Quellen für Methodius. 

der Wirksamkeit der beiden Apostel und schrieb ihre Bio- 
g-raphieen nicht vor dem zweiten Viertel des lo. Jahr- 
hunderts. 

5) „Bei der Abfassung- benutzte er zum Teil griechische 
und einige lateinische Quellen, zum Teil Überlieferungen, 
die bis in seine Zeit reichten." 

Die Beweise, die Voronov für seine Behauptungen bei- 
bringt, sind teilweise für einen Nichtkenner des Slavischen 
unkontrollierbar, teilweise zweifelt Jagid selbst schon an 
ihrem Wert, teilweise operiert zu ihrer Aufstellung Voronov 
mit einer durch Friedrichs Fund als absolut falsch erwiese- 
nen Meinung über die translatio des Gauderich (s. o. S. 18). 

Eine der wichtigsten allgemeinen Behauptungen Voro- 
novs scheint mir die zu sein (Jagid S. 108), „dafs wir es 
nach der Intention des Schreibers nicht mit einer ge- 
schichtlichen Monographie, sondern mit der Lebens- 
beschreibung zweier Heiligen zu thun haben''. Ob 
wirklich die Vita Methodii nur diesen rein hagiographischen 
und keinen geschichtlichen oder kirchenpolitischen Zweck 
verfolgt, w4rd die genauere Untersuchung ergeben. Fried- 
rieh (S. 395) läfst unentschieden, wer mehr recht habe mit 
seinen Aufstellungen, Voronov oder Dümmler. Bezüglich 
des Verhältnisses der Vita Methodii zur Translatio äufsert 
er sich dahin, dafs die Vita die Translatio nicht benutzt 
habe (S. 427). 

Im allgemeinen meint er, ,,dafs diese Vita äufserst vor- 
sichtig und behutsam benutzt werden mufs" (S. 428). 



Der Standpunkt nun, von dem aus die Vita verfafst ist 
und die allgemeine Tendenz ist dieselbe wie in den beiden 
Fälschungen der Methodianer von 869 und 880. Dieser 
römisch-kirchliche Standpunkt tritt an verschiedenen Punk- 
ten deutlich hervor. 

Gleich nach Aufzählung der biblischen Helden und der 



§ 8. Die Vita Methodii. 81 

Apostel Petxus und Paulus geht der Verfasser nach flüch- 
tig-er Erwähnung- der Märtyrer auf die Päpste über, die 
er als die successores sanctorum apostolorum bezeichnet. 
Dümmler hat schon darauf hing^ewiesen (S. 151), dafs bei 
Aufzählung- der allgemeinen Konzilien er überall " die 
Namen der Päpste, unter denen sie gehalten wurden, 
voranstellt. 

Ganz ungeschichtlich, römischer Tradition entsprechend, 
ist dabei die Rolle, die er die Päpste auf diesen Konzilien 
spielen läfst. So schreibt er z. B. dem Sylvester mit Hilfe 
des Kaisers Konstantinus die Berufung des Konzils von Ni- 
cäa und die Überwindung und Verdammung des Arius zu, 
ähnlich stellt er Leo den Grofsen bei der Erwähnung des 
Konzils von Chalkedon in den Vordergrund. 

Nach abendländischer Sitte zählt er nur sechs allge- 
meine Synoden auf, genau so wie es in der Fälschung von 
SSo geschieht *). Die Person des heiligen Petrus, auf dessen 
Stellung die des Papstes ruht, wird absichtlich hervor- 
gehoben. Die Mähren haben vor alter Zeit schon die 
,, Taufe des heiligen Petrus" empfangen, d. h. unterstehen 
der Jurisdiktion des Papstes. Die Gegner des Methodius 
können zwar auf Erden straflos bleiben, dem Gericht des 
heiligen Petrus — der hier an Gottes Stelle genannt wird — 



i) Voronov in Jagic, Archiv IV, 102, meint, die Nichterwähnung des 
siebenten allgemeinen Konzils dürfe nicht als Beweis antiorientalischer 
bezw. abendländischer Gesinnung gelten oder für seine römische Partei- 
stellung zeugen. Auch in der orientalischen Kirche mit Ausnahme der von 
Konstantinopel sei häufig nur von sechs allgemeinen Konzilien die Rede 
gewesen , „ weswegen auch Photius in einer Encyklika diese zur Anerken- 
nung des siebenten allgemeinen Konzils aufforderte, das ablehnende Ver- 
halten der römischen Kirche war also nicht ausschliefslich ". Den Er- 
klärungsversuch Voronovs, die Helden, mit denen Methodius verglichen 
werden sollte, seien nur auf den sechs ersten Konzilien, aber nicht mehr 
auf dem siebenten vorhanden gewesen, darum erwähne Methodius dieses 
letztere nicht, nennt auch Jagiö „etwas künstlich" und der Voraussetzung 
Voronovs entspringend ; die Vita Methodii und die Vita Konstantini seien 
von einem Verfasser. 

Goetz, Geschichte der Slavenapostel. 6 



82 Zweiter Abschnitt: Sekundäre Quellen für Methodius. 

werden sie nicht entgehen und sind ihm auch nicht ent- 
gangen, denn vier von ihnen sind schon gestorben (Kap. lo). 

Wenn nun aber auch der Verfasser rechtlich als An- 
gehöriger der römischen Kirche erscheint und sich viel- 
leicht absichtlich recht bemüht, das zu zeigen, so ist er in 
dogmatischer Hinsicht doch aufseiten der orthodoxen Kirche. 
Vor allem tritt das zutage in der Stellung, die er hinsicht- 
lich der Lehre vom Ausgang des heiligen Geistes ein- 
nimmt. Gleich im Anfang im ersten Kapitel verteidigt er 
den Ausgang des heiligen Geistes vom Vater, vielleicht in 
absichthchem Gegensatz zu der dogmatischen Auseinander- 
setzung im Briefe Stephans V. an Swatopluck. Und sein 
letztes Wort ist das Gebet zu Gott um Verfolgung der 
Häresieen. 

Genau entsprechend wie in dem Briefe Stephans V. 
Wiching, der sich gegen Methodius aufgelehnt hat, als or- 
thodox vom Papste bestätigt wird, so nennt ihn und seinen 
Anhang der Verfasser der Vita Methodii Anhänger der 
hyiopatorischen Ketzerei, was ja in den Kämpfen, die nach 
des Methodius Tod ausbrachen, gewifs ein Hauptschlagwort 
der Methodianer war. 

Auch die kurze Bezeichnung Imperator für den griechi- 
schen Kaiser und die hohe Befriedigung über die Appro- 
bierung der Thätigkeit und Lehre des Methodius durch den 
Kaiser und den Patriarchen (Kap. 13) weisen auf einen An- 
gehörigen der griechischen Kirche hin, möglicherweise 
auch, dafs der Verfasser am Ende des 9. Jahrhunderts noch 
eigens den Honorius Romanus als verdammten Ketzer auf- 
zählt (Kap. i). 

Also der kirchlichen Jurisdilction nach stellt sich der 
Verfasser unter Rom. Sein sichtliches Bemühen, das in 
der ganzen Vita kenntlich ist, besteht darin, die Einsetzung 
des Methodius als Erzbischof, wie seine Thätigkeit als im 
Befehl und Auftrag des Papstes geschehen hinzustellen. 
Den Gegnern des Methodius, die die Jurisdiktion über 
Mähren und Pannonien für sich beanspruchen, gegenüber, 



? 8. Die Vita Methodii. 8S 

verficht er zunächst als Grundlage für die kanonische Sen- 
dung des Methodius das noch ältere Recht des Papstes, 
genau wie dieser selbst es in seinen Schreiben thut. So 
sagt er vielleicht absichtlich gegen die fränkischen Bischöfe 
in Kap. 2 von seinem Volke, niemand habe früher Sorge 
um dieses getragen. Und nach Kap. lo begründen die 
Mähren, als sie nach der Vertreibung der fränkischen Geist- 
lichkeit vom Papst den Methodius erbitten, das damit, dafs 
sie eigentlich von uralter Zeit her zur Herde des Papstes 
gehören, denn ehe noch die Franken kamen (antea), haben 
sie ja die Taufe des heiligen Petrus empfangen. 

Und Methodius selbst verficht auf der in Kap. 9 ge- 
schilderten Synode den bayerischen Bischöfen gegenüber 
das Recht des heiligen Petrus auf Mähren und Pannonien 
und genau so wie Johann VIII. in seinem Brief an König 
Ludwig, behauptet er, die bayerischen Bischöfe sündigten 
gegen die alten Satzungen. 

Auf dieser Grundlage, der päpstlichen Jurisdiktion, er- 
scheint dann auch des Methodius Thätigkeit gerechtfertigt, 
da ihm die Mission dazu vom Papste erteilt ist. Vom Papst 
ist er zum Priester (Kap. 6) und Bischof (Kap. 8) für Pan- 
nonien ordiniert. Als vollgültiger Verfechter der römischen 
Jurisdiktion tritt darauf auch Methodius in der Vita auf, und 
da er in seinem Kampf gegen die bayerischen Bischöfe 
unterliegt, erscheint er als Märtyrer für die Sache des 
Papstes und des Apostels Petrus, dem darum auch das 
Anathema des Papstes und des Petrus wirksam helfend zur 
Seite steht. Was dagegen die feindlichen Bischöfe gegen 
ihn sinnen, gilt dem Verfasser als Einflüsterung der bösen 
Geister des Teufels. 

Wie nun die Thätigkeit des Methodius überhaupt auf 
ihrer päpstlichen Bestätigung ruht, so erscheint auch der 
Gebrauch der slavischen Kirchensprache durch die aus- 
drückliche Sanktion des Papstes gerechtfertigt (Kap. 6). 
Beachtenswert ist, dafs die Gegner der slavischen Kirchen- 
sprache nicht wie der Papst in seinem Brief an Methodius 

6* 



84 Zweiter Abschnitt: Sekundäre Quellen für Methodius. 

vom Jahr 879, J. E. 2978, cf. 3268 von zwei erlaubten 
liturgischen Sprachen reden, sondern von drei, hebräisch, 
lateinisch, griechisch (Kap. 6). Sie kennen also die Argu- 
mentation des Papstes gar nicht, ein Beweis, dafs diese er- 
zählte Sanktion eben nicht auf einer wirklichen Thatsache 
beruht, sondern zu einer Zeit erdichtet ist, wo man gewohnt 
war, nur mehr mit drei Sprachen als mit zum Gottes- 
dienst erlaubten Sprachen zu operieren. Abgesehen nun 
von dem in der Vita überlieferten Brief Hadrians von 869 
ist weiter in der Vita von der liturgischen Frage nicht die 
Rede. Alles dreht sich um die Rechtsfrage, Methodius 
nur als den berechtigten Mandatar des Papstes hinzustellen. 
Die Differenzen, die er mit dem Papste über die Liturgie 
hatte, übergeht der Verfasser absichtlich. Mit der Sanktion 
der Liturgie durch Hadrian, oder wie er in Kap. 6 unrich- 
tig sagt Nikolaus — ist für ihn die Sache erledigt. Auch 
das ist ein deutlicher Beweis für die Annahme, dafs Me- 
thodius sich um die päpstlichen Verbote der Liturgie nicht 
kümmerte, sie absichtlich verletzte. Als dann nach seinem 
Tode die erneute päpstliche Verdammimg erfolgte, suchten 
seine Schüler ihn dadurch zu rechtfertigen, dafs sie die 
päpstlichen Bestätigungen fälschten. 

Die allgemeine Tendenz ist also die, den Methodius als 
einen den biblischen Helden und grofsen Gestalten der 
christlichen Kirche ebenbürtigen Mann (Anfang von Kap. 2, 
Kap. 14) und sein Lebenswerk als im Auftrag des Papstes 
geschehene und darum berechtigte Arbeit hinzustellen. 

Der Verfasser ist offenbar ein Zeitgenosse, der die 
Kämpfe des Methodius als dessen Schüler wohl alle mit 
durchgemacht hat, wie er sich auch zu denen rechnet 
(Kap. 9 contra nos), die von den fränkischen Bischöfen 
verfolgt werden. Er ist kein Grieche (Kap. 2) und auch 
kein Mähre (Kap. 9 und 10), denn von beiden unterschei- 
det er sich ausdrücklich. Da er aber in Kap. 2 von „un- 
serem Volk" spricht, dessen Lehrer Methodius sei und 
sich in Kap. 17 zu den discipuli und der grex des Me- 



§ 8. Die Vita Methodii. 85 

thodius rechnet, wird er wohl, wie schon Dümmler richtig- 
erkannte, ein pannonischer Slovene sein. 

Geschrieben ist die Vita, scheint mir, bald nach dem 
Tode des Methodius, ihr Zweck scheint mir derselbe zu 
sein wie der der Fälschungen von 869 und 880 ; ein 
Kampfmittel in der Hand der Methodiancr gegen den mit 
neuen päpstlichen Vollmachten ausgerüsteten Wiching zu 
sein, um ihm mit der älteren und darum wertvolleren Be- 
vollmächtigung des Methodius wirksam entgegentreten zu 
können. 

Dümmler meint (S. 153), die Vita sei unmittelbar nach 
dem Tode des Methodius geschrieben, weil sie die Ver- 
folgung der Schüler des Methodius ganz mit Stillschweigen 
übergehe. Indes glaube ich, kann die wohl in dem Schlufs- 
satz „libera discipulos tuos ab omni periculo et doctrinam 
propagans et haereses persequens" erwähnt sein. 

Von der in Kap. 8 enthaltenen Fälschung von 869, 
dem Brief Hadrians, möchte ich annehmen, dafs sie unab- 
hängig von der Vita gleichfalls in dem nach des Methodius 
Tod ausgebrochenen Kampf entstanden sei. Und zwar 
deshalb, weil sie doch im wesentlichen nur die liturgische 
Frage behandelt. Als dann die Vita Methodii bald danach 
vielleicht entstand, nahm deren Verfasser diesen Brief als 
die päpstliche Sanktion der liturgischen Thätigkeit des Me- 
thodius mit auf und liefs weiterhin diese Frage auf sich be- 
ruhen, da für ihn die rechtliche im Vordergrund stand. 
Denn wenn wirklich der Verfasser der Vita den Brief selbst 
erdichtet hätte, würde er wohl kaum in Kap. 6 die Sanktion 
der Liturgie dem Nikolaus, in Kap. 8 dem Hadrian zu- 
schreiben. 

Damit — scheint mir — erledigt sich eine zweite Frage, 
nämlich ob der Verfasser der Vita Methodii die translatio 
des Gauderich benutzt habe. Friedrich, S. 427, verneint 
das, „da eine gleichlautende Phrase in der Bitte des Her- 
zogs Rastislav an Kaiser Michael kaum betont werden 
darf*'. 



S6 Zweiter Abschnitt: Sekundäre Quellen für Methodius. 

Möglich ist es immerhin, dafs die in beiden Urkunden 
ziemlich gleichlautenden Sätze auf der translatio beruhen, 
und zwar scheint es mir wahrscheinlicher, dafs das der Fall 
ist, als dafs der Verfasser der Vita Methodii die translatio 
nicht gekannt habe. Denn die in Kap. 8 der Vita Me- 
thodii in dem Brief Hadrians von 869 enthaltene Mitteilung, 
Methodius und Konstantinus seien zur Approbation ihrer 
Thätigkeit nach Rom gekommen sancti Klementis reliquias 
ferentes, beruht doch aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem 
Bericht der translatio. So gut aber der eine Methodius- 
schüler, der den Brief fälschte, Kenntnis von der translatio 
hatte, ebenso gut konnte sie dem Verfasser der Vita, der 
ja gleichzeitig und in gemeinsamer Thätigkeit mit dem an- 
dern lebte, bekannt sein. Allerdings konnte ein Methodius- 
schüler, wie es die beiden Verfasser waren, seine Kennt- 
nis von der Übertragung der Reliquien auch aus der 
direkten Erzählung des Methodius selbst haben, oder gar 
mit diesem und Konstantinus selbst in Rom gewesen sein. 
Also können wir aus dieser Nachricht keinen absolut 
sicheren Schlufs auf Benutzung der translatio ziehen. 

Wenn sich weiter auch keine Benutzung der translatio 
in der Vita Methodii nachweisen läfst, so liegt das eben 
darin begründet, dafs ja die Hauptarbeit des Verfassers der 
Vita Methodii war, die Thätigkeit des Methodius nach dem 
Tode des Konstantinus zu schildern. Die Arbeitskreise der 
Verfasser der translatio und Vita Methodii berührten sich 
also direkt eigentlich nicht mehr, als es in Kap. 4 — 6 der 
Vita Methodii geschehen ist. Was die Vita Methodii in 
Kap. 6 über die slavische Kirchensprache mehr berichtet 
als Gauderich, liegt eben in ihrer umfassenden Tendenz 
begründet, sonst bestätigt sie auch nach Friedrich die An- 
gaben der translatio. 

So glaube ich, darf man dem günstigen Urteil zustim- 
men, das Dümmler über die Brauchbarkeit der Vita Me- 
thodii gefällt hat. 

Als primäre Quelle kann man sie zwar nicht ansehen. 



g 9. Die Vita Konstantini. 87 

weil sie eine bestimmte kirchenpolitische Tendenz deutlich 
verfolg-t. Sonst aber können wir ihre Angaben über den 
Lebenslang" und die Thätigkeit des Methodius als wahr- 
scheinlich annehmen, wenn wir nur alles Tendenziöse der 
Schilderung^ vorher weg"streifen. 



B. Vorwiegend für Konstantinus. 

§ 9. Die Vita Konstantini. 

Die Vita Konstantini, oder wie sie Dümmler nennt, die 
altserbische Leg-ende vom heilig-en Kyrillus, ist in vieler 
Hinsicht ein Gegenstück zur Vita Methodii, eine Ergänzung 
dieser, weshalb denn auch Voronov zu der Ansicht kam, 
sie seien von demselben Verfasser. Ist nun diese Meinung 
Voronovs schon durch die Untersuchung der Vita Me- 
thodü als unrichtig erwiesen worden, so wird das im fol- 
genden noch mehr zutage treten. 

Nachdem schon früher zu verschiedenen Malen kleinere 
und gröfsere Stücke der Vita Konstantini ediert waren, 
wurde diese zum erstenmale vollständig von Safafik 185 1 
in seiner Sammlung südslavischer Denkmäler herausgegeben. 
Auf dieser Edition beruhen die späteren Arbeiten, bis 1870 
Dümmler und Miklosich den serbisch-slovenischen Text und 
eine lateinische Übersetzung desselben mit Einleitung und 
Anmerkungen herausgaben *). 

Dümmler legte der Vita Konstantini für die richtige 
Anschauung des Lebens des Konstantinus grofsen Wert 
bei. Er sah in ihr „das Werk eines wohlunterrichteten 



i) Die genaueren Angaben siehe bei Dümmler-Miklosich, Die 
Legende vom heiligen Kyrillus. Denkschriften der K. Adademie d. Wissen- 
schaften, Wien 1870, philosoph.-histor. Klasse XIX, 206, 207. Altslavisch 
und böhmisch ist die Vita Konstantini auch ediert in den Fontes rerum 
Bohemicarum I, i — 38. 



88 Zweiter Abschnitt: Sekundäre Quellen für Konstantinus. 

Zeitgenossen". Der Verfasser sei ein Slave, der Text 
sei bulgarischen Ursprungs. Weiter sagt er: „das Leben 
Konstantins steht dem des Methodius an innerem Wert 
durchaus nicht nach, beide sind in ähnlicher Gesinnung 
zwar entworfen, aber ganz unabhängig voneinander ent- 
standen, in kleinen Nebenumständen sich bisweilen wider- 
sprechend". 

„Der nächste Zweck der vorliegenden Schrift ist die 
Verherrlichung ihres Helden, doch nicht nach irgendeiner 
bestimmten Seite oder Beziehung hin, mit gleichmäfsiger 
Liebe vielmehr werden die Kämpfe und Thaten seines 
kurzen aber vielbewegten Lebens behandelt.*' Man dürfe 
dabei nicht etwa die Absicht wittern, die Einführung der 
slavischen Kirchensprache geschichtlich zu begründen. 

Ähnlich schätzt Lapotre den Wert der Vita Konstan- 
tini, 1. c. I, 104*: Le redacteur d6finitif de cette Vie n'est 
pas Methode, puisqu'on le cite (c. X). Mais j'incline ä 
croire que la presque totalite de Touvrage est empruntee 
ä des Actes de Kyrille, que son frere Methode avait 
lui-meme compos6s. En tout cas, il y a, au fond de cette 
Vie, le t6moignage d'un homme qui connaissait parfaite- 
ment le monde Byzantin et meme le monde romain de ce 
temps-lä. Si ce n'est pas Methode, comme je le crois, 
c'est du moins un des Byzantins qui ont accompagn^ ä 
Rome les deux apotres. 

Voronovs Ansicht habe ich schon mitgeteilt, nach ihm 
wäre die Vita Konstantini nicht vor dem ersten Viertel des 
10. Jahrhunderts von einem Bulgaren in griechischer Sprache 
geschrieben. Friedrich hat nun bereits für verschiedene 
hier in Betracht kommende Fragen Untersuchungen an- 
gestellt. Die Resultate, die er gewonnen hat, finde ich 
meistens ganz bestätigt, und von ihnen aus können wir 
einen Schlufs auf den allgemeinen Zweck und die Ent- 
stehungszeit der Vita Konstantini ziehen. 

Zunächst fragt es sich, in welchem Verhältnis die Vita 
Konstantini zur translatio Gauderichs und zur Vita Methodii 



§ 9- Die Vita Konstantini. 8^ 

steht. Für das erstere Verhältnis folge ich den Aufstellungen 
Friedrichs, der darüber sagt (S. 429): 

„Sowohl Dümmler als Jagid haben schon auf die Ver- 
wandtschaft des Lebens Konstantins mit der translatio Hen- 
schens hingewiesen. Dieselbe bezieht sich aber einmal auf 
den Schlufs (die Annahme des Namens Kyrillus und die 
Verhandlungen über seine Bestattung), welcher wesentlich 
das Nämliche erzählt als Henschens translatio Kap. 10 — 12. 
Aber anzunehmen, dafs der Überarbeiter Gauderichs aus 
der slavischen Vita Kyrilli eine rein römische Lokalerzählung 
entlehnt habe, ist von vorne höchst unwahrscheinlich, wäh- 
rend die Annahme des umgekehrten Verhältnisses sich ebenso 
sehr empfiehlt. Nun erweist sich der Überarbeiter der 
Vita Konstantini auch thatsächlich als ein Kenner römischer 
Dinge, da er weifs, dafs der Kult Konstantins in Rom erst 
später entstand und zunahm, und dafs die Römer, als der- 
selbe zu wachsen begonnen, auch ein Bild über seinem Grabe 
in St. demente malen liefsen. Da dieses aber sonst nirgends 
berichtet wird, so drängt sich notwendig die Annahme auf, 
dafs der Überarbeiter sich diese Kenntnis durch Autopsie 
in Rom selbst erworben habe , indem er vielleicht als ein 
besonderer Verehrer des Heiligen zu seinem Grabe nach 
Rom pilgerte, bei dieser Gelegenheit die römische Legende 
desselben kennen lernte und nach dieser eine Neubearbeitung 
der slavischen vornahm. 

Doch diese Annahme wird zur Gewifsheit erhoben, 
wenn wir den anderen Punkt ins Auge fassen, in welchem 
die Vita Konstantini eine auffallende Verwandtschaft mit der 
translatio Henschens, bzw. mit der Gauderichs zeigt. Sie 
schreibt nämlich von dem Aufenthalte Konstantins in Cher- 
son : audiens vero s. dementem etiam tunc in mari iacere, 
oratione facta dixit: credo in deum et confido s. demente, 
me eum inventurum et extracturum esse e mari. coegit 
archiepiscopum cum clero omni et cum piis viris, et navibus 
ascensis iverunt ad locum, et mari omnino tranquillo reddito, 
cum ad locum venissent, coeperunt fodere canentes, et ex- 



90 Zweiter Abschnitt: Sekundäre Quellen für Konstantinus. 

templo ortus est multus odor suavis, ut thuris multi, et postea 
comparuerunt s. reliquiae, quas sumptas cum multa vene- 
ratione et laudibus omnium civium in urbem intulerunt, ut 
scribitur in inventione eins (Denkschr. XIX, 235). Diese 
Berufung auf die inventio kann sich nur auf den letzten 
Teil der Erzählung, welche übrigens kein Wort und keinen 
Umstand mehr, als Gauderich, enthält, beziehen; denn davon, 
dafs Konstantin die Reliquien suchte, den Bischof von Cher- 
son, seinen Klerus und sein Volk zum Suchen bewog, stand, 
wie wir jetzt genau wissen , nichts in derselben , überhaupt 
nichts in den Schriften Konstantins, weswegen auch die 
chersonische Legende nichts davon weifs. Das konnte der 
Überarbeiter der Vita Konstantini nur aus dem Westen 
haben ; denn, wie schon Jagid betont, die ausdrückliche An- 
erkennung der Beteiligung Konstantins an der Auffindung 
des heiligen Klemens ist das charakteristische Merkmal der 
im Westen verbreitet gewesenen Version der Reliquien- 
geschichte. Da wir aber ferner aus unserem Briefe des 
Anastasius erfahren, dafs dieser allein die Quelle der abend- 
ländischen Version ist und dafs nur Gauderich dieselbe 
kannte und in seine translatio aufnahm, so ist erwiesen, 
dafs wenigstens die überarbeitete Vita Konstantini in diesem 
Punkte zweifellos aus der translatio oder aus der italienischen 
Legende geschöpft hat/* 

Und in der That stimmen Kap. 8 der Vita Konstantini 
und Kap. i der translatio vielfach wörtUch miteinander 
überein, auch die chronologische Folge ist dieselbe, da 
— worauf bereits Friedrich hingewiesen hat — in beiden 
Urkunden die Auffindung der Reliquien vor die Ankunft 
bei den Chazaren fällt. 

Desgleichen beruht die Erzählung in Kap. 9, der Dankes- 
brief der Chazaren an den Kaiser, sowie die Erwähnung der 
dem Konstantinus angebotenen und von diesem erbete- 
nen Geschenke durchaus vielfach wörtlich auf Kap. 6 der 
translatio. 

Wollte man nun, wovon ich oben § 2, S. 29 f. handelte, 



? 9- Die Vita Konstantini. 91 

mit Friedrich annehmen, dafs Kap. i und 6 der translatio 
nicht das Werk Gauderichs, sondern die Überarbeitung- 
eines späteren seien, so müfste diese Überarbeitung- also 
jedenfalls schon g-eschehen g-ewesen sein, als der Verfasser 
der Vita Konstantini die translatio benutzte, also nach Voro- 
nov, etwa um 925. 

Wiederum aus der translatio teilweise wörtlich herüber- 
g-enommen ist in der Vita Konstantini Kap. 14 die Bitte 
des Rastislav um Konstantinus. 

Die Schilderung der Erfindung der slavischen Schrift 
und der Thätigkeit des Konstantinus in Mähren stammt 
nicht aus der translatio, desgleichen nicht der Bericht über 
seine Romreise, da Konstantinus nach Gauderich dabei 
einem Ruf des Papstes folgt, nach der Vita Konstantini 
aber aus freien Stücken sich nach Rom begiebt. Dagegen 
scheint der Verfasser der Vita Konstantini zum Beginn von 
Kap. 17, nachdem er die Disputation über die slavische 
Kirchensprache in Venedig erzählt hat, plötzlich wieder sich 
an die translatio zu halten und läfst den Papst den Kon- 
stantinus nach Rom eitleren. 

Bei diesem Kapitel ist auch deutlich sichtbar, dafs die 
Vita Konstantini auch die Vita Methodii benutzt 
hat, also jünger als die Vita Methodii ist. 

Die oben mitgeteilte diesbezügliche Behauptung Dümm- 
lers wird am klarsten dadurch widerlegt, dafs der Satz, der 
die Berufung des Konstantinus nach Rom enthält, sich 
mit dem entsprechenden Satz der Vita Methodii deckt. 
Auch die weitere Schilderung von dem Empfang der beiden 
Slavenapostel , von der Sanktion der slavischen Kirchen- 
sprache, von den Wundern, die an den Reliquien des Kle- 
mens geschehen seien, stammt aus der translatio und Vita 
Methodii. An verschiedenen anderen Stellen ist aus den 
gebrauchten Worten und Wendungen die Benutzung der 
Vita Methodii deutlich zu erkennen. Kap. i der Vita Kon- 
stantini ist teilweise zusammengezogen aus Kap% i und 2 
der Vita Methodii, desgleichen ist die Schilderung der 



93 Zweiter Abschnitt: Sekundäre Quellen für Konstantinus. 

Mönchsthätigkeit in beiden Quellen sehr ähnlich gehalten. 
Genau so wie bei Methodius (Kap. 9) werden auch in der 
Vita Konstantini (Kap. 15) die Anfeindungen, die Konstan- 
tinus leidet, als Einflüsterung des bösen Geistes, als Auf- 
reizung seiner Kreaturen erklärt. 

Bei der Berufung des Konstantinus zu den Mähren sagt 
der Kaiser nach der Vita Konstantini Kap. 14 wörtlich wie 
in der Vita Methodii Kap. 5 : hanc enim rem nemo alius 
perficere potest tam bene quam tu. 

Auch in dem Sterbegebet des Konstantinus Kap. 18 
finden sich markante Wendungen aus dem Schlufs der 
Vita Methodii wieder, die von der Befreiung der Schüler 
der Slavenapostel und von der Ausrottung der Häresie 
handeln. 

Die Vita Konstantini hat also sichtlich die translatio in 
ausgiebigem Mafse benutzt, desgleichen die Vita Methodii. 
Sie hat diese Quellen aber nicht einfach benutzt, sondern 
erweitert, die in ihnen dargestellten Dinge weiter entwickelt. 
Und das zwar nach der doppelten Tendenz, die (wie ich 
im Gegensatz zu Dümmler glaube) , die Vita Konstantini 
klar verfolgt. 

Der Zweck des Verfassers war sichtlich, ein Gegenstück 
zur Vita Methodii zu schaffen nach einer doppelten Rich- 
tung, nach der persönlichen wie nach der sachlichen, nach 
der, die sich auf die Gestalt und Person des Konstantinus 
bezog, wie nach der, die sein Werk, nach der Vita Kon- 
stantini die Schaffung der slavischen Schrift, betraf. Zu 
beiden Zwecken hat er, was er in den beiden anderen 
Quellen fand, verwertet, möglichst vergröfsert und weiter- 
gebildet. 

In erster Linie ist die Vita Konstantini „Legende des 
heiligen Kyrillus", was von Konstantinus Gutes und Treff- 
Hches berichtet wurde, wird hier zusammengefafst , die 
grofse Weisheit, die er sich nach und nach aneignete, wird 
ihm hier $chon in seiner Jugend zugeschrieben. Er erhält 
nicht erst mit der Zeit, wie bei Gauderich, den Ehrennamen 



i 9. Die Vita Konstantini. 93 

des Philosophen, sondern wird schon gleich als Konstan- 
tinus philosophus eingeführt, der in früher Jugend schon 
über die anderen Menschen hervorragt und einen Bund mit 
der Weisheit selbst schliefst. Diesen Vorsatz, den Kon- 
stantinus möglichst erhaben als Gottesmann darzustellen, 
führt der Verfasser auch treu durch. Die Schilderungen 
der Weisheit, deren Anerkennung durch andere häufen 
sich, ebenso spielt das Wunderbare, ÜbernatürHche in seinem 
Leben eine grofse Rolle. Was eine andere Quelle bringt, 
sucht er zu übertreffen, so z. B. in der weitschweifigen 
Schilderung seines Bildungsganges und seiner Gelehrsam- 
keit. Anastasius berichtet, Konstantin habe die Werke des 
Dionysius Areopagita auswendig gelernt, die Vita Konstan- 
tini überbietet das, indem sie von ihm das Gleiche für die 
Werke des Gregor von Nazianz erzählt. 

Neben seiner Gelehrsamkeit spielt auch seine Frömmig- 
keit eine hervorragende Rolle, und das Behagen, mit dem 
seine Keuschheit, seine Bescheidenheit, seine Demut gegen- 
über Ehrenstellungen, sein Gehorsam, endlich seine Flucht 
ins Kloster gerühmt werden, verraten gewifs die klösterliche 
Tendenz. 

Auch in der Schilderung seiner Thätigkeit sucht die 
Vita Konstantini ihn möglichst zu verherrlichen. Anastasius 
und Gauderich kennen nur die Reise zu den Chazaren, die 
Vita Konstantini berichtet vorher noch von einer ähnlichen 
Mission bei den Sarazenen, wie ich glauben möchte, um 
seine Thaten im Dienste Gottes recht zu häufen. Dem- 
selben Zwecke entspringt auch die überladene Mitteilung 
der Disputationen und die Erwähnung der schriftlichen Auf- 
zeichnung der Disputationen durch Methodius, von der wir 
sonst nichts wissen. Und alle Disputationen dienen nur 
dazu, die alles besiegende Weisheit des Konstantinus in 
das rechte Licht zu stellen. 

Gleich einem zweiten Paulus hat Methodius nach seiner 
Vita, Kap. 14, alle möglichen Gefahren durchgemacht. 
Auch das wird in der Vita Konstantini überboten, als 



94 Zweiter Abschnitt: Sekundäre Quellen für Konstantinus. 

zweiter Moses erscheint Konstantin, der, damit er und Me- 
thodius nicht den Qualen des Durstes erliegen müssen,, 
bitteres Wasser in süfses verwandelt. Wie der Apostel der 
Deutschen, Bonifatius, mit der uralten Donnerseiche zu 
Geismar zugleich das Heidentum geistig niederstreckte, so 
verrichtet der Apostel der Slaven, Konstantinus, das Gleiche 
in seinem Arbeitsgebiet, Kap. 12. 

Wie dem Methodius seine Vita prophetica gratia nach- 
rühmt Kap. II, so die Vita Konstantini von ihrem Helden. 
Kap. 12. 

Ja zur Erreichung dieses Zweckes, seinen Helden mög- 
lichst zu erhöhen, verschmähte der Verfasser auch nicht, 
positiv geschichtliche Vorgänge anders, zum Vorteil seines 
Helden, darzustellen, als seine Quellen berichteten. 

Während nach diesen der Kampf in Mähren erst nach 
dem Tod des Konstantinus begann, eröffnet der Verfasser 
der Vita Konstantini die Schilderung der Wirksamkeit des 
Konstantinus bei Rastislav mit den Worten : Mox vero totum 
ordinem ecclesiasticum vertit und verlegt diesen Kampf im 
die Zeit des Konstantinus. 

Hier in dieser Stelle läuft nun die eine persönliche 
— ut ita dicam — Tendenz des Verfassers, die apostel- 
und prophetengleiche Heldengestalt des Konstantinus zu 
feiern, zusammen mit der zweiten — sachlichen — , die 
Erfindung der slavischen Lettern und den Gebrauch der sla- 
vischen Kirchensprache als auf direkter göttlicher Eingebung 
beruhend und darum als berechtigt darzustellen. 

Wie also in der Vita Methodii neben der Person des 
Methodius seine rechtliche Stellung verteidigt wird, so wird 
hier entsprechenderweise die Erfindung der slavischen Schrift 
gegen alle Anfeindung geschützt. 

Und auch bei dieser zweiten Tendenz hat der Verfasser 
die anderen Quellen nicht nur benutzt, sondern verwertet, 
er hat die Darstellung der Erfindung der Schrift logisch 
weitergeführt. 

Den Fortschritt, die Klimax, die hinsichtlich dieses 



2 9- Die Vita Konstantini. 05 

Punktes in der translatio , Vita Methodii , Vita Konstantini 
liegt, hat Friedrich richtig erkannt und dargestellt. ,,Die^ 
Verteidigung der slavisch-liturgischen Sprache in der Vita 
Konstantini ist eine fortgeschrittenere als in der Vita Me- 
thodii", sagt er (S. 432). Seine Ausführungen gebe ich im 
folgenden, unter Weglassung der auf das nunmehr als Fäl- 
schung erkannte Schreiben Johanns von 880 sich stützen- 
den Stellen. 

Der erste Gesichtspunkt, wie er in der conversio Caran- 
tanorum auftritt, war der, dafs Methodius durch die slavische 
Liturgie die lateinische Sprache der Geringschätzung preis- 
gebe. Ebenso verwirft 879 auch Johann VIII. die Liturgie 
als barbarisch. Mit der Zeit entwickelte sich aber die An- 
schauung, dafs der Gebrauch der slavischen Liturgie häre- 
tisch sei, und Methodius selbst wird als Erfinder der Schrift 
direkt ein Häretiker genannt. Dafs in der Argumentation 
plötzlich ein Wechsel eintritt, indem erst nur zwei Sprachen 
als erlaubte Kultussprachen von den Päpsten angeführt 
werden, dann aber unter dem Einflufs der Fälschung von 
880 plötzlich immerfort drei Kultussprachen genannt werden, 
habe ich oben schon angeführt. „Nun ist es aber merk- 
würdig zu beobachten, dafs die Vita Konstantini alle diese 
Einwendungen zu berücksichtigen und zu beseitigen bestrebt 
zu sein scheint. So läfst sie bei der angeblichen Dis- 
putation Konstantins zu Venedig die lateinischen Bischöfe 
einwenden: homo, die nobis, quomodo Slovenis litteras 
fecisti et doces, quae nemo alius antea invenit, neque apo- 
stoli neque papa romanus, neque Gregorius theologus, neque 
Hieronymus, neque Augustinus ? nos enim tres tantum linguas 
scimus, in quibus litteris deum laudare fas est: hebraicam, 
graecam et latinam. (Denkschr. XIX, 244.) Und Gregorius 
theologus ist hier wohl kein anderer, als Gregor der Grofse, 
der auch in der kurzen Biographie des Methodius im Syna- 
xarion, dessen älteste Handschrift aus dem 13. Jahrhundert 
stammt, nicht Papst, sondern dialogista nach Martinov, 
homiliastes nach Bilbasov heifst und von den Slaven als 



90 Zweiter Abschnitt: Sekundäre Quellen für Konstantinus. 

Irrlehrer behandelt wird (Martinov, S. 159 sq.) *). Die Ent- 
geg-nung- der Vita Konstantini weifs auch eine Menge Bibel- 
stellen mehr als die früheren konventionellen dagegen 
geltend zu machen. Sie kennt femer eine Reihe von Völ- 
kern, welche ihre Muttersprache als liturgische benützen, 
und vergifst dabei nicht, auch die Goten anzuführen: nos 
vero multas gentes novimus litteras scientes et deum lau- 
dantes, sua quaeque lingua. constat autem has gentes esse 
Armenos, Persas, Abasgos, Iberos, Sugdos, Gotthos, Avares, 
Tyrsos, Kozaros, Arabes, Aegyptios, Syros, aliasque multas. 
Und wenn man, wie Johann X. bezeugt, die slavische Sprache 
eine „barbarische" nannte, so führt sie wörtlich die Stelle 
des Apostels Paulus i Kor. 14, 11 an: si ergo nesciero 
virtutem vocis *), ero ei, cui loquor, barbarus, et qui loqui- 
tur, mihi barbarus. Sie kommt aber auch auf den Vor- 
wurf, dafs der Erfinder der slavischen Schrift ein Häretiker 
sei ; denn als Kaiser Michael den Philosophen zu den Mäh- 
rern schicken, dieser aber ohne Schrift nicht dahin gehen 
will, lehnt er die Erfindung einer solchen mit den Worten 
ab: et quis vult haeretici sibi nomen comparare? (p. 242). 
Und nun ist es charakteristisch, dafs Michael ihn darauf 
hinweist, Gott könne ihm die Schrift offenbaren, was auch 
geschieht. Das soll ohne Zweifel eine Abweisung des Vor- 
wurfs sein, dafs Konstantin durch Erfindung der slavischen 
Schrift ein Häretiker geworden sein könne. Aber man sieht 

i) „Vielleicht ist neque vor Gregorius zu tilgen, so dafs es hiefse: 
neque papa Romanus Gregorius theologus." Friedrichs Erklärung über Gre- 
gorius theologus scheint mir, zumal Gregorius zeitlich vor Hieronymus 
und Augustinus steht, nicht richtig. Nach der Vita Methodii cap. i ist 
Gregor von Nazianz mit Gregorius theologus gemeint, wird es also wohl 
auch hier sein. Indes ist die Deutung auf den Papst im Munde lateinischer 
Bischöfe und inmitten der Lateiner Augustinus, Hieronymus auch möglich. 

2) Was sie damit sagen will, ergiebt sich aus c. 8: invento vero ibi 
evangelio et psalterio rossicis litteris scripto reperit etiam hominem lingua 
illa loquentem, et cum eo loquens vim sermonis accepit, cum sua lingua 
conferens, et discrevit litteras vocales et consonantes, et deuM precans 
mox coepit legere et loqui . . . 



? 9- I^ie Vita Konstantini. 97 

daran zugleich, dafs die Vita Konstantini jüng-er als die 
Vita Methodii und Klementis sein mufs, da letztere wohl 
auch von einer Offenbarung- der slavischen Schrift durch 
Gott sprechen, sie aber noch keineswegs in diesem pole- 
mischen Sinne ausbeuten. Allen Vorwürfen scheint sie aber 
schliefslich damit begegnen zu wollen, dafs sie die Römer 
selbst zu Mitschuldigen macht. Denn nach ihr hätten die 
von den Bischöfen Formosus und Gauderich ordinierten 
Schüler Konstantins in einer Reihe von Kirchen, zuletzt in 
S.Paul unter Assistenz des Bischofs Arsenius und des Bib- 
liothekars Anastasius die slavische Liturgie gefeiert — eine 
Angabe, welche sonst nirgends gemacht wird und deshalb 
sicher im polemischen Interesse von dem Verfasser erfunden 
worden ist." 

Aber nicht nur in der Verteidigung der slavischen Li- 
turgie, sondern in der Erzählung von der Erfindung der 
slavischen Schrift selbst bietet die Vita Konstantini gegen- 
über den anderen Quellen eine vorgeschrittenere Entwicke- 
lung, eben um die Schrift als göttliches Geschenk zu er- 
weisen. 

Gauderich weifs von einer Erfindung der slavischen 
Schrift durch Konstantinus noch nichts (Friedrich, S. 438, 14), 
er hat die einfache geschichtliche Thatsache, dafs Kon- 
stantin eine Übersetzung der Evangelien anfertigte. 

Die Vita Methodn stellt schon die Erfindung der Schrift 
als eine göttliche Offenbarung dar, aber in ganz einfacher 
Weise, dafs die Offenbarung auf Konstantins Gebet hin ge- 
schehen sei, ähnlich wie es bei der Auffindung der Reli- 
quien der Fall war. So lange Methodius lebte, galt ja auch 
bei den Päpsten der Gebrauch der slavischen Liturgie nur 
als ein Disziplinarvergehen, darum wird auch in der Vita 
Methodii nur die päpstliche Bestätigung der Liturgie ge- 
bracht, während der Verfasser nicht daran denkt, die Offen- 
barung der Schrift an Konstantinus als orthodox zu be- 
gründen. Nun gilt aber die liturgische Sprache als häre- 
tisch, wie in den Schreiben Johanns X. (Ginzel, Anhang 

G o e t z , Geschichte der Slavenapostel. 1 



08 Zweiter Abschnitt: Sekundäre Quellen für Konstantinus. 

S. 79 ff.) und der Erfinder dieser Schrift als Häretiker. 
Darum genügt es der Vita Konstantini nicht, die Offen- 
barung der Schrift schlechtweg zu erzählen, sondern wie 
ihr Verfasser im Kampf um die Liturgie steht, sucht er 
schon die Offenbarungsgeschichte der Schrift s o zu fassen, 
dafs alle Einwendungen gegen sie erfolgreich zurückgewiesen 
werden. 

Aus dieser zweiten, stark hervortretenden Tendenz wer- 
den wir nun mit Sicherheit einen Schlufs auf die Abfassungs- 
zeit der Vita Konstantini ziehen können. Friedrich verlegt 
nun die Abfassung nach meiner Anschauung viel ?u spät 
in die Zeit vor Alexander II. 

Ich glaube, dafs die Vita Konstantini etwa um 925 ver- 
fafst sein kann. Denn die Merkmale, die im Kampf um 
die slavische Liturgie und in ihrer Verteidigung durch die 
Vita Konstantini zutage treten, finden sich in den Briefen 
Johanns X., die von dieser Frage handeln. 

Das Hauptmerkmal und die hauptsächlichste Weiterent- 
wickehmg dieser liturgischen Frage ist aber, dafs die sla- 
vische Mefsfeier nicht mehr wie anfangs blofs als 
unerlaubt gilt, da die barbarische Sprache das Heilige 
profaniert, sondern positiv als häretisch, wie auch der 
Erfinder ein Häretiker ist. Und diesen Standpunkt nehmen 
eben deutlich Johanns' X. Briefe ein. 

Allerdings spricht Johannes in seinem Schreiben an den 
kroatischen König Tamislaus unter anderem (I. L. 3572) 
von der barbara seu sclavinica lingua. Aber in seinem 
Schreiben an den Erzbischof von Spalato und die Bischöfe 
seiner Kirchenprovinz (I. L. 3571) sieht er die slavische Mefs- 
feier doch nicht nur als unerlaubt an, sondern fafst sie ganz 
bestimmt als die Äufserung einer abweichenden Lehr- 
meinung, einer Häresie, deren Urheber Methodius ist. Er 
spricht davon, dafs in jener Diöcese alienam doctrinam 
puUulare, quae in sacris voluminibus non reperitur. Die 
Gläubigen möchten doch ja nicht die Lehre der Evangelien, 
der Konzilien, die apostolischen Vorschriften verachten und 



§ 9- I^ie Vita Konstantini. 99 

er warnt davor, dafs sie nicht ad Methodii doctrinam con- 
fiig^iant, quem in nuUo volumine inter sacros autores com- 
perimus. Stets ist hier von dem treuen Festhalten an der 
doctrina der römischen Mutterkirche die Rede, und unter 
diesem Gesichtspunkt wird auch die Mefsfeier „in latina 
scilicet lingiia non autem in extranea*' streng geboten. 

So glaube ich, wird Voronov zwar weder mit seiner 
Meinung über die Einheit der Vita Methodii und Konstan- 
tini noch über den Verfasser und das Alter der Vita Me- 
thodii recht haben, wohl aber werden wir als richtig an- 
nehmen können, dafs ein Bulgare griechisch etwa um oder 
nach 925 die Vita Konstantini verfafst hat. 

Hier ist nun auch die Stelle, wo im Zusammenhang mit 
der Vita Konstantini das Alter von Kap. 10 — 12 ^) der trans- 
latio zu besprechen ist. Dafs sie nicht mehr von Gauderich 
selbst herrühren, unterliegt keinem Zweifel. Die Aufgabe des 
Gauderich war mit der Erzählung von der Übertragung der 
Reliquien des hl. Klemens erschöpft. Die Frage ist nur, 
wie alt ist diese Überarbeitung des Gauderich. 

Die Vita Konstantini hat sichtlich ihre Angaben, dafs 
Konstantinus Mönch geworden sei und sich den Namen 
Kyrillus beigelegt habe, aus der Überarbeitung der trans- 
latio geschöpft. Die Vita Konstantini aber ist nach der 
obigen Ausführung als etwa um 925 verfafst anzusehen. Es 
fragt sich nun, kann um diese Zeit auch Kap. 10 der trans- 
latio schon existiert haben? 

Friedrich verneint es, bzw. verlegt die Abfassung sehr 
spät, ja spricht einmal (S. 413) davon, dafs Kap. 10 der 
translatio wohl erst in die Zeit Bonifaz VIII. falle. 

Das eine seiner Argumente für die späte Ansetzung 
von Kap. 10 ist die Wendung, cum autem Philosophus 
qui et Konstantinus diem transitus sui imminere sibi 
sensisset. 

,,Der Verfasser dieses Kapitels kennt nämlich den ur- 



i) Siehe oben § 3, S. 38. 

7* 



100 Zweiter Abschnitt: Sekundäre Quellen für Konstantinus. 

sprünglichen Namen Konstantins nicht mehr und meint, er 
habe eigentlich Philosophus, nebenbei auch Konstantinus 
geheifsen: Cum autem Philosophus, qui et Konstantinus, 
während es Kap. i noch heifst: fuit quidam vir nobili 
genere . . . vocabulo Konstantinus, qui ob mirabile Ingenium, 
quo ab ineunte infantia mirabiliter damit, veraci agnomine 
Philosophus est appellatus. Allerdings nennt auch Gauderich 
Konstantinus nie in seiner translatio, wie sie jetzt noch vor- 
liegt, mit diesem Namen (Kap. 2 — 5; 7 — 9), sondern wie 
Anastasius kurzweg „der Philosoph". Da er aber aus dem 
Briefe des Anastasius wufste, dafs der Name des Auffinders 
und Überbringers der Klemensreliquien Konstantinus Thes- 
salonicensis philosophus war, so konnte es ihm auch nicht 
einfallen, philosophus als Namen zu behandeln, wie es 
Kap. 10 der Fall ist. Überdies hatte auch der Überarbeiter, 
von dem Kap. 6 stammt, noch das richtige Verständnis und 
schrieb : Konstantinus philosophus. Daraus folgt aber, dafs 
Kap. 10 erst in der Zeit abgefafst sein kann, wo man Kon- 
stantin nur noch unter dem Namen Philosophus zu kennen 
anfing. Das führt jedoch wieder in die Zeit der Legenda 
aurea ungefähr, welche ohne den Namen Konstantinus zu 
erwähnen, schreibt: sacerdos quidam nomine Philosophus, 
qui ob summum Ingenium a pueritia fuerit sie vocatus." 

Die legenda aurea beruft sich übrigens auf Leo von 
Ostia als auf ihre Quelle. 

Damit aber, dafs aufser Kap. 10 der translatio erst zur 
Zeit Leos von Ostia wir Zeugnisse für die Namensgebung 
Philosophus als selbständigen Namen neben Konstantinus 
haben, ist noch nicht gesagt, dafs diese Namensgebung erst 
so spät aufgekommen bzw. Kap. 10 der translatio so spät 
anzusetzen sei. Die Entwickelung in der Namensgebung 
ist in Kap. 10 unstreitig weiter vorgeschritten, als in den 
anderen Kapiteln der translatio, wenn auch da schon Philo- 
sophus allein als Name erscheint, so z. B. in Kap. 3, 6, 7 
und an anderen Stellen. Allein diese Weiterbildung kann 
auch wohl ungefähr 50 Jahre nach dem Tode des Kon- 



§ 9« Die Vita Konstantini. 101 

stantinus schon geschehen sein. Wegen dieser Namens- 
nennung brauchen wir also Kap. lO nicht später als die 
Vita Konstantini anzusetzen bzw. dürfen annehmen, dafs 
Kap. i8 der Vita Konstantini ein ursprünglicher Teil der 
Vita ist und auf Kap. lo der translatio beruht. 

Das zweite Argument, das Friedrich zu der so späten 
Ansetzung der Abfassung von Kap. lo veranlafst, ist die 
Namensänderung des Konstantinus in Kyrillus. Anastasius 
und Johann VIII. kennen den Namen Kyrillus nicht (S. 412). 
,,Er mufs ihm also erst später beigegeben worden sein, und 
es wäre wichtig zu untersuchen, wo und wann der Name 
Kyrillus zuerst auftauchte. Ich habe darüber keine ein- 
gehende Untersuchung angestellt; allein so viel sehe ich 
doch, dafs er erst der späteren Zeit angehört. Oder ist es 
nicht schon höchst bezeichnend, dafs die Vita Methodii den 
Namen noch nicht kennt." 

Die Vita Konstantini berichtet in Kap. 18 gleichfalls, 
allerdings nach ihrer Art etwas legendarisch mehr aus- 
geschmückt, die Namensänderung des Kyrillus. An ihrer 
historischen Möglichkeit zu zweifeln, sehe ich keinen Grund, 
desgleichen wüfste ich auch nicht, weshalb Kap. 18 der 
Vita Konstantini ein späterer Zusatz sein sollte. Dafs Ana- 
stasius und Johann VIII. den Namen nicht berichten, ebenso 
nicht die Vita Methodii, darin, glaube ich, liegt keine be- 
sondere Schwierigkeit. Sein Leben lang wurde Konstan- 
tinus mit diesem Namen oder Philosophus genannt, vierzig 
Tage vor. seinem Tode erst legt er sich den Namen Kyrillus 
bei. So nennen ihn denn auch nach seinem Tode seine 
Zeitgenossen weiter mit dem Namen, mit dem sie ihn wäh- 
rend seines ganzen Lebens gekannt und genannt haben. 

Und auch weiterhin blieb das sein gewöhnlicher Name, 
auf den Mönchsnamen legte man wenig Wert, zumal er erst 
kurz vor dem Tod angenommen war, und alles, was sich 
an den Namen dieses Mannes knüpfte, von dem ,, Kon- 
stantinus Philosophus** gewirkt und gethan war und nicht 
von dem sich zum sterben anschickenden und als Mönch 



103 Zweiter Abschnitt: Sekundäre Quellen für Konstantinus. 

sein Leben beschliefsenden Kyrillus. Daher denn die Er- 
scheinung, dafs Kyrillus als Name des Konstantinus erst 
spät Aufnahme fand. Dafs die Vita Methodii, die ich also 
ungefähr 885 verfafst sein lasse, den Namen Kyrillus noch 
nicht kennt, ist gar nicht auffallend, möghcherweise war der 
Zusatz damals noch gar nicht der translatio zugefügt. 

Das russische Kalendarium Ostromirianum vom Jahre 
1057 h^t dagegen schon Kyrülus und hat diese Namens- 
gebung wahrscheinlich aus der Vita Konstantini herüber- 
genommen, ebenso der Mönch von Sazawa, der Fortsetzer 
des böhmischen Chronisten Kosmas bis 1162 (Friedrich, 

S. 415)- 

Im Abendland wird allerdings der Name Kyrillus erst 
wieder durch Martin von Troppau allgemein eingeführt. 

,,Erst Martin von Troppau schreibt die Übertragung der 
Reliquien des hl. Klemens dem Bischof der Mährer, Kyrillus, 
zu — eine Bemerkung, welche dann in einigen Exemplaren 
der Legenda aurea der Erzählung angehängt wurde: In 
quadam chronica autem legitur, quod mari ab illo loco ex- 
siccato a b. Kyrillo Moranorum episcopo Romam translatum 
est (Martinow S. 134, Nr. 3), wobei aber noch nicht sicher 
erkennbar ist, ob der Schreiber dieses Zusatzes meinte, der 
Philosophus der Legenda aurea sei auch der Mährerbischof 
Kyrillus, oder die von ihm erwähnte Chronik schreibe die 
Übertragung nicht dem Philosophus, sondern einem an- 
deren, dem Bischof Kyrillus, zu. Doch die Angabe des 
Martin von Troppau verbreitete sich, wie seine Chronik, 
rasch, und schon das unter P. Bonifatius VIII. schliefsende 
„Chronicon Senonense" schrieb: illo tempore (Nicolai I.) 
s. Kyrillus sepelitur prope s. Klementem et miraculis coru- 
scat (Cod. Vat. Reg. 4809, p. 72 terg., bei de Rossi, 
Bullett I, 11). Hier ist die Identifizierung des Konstantinus 
mit Kyrillus vollzogen und wird dieser, wie in der translatio 
Henschens, bei S. Kiemente beigesetzt. In diese Zeit fallen 
daher wohl auch die Zusätze zu Gauderichs translatio, dafs 
Konstantin zum Bischof konsekriert worden sei und sich 



§ 9- I^ie Vita Konstantini. 103 

vor seinem Tode Kyrillus genannt habe, indem man den 
Konstantin in der translatio mit dem jetzt aufgetauchten 
Bischof Kyrillus zu vereinbaren suchte." 

Wenn nun also auch sichtlich der Name Kyrillus, wie 
die Kenntnis von seinem Grabmal (de Rossi, Bullet. I, 9) 
im Abendland auf lange Zeit in Vergessenheit geriet und 
erst durch die Rückwirkung der slavischen Litteratur wieder 
Aufnahme fand, so ist das doch kein Anlafs, daran zu zwei- 
feln, dafs Kap. 18 der Vita Konstantini, das die Namens- 
änderung berichtet, nicht mit den anderen Kapiteln der Vita 
g-leichzeitig sei. Von diesem Standpunkt aus werden wir 
annehmen dürfen, dafs Kap. 10 der translatio, auf dem 
Kap. 18 der Vita Konstantini beruht, in die Zeit vor 925 
ungefähr fällt, also wenn auch kein so später wie Friedrich 
will, immerhin ein nachträglicher Zusatz zu Gauderichs 
Text ist. 

Die zweite Hälfte der Vita Konstantini Kap. 18 deckt 
sich nun mit den Kap. 11 und 12 der translatio. Die da 
berichteten Vorgänge sind durchaus nicht unwahrscheinlich, 
entsprechen vielmehr ganz dem Geist jener Zeit. Dafs der 
Kult des Konstantinus bald nach seinem Tod aufkam, in- 
folge der Wunder, die an seinem Grabe geschahen, ist auch 
durchaus möglich, ebenso wie die Annahme Friedrichs 
(S. 430), dafs der Verfasser der Vita Konstantini selbst als 
frommer Pilger das Grab des Konstantinus in S. Kiemente 
zu Rom besuchte. Hat er dabei den Kult und auch die 
römische Legende darüber kennen gelernt, so ist es auch 
wohl möglich, dass die schriftliche Fixierung dieser Vor- 
gänge, wie sie die translatio Kap. 1 1 und 12 bietet, ihm vorlag 
und für seine Darstellung benutzt wurde. Friedrich meint, 
diese Kap. 11 und 12 könnten die Deutung des Bildes 
sein, das nach der Vita Konstantini über dem Grab des 
Konstantinus angebracht war. Deshalb brauchen die Kap. 
II und 12 aber nicht erst nach der Vita Konstantini an- 
gefertigt zu sein, sondern können auch ebenso gut vorher 
— ehe der Verfasser der Vita Konstantini nach Rom kam — 



104 Zweiter Abschnitt: Sekundäre Quellen für Konstantinus. 

als Kommentar zu dem Bild die römische Tradition schrift- 
lich fixiert haben. Mit derselben Argumentation könnte 
man auch annehmen, dafs da die translatio Kap. ii, 12 das 
Bild über dem Grab nicht erwähnt, diese Kapitel die rö- 
mische Legendentradition vor der Anbringung des Bildes 
wiedergeben und vielleicht erst zur Aufstellung des Bildes 
selbst geführt haben. 

Demnach nehme ich also mit Friedrich (S. 430) an, 
dafs der Verfasser der Vita Konstantini als ein besonderer 
Verehrer des Heiligen nach Rom pilgerte, dort die römi- 
sche Tradition über das Lebensende und die Vorgänge 
nach dem Tode des Konstantinus kennen lernte und danach 
seine Vita verfafste. Die römische Tradition fand er aber 
schriftlich niedergelegt in Kap. 10- -12 der translatio des 
Gauderich, die also vor der Abfassung der Vita Konstan- 
tini, d. h. ungefähr vor 925 um diese Zusätze vermehrt 
wurde. 

Zu dieser Auffassung passen dann auch — wennschon 
kein besonderer Wert darauf gelegt werden kann — , die 
von de Rossi in S. Kiemente beim Grabmal des Konstan- 
tinus entdeckten Fresken, die de Rossi in das 10. Jahr- 
hundert verweist, die die Übertragung der Reliquien in die 
Kirche darstellen und die das Fragment ACIRIL tragen. 
Wenn man mit de Rossi annimmt, dafs diese Fresken wirk- 
lich aus der Zeit des Konstantinus ungefähr stammen, so 
sind sie allerdings ein neues und gleichzeitiges Zeugnis für 
seine Geschichte, würden also gleichzeitig die Namensgebung 
imd damit das Alter der Kap. 10 — 12 der translatio be- 
stätigen, (de Rossi , Bullettino 1 , 9 ff. ; II , i ff . und Dudik 
in den Mitteil. d. k. k. Zentral-Kommission 1869, XIV, i ff.) 

Friedrich äufsert sich endlich auch dahin (S. 429), dafs 
er in der Dümmlerschen Vita Konstantini keineswegs den 
ursprünglichen Text sehe, dafs also auch die Vita Konstan- 
tini eine Überarbeitung erfahren habe. 

Dafs das der Fall war, ist natürlich nicht ausgeschlossen. 
Am ehesten liefse sich vielleicht diese Möglichkeit in der 



§ 9- I^ie Vita Konstantini. 105 

Weise denken, dafs die ursprüngliche Vita nur Legende 
war, also nur hagiographische Zwecke verfolgte, dafs sie 
dann später in dem Kampf um die slavische Liturgie zu 
einer Rechtfertigungsschrift für die gottgewollte und gott- 
g-egebene slavische Schrift und Liturgie umgearbeitet wurde. 

Diese Vermutung, dafs der ersten Redaktion vielleicht 
die ganze Polemik über die slavische Schrift gefehlt habe, 
legt sich mir — 'wenn man schon einmal die Möglichkeit 
einer Redaktion ins Auge fafst — deshalb nahe, weil die 
Vita selbst in der Einleitung nur direkte Lebensbeschreibung 
als ihren Zweck angiebt. Vita vero eins, etiam pauUulum 
narrata, ostendit, qualis fuerit ut qui voluerit, haec audiens 
similis ei fiat, alacritatem assumens, et segnitiem abiiciens, 
sicut dixit apostolus : imitatores mei estote sicut et ego 
Christi (i Kor. 4, 16). 

Auf Grund dieser Stelle hat sich wohl auch bei Dümm- 
1er die Meinung gebildet, Zweck der Schrift sei nur die 
Verherrlichung des Helden, dagegen nicht etwa, die Ein- 
führung der slavischen Kirchensprache geschichtlich zu be- 
gründen (1. c. 213). Desgleichen hat auch Voronov, wie 
ich oben § 8, S. 80 schon mitteilte, sich dahin ausgesprochen, 
dafs wir es nur mit der Lebensbeschreibung eines Heiligen, 
nicht mit irgendeiner geschichtlichen Monographie zu thun 
haben (Jagid, Archiv IV, 108). 

Wenn man also auch die Möglichkeit einer Überarbei- 
tung annimmt, so hat es doch keinen weiteren Wert, sich 
auf diese Frage einzulassen, so lange nicht bestimmte sichere 
Beweise für die Trennung des Textes und die Sichtbar- 
machung der Überarbeitung erbracht werden können. Fried- 
rich bringt keine, und auch ich wüfste, so viel ich jetzt 
sehe, keine sicheren Anzeichen für richtige Quellenschei- 
dung beizuschaffen. Ohne solche haben aber allgemeine 
Vermutungen keine gröfsere Bedeutung. 

Wie schon Friedrich erkannt hat, bemifst sich nach 
dieser Untersuchung der Wert der Vita Konstantini für die 
geschichtliche Darstellung als kein besonders hoher. Jeden- 



106 Zweiter Abschnitt: Sekundäre Quellen für Konstantinus. 

falls mufs sie in der That mit grofser Vorsicht gebraucht 
werden. Als sekundäre Quelle für das Leben des Kon- 
stantinus kommt ihr nicht die Bedeutung" neben der trans- 
latio zu, die für Methodius neben den Papstbriefen die Vita 
Methodii hat. Bei beiden läfst sich ja die g-eschichtliche 
Wahrheit von der tendenziösen Darstellung- trennen; was 
aber besonders die Benutzung der Vita Konstantini er- 
schwert, ist eben der Umstand, dafs sie weit mehr als 
die Vita Methodii leg-endenhaft weitergebildet ist und offen- 
kundig sagenhafte Züge enthält. 

Alle Nachrichten also, die die Vita Konstantini allein, 
oder im Gegensatz zu den anderen Quellen berichtet, müssen 
von vornherein mit einem gewissen berechtigten Mifstrauen 
oder direktem Zweifel aufgenommen werden. 

Die wirkliche Ausbeute für den positiven Aufbau des 
Lebens des Konstantinus, die wir aus der Vita Konstantini 
gewinnen, wird also ziemlich gering sein. 



Dritter Abschnitt. 

Jüngere Quellen. 



§ lo. Die Vita Klementis und jüngere Legenden. 

Neben diesen primären und sekundären Quellen besitzen 
wir noch verschiedene jüngere Quellen. Sie kommen aber 
für die geschichtliche Darstellung nicht in Betracht, da sie 
einerseits auf den beiden anderen Klassen von Quellen be- 
ruhen, während anderseits das geschichtlich darstellende 
Moment in ihnen ganz hinter dem Legendenhaften zurück- 
tritt. Zumal tritt das in den Legenden zutage, die als 
Folge der mit der Zeit aufgekommenen Verehrung der 
Slavenapostel entstanden sind. 

Es ist also durchaus unrichtig, wie das zumal von sla- 
vischen Forschern geschehen ist, diese Legenden als zuver- 
lässige Quelle für den Aufbau des Lebens des Konstan- 
tinus und Methodius zu verwerten. So ist denn auch das 
geschichtliche Bild, das Leo XIII. in seiner Encyklika 
Grande munus vom 30. September 1880 bietet, ein durchaus 
legendenhaftes, weil er alle Notizen, die sich in den Legenden 
über die Wirksamkeit der Brüder finden, wahllos ohne jede 
Kritik zusammengetragen hat 

Unter diesen jüngeren Quellen noch die beste ist die 
Vita Klementis, die darum auch von den neueren For- 
schern, wie z. B. Dümmler und Bretholz, als Quelle an- 
gezogen worden ist. Es ist das eine Biographie des Bischofs 
Klemens der Bulgaren, gestorben 916, die in ihren ersten 



108 Dritter Abschnitt: Jüngere Quellen. 

sieben Kapiteln auch über Methodius — der ihr Hauptheld 
ist — und Kyrillus in durchaus legendenhafter Weise be- 
richtet. 

Sie hat offenbar an einigen Stellen das griechische 
Original der Vita Konstantini benutzt, worauf auch schon 
Voronov (Jagiö, Archiv IV, 103) hingewiesen hat. 

Ohne auf genauere Kritik im einzelnen einzugehen, soll 
nur der allgemeine Eindruck, den sie macht, wiedergegeben 
werden. Und da scheint sie von jemandem geschrieben 
worden zu sein, der den in ihr erzählten Dingen und Kämpfen 
ganz fern steht; die Schilderung der Personen, z. B. des 
Wiching und des Swatopluck, auf die alle möglichen Vor- 
würfe gehäuft werden, ist eine solche, wie sie sich erst durch 
lange Überlieferung im Munde der Gegner auszubilden 
pflegt. 

Auch des Methodius Gestalt ist noch viel mehr legenden- 
haft weitschweifig dargestellt, als es z. B. die Art der Vita 
Konstantini ist. Dafs die Vita Klementis die Offenbarung 
der slavischen Schrift nicht in polemischem Interesse ver- 
wertet, worauf Friedrich (S. 435) sich unter anderem stützt, 
um die Vita Konstantini für jünger als die Vita Klementis 
zu erklären, kommt wohl daher, dafs sie gleichfalls den 
Kämpfen um die slavische Liturgie ferner steht. Ein Haupt- 
argument aber, die Vita Klementis für ziemlich spät ver- 
fafst anzusehen, dürfte das sein, dafs sie für Konstantinus 
keinen anderen Namen gebraucht als das ihr ganz geläufige 
Kyrillus. 

Miklosich hat 1847 (Wien) die „Vita S. Klementis Epi- 
scopi Bulgarorum Graece'' mit einer lateinischen Übersetzung 
ediert ^). 

Mit Beziehung darauf, dafs diese „bulgarische Legende" 
dem Metropoliten von Achrida, Theophylakt (gest. 1107), 
zugeschrieben wird, der in der Überschrift der Vita als Ver- 
fasser genannt wird, bemerkt Miklosich über den mutmafe- 



i) Vgl. Potthast», 1. c. 1246. 



g lo. Die Vita Klementis und jüngere Legenden. 109 

liehen Autor dieser Vita (S. ^ seiner Ausgabe) : „Theophy- 
lactum, Justinianae primae totiusque Bulgariae archiepiscopum, 
hanc vitam Klementis scripsisse concedere non poterit is, 
qui in ipso opere c. i8 legerit, auctorem ejus Klementi, 
mortuo 916, convixisse, cum notum sit, Theophylactum anno 
1107 diem obiisse supremum. Adde e. c. 22 collig-i, auc- 
torem fuisse natione Bulg-arum, quippe qui narret: Omnia 
ad ecclesiam pertinentia Klemens nobis Bulgaris (roZg 
BovlyccQOig fjfAlv) tradidit, cum Theophylactus , ut ipsius 
verbis utar, hospitio tantum Bulgarus, revera Constantino- 
politanus fuerit (Baronius ad annum 107 1). Scriptam esse 
hanc vitam tempore, quo Bulgaria a Scythis vexaretur» 
patet e. c. 29: Sancte pastor serves a barbaricis incursio- 
nibus intactos nos alumnos tuos, maxime nunc, cum afflictio 
in propinquo, nee est, qui adjuvet, cum scythicus g-ladius 
bulgarico sanguine inebriatus est. Auetor hie loqui videtur 
de Hungaris, qui annis 934, 943, 959, 962 Byzantium pe- 
tentes, Bulgariam devastabant: illos enim etiam Scythas 
appellari a scriptoribus historiae byzantinae notum est. 
(Safafjk, Slowanske starozitnosti, S94.) Vitam igitur scripsit 
Bulgarus saeculo decimo, nomen vero Theophylacti additum 
esse videtur, quo major fides et auctoritas narrationi con- 
ciliaretur. Dobrovio quidem (Kyrill und Method, 10) auctor 
noster neque Klementis neque Theophylacti videtur fuisse 
aequalis : cum vero is nullas sententiae suae causas adferat, 
nos potius cum '/^QiTruotdtq) Friderico Blumberger (Jahr- 
bücher der Litteratur XXVI, 214) statuemus, revera quem- 
dam e Klementis discipulis vitam magistri scripsisse." 

Ginzel meint (S. 16), es ,,wäre nur anzunehmen, dafs 
Theophylakt frühere Aufzeichnungen aus dem 10. Jahr- 
hundert zu einer förmlichen Biographie gestaltet habe." 
Voronov, der sich auch eingehend mit dieser Quelle be- 
schäftigt, glaubt, dafs sie von einem Griechen zwischen 
1088 und 1090 geschrieben sei (Jagid, Archiv IV, 112).. 

Jedenfalls ist, wie schon Ginzel erkannte, ihr geschicht- 
licher Inhalt von untergeordnetem Werte. Für die Dar- 



110 Dritter Abschnitt: Jüngere Quellen. 

Stellung" des Lebens und Wirkens der Slavenapostel kommt 
sie also nicht in Betracht. 

In noch höherem Mafse gilt das von anderen uns erhal- 
tenen Leg-enden ^). Die eine dieser ist die sogenannte „mäh- 
rische Legende", „welche zuerst die Bollandisten aus einem 
von Bartholomäus Krafft im Jahre 1480 geschriebenen Pas- 
sional des Klosters Blaubeuern unweit Ulm veröffentUchten, 
J. Dobrowsky aber in viel korrekterer Gestalt nach älteren 
Handschriften in seiner „Mährischen Legende von Kyrill 
und Method'*, Prag 1826, herausgab. Sie ist nach dem 
Urteile Dobrowskys in Mähren, etwa im 14. Jahrhundert, 
in welchem man das Fest der hl. Kyrill und Method am 
9. März zu feiern begann, abgefafst worden. Der Verfasser 
derselben verschmolz nämlich die in seinem mährischen 
Breviere enthaltenen Lektionen von Kyrill und Method mit 
der ihm bekannt gewordenen translatio S. Klementis, wobei 
er so zu Werke ging, dafs er oft die Worte seiner Quellen 
beibehielt, oft dafür andere Ausdrücke wählte, das Weit- 
läufige verkürzte, das kurz Gesagte rhetorisch erweiterte 
und zuweilen seine Vermutungen oder Erdichtungen ein- 
flocht. Im allgemeinen sei nur erwähnt, dafs es dem Ver- 
fasser der mährischen Legende vorzugsweise darum zu thun 
war, die Bekehrung der Mährer zum Christentum ursprüng- 
lich und ausschliefslich Kyrill und Method zuzuschreiben, 
um sie so als die eigentlichen Apostel und Patrone Mährens 
hinzustellen." Diesen Ausführungen Ginzels (S. 13) kann 
ich nur beistimmen. 

Die zweite ist die „böhmische Legende", die den 
Eingang einer Legende der hl. Ludmilla bildet. Nach 
Dobrowsky (Kritische Versuche I, 16, Prag 1803) reicht ihr 
Text etwa bis über die Hälfte des 14. Jahrhunderts hinauf. 
Auch sie kennt nur einen sanctus Kyrillus und erwähnt den 
Namen Konstantin — den doch die böhmische Legende 
am Eingang noch nennt — gar nicht mehr (Ginzel S. 13). 



I) Vgl. Potthast2, 1. c. 1261. 



§ lo. Die Vita Klementis und jüngere Legenden. Hl 

Ebenso wertlos für die geschichtliche Darstellung sind 
natürlich auch die alten Offizien *) auf Kyrill und Method 
und andere jüngere Stücke, wie ,,die kurzen Biographieen, 
welche in den sogenannten Prologen oder Synaxarien vor- 
kommen", die wie alle diese Quellen Voronov auch in den 
Kreis seiner Untersuchung gezogen hat (Jagid, Archiv IV, 

115 ff.). 

Desgleichen sind die Notizen des Priesters von Dioklea^) 
und andere Angaben aus später Zeit von keinem histori- 
schen Wert (Dobrowsky, Kyrill und Method, S. 39 ; Dümm- 
1er, Archiv XIII, 154). „Eine kürzere neubulgarische Le- 
gende (vgl. Dobrowsky, Mährische Legende, S. 64) von 
den beiden Brüdern scheint blofs ein magerer Auszug aus 
der pannonischen Legende zu sein, zu welcher nur das 
vermeintUche Jahr der Bibelübersetzung hinzugefügt ist" 
(Dümmler, Archiv XIII, 154 und Jagi(5, Archiv III, 79 ff.). 

Was endlich der älteste russische Annalist, Nestor^), ,,oder 
etwa ein späterer Interpolator desselben", über die Slaven- 
apostel berichtet, beruht auf der Vita Konstantini und Me- 
thode und stimmt auch vielfach wörtlich damit überein 
(Büdinger im Wiener Jahrb. für Vaterland. Gesch. I, 30 f. ; 
Dümmler, Archiv XIII, 154). 



1) Vgl. Potthast2, 1. c. 1262. 

2) Vgl. Potthast2, 1. c. 378. 

3) Vgl. Potthasta, 1. c. 844. 



II. 
Darstellender Teil: 

Geschichte der Slavenapostel Konstantinus 
(Kyrillus) und Methodius. 



GoetZy Geschichte der Slavenapostel. 



Erster At)schnitt. 

Bis zum Tod des Konstan- 
tinus 869. 

Vorwiegend Geschichte des Konstantinus. 



§ II. Abstammung und Jugendzeit der Slaven- 

apostel. 

Als Geburtsort der Slavenapostel nennen die Quellen 
übereinstimmend Thessalonich, „ eine Stadt, die durch ihre 
wissenschaftliche Bildung* glänzte, während sie zugleich 
durch lebhaften Verkehr mit den umwohnenden slavischen 
Stämmen treffliche Gelegenheit bot, deren Sprache und 
Sitten kennen zu lernen" *). Die Brüder stammten — nach 
der Vita Methodii sowohl väterlicher- als mütterlicher- 
seits *) — aus altem vornehmem Geschlecht, das am kaiser- 
lichen Hofe wie im ganzen Land sehr angesehen war. Nach 
der Vita Methodii war Methodius der ältere von beiden *), 
und wir haben keinen Grund, an der Richtigkeit dieser An- 



i) Dümmler, Ostfränkisches Reich« II, i8o, vgl. dessen weitere 
Notizen über den damaligen Zustand von Thessalonich im Archiv XIII, 164. 

2) Vita Methodii c. 2 erat aatem utrimque haud infimo genere natus. 

3) Vita Methodii c. 4 : servivit [Methodius] minori fratri. Ginzel macht 
den Konstantinas zum älteren, ohne dafür einen weiteren sicheren Beweis 
beizubringen. 

8* 



116 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

gäbe zu zweifeln. Auch die Vita Konstantini ^) läfet Kon- 
stantinus den jüngeren Bruder sein, nur hat sie nach ihrer 
Art diese Thatsache legendenhaft ausgeschmückt und zu 
erklären gesucht. Der neugeborene Konstantin habe nur 
von seiner eigenen Mutter sich nähren lassen wollen, und 
es sei in der göttlichen Vorsehung bestimmt gewesen, dafs 
der kräftige Sprofs einer kräftigen Wurzel nur mit reiner 
Milch aufgezogen werden solle. Die Eltern hätten aber aus 
diesem Anlafs beschlossen, sich fürderhin der ehelichen 
Beiwohnung zu entschlagen und hätten das auch vierzehn 
Jahre bis zum Tod des Mannes gehalten. 

Besondere, eigens zu diesem Zweck verfafste Angaben 
über die Nationalität der Brüder bieten die Quellen 
keine, es liegt indes nahe anzunehmen, dafs ihr vornehmes 
und angesehenes Geschlecht ein griechisches war. So nennt 
die Conversio Carantanorum den Methodius ganz kurz und 
wegwerfend quidam graecus. Die Vita Konstantini nennt 
auch den Vater einen rechtgläubigen Mann, der alle Gebote 
Gottes sorgfältig befolgte. Wenn die Vita Methodii sagt, 
die „ Griechen " hätten den Methodius von klein auf hoch- 
geschätzt *), so soll damit Methodius nicht zum Slaven ge- 
macht werden, sondern das weist nur darauf hin, dafs der 
Verfasser der Vita Methodii selbst sich in Gegensatz zu den 
Griechen stellt. 

Schon als Knaben erregten die Brüder die Aufmerksam- 
keit ihrer Umgebung. Von Methodius wird hervorragende 
körperliche Schönheit und Verstandesschärfe für praktisches 



i) Vita Konstantini c. i : genuit septem liberos quorum minimas sep- 
timus Konstantinus erat . . . 

2) Miklosich hat in seiner Ausgabe von 1870 statt Graeci, causidici, 

liest also im Urtext H lEbPLipi ÄIOBKUI^E H HBÄ'BTBCKA 

nicht H rPLipi; vgl. Dum ml er, Archiv XIII, 165, der im GegensaU 
an die dem Methodius später von den Slaven gewordene Hochschätzung 
denkt. Jireöek, Geschichte der Bulgaren, S. 151, hält dagegen die 
Brüder für Slaven insbesondere wegen ihrer Sprachengabe und -Fertigkeit, 
die Griechen nicht zukomme. Budiloviö (Jagiö, Archiv X, 297) hält sie für 
gräzisierte Slaven. 



2 II. Abstammung und Jugendzeit der Slavenapostel. 117 

Handeln gerühmt, die ihn zu seiner späteren Laufbahn be- 
fähig-ten. Konstantinus anderseits ^) zeichnete sich von klein 
auf durch wunderbare Geistesgaben und Talente für philo- 
sophische Studien aus, so dafs er den Beinamen eines 
Philosophen erhielt. 

Ihre erste Erziehung und den ersten Unterricht erhielten 
die Brüder daheim ; im Jünglingsalter wurden sie ^) , wie 
sich das wohl für die Söhne vornehmer Eltern geziemte, 
in die Residenz, an den kaiserlichen Hof gebracht, um dort 
die höhere Ausbildung, jeder nach der Richtung, die sein 
Geist einschlug, zu empfangen. 

Methodius der ältere trat seiner nach den Quellen ihm 
eigenen hervorragenden Befähigung zu praktischer Lebens- 
thätigkeit entsprechend in den Staatsdienst. Seine vor- 
nehme Abstammung mag wohl dazu mitgeholfen haben, 
dafs ihn der Kaiser Michael zum Statthalter *) über ein von 
Slaven bewohntes Gebiet machte, wie vielfach angenommen 
wird, ihm die Strategie am Strymon übertrug. 

Nachdem er lange Jahre dies Amt bekleidete, sehnte 
sich, wie die Vita Methodii sagt (Kap. 3), sein Herz nach 
Ruhe aus den unzähligen Aufregungen und Stürmen dieser 
Welt. Da er seine kostbare Seele nicht immer mit den 
irdischen vergänglichen Dingen beunruhigen wollte, so legte 
er, sobald sich ihm eine passende Gelegenheit bot, seine 
Würde nieder, nahm das schwarze Mönchsgewand und lebte 
in einem Kloster auf dem Olymp *) und suchte seine Be- 



i) Translatio c. i : mirabile ingenium quo ab ineunte infantia mira- 
biliter damit. 

2) Translatio c. i : Hie [Konstantinus] cum adolevisset, atque a paren- 
tibus fuisset in urbem regiam ductus. 

3) Dümmler, Archiv XIII, 165. Vita Methodii c. 2 . . . principatum 
Slovenicum eum tenere iuberet. Jireöek 1. c, p. 121, denkt an thessali- 
sches Gebiet. 

4) Nach Krumbacher, Geschichte der byzantinischen Litteratur, 
S. 175, ist hier nicht der thessalische, sondern der bythinische Olymp ge- 
meint; vgL auch Jagiö, Archiv X, 297. 



118 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinas. 

friedigTing nunmehr in demütig-er sorg-fältig-er Erfüllung- aller 
klösterlichen Vorschriften und im Studium. 

Einen anderen Lebensg-ang" machte zunächst Konstan- 
tinus, er blieb der Wissenschaft g-etreu und bildete sich in 
der Philosophie aus. Anastasius bibliothecarius spricht von 
ihm nur mit Ausdrücken grofeer Hochachtung- und Ver- 
ehrung-. Als Charakteristikum für den Wissenseifer des 
Konstantinus erwähnt er auch in seinem Brief an Karl den 
Kahlen ^) , Konstantinus habe alle Schriften des Dionysius 
Areopag-ita auswendig- gelernt. Seine Philosophie verwertete 
er im Sinne jener Zeit natürlich im Dienst der Kirche, und 
wie Anastasius in dem erwähnten Brief weiter mitteilt, pflegte 
er in seinen Vorträgen seinen Zuhörern besonders den 
Dionysius Areopagita als eine geistige Waffe zu rühmen, 
die, ein scharfes Schwert, im Kampf gegen die Häretiker 
gute Dienste leisten könne. Seine Studien und wohl auch 
der Aufenthalt in der Residenz führten ihn mit dem erleuch- 
tetsten Geist der damaligen Zeit, mit Photius, zusammen, 
und das Band, das persönliche Zuneigung und wohl noch 
mehr das gemeinsame wissenschaftliche Streben um beide 
schlang, mufs ein sehr enges gewesen sein, wenn wir 
wiederum auf das Zeugnis des Anastasius bibliothecarius ^) 
hören. Aber dieses persönliche Band hielt den Konstan- 
tinus nicht zurück, dem Photius scharf entgegenzutreten, 
als dieser ► die philosophische Schulmeinung aufstellte , der 
Mensch habe zwei Seelen, wie er auf Befragen des Kon- 
stantinus äufserte, um zu sehen, was der Patriarch Ignatius, 
der die ,, Männer der äufseren Weisheit" ^), wie ihm Photius 
vorwarf, von sich wies, thun würde, wenn aus den Syllogis- 
men der Philosophen irgendeine Häresie zu seiner Zeit 



i) Bei Wattenbach, Beiträge zur Geschichte der christl. Kirche in 
Mähren, S. 14 und Ginzel, Anhang, S. 44. V^ 

2) Vorrede des Anastasius zum VIH. allg. Konzil von 869 bei Mansi 
XVI, 6. 

3) Vgl. Anmerkung S. 120. 



§ II. Abstammung und Jugendzeit der Slavenapostel. 110 

auftauchte. Und in den Worten, die uns Anastasius ^) als 
Antwort des Konstantinus aufbewahrt hat, finden wir eine 
scharfe Verurteilung einer Philosophie, die niu: dazu führe, 
die geistigen Augen der Menschen zu verdunkeln, dafs 
sie den Pfad der Gerechtigkeit nicht mehr sehen könnten, 
und die so eine Menge Menschen ins Verderben führe. 
So galt ihm denn auch des Photius Philosophie nur als 
eine ,, Weisheit dieser Welt". Allerdings vereinigte sich 
bei Konstantinus die Gelehrsamkeit mit hervorragender 
persönlicher Frömmigkeit, und die Quellen rühmen beides 
in gleichem Mafse; Anastasius selbst legt ihm den Ehren- 
titel eines Lehrers des apostolischen Lebenswandels ^) bei 
und nennt ihn einen Mann von grofser Heiligkeit. Sein 
Streben fand zunächst seinen Abschlufs einerseits in der 
Weihe zum Priester, anderseits in der Stelle eines Lehrers 
der Philosophie, die er nach des Anastasius Briefen ein- 
nahm. 

Zu diesen Angaben der sicheren Quellen über die 
Jugendzeit der Slavenapostel kommen nun speziell für Kon- 
stantinus eine Reihe von weiteren Ausführungen, die nur 
die Vita Konstantini bietet. 

Zunächst erfahren wir den Namen seines Vaters, Leo 
und dafs er den Rang eines Unterfeldherrn *) inne hatte. 

Nach der Art der Vita Konstantini erscheint das Leben 
des Konstantinus von klein auf von wunderbaren Vorgängen 
durchzogen, die alle auf seine künftige Gröfse hindeuten. 
Als er sieben Jahre erst alt war, wählte er sich in einem 
Traumgesicht die Sophia, die Weisheit, zur Braut. Von 
da an setzte er, den Lehrern zum Unterricht übergeben, 
alles durch die Leichtigkeit seiner Fassungskraft in Staunen. 



i) In der erwähnten Vorrede zum achten Konzil. Zu der erwähnten 
Schulmeinung) des Photius vgl. d. ii. (im Griech. lo.) Kanon des achten 
allg. Konzils,' He feie, Konzilien 2 IV, 419. 

2) Dafs an der Stelle im Briefe des Anastasius an Karl d. Kahlen zu 
lesen ist „apostolicae vitae praeceptor, dazu vgl. oben S. 4, Anm. i. 

3) Kap. i Obtinens dignitatem drungarii sub stratego. 



120 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

Was wir sonst Rühmliches über sein Talent und seine Lern- 
beg-ier erfahren, sucht die Vita Konstantini in dem Streben, 
den Helden recht zu erheben, zu überbieten. So lernte er 
die Schriften des heiligen Gregor von Nazianz auswendig-, 
und fufsfällig bat er einen fremden Lehrer, der in Thessa- 
lonich weilte, ihn in der Grammatik zu unterrichten. Da- 
durch wurde ein kaiserlicher Logothet (Theoktist) auf die 
ungewöhnliche Begabung des Knaben aufmerksam und liefs 
ihn nach Konstantinopel holen, um ihn gemeinsam mit dem 
jungen Kaiser Michael zu erziehen. In drei Monaten ab- 
solvierte er die Grammatik und bildete sich dann in allen 
Fächern des damaligen Wissens aus, in Dialektik und Phi- 
sophie bei Leo und Photius. Schnelles Fassungsvermögen 
vereinigte er mit zähem Fleifs, so dafs er alle Wissenschaft 
so rasch in sich aufnahm, als ob er nur einen ihrer Zweige 
erlernte. Bei allen den Kenntnissen, die er sich erwarb, 
blieb er doch stets bescheidenen und demütigen Sinnes, 
den Geschäften und dem Treiben der Welt abgewandt und 
bestrebt, sich möglichst im gottwohlgefälligen Leben zu 
vervollkommnen. Ehrenvolle Stellung beim Logotheten 
und Geldgeschenke achtete er gering. Auf den Vorschlag 
des Logotheten, seine Patin, ein reiches und vornehmes 
Mädchen, zu heiraten, und die Würde eines Strategen zu 
bekleiden, ging er nicht ein. Seine Weigerung und das 
feste Vorhaben, der Wissenschaft treu zu bleiben, veran- 
lafste den Logotheten die Kaiserin Theodora zu bestimmen, 
ihn zum Priester weihen zu lassen und zum Bibliothekar 
des Patriarchen an der Sophienkirche zu ernennen. Bald 
entzog er sich diesem Beruf und verbarg sich in einem 
Kloster am Bosporus ; nach halbjährigem Suchen fand man 
ihn da und bestimmte ihn glücklich, das Amt eines Lehrers 
der Philosophie *) zu übernehmen. In dieser Stellung ver- 



i) Kap. 4: rogaverunt ut doctoris cathedram acciperet et doceret in- 
digenas et peregrinos philosophiam. Diese Stelle benutzt Voronov zu 
seinem Beweis (s. oben S. 79), dafs die Vita Konstantini ursprünglich grie- 



? II. Abstammung und Jugendzeit der Slavenapostel. 131 

focht er — wie es Anastasius gegenüber Photius berich- 
tet — auf kaiserlichen Befehl den orthodoxen Glaubea 
gegen den bilderstürmenden, früheren, von der Kaiserin 
Theodora 842 abgesetzten Patriarchen Jannes VII. ^). Im 
Alter von vierundzwanzig Jahren zog er wiederum auf kai- 
serlichen Befehl, von seinem Sekretär Georg Polaäa be- 
gleitet, zu den Sarazenen, „vermutlich in das Reich des 
rechtgläubigen Abbassiden Mutawakkil" *) , bei denen der 
christliche Glaube argen Verhöhnungen ausgesetzt war^ 
und die Trinitätslehre offen verspottet und geschmäht wurde. 
Mit Ehren bestand er seine Aufgabe. Alle Einwürfe der 
Opponenten, mit denen er disputierte, konnte er widerlegen,, 
und setzte alle in Staunen über die Menge seines Wissens ► 
Bald nach seiner Heimkehr folgte er aufs neue seiner 
Neigung zu einem beschaulichen, gottgeweihten und mild- 
thätigen Leben, zog sich dann auf den Berg Olymp in das^ 
Kloster zurück, in dem sein Bruder Methodius weilte, und 
widmete sich ganz dem Studium. 

So viel bietet die Vita Konstantini an Nachrichten über 
die Jugendzeit des Konstantinus mehr als die anderen 
Quellen. Deren gröfserer oder geringerer historischer Wert 
läfst sich nach der oben gegebenen Kritik der Vita Kon- 
stantini leicht danach beurteilen, je nach dem sie als hi- 
storisch mögliche Ergänzung der anderen Berichte oder als. 
positiv legendenhafte Häufung und Überbietung der be- 
glaubigten Thatsachen und Vorgänge erscheinen. Zu der 



chisch abgefafst war : „ nicht von In- und Ausländern , welchen Konstantin 
die Philosophie vorgetragen haben soll, ist die Rede, der slavische Aus- 
druck, der auch schwankend ist, gewinnt den richtigen Sinn erst aus der 
Voraussetzung des griechischen Originals : iva öi^ttaxaXog ^ (fUoaocpiccg^ 
TTig iacj TS xccc rrig ^|üi, d. h. der esoterischen und exoterischen Philo- 
sophie, wozu treffend die Parallelstelle herangezogen wird Vita Klementis, 
Kap. 2 : xtti KvQikXog ö nokvg fiev tijv l^(o (ft.loao(piuv nXeitov ^s rrjv 
iao) (bei Ginzel, Anhang S. 33 : et Kyrillus multus in exteriori philosophia 
sed major in interiori) Jagiö Archiv IV, 103. 

i) Vgl. die Note in den Denkschriften d, Wiener Akademie XIX, 247. 

2) Dümmler, Ostfränk. Reichs II, 181. 



133 Erster Abschnitt: Geschieht« des Konstantiniis. 

ersten Klasse dürfen wir z. B. die Namensnennung" des 
Vaters rechnen, zur zweiten sowohl die legendenhaft aus- 
geschmückte Schilderung seines Bildungsganges, wie die 
Erzählung über das Auswendiglernen des heiligen Gregorius 
und seine Disputation mit den Sarazenen. 

Historisch möglich sind die Angaben über sein Alter. 
Am 14. Februar 869 ist er nach Kap. 18 der Vita Kon- 
stantini im Alter von 42 Jahren gestorben. Seine Geburt 
fiele also in das Jahr 827, der Tod seines Vaters in das 
Jahr 841 , seine Priesterweihe etwa in die Jahre 849 oder 
850^), da er als 24jähriger Jüngling 851 die Disputation 
gegen die Sarazenen bestand. 

Zweifelhaft bleibt die Angabe über den Mönchsstand 
des Konstantinus , da die translatio in ihrem echten Teil, 
Kap. I, davon nichts erwähnt, Kap. 11 aber, in dem von 
dem Mönchsstand der Brüder die Rede ist , unecht *) ist. 
Auch das ist möglicherweise eine jener Behauptimgen, die 
dem Zweck des Autors der Vita Konstantini, seinen Helden 
recht zu verherrlichen, entsprungen sind, wie ja eine 
klösteriiche Tendenz, als der höheren christlichen Voll- 
kommenheit entsprechend, durch die ganze Vita sich zieht *). 

§ 12. Die Sendung zu den Chazaren. 

Eine Reihe von Jahren konnte Konstantinus in stiller Ruhe 
seinen wissenschaftlichen Studien leben, bis ihn die Entsen- 
dung zu den Chazaren für immer aus dieser Lebenssphäre 
hinausrifs und ihm ein neues Arbeitsfeld für sein künftiges 
Leben anwies. Die Chazaren , ein *) der finnisch-ugrischen 
Familie angehöriges Volk, bewohnten, unter ihren Kha- 

i) AUerdings verstöfst diese Datierung gegen den Kanon 14 des 
TruUanums von 692, wonach niemand den alten Gesetzen gemäfs vor 
30 Jahren zum Priester geweiht werden soll, vgl. Hefele Konzilien 9 III, 333. 

2) Siehe oben § 3, S. 37, siehe unten ? 16. 

3) Siehe oben g 9, S. 93. 

4) Dümmler, Ostfränk. Reich« II, 181. 



J 12. Die Sendung zu den Cbaxttnea. ISS 

khanen, als Grenznachbaren des griechischen Reiches das 
südliche Rufsland vom Don bis zum Kaukasus. In nähere 
Berührung- mit dem byzantinischen Reich waren sie dadurch 
getreten, dafs auf ihre Bitten 838 der Protospathar Petro- 
nas ^) am Don ihnen eine Grenzfestung Sarcel gegen die 
Petschenegen erbaut hatte, und seit jener Zeit wurde die 
Halbinsel Krim unter einen besonderen kaiserlichen Statt- 
halter gestellt. In seinem religiösen Bekenntnis war das 
Land und die Bevölkerung nicht geeint, von ihnen wie von 
anderen Völkern jener Zeit berichten die Quellen, dafs 
Christen, Juden und Heiden miteinander lebten und wohl 
auch miteinander über den Wert ihrer Religion stritten. 
Für die Herrscher des Volkes, die selbst dem jüdischen 
Glauben angehörten, mochte dieser Wirrwar in ihrem Reich 
und die inneren Unruhen, die er mit sich brachte, auch 
politisch unangenehm sein. In ihrem Interesse, über ein 
einiges und politisch ruhiges Volk zu herrschen, lag es, 
auch die religiöse Einheit, wie wir das sonst oft sehen, als 
Grundbedingimg für die politische Einheit herzustellen. Der 
mächtigste Herr jener Zeit war aber der Kaiser in Kon- 
stantinopel, mit dem sie in guter Freundschaft lebten. So 
erklärt sich diese Gesandtschaft, und so legt es uns der 
Inhalt der überbrachten Botschaft ^) selbst nahe. Bald 
— sagen die Gesandten — suchen die Juden für ihren 
Glauben unter uns Propaganda zu machen, bald geben 
sich die Sarazenen alle Mühe, uns zu ihrer Religion zu be- 
kehren. So schwanken wir hin und her und wissen nicht, 
auf wessen Seite wir uns neigen sollen. Deshalb kommen 
wir vertrauensvoll zum Kaiser, der sowohl unser erprobter 
Freund, auf den wir trauen, ist, als auch gleichzeitig der 
Hort des katholischen Glaubens. Ihn bitten wir also um 
einen wohlunterrichteten Mann, der uns wahrhaft im katho- 
lischen Glauben unterweisen kann. 



i) Ginzel S. 252; Wattenbach, Beiträge S. 7. 
2) Translatio Kap. i. 



124 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

Michael beratschlagte mit dem Patriarch Photius und 
bestimmte zu dieser Mission den Konstantinus, der seinen 
Bruder Methodius ^) als Helfer sich mitnahm. Der Kaiser 
gab dem Konstantinus Gesandte bei und sandte ihn mit 
allen Ehren zu den Chazaren, indem er auf die Klugheit 
und die Beredsamkeit des Konstantinus alles Vertrauen 
setzte 2). Auf der Hinreise lernte Konstantin — nach allen 
Berichten mit ungewöhnlichem Talent für Erlernung frem- 
der Sprachen ausgestattet — bei einem Aufenthalt in der 
Grenzstadt Cherson die Chazarensprache *). Bei den Cha- 
zaren löste er seine Aufgabe, die religiöse Einheit herzu- 
stellen, glücklich, in Predigt und Disputation bekehrte er 
— wie die translatio berichtet *) — Juden wie Sarazenen 
von ihrem Aber- und Unglauben. Wie lange diese Be- 
kehrung anhielt, sagt allerdings die translatio nicht, sie be- 
richtet nur von der grofsen Freude, die im Lande bzw, 
bei dem Khakhan darüber herrschte, dafs das Volk jetzt im 
katholischen Glauben unterrichtet und gestärkt sei. Die 
Chazaren, d. h. wohl ihr Khakhan, schickten auch dem Kaiser 
eigene Botschaft, in der sie ihre Freude bekundeten, dafs 
das Volk wieder ganz zum katholischen Glauben zurück- 
gekehrt sei. Sie versprachen auch, dem griechischen Reich 
immer und für alle Zukunft treue Freunde und Untergebene 
sein zu wollen. 

Mit allen Ehren geleiteten sie den Konstantin — neben 
dem Methodius in der translatio gar nicht erwähnt wird — 
heim und wollten ihn nach ihrer Weise mit Gold und Ge- 
schenken reich belohnen. Er aber — ut revera philosophus 



i) Vita Methodii Kap. 4. Ginzel, S. 23, vermutet, das Zerwürfnis 
zwischen Photius und Konstantinus sei diesem, der doch sonst mit Photius 
befreundet war, ein willkommener Anlafs gewesen, die Mission zu den 
Chazaren zu unternehmen, da er innerlich wohl auf des Ignatius Seite ge- 
standen habe. 

2) Translatio Kap. i : optime confidens de prudentia et eloquentia eius. 

3) Translatio Kap. 2. 

4) Translatio Kap. 6. 



J 12. Die Sendang zu den Chazaren. 135 

sagt die translatio ^) — bat sich statt dessen die Freilassung- 
der in ihren Händen befindlichen Gefangenen aus, die er 
auch erhielt. 

Die Aufgabe, die da die Slavenapostel lösten, hatte 
also, wie schon oben bemerkt, nach der Absicht der Bittsteller 
einen politischen Hintergrund: durch die religiöse Einheit 
die politische herzustellen. Denselben politischen Hinter- 
grund ^) hatte aber wohl auch die Mission selbst. Deshalb 
vielleicht nahm Konstantin den früheren Staatsmann Me- 
thodius als Genossen mit, deshalb schickte der Kaiser in 
ansehnlicher Gefolgschaft, wie sie der Würde eines Ge- 
sandten des Kaisers entsprach, den Konstantinus zu den 
Chazaren. 

Die Aufgabe des Konstantinus wird also nicht eine rein 
missionarische wohl gewesen sein, sondern daneben stand 
die politische, mit dem durch ihn religiös geeinten Land 
auch für den griechischen Kaiser enge Freimdschaftsbande 
zu knüpfen; und dafs ihm das gelungen ist, beweist das 
Schreiben der Chazaren an den Kaiser, in dem sie treue 
Anhängerschaft an das griechische Reich geloben. Auch 
waren mehrere griechiche Kaiser mit chazarischen Prinzes- 
sinnen vermählt *). Diese Vermutungen legt der Text der 
translatio nahe. Anastasius selbst allerdings schreibt in 
seinem Brief an Gauderich (Kap. 3) nur kurz, dafs Kon- 
stantinus zur Predigt des Evangeliums zu den Chazaren ge- 
schickt worden sei. Und auch die Vita Methodii (Kap. 4) 
spricht lediglich von der religiösen Aufgabe der Brüder, 
die christliche Religion gegen die Angriffe der Juden zu 
verteidigen, die durch das Gebet des Methodius und die 
Beredsamkeit des Konstantinus auch glücklich gelöst wird. 



i) Translatio Kap. 6. 

2) Bonwetsch: Kyrill und Methodius, S. 8, denkt auch an die Mög- 
lichkeit einer politischen Reise, „ob religiös kirchliche, oder auch staat- 
liche Zwecke obwalteten, wird sich schwer bestimmen lassen". 

3) Vgl. Strahl, Geschichte des russischen Staates I, 26. 



1S6 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

Den Bericht der translatio nun über die Reise zu den 
Chazaren hat — wie schon oben im untersuchenden Teil 
erwähnt ist — die Vita Konstantini gemäfs ihrer Tendenz 
erweitert und zum Vorteil ihres Helden ausg-eschmückt. 
Auf seiner Reise in Cherson angekommen, lernt Konstan- 
tinus hebräisch und samaritanisch. Eine auffallende Nach- 
richt ist dann, dafs er ein Evangelium und Psalterium 
rossicis litteris vorgefunden und von einem des Russischen 
kundigen diese Sprache erlernt habe *). 

Diese Nachricht erklärte der erste Herausgeber der Vita 
Konstantini *) schon als späteren Zusatz. Wichtig kann die 
Nachricht sein, je nachdem die Antwort auf die Frage, 
wie weit Konstantin an der Erfindung der slavischen Schrift 
beteiligt sei, ausfällt. Dümmler ^) hat schon den einen Ge- 
sichtspunkt hervorgehoben, der eventuell Beachtung ver- 
dient, dafs diese Entdeckung den Konstantinus der Mühe 
überhoben haben würde, später eine neue slavische Schrift 
zu erfinden. Allerdings ist er der Ansicht, dafs nach 
dem Sprachgebrauch von ^cog im neunten Jahrhundert nicht 
an slavische Russen — was wesentlich wichtiger wäre — 
zu denken sei, sondern an germanische Waijager*), und man 
habe also da an die gothische Bibel des Vulfila zu denken, 
„die man freilich als das Werk eines Arianers bei den 
rechtgläubigen Krimgoten kaum zu finden erwartet hätte". 
Während seines Aufenthaltes in Cherson zog Konstantinus 
einmal dem Fürst der Chazaren entgegen, der eine christ- 
liche Stadt bestürmte und bewog ihn zur Aufgabe der Be- 
lagerung. Auf seiner weiteren Reise wurde er dann von 



i) Vita Konstantini: invento vcro ibi evangelio et psalterio rossicis 
litteris scripto reperit etiam hominem lingua iUa loquentem et cum eo 
locutus vim sermonis accepit com sua lingua conferens et discrevit litteras 
vocales et consonantes et deum precans mox cepit legere et loqui et multi 
eum admirati sunt. 

2) Bei Wattenbach, Beiträge S. 35. 

3) Denkschriften XIX, 210 und 247. 

4) Zur Warjagerfrage vgl. Brückner, Gesch. Rufslands I, 226. 



§ 12. Die Sendung zu den Chazaren. \^7 

Ungarn überfallen, als er gerade sein Stundengebet ver- 
richtete ; indes auf göttliche Eingebung hin thaten ihm die 
Ungarn nichts zuleide. Über das mäotische Meer gelangte 
er endlich an den Fufs der kaukasischen Berge zu den 
Chazaren. Ausführlich schildert nun die Vita die mehr- 
tägigen wiederholten Disputationen, die er am Hofe des 
Fürsten bestand, und die alle nur dazu dienen, die Gelehr- 
samkeit und vor allem den Juden gegenüber die Bibel- 
kenntnis des Konstantinus ins beste Licht zu stellen. Für 
seinen weitschweifig ausgedehnten Bericht beruft sich der 
Verfasser auf eine vollständige in acht Abschnitte zerfallende 
Niederschrift des heiligen Methodius über diese Disputatio- 
nen, von der wir aber sonst nichts wissen. Die Wirksam- 
keit des Konstantinus hatte den Erfolg, dafs der Fürst und 
200 seiner Unterthanen sich taufen liefsen, heidnischen 
Aberglauben und die ungültigen Ehebündnisse, womit wohl 
die Vielweiberei gemeint ist, aufgaben. Auch nach dieser 
Quelle versichert der Chazarenfürst den Kaiser seiner treuen 
Freundschaft und seiner Dienstwüligkeit und entläfst den 
Konstantinus mit dem Gastgeschenk von 200 griechischen 
Gefangenen. 

Dieser Bericht ist, wie schon erwähnt, wesentlich eine 
legendenhaft ausgeschmückte Überarbeitung des entsprechen- 
den Berichtes in der translatio und steht in keinem gröfse- 
ren sachlichen Gegensatz zu den anderen Quellen. Cha- 
rakteristisch ist ihm nur die schon hervorgehobene Erwähnung, 
dafs Konstantin ein russisches Evangelium und Psalter ge- 
funden und russisch gelernt habe. 

§ 13. Die Auffindung der Reliquien des heiligen 

Klemens. 

In diese Zeit der Missionsreise Konstantins zu den Cha- 
zaren fällt die Auffindung der Reliquien des heiligen Kle- 
mens durch Konstantinus. Diese Auffindung ist von allen 
Quellen, echten und zweifelhaften, gleichzeitigen und spä-^ 



138 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

teren, bezeugt, sie ist auch für uns eine der wichtigsten 
Thatsachen im Leben des Konstantinus, weil wir ihr direkt 
und indirekt die sichersten und zuverlässigsten Quellen über 
das Leben und Wirken des Konstantinus sowie dessen 
eigene Schriften verdanken. 

Über die Auffindung selbst haben wir die eigenen 
Berichte des Konstantinus, die er zwar ohne seinen Namen 
veröffentlichte, als deren Autor er aber nach dem Brief 
des Anastasius an Gauderich unzweifelhaft anzusehen ist. 
Drei verschiedene Stücke verfafste Konstantinus ^) über die 
Auffindung, eine storiola oder brevis historia inventionis 
S. Klementis, einen hymnus ad laudem Dei et Klementis 
und einen sermo declamatorius. Das erstere und letztere 
Stück übersetzte Anastasius für Gauderich ins Lateinische, 
den hymnus wegen der sprachlichen Schwierigkeiten nicht. 
Die storiola ist ^) uns erhalten in dem Bericht der trans- 
latio des Gauderich, der sermo declamatorius ist offenbar 
identisch mit der sogenannten chersonischen Legende oder 
inventio reliquiarum S. Klementis im Menologium magnum 
vom 30. Januar. Über den Autor des letzteren Stückes 
wurde früher viel verhandelt; in welchem Verhältnis es zur 
translatio des Gauderich stehe, welches sein Verhältnis zu 
Konstantinus selbst sei u. s. w., lauter Fragen, die durch 
die Entdeckung des Briefes des Anastasius *) an Gauderich 
ihre endgültige Lösung damit gefunden haben, dafs die 
direkte Autorschaft des Konstantinus an der Chersonischen 
Legende feststeht. Der hymnus ist meines Wissens bis jetzt 
noch nicht bekannt. 

Diese drei Stücke sind, abgesehen von der Evangelien- 
übersetzung, das einzige, was von Schriften des Konstan- 
tinus erhalten ist*). 



i) £p. Anastasii Kap. 4. 

2) Siehe oben g 3. 

3) Friedrich S. 425. 

4) Philaret KyriUus und Methodius S. 23 zählt als „Werk des heiligen 
KyriUus" ein Glaubensbekenntnis auf, „welches er in seinem und seines 



? 13. Die Auffindung der Reliquien des heiligen Klemens. 139 

Für die Vorgäng-e, die der eig-entlichen Auffindung 
vorang-ing-en und sie vorbereiteten, haben wir weiter einen 
mündlichen Bericht des Konstantinus, den Anastasius ^) mit- 
teilt , und die Mitteilungen , die Anastasius , da er als Ge- 
sandter zur Zeit des Konzils nach Konstantinopel reiste, 
von dem Metropoliten Metrophanes von Smyrna erhielt, 
der als Anhänger des Ignatius von Photius mit anderen in 
die Nähe von Cherson verbannt gewesen war. In welcher 
ausgedehnten Weise Gauderich diese verschiedenen Stücke 
zu einem geordneten Bericht vereinigt und verschmolzen 
hat, ist oben ^) schon dargestellt worden. 

Danach gestaltete sich die Auffindung, wenn wir das 
Wesentliche aus der ausführlichen Erzählung der translatio 
herausheben, etwa so. Durch die mündliche wie die schrift- 
liche Überlieferung hatte Konstantinus Kenntnis, dafs der 
Leib des heiligen Klemens in der Nähe von Cherson ruhe, 
und er suchte anläfslich seines Aufenthaltes in Cherson von 
den Inwohnern zu erfragen, wo die Reliquien des Heiligen 
zu finden seien. Seine Fragen waren vergebens, da die 



Bruders Namen ablegte ". Es sei, meint Philaret, das das Glaubensbekennt- 
nis, von dem Johann VIII. im Jahre 879 J. E. 3268 an Methodius schreibe, 
sicut verbis ac litteris te sancte Romanae ecclesiae credere promisisti. 
Über die Echtheit dieses angeblichen Werkes des Konstantinus schreibt 
Philaret S. 2 7 : „Was nun die Echtheit des Bekenntnisses anbelangt , s o 
ist es genug, zu sagen, dafs sie durch das Leben der Slaven- 
apostel bestätigt wird. Auch Papst Johann schrieb von dem Bruder 
des heiligen Kyrillus, dafs er ein Glaubensbekenntnis in Rom , verbis et 
litteris* abgelegt habe; selbst die Sprache des Bekenntnisses ist sehr alt, 
der gleich, welche sich in dem ostromirischen Evangelium und in dem 
Isbornik Swätoslavs erhalten hat." Weiter sind nach Philaret S. 28 „nur 
einige Auszüge aus den Predigten Kyrills (bei Pogodin Kyrillus und Me- 
thodius HO — 115) und Denksprüche Konstantins des Philosophen, welche 
des Slavenapostels würdig sind, nachgeblieben", (letztere werden nach 
Philaret schon von Kyrillus von Turow [Denkm. des 12. Jahrhunderts 
S. 32] angeführt). Geschichtlich sichergestellte Urkunden sind diese aus so 
später Zeit überlieferten Stücke natürlich nicht. 

i) Ep. Anastasii Kap. 2. 

2) 2 3, S. 23. 
Goetz, Geschichte der Slavenapostel. 9 



1S# Erster Abschnitt; Geschichte des Konstantinus. 

Einwohner meistens zugezogene Heiden waren. Auch hatte 
die Wallfahrt zu den Reliquien des heiligen Klemens schon 
lange aufgehört, und die Ruhestätte des Heiligen war dem 
Volk ganz unbekannt geworden. Im Gebet erflehte Kon« 
stantinus die Gnade, die Reliquien auffinden zu dürfen, und 
den Metropoliten *) und Klerus bat er so lange, bis er sie 
bewog, mit ihm auf eine nahe gelegene Insel zu fahren, 
in der er den Leib des Heiligen ruhend vermutete. Und 
in der That fand man bei emsigem Nachgraben nach und 
nach die Reliquien auf, auch den Anker, an den gebunden 
Klemens ins Meer geworfen worden war. Voll Freude 
feierte der Metropolit bei den Gebeinen des Heiligen die 
Messe, und in feierlichem Zuge unter Lob- und Preisgesängen 
und unter der Verehrung des Volkes wurden die Reliquien 
in die Metropole gebracht und schliefslich in der Kathe- 
drale aufbewahrt. Als den Tag der Auffindung giebt die 
translatio selbst (Kap. 3) in dem Stück, das wir schon als 
Eigenbericht des Konstantinus bzw. als die storiola anzu- 
sehen haben, den 30. Dezember *) an, und wir haben keinen 
Anlafs, an der Richtigkeit dieses Datums gegenüber jün- 
geren Angaben zu zweifeln. 

Zu welchem Zeitpunkt der Reise zu den Chazaren über- 
haupt die Auffindung geschah, ob auf der Rückkehr, oder 
ob — wie ich ^) annehmen möchte — Konstantin während 
seiner Missionsthätigkeit durch öftere, wiederholte For- 
schungen die Reliquien fand, das hängt davon ab, wie man 
die hier in Betracht kommenden Stellen der translatio und 
des Briefes des Anastasius an Gauderich auffafst und über- 
setzt. 

Die Reise zu den Chazaren selbst und damit im a)I- 



i) Die translatio nennt in Kap. 3 den Metropoliten Georgias, in 
Kap. 5 — aus der storiola des Konstantinus — die Metropole Georgia. 

2) Der ostromirische Kalender vom Jahre 1057 giebt den 30. Januar 
an, vgl. Ginzel S. 283. 

3) Siehe die diesbezüglichen Ausführungen oben J 3, S. 32. 



J 14. Die Sendung nach Mähren. ISl 

gemeinen auch die Auffindung der Reliquien setzt Ginzel ^) 
in das Jahr 861. Dieser Termin wird ziemlich richtig an- 
gesetzt sein» da Nikolaus I. (-j* 867) die Brüder nach vier- 
undeinhalbjähriger Wirksamkeit in Mähren nach Rom berief, 
anderseits nach translatio Kap. 7 Rastislav bald nach der 
Heimkehr des Konstantinus sich diesen vom Kaiser erbat, 
also etwa gegen Ende des Jahres 862. 

Dafs die Vita Konstantini, die die Auffindung nur ganz 
kurz erzählt, in ihrem Bericht von der translatio abhängig 
ist, wurde schon im untersuchenden Teil angeführt *). 

§ 14. Die Sendung nach Mähren. 

Mit der Missionsreise der Brüder nach Mähren treten 
wir an diejenigen wichtigen Punkte des Lebens und der 
Wirksamkeit der Slavenapostel heran, die bisher immer eine 
mehr oder weniger unrichtige Darstellung gefunden haben. 
Hier beginnt vor allem der Brief des Anastasius in seiner 
Wichtigkeit sich geltend zu machen, und auf Grund dieses 
Briefes bzw. der durch ihn für die Quellenkritik gesicher- 
ten Resultate ergiebt sich ein neuer Aufbau der Wirksam- 
keit der Slavenapostel. Von hier an beginnen sich in den 
Quellen , ihrer Abstammung entsprechend , verschiedene 
Tendenzen zu zeigen, und die im untersuchenden Teil ge- 
wonnenen Grundsätze für die Benutzung der verschiedenen 
Quellen sind hier vor allem sorgfaltig anzuwenden, damit 
wir ein objektives historisches Bild von der Thätigkeit des 
Konstantinus und Methodius gewinnen. 

Die Grundlage der Darstellung wird also das in der 
translatio des Gauderich gegebene Material bilden. 

Nach der translatio nun erhielt Rastislav, der Fürst von 
Mähren, Kunde von der Thätigkeit, die Konstantin bei den 
Chazaren entwickelt hatte, und es legte sich ihm der Ge- 



i) L. c. S. 253, vgl. Wattenbach, Beiträge S. 72. 
2) Siehe ? 9, S. 90. 

9* 




183 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

danke nahe, dafs eine derartig-e Wirksamkeit unter seinen 
Mähren auch für ihn nur erspriefslich sein könne. Das Land 
Mähren war, nachdem es sich Karl dem Grofsen unter- 
worfen hatte, dem Christentum eröffnet worden, und der 
spätere Fürst Moymir ^) bekannte sich sowohl selbst zum 
Christentum, wie auch die Christianisierung- des Landes 
Fortschritte machte. Olmütz und Brunn erhielten zu Moy- 
mirs Zeiten schon die ersten Kirchen und zu derselben Zeit 
wohl auch schon das altberühmte Welehrad. Die Durch- 
bildung- des Volkes im christlichen Glauben scheint aller- 
dings damals noch nicht sehr g-rofs g-ewesen zu sein, 
wenig-stens spricht die Mainzer Synode des Jahres 852 noch 
von einer rudis christianitas der Mähren *). Ausgegang-en 
waren die Christianisierungsversuche bei den Mähren vom 
Passauer Bistum ^). 

Während nun Moymir treu zum deutschen Reiche ge- 
halten hatte, lebte in seinem Nachfolger Rastislav, den Lud- 
wig der Deutsche 846 an Stelle des entthronten Moymir 
zum Herrscher Mährens eingesetzt hatte, ein starkes Un- 
abhängigkeitsgefühl. Sein Ziel war es, ein von den Fran- 
ken unabhängiges Reich zu schaffen, und zur Erreichung 
dieses Zieles suchte er Bundesgenossen. Die politische Un- 
abhängigkeit schien ihm aber leichter zu erlangen, wenn 
einmal auch kirchlich sein Land von den fränkischen Bi- 
schöfen , ihrer Geistlichkeit und ihrem Einflufs losgelöst 
war *). Da mufste nun allerdings das Werk des Konstan- 



i) Ginzel S. 30, Dudik, Gesch. Mährens I, 92 fF. 

2) M. G. H. leg. I, 414. Hefele, Konzilien« IV, 179 und Bret- 
holz, Gesch. Mährens I, 65: „Es waren Christen, die in heidnischen 
Sitten und heidnischem Kult weiterlebten". Dagegen macht mich J. Fried- 
rich aufmerksam, dafs das viel gebrauchte rudis christianitas in der Regel 
zunächst nur „neu oder jung bekehrt" bedeute. 

3) So Ginzel S. 30 und auch Dudik 114 f., der Mähren einen Teil 
der Passauer Diöcese bilden läfst. Dagegen vgl. Dumm 1er, Archiv 
xm, 167 und Ostfränk. Reich» II, 1786. 

4) Dümmler, Ostfränk. Reich« II, 179. 



§ 14* Die Sendung nach Mähren. 133 

tinus bei den Chazaren sein lebhaftes Interesse erregen. 
Und darin, dafs er den Konstantinus in seinem Lande die- 
selbe Thätigkeit entwickeln lassen wollte, die ja offenkun- 
dig zur mährischen Nationalkirche führte, die Rastislav im 
Sinne hatte, darin liegt wieder ein indirekter Beweis, dafs 
des Konstantinus Sendung zu den Chazaren den Hinter- 
gedanken barg, ein politisch geeintes, weil religiös im Frie- 
den lebendes Land, dem Kaiser zu verbünden. Der Ge- 
danke also, kirchlich sein Volk unter den Schutz des 
griechischen Kaisers zu stellen und dadurch politisch sich 
von der Frankenherrschaft unabhängig zu machen, lebte 
offenbar in Rastislav ^). 

In rechter landesväterlicher Sorge schickte also Rastis- 
lav, nach der Vita Methodü Kap. 5: „in Gemeinschaft mit 
seinem Neffen Swatopluck, der unter ihm ein eigenes Ge- 
biet, wahrscheinlich um Neitra, regierte** ^), seine Boten zum 
Kaiser , um diesem indirekt seine Bitte um Konstantinus *) 



i) Der thatsäcliliche Zusammenhang der Christianisierung Mährens 
durch die griechische Kirche mit den politischen und national-slavischen 
Bestrebungen Rastislavs ist bei Golubinskij, Istorija russkoi zerkwi II 2, 284 
wie mir scheint, zu einseitig dargestellt. In ihren Feindseligkeiten gegen 
die Mähren hätten die Deutschen sich die Bulgaren als Bundesgenossen er- 
worben, und das habe die Mähren veranlafst, ein Bündnis mit den Griechen 
abzuschliefsen. Das sei der Grund zur Entsendung jener Gesandtschaft an 
Kaiser Michael. Das politische Bündnis mit dem griechischen Reiche 
mufste aber damals nach Golubinskijs Anschauung gefolgt sein von einem 
Bündnis auch auf kirchlichem Gebiet, d. h. die Mähren hätten ihre bis- 
herige Abhängigkeit vom römischen Stuhl vertauschen müssen mit der 
Unterwerfung unter den Patriarchen von Konstantinopel, 
So sei die griechische Geistlichkeit ins Land eingezogen, an ihrer Spitze 
Konstantinus, der dann aus eigener Initiative den Mähren den griechischen 
Gottesdienst in ihrer Sprache gefeiert habe. 

2) Dum ml er, Ostfränk. Reich« 11, 179. 

3) Dafs dabei Rastislav bereits an Konstantinus als Missionar gedacht 
habe, legt die translatio Kap. 7 nahe, indem sie des Rastislavs Entschlufs 
auf seiner Kenntnis der bisherigen Erfolge des Konstantinus bei den Cha- 
zaren beruhen läfst. Die Annahme von Bretholz, Gesch. Mährens I, 66, 
Rastislav habe sich zuerst nach Rom gewendet, und die Erwägungen, aus 



134 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

vorzutrag-en. Das mährische Volk habe allerdings den heid- 
nischen Glauben und Gottesdienst aufgegeben und sei be- 
strebt, nach Christi Geboten zu wandeln. Aber es erhebe 
sich dag'egen das grofse Hindernis, dafs das Volk des 
Lesens unkundig sei und niemanden habe, der es darin 
unterrichte. In dieser Bitte kommt deutlich die Absicht 
des Mährenherzogs zum Vorschein, das religiöse und kirch- 
liche Leben seines Volkes zu nationalisieren, es auf der 
Grundlage der Volkssprache selbst aufzubauen, die dem 
Volk näher stehen mufete als die Sprache der fränkischen 
Geistlichkeit, oder gar die lateinische Kirchensprache. Einen 
solchen der Landessprache Kundigen und darum von 
vorneherein schon mit den Bedürfnissen des Volkes ver- 
trauten Mann solle der Kaiser senden, dafs er rechten 
Glauben und rechte Kirchenzucht als Heilsweg in nach- 
drücklicher Weise dem Volke predige. Diese der poli- 
tischen Lage des Rastislav g-anz entsprechende Schilderung 
der translatio ist nun in der Vita Methodii schon mehr 
zugespitzt. Der Methodiusjünger , der sie gegen die das 
Werk des Methodius bedrohenden Franken verfafete, hatte 
natürlich Interesse daran, die kirchlichen Zustände in Mäh- 
ren vor dem Auftreten der Brüder als in rechter Verwir- 
rung begriffen darzustellen. Das eine Moment, dafs Ras- 
tislav seine Landeskirche wirklich zu einer Nationalkirche 
machen wollte, genügte ihm nicht. So schreibt er denn 
bzw. legt dem Rastislav in den Mund, dafs das Volk in 
grofsen Wirrwarr hinsichtlich der Religion dadurch gerate, 
dafs aus Italien, aus Griechenland, aus Deutschland viele 
Lehrer ^) nach Mähren kämen, so dafs die einfacher gebil- 



welchen Gründen der Papst seine Bitten nicht habe erhören können, be- 
ruhen auf dem Brief Hadrians von 869 und sind mit dem gelieferten Nach- 
weis von dessen Unechtheit gleichzeitig hinfällig geworden. 

i) Vita Methodii Kap. 5. Dümmler, Archiv XIII, 167. Als ein 
solcher fremder Geistlicher wird von Johann VIII. 879 in einem Schreiben 
an Swatopluck ein Priester Johannes (von Venedig) genannt (J. E. 3267), 
dessen sich Swatopluck mehrmals als Gesandten bediente. 



2 15- Die angebliche Erfindung der slavischen Schrift durch Konstantinus. 1$5 

deten Slaven nicht wüfsten, wem folg-en. Auch hätten sie 
niemand, der ihnen den Weg der Wahrheit zeige und ihnen 
den Sinn der heiligen Schriften offenbare. 

Die Vita Konstantini ^) hat für diese Ereignisse sowohl 
die translatio als die Vita Methodii benutzt, und, wie schon 
oben ausgeführt wurde, ist bei ihr die Tendenz noch viel 
mehr entwickelt als bei der Vita Methodii. 

§ 15. Die angebliche Erfindung der slavischen 
Schrift durch Konstantinus. 

Der Kaiser gewährte die Bitte des Rastislav, und da er 
— wenn auch Konstantinus nicht direkt von den jähren 
erbeten war — gewifs die Art und das Ziel ihrer Bitte 
kannte, sandte er ihnen den Konstantinus und seinen Bru- 
der Methodius, der, von den Chazaren heimgekehrt, erst 
die Erhebung zum Erzbischof ausgeschlagen hatte, dann 
aber doch wider Willen Abt im reichen Kloster Polychron 
hatte werden müssen *). Sowohl als Kenner der slavischen 
Sprache , die sie wohl daheim erlernt hatten ^) , wie auch 
als bereits erprobte Missionare eigneten die Brüder sich vor- 
züglich zu dieser Aufgabe, einmal das Volk im rechten or- 
thodoxen Glauben zu unterrichten, und dann dadurch eine 
politische Annäherung des mährischen an das griechische 
Reich zu vermitteln. Mit reichen Mitteln ausgestattet, wie 
es sich für Missionare, die im besonderen Auftrag des 
Kaisers reisen, ziemte, wurden sie vom Kaiser entsendet *). 



i) Bretholz, Gesch. Mährens I, 68 baut seine Darstellung auf dem 
Bericht der Vita Konstantini auf. Durch Voronov ist er offenbar zu der 
unrichtigen Meinung gekommen, dafs die translatio von der Vita Konstan- 
tini abhängig sei, daher meint er „verlieren ihre eigenen Nachrichten be- 
züglich der Persönlichkeit Kyrills immer mehr an Bedeutung". 

2) Vita Methodii Kap. 4. 

3) Vita Methodii Kap. 5, translatio Kap. 7. 

4) Ginzel und Höfler bringen die Abreise der Brüder nach Mäh- 
ren in Zusammenhang mit der damaligen kirchlichen Lage. Ginzel S. 34: 
„Der vom Kaiser gerufene Konstantin konnte in dem Begehren Rastislavs 



136 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

Die bisherigen Darsteller der Wirksamkeit der Slaven- 
apostel fahren nun in ihrer Darstellung hier damit fort: 
Konstantin habe es bei Übernahme dieser Missionsthätig- 
keit als grofses Hindernis empfinden müssen, dafs die Slaven 
keine Schriftzeichen besafsen. Eine glückliche Lösung^ 
seiner Aufgabe sei ihm nur dann möglich erschienen, wenn 
es zuvor gelänge, den Lauten der slavischen Sprache ent- 
sprechende Zeichen zu geben ^). So habe er denn vor 
seiner Abreise noch unter dem . Beistande des heiligen 
Geistes die slavische Schrift erfunden. 

Auf alle philologischen Fragen ^), die sich aus dieser 
angeblichen Erfindung der slavischen Schrift ergeben^ 
braucht unsere Darstellung nicht einzugehen. Doch soll 
bemerkt werden, dafs das Verdienst des Konstantinus von 
den slavischen Philologen selbst stark reduziert und die 
Bedeutung der Erfindung dadurch sehr verringert worden ist. 

So sagt Dümmler *) nach den Ausführungen Miklosichs : 



nur einen Ruf von oben erblicken, dem freudig zu folgen «r um so mehr 
bereit war, als seine entschieden rechtgläubige und kirchliche Gesinnung 
an den zu Konstantinopel herrschenden unkirchlichen Dingen Anstofs nahm 
und sich nach dem mit dem apostolischen Stuhle eng verbundenen Abend» 
lande hingezogen fühlte, wo ihm nun unter einem sprachverwandten Volke 
ein segensreiches Wirken in Aussicht stand. Konstantin, der mit seinem 
Bruder Methodius auf der Seite des Ignatius stand, konnte nach solchen 
Vorgängen [in Konstantinopel] nur den schlimmsten Ausgang der Dinge 
voraussehen und aus diesen Kreisen sich nur wegwünschen." Etwas Wahres 
mag dieser Vermutung zugrunde liegen, die Quellen sagen nichts darüber. 
Höfler 1. c. S. 34 giebt das zu, meint aber trotzdem mit Hergen- 
roether Photius I, 52: „ob der Abzug der Brüder von Thessalonike und 
Konstantinopel nach Rom nicht in direktem Kausalzusammen- 
hang mit dem römischen Konzil (April 863) stand, das Photius 
und alle seine Genossen jeder geistlichen Würde verlustig erklärte, und 
den durch kaiserlichen Terrorismus gestürzten Patriarchen von Konstanti- 
nopel, Ignatius, als rechtmäfsigen Patriarchen anerkannte.^" 

i) Ginzel S. 35, Dümmler, Ostfränk. Reich» II, 182. 

2) Über die Nationalität der Mähren und weshalb die Brüder nicht 
die altczechische sondern die altslovenische Mundart zur Kirchensprache 
wählten vgl. Dümmler 1. c. II, 184. 

3) Ostfränk. Reich» II, 183, vgl. Miklosichs Artikel: Glagolitisch 



§15. Die angebliche Erfindung der slavischen Schrift durch Konstantinus. 187 

,, So wenig" indessen als die Goten durch den Bischof Vul- 
fila die Schrift überhaupt erst kennen lernten, da sie sich 
schon vorher ihrer Runen in gewissen Fällen bedienten ^ 
so wenig" ist auch anzunehmen, dafs die slavischen Stämme 
durch Konstantin die ersten Buchstaben kennen gelernt; 
vielmehr hat es die gröfste Wahrscheinlichkeit, dafs der-^ 
selbe sein Alphabet aus schon vorher bekannten Laut- 
zeichen zusammensetzte, die er nur für den Schriftgebrauch 
vervollständigte und in die Litteratur einführte. Während 
man früher allgemein der Ansicht war, dafs das noch jetzt 
bei den Russen und Serben übliche sogen, kyrillische AI- 
phabet, welches gleich dem Vulfilas im wesentlichen auf 
dem griechischen beruht, wie schon der Name bezeuge, 
das von Konstantin (Kyrill) erfundene sei, haben neuere 
Forschungen ergeben, dafs der Kjurilica eine ältere slavische 
Schrift, die Glagolica, vorangegangen ist, die nur wegen 
ihrer Schwerfälligkeit jener leichteren und bequemeren hat 
weichen müssen. Da die kyriUische Schrift aus der glago- 
litischen in der That einige Zeichen entlehnt hat und wir 
von einer Verdrängung dieser durch ein handlicheres Al- 
phabet zu Anfang des lO. Jahrhunderts wissen, so steht 
nichts im Wege, anzunehmen, dafs Konstantin aus den bei 
den Slaven vorgefundenen Lautzeichen die Glagolica ver- 
mutlich mit einigen Veränderungen derselben gebildet 
habe.** 

Die Geschichte von der Erfindung der slavischen Schrift 
durch Konstantinus beruht auf der Schilderung der Vita 
Methodii, der Vita Konstantini und der auf ihnen basieren- 
den jüngeren Quellen. 



in Ersch und Grub er s AUgem. Encyklopädie. Auch Jagic, Archiv 
IV, 315 meint: „Die neuesten Entdeckungen sprechen allerdings immer 
mehr dafür, dafs zu Kyrills und Methodius' Zeiten das glagolitische Alpha- 
bet im Gebrauch war." Ferner Hanuä, der bulgar. Mönch Chrabru u. s. w. 
im Archiv für Kunde Österreich. Gesch. Quellen, 1860, XXIII, 3 — 100. 
Vgl. dazu auch Pypin und Spasovic, Gesch. der slavischen Litteraturen 
I, siff. 



1S8 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

Diese beiden Vitae sind nun aber als sekundäre Quellen 
nachg-ewiesen , weil sie eine bestimmte kirchenpolitische 
oder religiöse Tendenz verfolg-en. Die eine Tendenz, die 
sich deutlich durch sie hindurchzieht, besteht darin, die 
Anwendung- der slavischen Kirchensprache und slavischen 
L,iturg-ie als erlaubt und zu Recht geschehen hinzustellen. 
Diesem Hauptzwecke entsprechend mufste die Schrift selbst, 
in der diese Liturgie verfafst war, in der Vita Methodii 
nicht als reines Menschenwerk, sondern als göttliche Ein- 
gebung und Offenbarung dargestellt werden. Und eine 
noch spätere Stufe der Entwickelung repräsentiert, wie wir 
oben S 9, S. 98 gesehen haben, die Vita Konstantini, die 
von der slavischen Schrift als solcher bzw. ihrer Erfindung 
den Vorwurf der Häresie zurückzuweisen bemüht ist. 

Für eine objektive, richtige Darstellung werden wir uns 
also gerade bei solchen Fragen von hervorragender Wich- 
tigkeit nicht auf die sekundären Quellen verlassen dürfen. 
Vielmehr müssen wir auf die primäre Quelle zurückgehen, 
die als das Zeugnis eines wohlunterrichteten Zeitgenossen, 
der — was wesentlich ist — dem sich entspinnenden Kampf 
um die slavische Schrift und Liturgie ganz fern stand, die 
erste Quelle für die Wirksamkeit des Konstantinus ist, die 
die römische Tradition über ihn ganz objektiv berichtet. 
Und das ist eben die translatio des Gauderich. Nach dieser 
gestaltet sich allerdings die Sache ganz anders imd viel 
einfacher. Sie hat die nackte Mitteilung ^) , dafs Konstan- 



i) Translatio c. 7 quia et reliquias B. Klementis secum ferre audierant 
et Evangelium in eorum linguam a Philosopho praedicto translatum. Offen- 
bar hat auch der Verfasser der ganz späten mährischen Legende, der die 
translatio ausschrieb, diese Stelle so gedeutet, denn er schreibt c. 3 plura 
de Graeco et Latino transferentes in sclavonica lingua canonicas horas et 
missas in ecclesia Dei publice statuerunt decantare (Ginzel, Anhang S. 14). 
Auch die Nestorschen Annalen — siehe oben § 10, S. 11 1 — sprechen 
nicht von einem Erfinden, sondern nur von einem ZusammensteUen der 
Buchstaben. „Als sie angekommen waren, fingen sie an, die slovenischen 
Alphabetbuchstaben j^sammenzustellen und übersetzten den Apostel und das 
Evangelium." Hier hat also der Verfasser offenbar nicht aus der Vita 



^ 15. Die angebliche Erfindung der slavischen Schrift durch Konstantinus. 1S9 

tinus das Evangelium — ein Begriff, den wir möglicher- 
weise auf die Gesamtheit der in der Messe verlesenen Ab- 
schnitte, auf die Perikppenreihe reduzieren müssen — vor 
seiner Abreise in das Slavische übersetzt und nach Mähren 
mitgebracht habe. Von einer Erfindung der slavischen 
Schrift weifs sie nichts, setzt also die erforderlichen Schrift- 
zeichen als schon vorhanden gewesen voraus. Der Text 
ist so einfach und klar *) , dafs an diesem seinem kurzen 
Inhalt durchaus nicht zu rütteln ist. Auch in der weiteren 
Darstellung der Wirksamkeit des Konstantinus und Metho- 
•dius heifst es nur, sie hätten die Jugend im Lesen unter- 
richtet, ohne dafs eine vorhergehende Erfindung der Schrift 
erwähnt würde ^). 

Das sichere Zeugnis der ältesten und sichersten Quelle 
zur Geschichte der Slavenapostel lautet also, Konstantin 
hat das Evangelium in die schon vorgefundene slavische 
Schriftsprache übersetzt. Gegenzeugnisse von Wert besitzen 
wir nicht. Denn in der zeitlich am nächsten liegenden 
conversio Carantanorum erscheint offenbar in dem Satz *) 
usque dum quidam Graecus, Methodius nomine, noviter in- 
ventis Sclavinis litteris, linguam latinam doctrinamque roma- 
nam atque literas auctorales latinas philosophice super- 



Methodii und Konstantini, sondern aus einer anderen Tradition geschöpft, 
siehe oben im weiteren Text S. 140. 

i) Dümmlers Einwand Ostfränk. Reich« II, 1833, die translatio Kap. 7 
sei „nicht sehr genau", ist gegenüber der nun nachgewiesenen Stellung 
und Wichtigkeit dieser Quelle im allgemeinen nicht stichhaltig, ebenso 
wenig seine Bemerkung Denkschriften XlX, S. 212, die translatio habe 
ihrer begrenzten Aufgabe gemäfs keinen Anlafs gehabt, auf diese Dinge 
näher einzugehen; vgl. dagegen auch Friedrich S. 421. 

2) Der Schlufssatz der translatio Kap. 7, sie hätten bei ihrem Scheiden 
alle zum Gottesdienst notwendigen Bücher hinterlassen, ist natürlich nicht 
auf die Bibel allein, sondern aUgemein auf die gottesdienstlichen Formula- 
rien zu beziehen. Von einer Übersetzung dieser ins Slavische — wie 
Ginzel S. 42 und Dobrowsky, Kyrill und Method S. 57 wollen — ist 
dabei absolut keine Rede. 

3) Vgl. dazu Friedrich S. 422. 



140 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

ducens. . . . Methodius als Erfinder der Schrift und diese 
mangelhafte Kenntnis kann dem bayerischen Verfasser, der 
das ja, wie der Text zeigt, als Verdächtigungsmittel ver- 
wertete, nicht übel genommen werden. 

Die andere Stelle in dem Briefe Johanns VIII. an 
Swatopluck von 88o (I. E. 3319): litteras denique Sclavinis- 
cas a Konstantino quondam philosopho repertas quibus 
deo laudes debite resonent, iure laudamus, braucht weiter 
nicht mehr besprochen zu werden, nachdem feststeht, dafs 
das Schreiben selbst eine Fälschung der Methodianer aus dem 
Jahre 885 ungefähr ist *). Eher spräche der Wortlaut für 
die Darstellung der translatio, dafs Konstantin bei seiner 
Missionsthätigkeit die slavische Schrift schon „vorfand"*). 
So hat es fast den Anschein, als ob neben der Tradition 
von der Erfindung der slavischen Schrift durch Konstantin 
bzw. ihrer göttlichen Offenbarung bei seinen Anhängern 
sich noch eine andere erhielt, nach der er die slavische 
Schrift nicht selbst erfand, sondern die vorgefundene be- 
nutzte. Ein Zeugnis dafür wäre diese angeführte Stelle. 
Ein anderes die oben aus der Vita Konstantini angeführte 
Nachricht, dafs Konstantinus in Cherson auch russisch lesen 
und schreiben gelernt habe ^). Indes darauf näher einzu- 
gehen, hat bei dem Mangel an Nachrichten keinen Zweck. 
Geschichtlich steht aber fest, dafs Konstantinus die sla- 
vische Schrift nicht selbst erfunden, sondern nur in die 
vorgefundene Schrift die Bibel teilweise übersetzt und bei 



i) Siehe oben g 6, S. 65. 

2) Vgl. Friedrich S. 424. 

3) Golubinskij, Istorija russkoi zerkwi 1,2, 2926 meint, der von der 
Vita Konstantini gemeldeten Auffindung eines russischen Evangeliums durch 
Konstantinus seien wir in hohem Grade Dank schuldig. Durch diese Auf- 
findung sei Konstantinus zu dem Entsclüufs geführt worden, was er da für 
die Goten bzw. Warjager gethan sah, auch für die slavischen Völker zu 
vollbringen; diesem russischen Evangelium verdankten wir also die Ver- 
wirklichung der slavischen Bibelübersetzung und Liturgie. Darum habe sich 
auch Konstantin in seiner Disputation mit den lateinischen Bischöfen vor 
allem aaf das Beispiel der Goten berufen (vgl. oben S. 96). 



J i6. Die Missionsthätigkeit in Mähren. 141 

seiner Ankunft in Mähren mitgebracht ^) hat. Das auf 
Grund des richtig" gestellten Quellenwertes der translatio 
zum erstenmal ausgesprochen und nachgewiesen zu haben, 
ist das grofse Verdienst Friedrichs. 



§ i6. Die Missionsthätigkeit in Mähren. 

In der ersten Hälfte des Jahres 863 ^) brachen also die 
Brüder, die kostbaren Reliquien des hl. Klemens mit sich 
führend, nach Mähren auf. Von Rastislavs Boten geleitet, 
eilten sie direkt ^) dem Ort ihrer Bestimmung entgegen. 

Als sie der Hauptstadt *) des Landes sich näherten, eilte 



i) Vgl. die Anmerkung i , S. 138. Der bulgarische Mönch Chrabru, 
„der sicher vor 927 lebte" (bei Hanu§, Der bulgarische Mönch Chrabru 
(9. — 10. Jahrhundert) im Archiv für die Kunde Österreich. GeschichtsqueUen 
1860, XXIII, 94) sagt über den Zeitpunkt der angeblichen Schrifterfindung: 
„ Und würdest du fragen , in welchem Zeitalter ? Das wissen sie (die 
slavischen Büchergelehrten) auch und sagen : dafs im Zeitalter Michaels des 
griechischen Kaisers und Boris des bulgarischen Fürsten und Rastic (Rastis- 
lav) des mährischen Fürsten und Kocel des Fürsten am Plattensee und zwar 
im Jahre der Erschaffung der ganzen Welt 6363 ", d. h. nach christlicher 
Zeitrechnimg 85$. Gegen die Zeitangabe der translatio Ende 862, Anfang 
863 kommt natürlich die Angabe Chrabrs nicht in Betracht. 

2) Die chronologische Folge steht nach der translatio sicher fest. 
Nikolaus II. läfst sie nach Kap. 8 zu sich nach Rom entbieten, sie — sei- 
nem Ruf folgend — treffen ihn aber nicht mehr am Leben. Sie trafen 
also nach dem 13. November 867 ein, 4J Jahre blieben sie nach Kap. 7 
in Mähren, demnach werden sie zu Beginn des Jahres 863 dort eingetroffen 
sein, vgl. auch Ginzel S. 38. 

3) Die translatio Kap. 7, ferner sowohl die Vita Methodii Kap. 5, als 
auch die Vita Konstantini Kap. 1 5 berichten von der direkten Reise nach 
Mähren. Dem gegenüber sind die Angaben der jüngeren Legenden, die 
Slavenapostel seien erst zu den Bulgaren gekommen und hätten den König 
Bogoris oder Boris bekehrt, ohne Wert. Wattenbach, Beiträge S. ii. 
Ginzel bemüht sich S. 38«, ausführlich den historischen Unwert dieser 
Nachrichten noch genauer zu erweisen; vgl. auch Lapotre 1. c. 162 ff. 

4) Welche Stadt als die Hauptstadt des Rastislav anzusehen sei, ist 
nicht genau bestimmt. Schafarik, dem sich Ginzel S. 393 anschliefst, ver- 
legt sie nach Devina oder Welehrad, vgl. Kotzurek : Methodius und Welehrad 



148 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

ihnen das Volk, an seiner Spitze wohl Rastislav, entg-egen 
und empfing sie mit grofsen Ehren und ungemeiner Freude. 

Mit grofsem Eifer machten sich nun die Brüder an die 
Lösung der Aufgabe, um derentwillen sie gekommen waren. 
Diese aber bestand, wenn wir die Quellennachrichten zu- 
sammenfassen, im ganzen darin, die ungeordneten kirch- 
lichen, religiösen wie sittlichen Zustände zu beseitigen und 
ein geregeltes kirchliches Leben einzuführen. 

Sie nahmen also vorab den Jugendunterricht in die 
Hand ^) , sowohl den weltlichen Unterricht im Lesen und 
Schreiben, als auch die religiöse Unterweisung. Und be- 
sonders mufs es ihnen bei diesem Jugendunterricht darauf 
angekommen sein, brauchbare Gehilfen im geistlichen Amte 
sich zu erziehen. In der That gelang ihnen das ja so, dafs 
sie einige Schüler dem Papst zur Ordination vorstellen 
konnten. 

Femer sorgten sie nach Möglichkeit, geregelte gottes- 
dienstliche Einrichtungen zu treffen *), trachteten also wohl 



Progr. 1860. Wattenbach dagegen, Beiträge S. 11 sieht als solche die 
rätselhafte Stadt MoQaßog der Vita Klementis Kap. 4 an, die nördlich von 
der Donau, nicht sehr weit von Belgrad gelegen sei. 

i) Translatio Kap. 7 Parvulos eorum litteras edocere, Wattenbach S. 11 
bezieht das einseitig auf den Lese- und Schreibunterricht der Kleinen,. 
Ginzel 8. 41 9 ebenso einseitig auf die direkte Erziehung und Heranbildung 
von Gehilfen zum geistlichen Amte. Wahrscheinlich werden beide Thätig- 
keiten miteinander vereint gewesen sein. 

2) Translatio Kap. 7 Officia ecclesiastica instruere bedeutet sowohl 
„ Messe " (vgl. z. B. conversio Carantanorum bei Ginzel, Anhang S. 56) als 
„Stundengebet". Jedenfalls ist hier — wo es überhaupt an geregeltem 
kirchlichem Leben fehlt — eher an die Gesamtheit der gottes- 
dienstlichen Einrichtungen, zumal Mefsfeier und auch Stunden- 
gebet zu denken, als einseitig nur an die Vornahme des Stundengebets, wie 
Ginzel S. 41 ^« will. Dobrowsky, Kyrill und Method S. 67, deutet die Stelle 
unrichtig so, „dafs sie gleich bei ihrer Ankunft in Mähren, also einige 
Jahre vor 867, den slavischen Gottesdienst auch hier eingeführt haben". 
Golubinskij läfst (Jagiö, Archiv X, 294) die Brüder in Mähren „zuerst einige 
Zeit lang den Gottesdienst in griechischer Sprache verrichten, bis Kon- 
stantin mit Hilfe von Mitarbeitern die ganze Liturgie auf mährischem Boden 



g i6. Die Missionsthätigkeit in Mähren. 14$" 

vor allem nach ständiger Feier des sonntäglichen Gottes- 
dienstes. Nachdem diese hergestellt war, konnten sie auf 
Grund der geordneten religiösen Unterweisung auch die 
sittlichen Zustände des Volkes bessern und die mangelhaften 
sittlichen Begriffe, die sie im Volke vorfanden, durch ge- 
läuterte ersetzen. In erster Linie werden wir dabei anderen 
Nachrichten aus jener Zeit und jenen Ländern ^) folgend, 
an die Wiederherstellung der Einheit und Heiligkeit der 
Ehe zu denken haben, gegen die sich jene Völker oft ver^ 
fehlten. 

So rotteten sie auf ihrem Arbeitsfeld so gut sie konnten 
alles Laster aus und waren bestrebt, den Samen des gött- 
lichen Wortes auszustreuen und das Volk im rechten katho- 
lischen Glauben zu erziehen. Segensreich wirkten so die 
Brüder viereinhalb Jahre bei den Mähren ^). 

Das ist der Inhalt des Berichtes, den die translatio so- 
wohl als die Vita Methodii geben. Konstantin steht im 
Vordergrund, ihm fällt die Hauptarbeit zu. Methodius ^) tritt 
mehr zurück und ordnet sich dem jüngeren Bruder unter, 
seine Hauptaufgabe ist, das Volk zu unterrichten. 

Die Vita Konstantini hingegen trägt den ganzen Kampf,, 
der sich später nach der liturgischen wie rechtlichen Seite 



ins Altslavische übersetzte", woran auch Jagi6 zweifelt. Ebenso läfst auch 
Lapotre 1. c. 107 und 108 die slavische Liturgie gleich bei der ersten 
Wirksamkeit der Brüder in Mähren eingeführt werden. Das hängt auch, 
bei ihm damit zusammen, dafs er gegen Ginzel den Brief von 869 für echt 
hält, also die päpstliche Bestätigung der slavischen Liturgie im Jahr 869 
als wahr annimmt. 

i) Vgl. I. E. 2972 und 2974 Johannes VIII. an Kozel von Pannonien 
über die Exkommunikation solcher, „qui uxores suas dimiserint, vel ad 
alias illis viventibus nuptias migraverint." Auch die V. Konstantini Kap. 15 
macht es den fränkischen Geistlichen zum Vorwurf, dafs sie das „nubere 
illegitime" erlaubten. 

2) Die Vita Methodii läfst die Thätigkeit der Brüder bei den Mähren 
nur 3 Jahre dauern, Kap. 5 ; die Vita Konstantini 40 Monate. 

3) V. Methodii c. 5. Qui [Methodius] iterum coepit humiliter obtem- 
perans servire philosopho et docere cum eo. 



144 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

hin entspann, schon in die Zeit und in die Wirksamkeit 
des Konstantinus bei den Mähren hinein, während die Vita 
Methodii, die doch auch ähnliche Tendenzen verfolg-t, da 
noch den objektiven Bericht giebt. Nach der translatio 
also hat Konstantinus nur das Evang-elium bzw. nur die 
Perikopen in die vorhandene slavische Schrift übertrag^en. 
Wenn die Vita Methodii nun auch schon den Konstantinus 
die Schrift erfinden läfst, so hat sie doch anderseits noch 
die richtige Erkenntnis, wenn sie — bzw. die im selben 
Geiste und zur selben Zeit von einem anderen Methodianer 
angefertigte Fälschung des Briefes Hadrians von 869 — 
dem Konstantinus nur den Anfang der Übersetzungsthätig- 
keit *) zuschreibt und die Liturgie von Methodius übersetzt 
sein läfst. Desgleichen spricht sie bei dem Aufenthalt der 
Brüder in Rom nur von einer Sanktion des Evangeliums 
in slavischer Übersetzung, während die translatio das gar 
nicht erwähnt, ein sicheres Zeichen, dafs die Übersetzung 
des Evangeliums in Rom keinen Anstofs erregte ^). Glaubte 
aber der Verfasser der Vita Methodii schon, auch die Über- 
setzung des Konstantinus durch eine päpstliche Sanktion 
schützen zu müssen, so verlegt vollends dis Vita Konstan- 
stini, die die am weitesten vorangeschrittene Entwickelung 
darstellt ^), den ganzen Kampf um die Liturgie in des Kon- 
stantinus Zeit, indem sie ihm auch die Übersetzung der 
Liturgie zuschreibt. Das mufs als ungeschichtlich zurück- 
gewiesen werden. Weder hat Konstantinus die Liturgie 
(und die ganze hl. Schrift) übersetzt, noch ist die slavische 
Liturgie durch deren Feier in Rom unter Hadrian sanktio- 



i) V. Methodii c. 8 : sicuti Konstantinus philosophas divina gratia et 
sancti Klementis invocatione coepit, so lautet die Übersetzung von Miklo- 
sich. Ginzel (Anhang S. 45) übersetzt: sicut philosophas Konstantinus in- 
choavit divinum evangelium et per sanctum Klementem preces: „Gebets- 
formularien, welche an den hl. Klemens gerichtet waren" — so vermutet 
Friedrich S. 420. 

2) Friedrich S. 420. 

3) Siehe oben J 9, S. 97. 



g i6. Die Missionsthätigkeit in Mähren. 145 

niert worden. Diese Mitteilungen der Vita Konstantini passen 
durchaus nicht zu dem späteren geschichtlichen Gang dieser 
Frage, den päpstlichen Verboten *) vom Jahr 873 und 879, 
sie haben auch keinen Grund in den Aussagen der sicheren, 
primären, tendenzlosen Quellen. 

Als weiteres wichtiges Resultat ist darum mit Friedrich *) 
festzuhalten; die Übersetzung der Liturgie in das Slavische 
ist das Werk des Methodius, das auch nicht mehr zu Leb- 
zeiten des Konstantinus geschah. 

Wie hinsichtlich der liturgischen, so hat die Vita Kon- 
stantini auch hinsichtlich der rechtlichen Frage irreführende 
tendenziöse Nachrichten, die den übrigen Quellen nicht 
entsprechen. Kaum dafs — nach ihrer Erzählung — Kon- 
stantinus in Mähren angelangt ist, beginnt schon der Streit 
zwischen den fränkischen Geistlichen und ihm. „Er stürzt 
bald die ganze bisherige kirchliche Ordnimg um" ^). Der 
ganze Kampf, der sich später um die Jurisdiktion in diesen 
Ländern erhob, wird unter Konstantinus verlegt. Auch das 
ist unhistorisch; sowohl nach der translatio als nach der 
Vita Methodii verlief die ganze Thätigkeit der Brüder in 
Ruhe und Ordnung, von einem offenen Streit zwischen ihnen 
und den fränkischen Geistlichen ist keine Rede. Insgeheim 
mögen allerdings diese schon über die fremden Eindring- 
linge verstimmt gewesen sein. 

Zu offenen Wirren und Streitigkeiten, wie sie später aus- 
brachen, war aber auch kein Anlafs da. Konstantinus und 
Methodius wirkten als einfache Missionare, die sich be- 
strebten, die religiöse Bildung des Volkes zu heben und die 
dabei mit ihrer Übersetzungsthätigkeit innerhalb der kirch- 
lich erlaubten Grenzen blieben *). Von einer weitergehenden 



i) Friedrich S. 420. 

2) Friedrich S. 420. 438. 

3) V. Konstantini c. XV mox vero totum ordinem ecclesiasticum vertit. 

4) Die Betrachtungen, die Ginzel S. 40 darüber anstellt, die Brüder 
hätten ohne kirchliche Sendung keinerlei geistliche Funktionen in Mähren 
verrichten können, die dazu notwendige Erlaubnis habe aber nur der Passauer 

Goetz, Geschichte der Slavenapostel. 1" 



146 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

kirchlichen Org-anisation wissen die sicheren Quellen durch- 
aus nichts. Diese geschah erst, als Methodius zum Erz- 
bischof und zwar sowohl in Mähren als im südlichen Panno- 
nien emaimt wurde. Das war nach der Meinung- des Salz- 
burger Erzbischofs ein direkter Eingriff in seine Rechte, da 
stellte sich Anspruch gegen Anspruch, da begann der 
Kampf um das Recht, in dem sich der Passauer Bischof, 
von dem ja die erste Christianisierung Mährens ausgegangen 
war, auf die Seite des Salzburger Erzbischofs stellte, um 
auch für den ihm gehörenden Sprengel Mähren gegen den 
Eingriff des Methodius in sein altes Recht zu protestieren. 

§ 17. Die Berufung der Brüder nach Rom. Tod 
des Konstantinus. 
Die Kimde von der segensreichen Wirksamkeit der 
Brüder drang auch nach Rom zu Nikolaus I. *). Konnte 



Bischof als Landesbischof erteilen können, und die Brüder hätten jedenfalls 
durch des Rastislav Vermittelung bei ihm die entsprechende Genehmigung 
eingeholt, sind ganz hinfallig. Die Brtidcr waren, wie die weitere Ge- 
schichte zeigen wird, gar nicht so römisch kirchlich gesinnt, wie sie Ginzel 
hinstellen möchte. 

i) Für die oben schon erwähnte tendenziöse Art, wie Ginzel die 
Geschichte des Konstantinus auffafst, sind folgende SteUen besonders 
bezeichnend. Nach seiner Meinung sei es die Absicht des Rastislav 
gewesen, sein Land durch eigene Bischöfe von dem deutschen Reich un- 
abhängig zu machen. Dazu sagt er S. 44: „Diese Entwürfe des Mahren- 
herzogs konnten nur durch die oberste Kirchengewalt des Papstes realisiert 
werden, und eine unmittelbare Verwendung nach Rom war deshalb un- 
erläfslich. So sehr den Rastislav zu diesem Schritte die politischen Ver- 
hältnisse einerseits, so sehr drängten ihn dazu anderseits die kirchlich- 
gesinnten Brüder, welche mit Abscheu gegen das schismatische Treiben in 
Konstantinopel erfüllt, unverbrüchlich an dem Statthalter Christi hingen, von 
welchem unmittelbar kirchliche Sendung zu erhalten sie aufs Lebhafteste 
wünschen mufsten. Es wendeten sich sonach Konstantin und Method sowie 
Rastislav brieflich an den Nachfolger Petri. Ohne Zweifel unterliefsen die 
Brüder nicht, im eigenen Namen an den Papst zu schreiben, demselben 
ihre bisherige Wirksamkeit zu schildern, ihren mit der römischen Kirche 
vollkommen übereinstimmenden Glauben darzulegen, ihrer Verehrung gegen 



J I y. Die Berufung der Brüder nach Rom. Tod des Konstantinus. 147 

er über diese Förderung- des Christentums im allgemeinen 
nur erfreut sein, so kamen hier ganz speziell die päpstlichen 
Interessen in Betracht. Jene Länder Mähren und Panno- 
nien wurden von den Päpsten als zur Kirchenprovinz lUyricum 
gehörend betrachtet und demgemäfs für des Papstes Juris- 
diktion beansprucht *). Von diesem Standpunkt gingen in 
den kommenden Streitigkeiten zwischen Methodius und den 
Salzburgem die Päpste immer aus. War es aber päpst- 
liches Gebiet, in dem die Brüder wirkten, so waren sie, da 
sie zu dieser Wirksamkeit keine päpstliche Erlaubnis noch 
hatten, in gewissem Sinne Eindringlinge, deren Recht- 
gläubigkeit und sonstige Befähigung der Papst wohl zu 
prüfen ein Recht hatte. Dazu kam das weiter für Nikolaus 
in seinem Kampf mit der griechischen Kirche wesentlich 
wichtige Moment, dafs sie Griechen waren, der orthodoxen 
Kirche angehörig, vom Kaiser Michael gesendet. Dadurch 
war die Gefahr nahe, dafs das von ihnen für das rechte 
Christentum gewonnene Land Mähren seinem rechtmäfsigen 
Besitzer, Rom, verloren ging und der griechischen Kirche 
zufiel. Gerade aber, nachdem Bulgarien sich an den 
römischen Stuhl angeschlossen hatte und Nikolaus auch 
auf dieses Land als einen Teil der illyrischen Kirchenprovinz 
seine Rechtsansprüche geltend machte, mufete dem Papst 
um so mehr daran liegen, auch das anstofsende Mähren 
in Abhängigkeit von sich zu bringen und vor dem An- 
schlufs an Konstantinopel zu bewahren. Daher also liefs 
er die Brüder nach Rom kommen, in Rom sollten sie wohl 
vor ihm ihre Rechtgläubigkeit, ihre Unterordnung unter den 
römischen Stuhl, ihren Gehorsam gegen den Papst be- 



den apostolischen Stuhl Ausdruck und Kunde von dem durch Konstantin 
aufgefundenen Schatze der Reliquien des hl. Klemens zu geben. Rastislav 
bewarb sich aber wohl vorzugsweise um die Einsetzung der Brüder als un- 
abhängige Bischöfe in seinen slavischen Landen. Diese Schritte geschahen 
wohl kaum vor dem Frühjahr 867." 

i) Vgl. I. E. 2976 die Instruktion Johanns VIII. an seinen Legaten 
Paul von Ancona. 

10* 



148 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

zeigen, um dadurch die direkte päpstliche Autorisienmg' 
zu ihrer Missionsarbeit zu erlangen. So beschied er denn 
den Konstantinus und Methodius zu sich nach Rom. Diese 
schickten sich sofort an, dem päpstlichen Rufe zu fol- 
gen ^) und nahmen einige ihrer mährischen Schüler mit 
sich, die sie für würdig hielten, das bischöfliche Amt zu 
bekleiden und deren Ordination sie wohl vom Papste er- 
bitten wollten. Sie brachten wieder die Reliquien des hl. 
Klemens mit sich, und in direkter Reise gelangten sie bald 
nach Rom. 

Aber doch kamen sie zu spät, Nikolaus war am 13. No- 
vember gestorben, und einige Tage vor ihrer Ankunft war 
schon Hadrian II. (am 14. Dezember) als Papst eingesetzt. 
Als dieser von der "Ankunft des Konstantinus hörte und 
vernahm, dafs er die Reliquien des hl. Klemens mit sich 
führe, zog er mit der ganzen Geistlichkeit und dem Volk 
den Ankömmlingen zu ehrenvollem Empfang entgegen. 

„Da fingen in Gegenwart der heiligen Reliquien durch 
die Kraft des allmächtigen Gottes wunderbare Heilungen 
an zu geschehen, also dafs jeder, mit was immer für einem 
Gebrechen behaftet, nachdem er die heiligen Überreste des 
preiswürdigen Martyr verehrt, sogleich genas. Deshalb 
freuten sich der apostolische Oberhirt sowohl als das ganze 
römische Volk unter den gröfsten Lob- und Danksagungen 
gegen Gott ungemein in dem Herrn, der ihnen nach so 
langem Zeiträume die Gnade gewährt hatte, in ihren Tagen 
den heiligen und apostolischen Mann und Nachfolger des 
Apostelfürsten Petrus an seinem Sitze wiederzuerhalten, und 
nicht nur die Hauptstadt, sondern auch die ganze römische 
Welt durch seine Zeichen und Wunder zu verherrlichen" ^). 

Dieser Bericht der translatio ^) , der , wie oben nach- 



i) Die Notiz der translatio Kap. 8 über die grofse Freude, die sie 
über des Papstes Ruf empfunden hatten, kennzeichnet den Gauderich als 
clcn römisch-italienischen Bischof. 

2) Translatio Kap. 9. 

3) Die Überbringung der Reliquien ist auch durch den Brief des 



§17. Die Berufung der Brüder nach Rom. Tod des Konstantinus. 149 

g-ewiesen wurde, auf der eigenen Anschauung des Gauderich 
beruht, hat nun in der Vita Methodii sowohl als in der 
Vita Konstantini entsprechende tendenziöse Erweiterung er- 
fahren. 

Die Vita Methodii (Kap. 6) ^) begeht den Fehler, dafs 
sie Nikolaus bei der Ankunft der Brüder in Rom noch 
leben läfst. Femer läfst sie hier schon den Streit um die 
Berechtigung des Gebrauchs der slavischen Sprache be- 
ginnen. Nikolaus hat nach ihrer Angabe (Kap. 6) die sla- 
vische Sprache sanktioniert, indem er das slavische Evan- 
gelium — also noch nicht die Liturgie — auf den Altar 
von St. Peter niederlegen liefs. Nach ihrer Schilderung 
erheben sich auch — wovon die translatio nichts weifs, ob- 
wohl deren Verfasser Augenzeuge war — damals schon die 
Gegner der slavischen Sprache, die erklärten, die Bibel 
dürfe nur in der hebräischen, lateinischen und griechischen 



Anastasius an Karl den Kahlen beglaubigt: . . . Konstantinus Philosophus, 
qui Romain sub venerabilis memoriae Adriano iuniori papa veniens, Kle- 
mentis corpus sedi suae restituit (bei Ginzel, Anhang 44). Anastasius er- 
wähnt hier ausdrücklich nur den Leib des hl. Klemens. Das Haupt des 
hl. Klemens nämlich hatte Konstantinus nach Konstantinopel gebracht, wo 
Basilius Macedo (867 — 886) ein Oratorium des hl. Klemens an den Tempel 
des hl. Elias baute, in dem er das Haupt des hl. Klemens niederlegte. 
So berichtet Konstantinus Porphyrogenitus de vita et rebus gestis avi sui 
Basilii Macedonis Migne P. Gr. 109. 345. Höfler 1. c, S. 26 wird also 
kaum mit Grund sagen dürfen: „Sein und seiner Brüder Gedanke war es 
gewifs nicht, die teueren Überreste des hl. Papstes Klemens in Konstan- 
tinopel zu belassen, sondern sie nach Rom zu bringen, und die Romfahrt 
war sicher lange, ehe er sie antrat, das Ziel seiner Wünsche." 

I) Die Vita Methodii c. 6 schreibt: Ac tribus annis elapsis reversi 
sunt ambo ex Moravia, postquam discipulos instituerunt. Voronov 
(bei Jagic, Archiv IV, 106) sucht durch eine Änderung in dem voraus- 
gesetzten griechischen Originaltext den ursprünglichen Sinn herzustellen. 
Er übersetzt zurück ins Griechische . . . yai tqkov Itow ^layevt fisvfov 
i^rjXS-av Ttjg MoQaßiag Tovg ficid-rirag xataatrioavTSg, er ändert nun 
XttTaaTtiO tiVTsg in das Partie, fut. xaTaarriO ovTsg und erhält so den rich- 
tigen Sinn, den auch die anderen Quellen bieten, dafs die Schüler erst 
eingesetzt (ordiniert) werden sollten. 



150 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

Sprache gebraucht werden und die — nach der Inschrift 
des Pilatus — darum Pilatiker genannt worden seien *). 

Noch mehr Zuthaten bietet naturgemäfs die Vita Kon- 
stantini. Auf der Reise nach Rom kommt Konstantinus 
(Kap. 1 5) mit dem Fürsten von Pannonien, Kozel, zusammen 
und macht diesen mit der slavischen Bibelübersetzung be- 
kannt. Dem Kozel gefällt diese so gut, dafs er dem Kon- 
stantinus fünfzig Schüler zum Unterricht in der slavischen 
Schrift übergiebt. Von ihm wie von Rastislav nahm Kon- 
stantinus, der ohne Lohn das Wort Gottes predigen wollte, 
keine Geschenke an, liefs sich aber 900 Kriegsgefangene 
freigeben. Gegen die Möglichkeit dieser Thatsache, deren 
Aufzählung wohl die spätere Thätigkeit des Methodius in 
Pannonien erklären soll, ist nichts Besonderes einzuwenden. 
Unhistorisch, weil in direktem Widerspruch mit den sicheren 
Quellen stehend, ist aber die weitere Erzählung (Kap. 16), auf 
der Weiterreise habe Konstantinus in Venedig ^) mit latei- 



i) Der bulgarische Mönch Chrabr bei HanuS 1. c. 85 sagt gleichfalls: 
„ Andere — gemeint sind eben die in der Vita Methodii Pilatiker genannten 
Lateiner — aber sprechen, wozu sollen überhaupt slavische Buchstaben 
sein, da doch etwas solches weder Gott eingeführt hat, noch die Apostel? 
Auch sind sie (die slavischen Buchstaben) nicht vom Anfange her, wie die 
jüdischen, römischen und hellenischen, die von allem Anfang her sind. 
Sind sie (die slavischen Buchstaben) überhaupt Gott angenehm? Einige 
meinen gar, dafs Gott selbst den Menschen die Buchstaben gegeben habe, 
nicht wissend, was die Ärmsten da reden. Und dafs Gott befohlen habe, in 
drei Sprachen sollen Buchstaben sein, wie im Evangelium geschrieben steht: 
„Und es war die Tafel jüdisch und römisch und hellenisch geschrieben ", aber 
vom Slavischen stehe nichts da, darum seien auch die slavischen Buchstaben 
nicht von Gott. Was soll ich aber auf einen solchen Unverstand ant- 
worten." Die Fälschung von 880 beschäftigt sich auch mit dieser Argumen- 
tation der Gegner des Methodius, weist sie aber natürlich zurück. I. E. 
3319: neque enim tribus tantum sed Omnibus linguis dominum laudare 
auctoritate sacra monemur quae precipit (folgt Ps. 116, i) . . . quoniam 
qui fecit tres linguas principales, hebream scilicet, grecam et latinam, ipse 
creavit et alias omnes ad laudem et gloriam suam. Ähnlich argumentiert 
auch Chrabr in seiner weiteren Auseinandersetzung. 

2) Lapotre 1. c. 108 stützt sich hier auf die Vita Konstantini und 
ninmit an, die Brüder hätten nur im allgemeinen zunächst einen kirchlichen 



§ ly. Die Berufung der Brüder nach Rom. Tod des Konstantinus. 161 

nischen Bischöfen und Geistlichen eine Disputation ^) über 
die Erfindung- und den Gebrauch der slavischen Schrift und 
Liturgie gehabt, in der er sieg-reich sich und seine Liturgie 
aus der BibeU gegen den Vorwurf der Häresie verteidigt 
habe. Nach der Vita Konstantini brach er auch freiwillig 
von Mähren auf, um seine Schüler ordinieren zu lassen und 
erst nach der Disputation in Venedig erfährt der Papst 
hiervon und läfst ihn rufen. Wie der Papst nach der Vita 
Methodii die slavische Bibelübersetzung sanktioniert, so ge- 
schieht das auch in der Vita Konstantini. Von dem Bericht 
der Vita Methodii abweichend, läfst aber die Vita Kon- 
stantini (Kap. 19) den Papst die slavisch-liturgischen Bücher 
auf den Altar der Kirche S. Maria Maggiore niederlegen 
und die Messe darüber feiern. In feierlicher Weise wird 
hier die slavische Liturgie dadurch bestätigt, dafs an fünf 
Tagen in den Hauptkirchen Roms die Messe in slavischer 
Sprache gelesen wird ^). Der historische Unwert dieser 



Anschlufs gesucht und seien sich wohl selbst im Anfang nicht klar ge- 
wesen, ob sie sich eher nach Rom oder eher nach Byzanz wenden sollten. 
On n'a pas la certitude que Cyrille et son fr^re aient d'abord song6 a 
Rome plutot qu'ä Byzance leur 6glise originelle. On sait seulement qu'ils 
ne songerent pas ä TAllemagne et pour cause. Au sortir de la Moravie 
on les voit bien se rendre ä Venise avec leur petite troupe des futurs 
ordinands ; mais si Venise 6tait sur la route de Rome eile n*6tait pas moins 
sur la route de Byzance, au cas oü, pour s'6viter ä nouveau les longues 
fatigues de la route des Balkans, les deux freres auraient pr6f6r6 retourner 
chez eux par mer. Da hätten sie nun in Venedig die päpstliche Botschaft 
erhalten, qui devait fixer d^finitivement leur plan et mettre Tavenir de la 
jeune ^glise morave entre les mains des pontifes romaines. 

i) Golubinskij, Istorija russkoi zerkwi 11,2, 293 erklärt die Reise 
Konstantins nach Venedig dahin, dafs Konstantin sie deshalb unternommen 
habe, um dem Metropoliten von Venedig, der auch die kirchliche Ober- 
gewalt über Mähren gehabt habe, seine Schüler zur Ordination vorzustellen. 
Statt diese zu weihen, habe der Metropolit dem Konstantin wegen seiner 
Neuerung Vorhaltungen gemacht, und das habe nun den Konstantin zur 
Appellation an den Papst bewogen. 

2) Nach der Vita Konstantini Kap. 17 hätten dieser Mefsfeier in sla- 
vischer Sprache der Bischof Arsenius uud Anastasius bibliothecarius assistiert, 



153 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

Angaben ergiebt sich aus dem, was als g'esichertes Resultat 
über die Übersetzungsthätigkeit des Konstantinus feststeht. 

Der echte Teil der translatio schliefst mit dem Bericht 
über die Überbringimg- der Reliquien ab. Für die ferneren 
Vorgänge in Rom sind wir also zunächst auf die Nach- 
richten der anderen zwei Vitae angewiesen, werden aber 
jedesmal den richtigen Kern aus der tendenziösen Hülle 
losschälen müssen. 

Die Vita Methodü (Kap. 6) hat die Nachricht, der Papst 
habe den Methodius zum Priester geweiht. An der That- 
sächlichkeit dieses Vorgangs zu zweifeln, haben wir keinen 
Anlafs. Dafs Methodius wie Konstantinus schon Priester 
gewesen war, finden wir nirgends bestätigt. Im Gegenteil 
lassen vielleicht die von ihm handelnden Stellen, die seinen 
Gehorsam gegen seinen Bruder, seine Demut rühmen *), 
seine Wirksamkeit als Lehrunterricht bezeichnen, durch- 
blicken, dafs er als einfacher Mönch den Konstantinus be- 
gleitete. 

Desgleichen ist es auch wahrscheinlich, dafs — wie 
beide Vitae melden — die mitgebrachten Schüler der 
Slavenapostel zu Priestern und Diakonen ordiniert wurden. 
Nur müssen wir auch diese Mitteilung von der tendenziösen 



i) V. Methodü Kap. 4 und 5 vgl. Dümmler, Archiv XIII, 179. Die 
Einwendungen Ginzels, der den Methodius mit Konstantinus schon zum 
Priester geweiht werden läfst, sind ganz haltlos. Seine Art zu argumen- 
tieren, kennzeichnet folgende Stelle S. 237: „Dafs aber die Versicherung 
der translatio und der mit ihr übereinstimmenden anderen Quellen: Kon- 
stantin und Method seien zu Konstantinopel, ehe sie als Glaubensboten aus- 
gingen, Priester geworden, allein glaubwürdig sei, wird eben durch die 
ihnen übertragene apostolische Sendung aufser Zweifel gesetzt; denn so 
wahr das Christentum nicht allein die wahre religiöse Erkenntnis, sondern 
auch der allein wahre Gottesdienst ist, der sich vorzüglich in der Opferfeier 
bethätigt, so notwendig ist nach kirchlicher Überzeugung dem Missionar 
nicht nur die Kenntnis des kirchlichen Glaubens, sondern auch der Cha- 
rakter des Priestertums." Die translatio aber kennt keinen Priester Me- 
thodius. Auch Lapotre 1. c. 108 sagt: Cyrille n'6tait que pretre, et Me- 
thode ne r^tait meme pas. 



§ ly. Die Berufung der Brüder nach Rom. Tod des Konstantinus. 153 

Umkleidung loslösen. Diese besteht aber darin, dafs der 
Papst gerade die Bischöfe zu Konsekratoren *) der Schüler 
bestellt habe, die gegen den Gebrauch der slavischen 
Kirchensprache eiferten, sowie dafs Formosus und Gauderich 
selbst Konsekratoren gewesen seien. Denn in letzterem 
Falle würde Gauderich selbst gewifs etwas darüber berichtet 
haben. Ob die so genaue Mitteilung der Vita Methodii, 
es seien drei Priester und zwei Lektoren geweiht worden, 
richtig ist, bleibt dahingestellt. 

Die translatio verbindet in ihrem echten Teil (Kap. 9) 
mit der richtigen Angabe über die Weihe der Schüler die 
Nachricht, Konstantin und Methodius seien zu Bischöfen 
geweiht worden. Das ist sicher unhistorisch ^) ; weder die 
Vita Konstantini weifs etwas davon, obwohl sie das Lebens- 
ende des Konstantinus fast genau so wie die translatio er- 
zählt, noch kennt die Vita Methodii eine Bischofsweihe des 
Konstantinus. Auch die Zeitgenossen, die Päpste und der 
sonst wohlunterrichtete Anastasius kennen nur einen Philo- 
sophen Konstantinus, keinen Bischof, so dafs wir also mit 
Grund die Nachricht von der Bischofsweihe des Konstan- 
tinus als unhistorisch verwerfen dürfen ^). 



i) V. Methodii c. 6; V. Konstantini c, 17. 

2) Friedrich S. 410 f. 

3) Ginzel hält an dem Episkopat des Konstantinus fest und argumen- 
tiert dabei in folgender Weise: „Dazu bestimmten den Papst nebst Rastis- 
lavs Begehren und der persönlichen Tüchtigkeit, Würdigkeit und Bedeutung 
der Brüder auch Rücksichten der höheren kirchlichen Politik. Der Ein- 
dringling Photius war durch den neuen Kaiser Basilius (seit 24. Sept. 867), 
den Macedonier, 867 vom Stuhle Konstantinopels gestofsen und Ignatius 
restituiert worden. Die günstigsten Aussichten eröffneten sich nun für 
Wiederherstellung der Kirchengemeinschafl zwischen den Griechen und Rom. 
Die Brüder, von jeher Anhänger des Ignatius, einflufsreich durch ihre vor- 
nehme Geburt, ihren Stand und ihre Verbindungen in der Hauptstadt, 
erschienen als die geeignetsten Mittelspersonen, die rechtlichen Forderungen 
der römischen Kirche in Konstantinopel zur Anerkennung zu bringen." Ob- 
wohl alle Quellen, mit einziger Ausnahme der translatio, gegen den Epi- 
skopat zeugen, hält er ihn doch fest, denn es war „ in der Kirche traditio- 



154 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

Konstantinus selbst war in Rom am Ziele seines Lebens 
ang-elang^t, die viele Arbeit, die er unter mancherlei Be- 
schwerden g-eleistet hatte, mag ihm, wie die Vita Konstan- 
tini Kap. i8 allgemein angiebt, die Krankheit, an der er 
starb, zugezogen haben. Auf seinem langen Krankenlager 
hatte er nach derselben Quelle eine Vision, die ihn sein 
Lebensende als nahe bevorstehend ahnen liefs. So nahm 
er denn am Ende seines Lebens noch das Mönchsgewand ^), 
und mit Erlaubnis des Papstes legte er sich den Namen 
Kyrillus ^) bei, da ihm dieser — wie die translatio Kap. lO 
ohne den Eintritt in den Mönchsstand zu erwähnen sagt — 
von Gott geoffenbart sei. Sein Werk sollte sein Bruder 
Methodius fortsetzen; da er dessen Neigung zum beschau- 



nelles festes Dafürhalten, Konstantin sei ebenso wie Method Bischof ge- 
wesen". Dafür führt er das römische Martyrologium an. Gegen die 
Bischofs weihe erklärt sich auch Dümmler, Ostfränk. Reich« II, 261 ». 

i) Die Notiz der translatio Kap. 11, wonach Konstantinus schon 
früher Mönch gewesen wäre, woran Ginzel festhält, kommt gegenüber den 
anderen Quellen nicht in Betracht, da Kap. ii als späterer Zusatz, der 
nicht von Gauderich stammt, oben ^ 3, S. 37 nachgewiesen ist. 

2) Hanug, Der bulgarische Mönch Chrabru im Archiv fiir Kunde 
Österreich. Geschichtsquellen 1860, XXIII, 43 sagt: „Fafst man nun den 
Namen Kyrillus KvQiXXog wissenschaftlich etymologisch nach den Grund- 
sätzen der vergleichenden Grammatik ins Auge, so erscheint er als die 
griechische Form des litauischen Karäljus, König, des magyarischen aus 
dem Altslavischen entlehnten Kiräly, des altslavischen Krali (russisch Koröli, 
polnisch Kröl, böhmisch Kral, serbisch Krälj) also ein Name, der im latei- 
nisch-deutschen Mittelalter offenbar mit dem Namen Carolus Karl identisch 
ist. Die indoeuropäische Wurzel dieses Wortes ist aber Kar, welches 
schneiden, hauen, ritzen bedeutet, und Karl-al-j-as ist durch seine indo- 
europäischen Suffixe ein Ableitungswort, das ,den, der geschnitten hat' 
bedeutet, und somit ebenso gut den König, den Heerführer und Schlachten- 
lenker, als den Buchstaben schneidenden, den Geschri ebenhabenden be- 
deutet. Dafs wirklich die angegebene Wurzel Kar in dem genannten 
Worte liege, ist aus dem Diminutiv desselben Kräl-ik, polnisch Kr6l-ik 
ersichtlich, was slavisch das erdwühlende, grabende Kaninchen bedeutet. 
Es ist daher Aufgabe der Historiker und Sprachforscher, nachzuweisen, ob 
der Beiname KyriU nicht ein Epitheton ornans des hl. Konstantin sei und 
schlechthin nur den Schriftentdecker, grammaticus, bedeute." 



J ly. Die Berufung der Brüder nach Rom. Tod des Konstantinus. 155 

liehen Klosterleben kannte, ermahnte er ihn ^) eigens dazu, 
zur Missionsthätigkeit zurückzukehren, denn durch diese 
Thätigkeit sichere er sich noch eher den himmlischen Lohn 
als durch klösterliches Leben. Vierzig Tage währte nach 
der translatio Kap. lo seine Krankheit, nach der Vita Kon- 
stantini Kap. i8 fünfzig Tage. Als Todestag geben beide 
Quellen den 14. Februar an, die Vita Konstantini berichtet 
auch das Todesjahr 869 *). Diese Angabe erscheint richtig, 
wenn man bedenkt, dafs die Brüder Ende 867 in Rom ein- 
trafen, dafe Anastasius*) von öfteren gelehrten Unterredungen 
mit Konstantinus berichtet, dals seine Krankheit lange 
— per multos dies — währte, und er erst nach längerer 
Krankheitsdauer Mönch wurde und danach noch vierzig 
Tage mindestens lebte. 

Mit hohen Ehren, wie sie nur bei dem Leichenbegängnis 
eines Papstes stattfanden, wurde er auf Hadrians Befehl be- 
erdigt, alle Geistlichen — griechischer wie lateinischer 
Zunge — mufsten auf päpstliche Anordnung an den Exe- 
quien sich beteiligen *), so berichten der Zusatz zur trans- 
latio und die Vita Konstantini, offenbar nach Art der 
Legende die Geschehnisse ausschmückend. 

Methodius wünschte — wie der Zusatz zur translatio 
berichtet — , einem Gebot seiner Mutter folgend, den Leich- 
nam seines Bruders mit sich zu nehmen, um ihn in dem 



i) Vita Methodii c. 7. 

2) Ginzel nimmt als Todesjahr 868 an, Dümmler hält Archiv XlII, 131 
die Angabe der Vita Konstantini für richtiger, ihm hat gegen Ginzel Dudik 
Geschichte Mährens I, 182 beigestimmt. 

3) In dem Briefe an Karl den Kahlen berichtet Anastasius von seinen 
Unterredungen mit Konstantinus über Dionysius Areopagita, hierher sind 
auch die verschiedenen Berichte über die inventio der Reliquien des hl. 
Klemens zu zählen, die Konstantin wohl in Rom neben seinen öfteren 
mündlichen Erzählungen enarrare solitus erat, verfafste; ep. Anastasii ad 
Gaudericum c. i. 

4) Translatio c. 10, V. Konstantini c. 18: ut in funus eius prodirent» 
non aliter ac ipsi papae fecissent. 



156 Erster Abschnitt: Geschichte des Konstantinus. 

Kloster auf dem Olymp *) beizusetzen. Der Papst gab 
erst, wenn auch schweren Herzens, seine Einwilligung, auf 
das Drängen seiner Geistlichkeit zog er sie aber wieder 
zurück und wollte den Konstantinus in seiner eigenen Grab- 
stätte in St. Peter bestatten lassen. 

Da bat es sich denn Methodius aus, dafs sein Bruder 
in der Kirche des hl. Klemens, den er selbst wieder an 
seinen Bischofssitz zurückgebracht habe, ruhen dürfe. 

So wurde endlich Konstantinus unter ungeheuerem Zu- 
lauf des Volkes und der GeistHchkeit zur rechten Seite des 
Altars in der Kirche des hl. Klemens beigesetzt. Bald 
erwiesen sich, nach der Schilderung seiner Legende, seine 
Gebeine ^) als wunderthätig , seine Verehrung nahm mehr 
und mehr zu, an dem Denkmal, das seine Ruhestätte 
schmückte, wurde sein Bild angebracht und durch ewiges 
Licht ausgezeichnet. 



i) Translatio c. 1 1 sq. 
2) V. Konstantini c. 18. 



Zweiter Abschnitt. 

Geschichte des Methodius nach 
dem Tode des Konstantinus. 



§ i8. Rückkehr des Methodius nach Mähren bzw. 
Pannonien. 

Bald nach dem Tode Konstantins ^) trat Methodius der 
Mahnung des verstorbenen Bruders folgend ^) die Heimreise 
zu seinem bisherigen Arbeitsfeld an, auf dem er nun allein 
das Werk des Konstantinus fortsetzen und ausbauen sollte. 
Indes seinen früheren Wirkungskreis erreichte er für die 
nächsten Jahre nicht, Mähren blieb ihm für einige Zeit ver- 
schlossen. Das lag in zwei Umständen begründet. Zu- 
nächst in der politischen Lage des Landes, in dem Wirr- 
warr, den die Jahre 869 und 870 über das Land brachten. 

Der Mährenherzog Rastislav ^) hatte eigentlich nie in 
ganzem Frieden mit dem fränkischem Reich gelebt, auch 



i) Nach dem Zusatz zu Gauderichs translatio Kap. 1 1 , erbat sich 
Methodius gleich nach dem Tode des Konstantinus am 14. Februar 869 
vom Papst die Erlaubnis, den Leichnam seines Bruders mit heim zu neh- 
men. Diese erhielt er nach sieben Tagen, dann aber erfolgte die Bei- 
setzung doch in Rom. Nach dieser Quelle wäre also Methodius etwa im 
März 869 heimgekehrt, was ganz gut zu den folgenden Ereignissen stimmt. 

2) Vita Methodii c. 7. 

3) Für die folgenden Ausführungen vgl. D ü m m 1 e r , Ostfränk. Reich * 
n, 277 ff. 295 ff. 301 ff. 375 ff. 



158 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

ZU Friedenszeiten war er allzeit bestrebt gewesen, alles 
fränkische Element aus seinem Lande zu entfernen, und 
dazu diente ihm vor allem die Berufung der Brüder Kon- 
stantinus und Methodius und die geplante Schaffung einer 
Nationalkirche. Da Rastislav „seit mehreren Jahren schon 
auf beständigem Kriegsfufse** mit dem fränkischen Reich 
gelebt hatte, wurde im Jahre 869 *) ein gröfserer Kriegszug 
gegen ihn unternommen. Nachdem zu Beginn des Jahres 
869 Ludwig des Deutschen Sohn, Karlmann, dem Rastislav 
einige siegreiche Treffen geliefert hatte, wollte im Sommer 
Ludwig der Deutsche selbst mit fränkischer und schwä- 
bischer Heeresmacht gegen Rastislav ziehen, während Karl- 
mann gleichzeitig gegen des Rastislav Neffen Swatopluck 
kämpfen sollte. Vor dem Aufbruch erkrankte jedoch Lud- 
wig, und an seiner Stelle führte sein jüngster Sohn Karl 
das Heer an. Die gegen Swatopluck und Rastislav auf- 
gebotenen Heere drangen siegreich weit in Mähren ein und 
gelangten, ohne auf gröfseren Widerstand zu stofsen, bis 
zu einer starken, durch ungeheuere Verhaue und Schanzen 
geschützten Festung, in die sich Rastislav klugerweise 
zurückgezogen hatte. Der Erfolg des Zuges war, wenn auch 
kein fester Friede, so doch ein vorläufiges Abkommen mit 
den Mähren. 

Rastislav selbst aber sollte sich nicht mehr lange seiner 
Herrschaft freuen. Bald danach, im Januar 870, verriet 
ihn sein Neffe Swatopluck, dem er einen Teil des Landes 
zu selbständiger Herrschaft abgetreten hatte. Im Be- 
streben, sich „eine unabhängige Stellung neben dem mäh- 
rischen Reich zu erringen", huldigte er mit seinem Gebiet 
Karlmann. Rastislavs Versuch, den verräterischen Neffen 



i) Ginzel S. 53 meint, durch die Ernennung des Methodius zum Erz- 
bischof von Fannonien und Mähren seien die Bischöfe von Passan und 
Salzburg sehr verletzt worden, ebenso seien dadurch die politischen Hinter- 
gedanken Rastislavs blofsgelegt worden: „Es scheint dies der Hintergrund 
gewesen zu sein, weshalb der deutsche König schon im Jahre 868 und dem 
folgenden Rastislav mit Krieg überzog." 



g i8. Rückkehr des Methodius nach Mähren bzw. Pannonien. 159 

beiseite zu schaffen, schlug- fehl. Im Geg-enteil gelang- es 
Swatopluck selbst, den Rastislav mit List zu fangen. Zu- 
erst an Karlmann geschickt, wurde Rastislav von diesem 
unter Bewachung nach Bayern weitergeschafft. Ende 870 
wurde er vor die Reichs Versammlung in Regensburg ge- 
stellt und zum Tode verurteilt. Er wurde zwar begnadigt, 
aber geblendet und verschwand später in einem Kloster. 
Mähren wurde Reichsprovinz unter der Verwaltung der 
Grafen der Ostmark; Swatopluck wurde zunächst innig be- 
freundet mit Karlmann, er konnte aber doch auf die Dauer 
in der Rolle eines fränkischen Vasallen, dazu noch in sei- 
nem Gebiet geschmälert, für seinen Ehrgeiz keine Be- 
friedigung finden. Bald brach im Jahre 871 der alte Kampf 
zwischen Mähren und dem Reich los und wurde mit wech- 
selndem Glück geführt, bis endlich nach manchen Friedens- 
verhandlungen 874 in Forchheim der Friede geschlossen 
wurde, der dem Swatopluck zwar die Zahlung eines Jahres- 
zinses auferlegte, im übrigen ihm aber den unangefochtenen 
Besitz seines Reiches zugestand. 

Unter diesen stetigen Kämpfen war es gewifs nicht 
möglich, erfolgreiche Missionsarbeit zu treiben, in einem 
Lande, von dem man heute nicht wufste, wer morgen sein 
Herr sei, das im Jahr 86g von Kriegsheeren überzogen 
war, die in Asche legten, was sie ungeschützt vorfanden. 
So hinderten einmal die Kriegswirren des Jahres 869 den 
Methodius an der Rückkehr nach Mähren. 

Als aber das Land Ruhe hatte, kam der zweite Umstand 
hinzu, der der Arbeit des Methodius ungünstig war, die 
Feindschaft zwischen Rastislav und Swatopluck, der Streit 
zwischen beiden, in dem Swatopluck Sieger blieb. Method 
war Rastislavs Freund und Gehilfe gewesen, das genügt, 
um begreiflich zu machen, dafs er dem Swatopluck nicht 
genehm war *). Wenn ihn dieser schon mit einem gewissen 
Mifstrauen und als seinen Gegner betrachtete, so kam dazu. 



i) Ginzel S. 55. 



160 Zweiter Absclinitt: Geschichte des Methodius. 

dafs Swatopluck offenbar nicht wie Rastislav das rechte 
Verständnis für die grofse Bedeutung einer Nationalkirche 
für Mähren hatte. Das g-eht aus der ganzen Rolle, die 
Swatopluck in den Quellen spielt, deutlich her\'or. Recht 
innig wurde das Verhältnis zwischen Method und Swato- 
pluck nie. Und so mag denn nach dem Sturz des Rastis- 
lav Methodius selbst darauf verzichtet haben, seine Arbeit 
unter so ungünstigen Umständen, einem ihm feindseligen 
Landesherrn'; gegenüber aufzunehmen, vielleicht hat ihn auch 
Swatopluck an einem solchen Versuch direkt gehindert. 
So blieb denn Methodius in dem südlichen stammverwandten 
Pannonien , dessen Fürst Kozel zu Moosburg residierte '). 
Methodius wie seine Wirksamkeit werden dem Volk und 
dem Fürsten wohl bekannt gewesen sein. Wann und wo 
früher eine nähere Berührung zwischen Kozel und den 
Slavenaposteln stattgefunden hat, darüber berichtet nur die 
Vita Konstantini ^) ; auf ihrer Reise nach Rom seien die 
Brüder eine Zeit lang bei Kozel geblieben, der sie und 
ihre Arbeit so wertschätzte, dafs er ihnen fünfzig Schüler zur 
Ausbildung übergab. Mag nun diese Erzählung geschicht- 
lich wahr sein oder nicht, jedenfalls bringt sie den un- 
zweifelhaft richtigen Gedanken zum Ausdruck, dafs Kozel 
eine Wirksamkeit des Methodius, ähnlich der in Mähren 
entfalteten auch für sein Land und sein Volk zu kräftiger 
Hebung des nationalen Bewufstseins nur dringend wünschen 
und dafs es ihm deshalb nur lieb sein konnte, wenn die 
Umstände den Methodius in seinem Lande zurückhielten. 



i) Dümmler, Archiv XIII, 189. Wattenbach läfst wie Ginzel, siehe 
unten g 20, den Methodius gleich zum Erzbischof in Rom geweiht werden, 
verwirft also auch die zweite Reise nach Rom. Auch nach Mähren läfst 
er den Methodius gleich zurückkehren. „ Der neue Erzbischof ging nun in 
seine Diöcese zurück und ermüdete nicht, den Rastislav, den Beherrscher 
Pannoniens, Kozel und auch seinen Schüler von der früheren Zeit her^ 
Bogoris, den Bulgarenfürsten, zu ermahnen und zu belehren." Beiträge S. 1 7. 

2) Vita Konstantini c. 15, siehe oben g 17, S. 150; vgl. dazu Dümmler 
im Archiv xm, 181. 



§ i8. Rückkehr des Methodius nach Mähren bzw. Pannonien. 10t 

Die Vita Methodii Kap. 8 stellt die Sache so dar, als habe 
Kozel direkt an den Papst Boten geschickt und um Me- 
thodius bitten lassen. Der Papst seinerseits habe dem 
Wunsche gern entsprochen mit dem Bemerken, nicht nur 
ihm, sondern allen Slaven sende er den Methodius als 
Lehrer. Im i\nschlufs daran bringt die Vita Methodii den 
oben ^) im untersuchenden Teil als unecht erwiesenen Brief 
Hadrians an Rastislav und Kozel. Diese Nachricht von 
der Sendung Kozels darf mit einigem Zweifel aufgenommen 
werden und ist vielleicht zu d e n Teilen der Vita zu zählen, 
die in dem sichtlichen Bestreben, den Wert des Methodius 
möglichst zu erhöhen, geschrieben sind. Einerseits war es 
ja natürlich, dafs Methodius, der Mahnung seines Bniders 
folgend, auf das frühere Arbeitsfeld sich zurückbegab. 

Anderseits brauchte der Verfasser der Vita Methodii, da 
er hier den falschen Brief an Rastislav und Kozel einreihte, 
eine Begründung für diesen Brief, eine Einleitung dazu und 
die erfand er eben in der angeblichen Sendung Kozels. 

Thatsache ist jedenfalls , dafs Methodius im Jahre 869 
nicht nach Mähren zurückkehrte ^) , sondern in Pannonien 
blieb, und sei vorausgreifend bemerkt vor 873 überhaupt 
nicht — dauernd wenigstens — nach Mähren kam. Das 
geht deutlich aus dem Gang der Vita Methodii (Kap. 8 — 10) 
hervor, sie kennt nur die Wirksamkeit in Pannonien imd 
berichtet (Kap. 10) mit einer gewissen Freude, dafs im 
Jahre 873 auch die Mähren wieder zu der rechten Erkennt- 
nis von dem Wert der Person und der Thätigkeit des Me- 
thodius kamen. Wüfste sie etwas von einer Rückkehr des 



1) Siehe g 6, S. 52 fF. 

2) Neuerdings hat auch Bretholz: Über das 9. Kap. der panno- 
nischen Legende des hl. Methodius (Mitteilungen des Instituts für österr. 
Geschichtsforschung 1895, XVI, 432 ff.) eine Wirksamkeit des Methodius 
auch in Mähren im Jahre 869—870 angenommen. Er operiert aber mit 
dem Brief Hadrians als einem echten Schreiben und schliefst aus der 
Adresse „an Rastislav" auf des Methodius Wirksamkeit in Mähren. Ebenso 
aus dem gleichen Grund Lapotre 1. c. I, 117. 

Goetz, Geschichte der Slavenapostel. H 



1^8 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

Methodius zu Rastislav im Jahre 869, so würde sie das 
gewifs berichtet haben , zumal ja die Adresse des angeb- 
lichen Briefes Hadrians „an Rastislav und Kozel" dazu 
Anlafs geboten hätte. So spricht auch der Umstand gegen 
die Rückkehr nach Mähren, dafs Kozei allein und nicht 
auch Rastislav den Papst um die Weihe des Methodius 
zum Bischof bittet, obwohl wir wissen, dafs Methodius zum 
Erzbischof von Pannonien und Mähren ordiniert wurde. 

Wenn Ginzel (S. 55^) den Methodius erst nach Mähren 
zurückkehren und auch während des Krieges bis zum Sturz 
Rastislavs dort bleiben und wirken läfst, so ist diese Be- 
hauptung schon mit der ihr zugrundeliegenden Annahme, 
Konstantin sei im Februar 868, nicht 869 gestorben, hin- 
fällig. Schon Gfrörer ^) behauptete mit Recht: „Methodius 
habe sich bei seiner Rückkehr aus Rom zuerst in Kozels 
Gebiet niedergelassen, weil er damals nicht nach Grofs- 
mähren selbst zu gehen wagte.** 

§ 19. Die Einführung der slavischen Liturgie. 

In diese Zeit, da Methodius noch als einfacher Priester ^) 
in Pannonien wirkte, fällt der grofse Schritt, den er zum 
Ausbau einer slavisch-nationalen Kirche weiter that, die 
Einführung der slavischen Liturgie. Die Pflege der Landes- 
sprache im Gottesdienst und Unterricht mufste den Slaven- 
aposteln naturgemäfs als eines der wirksamsten Mittel er- 
scheinen, den Einflufs der fränkischen Geistlichkeit zu unter- 
graben ^). Konstantinus hatte mit der Übersetzung der hl. 



i) Geschichte der ost: und westfränkischen Karolinger II, 112. 

2) Nach Ginzel S. 56, hätte Methodius diese Neuerung erst als Erz- 
bischof eingeführt, Ginzel nimmt überhaupt — da er den Wert der Vita 
Methodii sehr gering anschlägt — an, Methodius sei sofort in Rom zum 
Bischof geweiht worden, siehe unten S. 171. 

3) Vgl. Ginzel S. 56, der allerdings dabei die unrichtige Voraus- 
setzung hat, die slavische Liturgie sei erst auf Betreiben von Rastislav in 
Mähren gefeiert und sei dann (S. 58) nach Rastislavs Sturz nach Pannonien 
verpflanzt worden. 



J 19« Die Einführung der slavischen Liturgie. 163 

Schrift bezw. der Perikopenreihe den Anfang gemacht ^), 
Methodius setzte nun konsequent sein Werk fort. Die 
sicherste Quelle darüber die conversio Carantanorum , die 
unmittelbar unter dem Eindruck dieser Neuerung und ihrer 
Folgen für die salzburgische Geistlichkeit verfafst ist, schreibt 
ausdrücklich dem Methodius diese Neuerung ^) zu ; römischen 
Brauch und die lateinische Schrift beiseite setzend, habe 
er durch seine slavische Liturgie bei dem slavischen Teil 
des Volkes die lateinische Messe und Bibelübersetzimg in 
Mifskredit gebracht. Der Hafs der conversio gegen diese 
Neuerung und ,,den gewissen Griechen mit Namen Methodius" 
ist leicht daher erklärlich, dafs die Einführung der sla- 
vischen Liturgie dem Methodius die Sympathie der Slaven 
in weitem Umfange gewinnen und sein Werk bedeutend 
fördern und festigen mufste. 

Wie die conversio Carantanorum so giebt auch der unechte 
Brief Hadrians richtig an, dafs Methodius das von Konstan- 
tinus mit der Übersetzung der Schrift und einiger Gebets- 
formulare begonnene Werk mit der Übersetzung der Liturgie 
fortgesetzt habe. Auch nach der Darstellung dieses Briefes 
bzw. der Vita Methodii (Kap. 8) geschah dieser weitere grofse 



i) V. Methodii c. 8 (Brief Hadrians) sicuti Konstantinus philosophus 
divina gratia et sancti Klementis invocatione cepit, Ginzel übersetzt, was 
mir richtiger erscheint, — sicuti philosophus Konstantinus inchoavit divinum 
evangelium et per sanctum Klementem preces. Die translatio Kap, 7 
schreibt von dem Weggang der Brüder von Mähren 867 : et scripta ibi 
reliquerunt omnia, quae ad ecclesiae ministerium videbantur esse necessaria» 
Daraus braucht man durchaus nicht mit Ginzel S. 43^4 zu schliefsen, sie 
hätten „Mefsbuch Brevier und Ritual in Übersetzung zurückgelassen", und 
das sei alles schon von Konstantinus geschehen S. 56, siehe auch oben 
S. 139«. 

2) usque dum quidam graecus Methodius nomine, noviter inventis scla- 
vinis litteris, linguam latinam doctrinamque romanam atque literas auctorales 
latinas philosophice superducens, vilescere fecit cuncto populo ex parte 
missas et evangelia ecclesiasticumque officium illorum, qui hoc latine cele- 
braverant. Ex parte sei. Sclavorum Ginzel , Anhang S. 56 ^ , Wattenbach 
Beiträge, S 18, Dobrowsky, Cyrill und Method., S. 90. 

11* 



104 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

Schritt zum Ausbau der slavischen Nationalkirche in der 
Zeit, als Methodius noch als einfacher Priester wirkte ^). 

Mit Ausnahme von Ginzel haben nun die bisherigen Dar- 
stellungen alle ausführlich über die angebliche Bestätigung 
der Liturgie durch Hadrian gehandelt *). Diese Bestätigung 
beruht aber allein auf dem unechten Schreiben Hadrians, 
das eben in die Vita Methodn eingereiht ist, weil es die 
gleiche Tendenz wie diese verfolgt, den Methodius zu seinem 
Auftreten überhaupt, insbesondere zur Einführung der sla- 
vischen Liturgie als vom Papst ausdrücklich bevollmächtigt 
darzustellen. 

Mit dem erbrachten Erweis der Unechtheit dieses 
Schreibens fällt auch die angebliche päpstliche Bestätigung 
der slavischen Liturgie und alle Betrachtungen, die an diese 
Neuerung auf kirchlichem Gebiet geknüpft wurden. Diese 
Bestätigung hat sonst keinen Grund in den sicheren Quellen 
und steht auch im direkten Widerspruch zu dem Gang der 
Geschichte des Methodius und zu den späteren echten 
Papstbriefen. Schwerlich würde auch die conversio Caran- 
tanorum sich in so wegwerfender Weise über diese Neuerung 
geäufsert haben, wenn Methodius sich zu ihrer Rechtfertigung 
auf eine päpstliche Erlaubnis hätte berufen können. 

So dürfen wir also als feststehende Thatsache und in 
den Quellen gesichertes Resultat ansehen, dafs Methodius 
nach seiner Rückkehr nach Pannonien im Interesse der 
Schaffung eines nationalen slavischen Kirchenwesens die 
slavische Liturgie selbständig eingeführt hat. Eine Erlaub- 
nis dazu von irgendeiner Seite hat er nicht eingeholt, auch 
nicht vom Papst. Eigenmächtig *) hat er diese Fortführung 



i) Dum ml er, Archiv XIH, 189 läfst irrigerweise gegen den Wort- 
laut der Vita Methodii die Einführung der slavischen Liturgie erst geschehen, 
„nachdem Methodius im Jahre 870 zum zweitenmal in Rom gewesen war". 

2) Dümmler, Archiv XIII, 181 f., id. Ostfränk. Reich 'II, 262 f., Bretholz 
Gesch. Mährens I, 80. 

3) Ginzel S. 56: „zwar konnte es sich der einsichtsvolle Kirchenfürst 
[Methodius] nicht bergen, dafs er durch Einführung der Volkssprache in 



§ 19. Die Einführung der slavisclien Liturgie. 165 

des Werkes des Konstantinus vollzog-en, wie überhaupt der 
weitere Verlauf seiner Geschichte zeigen wird, dafs er ob- 
wohl römischer Erzbischof und sich auf seine Sendung 
durch Rom stützend, in seiner Thätigkeit ziemlich eigen- 
mächtig vorging. 

Es ist von den früheren Biographen der Slavenapostel 
darüber gestritten worden, welches die Liturgie gewesen 
sei, die Methodius eingeführt habe, ob die der römischen 
Kirche oder die der griechischen Kirche *). Diese Frage 
scheint, wenn wir zunächst nur die geschichtlichen Quellen 
reden lassen, ihre einfache Erledigung zu finden. Und 

die Liturgie eine bisher unerhörte Neuerung statuiere, aber er gab sich der 
Hoffnung hin, der apostolische Stuhl werde in Würdigung des überwiegen- 
den Nutzens fiir den christlichen Fortschritt der Slaven diese Abweichung 
von der allgemeinen Kirchen Ordnung nicht verdammen." Diese Kombinationen 
Ginzels entspringen seinem durchgehenden Bestreben, Methodius als treuen Sohn 
des hl. Vaters und „ hoch-päpstlich gesinnten " (S. 107) Bischof darzustellen, 
was aber Methodius thatsächlich gar nicht war. Wattenbach: Beiträge S. 18. 
i) Vgl. Ginzel S. 105 ff., Ginzel selbst entscheidet sich mit aus- 
führlichem Beweis für die lateinische Liturgie: Dümmler, Ostfränk. Reiche 
II, 263a nimmt mit Dudik, Gesch. Mährens I, S. 191 ' an, dafs Methods 
slavische Liturgie nicht die der römischen, sondern die der griechischen 
Kirche war. Bonwetsch, Cyrill und Method, S. 11 entscheidet sich für die 
römische Liturgie zumal auf Grund altglagolitischer liturgischer Stücke der 
sog. Kiewer Fragmente, die sich nach den darüber angestellten Unter- 
suchungen, wie Bonwetsch meint, an die lateinische Liturgie anschliefsen 
sollen. Pypin und Spasoviö Geschichte der slavischen Litteraturen 11«, 7 er- 
klären sich für die byzantinische Liturgie mit slavischer Kirchensprache. La- 
potre, L'Europe et le st. siege I, 126^ neigt gleichfalls mehr zur Annahme 
hin, die Slavenapostel hätten den griechischen Ritus beobachtet, wie sonst in 
der kirchlichen Disziplin, so auch in der Liturgie. On aura toujours de la 
peine ä comprendre qu'ayant fait leur rituel avant de venir a Rome, les 
freres byzantins y aient abandonn^ leur rite propre pour en adopter un 
qui leur etait peu familier, alors surtout qu'ils gardaient dans le reste leurs 
habitudes nationales. Er nimmt aber den hier für den Historiker richtigen 
Standpunkt ein mit den Worten : Quoiqu'il en soit, nous n'avons pas a nous 
meler dans un debat qui ne peut exercer aucune influence sur nos conclusions. 
Ebenso aus der älteren Litteratur: Schmidt, Historische Untersuchung der 
Frage: ward das Christentum in Böhmen von Method nach den Grundsätzen 
der griechischen oder lateinischen Kirche eingeführt? 1789. 



IM Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

zwar reden alle Stellen in den echten wie unechten Papst- 
briefen in den anderen Quellen, auch in den Briefen 
Johannes X. immer nur von den „sclavinae litterae" im 
Gegensatz zur lingna latina und dem latine celebrare. Au- 
dimus etiam quod missas cantes in barbara, hoc est in 
sclavina lingna schreibt, in Kürze das Wesentliche betonend 
Johann VIII (J. E 2978, 3268). Es hat sich also, wie alle 
diese geschichtlichen Quellen bekunden, stets nur um die 
Anwendung der slavischen Sprache gehandelt. Darin be- 
stand die Neuerung des Methodius, von einem Aufgeben 
der lateinischen Liturgie und einer Neu-Einführung der 
griechischen ist in diesen Quellen nie die Rede. Eine 
solche hätte aber direkt stattfinden müssen, denn Methodius 
führte ja seine slavische Liturgie in Ländern ein, die von 
römisch-lateinischen Kirchen christianisiert waren und dem- 
gemäfs die lateinische Liturgie besafsen. Auch führte 
Methodius nach den Worten der Conversio Carantanorum 
seine slavische Kirchensprache naturgemäfs bei dem sla- 
vischen Teil des Volkes ein und entfremdete diese der 
lateinischen Messe. Eine Einführung der slavischen Liturgie 
bei den zugewanderten Franken hätte ja keinen Wert ge- 
habt. Nach diesen geschichtlichen Quellen wäre also an- 
zunehmen, dafs Methodius das von Konstantinus begonnene 
Übersetzungswerk konsequent fortsetzend, die bei den Mähren 
und Pannoniern vorgefundene lateinische Mefsliturgie in die 
slavische Sprache übersetzt habe, um dem Volk ein besseres 
Verständnis zu verschaffen. An der Liturgie selbst hätte 
er also nach diesen Texten gar nichts geändert. 

Ob der Papst bei der Erhebung des Methodius zum 
Erzbischof schon Kenntnis hatte von dieser Einführung 
der slavischen Liturgie, darüber haben wir keine Zeugnisse. 
Die Übersetzungsthätigkeit des Konstantinus kannte er ja 
wohl, da auch Gauderich über sie berichtet, indes hat er 
offenbar keinen Anstofs an ihr genommen, da sie nicht 
gegen den kirchlichen Brauch verstiefs. So war es ja auch 
möglich, dafs er von der weiteren Übersetzungsthätigkeit des 



§ IQ. Die Einfuhrung der slavischen Liturgie. 167 

Methodius auch einig-ermafsen Kenntnis hatte, indes gegen 
diese, da bei der Erhebung des Methodius zum Erzbischof 
wohl noch keine Klagen der bayerischen Bischöfe nach 
Rom gedrungen waren, und er ihre Ausdehnung auch auf 
die Liturgie wohl nicht kannte, nichts einwendete Hätte 
aber Methodius wirklich die griechische Liturgie an die 
Stelle der lateinischen setzen wollen, so würden das seine 
deutschen Gegner in ganz anders heftiger Weise gegen 
ihn ausgebeutet haben, als sie es nach den Quellenberichten 
und dem Wortlaut der Conversio Carantanorum thaten. 

Alle diese Erwägungen beruhen indes wie gesagt nur 
auf dem Wortlaut der geschichtlichen Quellen. Diese aber 
allein sind hier nicht mafsgebend. Wichtiger als sie sind 
die sprachlichen Quellen; und die Frage nach der Gestalt 
der Liturgie des Methodius endgültig zu lösen, ist nicht die 
Aufgabe des Historikers. Sie gehört vor das Forum der 
philologischen Kritik und wird darum auch mit Recht von 
Jagic (Archiv IV, 98) für die slavische Philologie in Anspruch 
genommen. Als endgültiges Resultat dürfen darum die 
auf den geschichtlichen Quellen beruhenden Erwägungen 
über die Gestalt der Liturgie des Methodius nicht angesehen 
werden, weil diese Frage eben von dem Historiker allein nicht 
gelöst werden kann. 

Durch diese Einführung der slavischen Liturgie und 
durch den Ausbau des slavisch nationalen Werkes, das Kon- 
stantinus begonnen hatte, überschritt nun aber Methodius 
die Grenzen, die ihm durch den allgemein gültigen kirch- 
lichen Brauch gesteckt waren. 

Was Konstantinus geschaffen hatte, die Übersetzung der 
hl. Schrift in die Landessprache , das vertrug sich ganz 
gut mit den Anschauungen der griechischen Kirche, aus 
der er stammte. So erzählt der Biograph des Johannes 
Chrysostomus ^), dieser habe während seiner Verbannung 

i) Vita s. Chrysost. aut Georgio archiep. Alexandr. ed. Paris 1557, 
S. 63 : Cooperante enim dei gratia quosdam ex istis invenit [Joannes Chrysost.] 



108 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

nach Cucusus in Armenien die des Griechischen Kundigen 
zur Übersetzung des Neuen Testaments und der Psalmen 
in ihre Landessprache versuilafst, nachdem er sie zuvor von 
ihrem Heidentum bekehrt und ihnen 7 Bischöfe und zahl- 
reiche Priester und Diakonen gegeben hatte. 

Es vertrug sich des Konstantinus Thätigkeit auch mit 
den zu seiner Zeit in der abendländischen Kirche geltenden 
Anschauungen, wie sie vor allem ihren Ausdruck gefunden 
haben in dem canon 52 der Frankfurter Synode vom Jahr 794, 
dafs in jeder Sprache Gott angebetet werden dürfe und in 
jeder Sprache der Mensch erhört werde, wofern er Rechtes 
erbitte *). Dabei darf betont werden , dafs diese Synode 
nicht nur eine deutsche war, sondern das ganze fränkische 
Reich samt Italien *) und Aquitanien vertrat , dafs sich auf 
ihr auch Legaten des Papstes, die Bischöfe Theophylact 
und Stephanus als Stellvertreter Hadrians eingefunden hatten. 
Die Synode verdiente also die Bezeichnung universalis, die 
man ihr damals gab, gewifs, und wir dürfen wohl annehmen, 
dafs ihre Beschlüsse die Anschauungen , die im ganzen 
Abendlande, die römische Kirche mit eingeschlossen, galten, 
vertraten. 



non inscios linguae graecae. Hos instnixit, ut novum Testamentum, Psalterium 
item suo ipsorum idiomate interpretarentur ad cumulatiorem obtiaendam 
scripturae divinae cognitionem. Eis praecepit ediscere psalterium, ut in 
ecclesiis cantica concinerent, confirmans ea esse quae ipsis per partes 
interpretarentur seriem et historiam veteris Testament!. Opp. Chrysost. ed 
Savile VIII, 236 griech. Text: xat naQtaxtiaatv airrovg fitxatfQaaai, .jrnv 
vtav ^ut&Tjxip/ xm to rJjaXrriQtov ry i^uc uvtujv dt^aXixxt^y öntog yvtoaiv 
Xttßtaatv xrig d-ua^ yQaipTjg. 

i) Mansi XIII Append. S. 194: quod non in tribus tantum unguis 
orandus Deus cf. Hefele, Konzilien« III, 693: Ut nullus credat, quod non 
nisi in tribus unguis Deus orandus sit: quia in omni lingua Deus adoratur 
et homo exauditur, si iusta petierit 

2) Mansi XIII, 909 can. i: Coniungentibus Deo favente apostolica 
autoritate atque piissimi domini nostri Caroli regis iussione anno XXVI 
principatus sui, cunctis regni Francorum seu Italiae, Aquitaniae provinciae 
episcopis ac sacerdotibus »ynodali concilio, inter quos ipse mitissimns sancto 
interfuit conventui, Hefele, Konzilien 2 m, 679. 



i ig. Die Einfiilirung der slaviächen Liturgie. 169 

Metliodius nun ging über diesen allgemein gestatteten 
Brauch *) hinaus. Etwas direkt Neues , was der bisherigen 
kirchlichen Übung seiner Zeit widersprach, war es, dafs 
er die Liturgie in der Landessprache feierte, er steht 
damit allein in der Geschichte der Kirche jener Zeit, wie 
Thalhofer sagt, „meines Wissens wurde bis tief ins Mittel- 
alter kein Wunsch laut, die Liturgie in der Volkssprache 
zu feiern" *). 

Durch diese seine Eigenmächtigkeit zog sich aber Metho- 
dius die Opposition der deutschen Geistlichkeit zu. Die 
Anklage wegen Einführung der slavischen Liturgie konnte 
sie mit der zweiten wegen Verletzung des kirchlichen 
Rechts vereinigen, wobei doch wohl die letztere für sie die 
wichtigere und ausschlaggebende war. Thatsächlich vertrat 
sie Methodius gegenüber den korrekten römischen Stand- 
punkt, den Rom selbst in seinen später erfolgten Verboten 
der slavischen Liturgie einnahm. • Und dafs die fränkischen 
Geistlichen nicht gchon gegen Konstantinus *) offen feind- 
lich auftraten, das hat, wenn wir von der Rechtsfrage, von 
der Erhebung des Methodius zum Erzbischof absehen, 
seinen Grund auch mit darin, dafs Konstantinus eben sich 

i) Ähnlich verordnete Ahyto von Basel 819: iubendum est, ut oratio 
dominica et symbolom apostolomm ab omnibus discatur tarn latine quam 
barbarice ut quod ore profitetur corde credatur et intelligatur vergl. Thal- 
hofer, Liturgik I, 406. 

2) L. c. I, 406. Mit Recht hat Raumer in seiner Schrift über die 
Einwirkung des Christentums auf die althochdeutsche Sprache S. 242 auf- 
merksam gemacht, dafs während das Mögliche aufgeboten wurde, die 
Deutschen im Glauben zu unterrichten, sich in den Capitularien Karls des 
Grofsen und in Konzilien seiner Zeit keine Spur des Versuches vorfindet, 
die Messe deutsch zu halten. Höf 1er, Bonifatius und die Slavenapostel 28 *. 

3) Maly^evskij, Cyrillus und Methodius, Kiew 1886 vergl. Jagic Archiv 
Xll, 216 meint, Konstantinus und Methodius seien zu dem Gedanken, eine 
slavische Liturgie zu gründen, schon vor der Sendung des Rastislav nach 
Konstantinopel gekommen und zwar auf dem kleinasiatischen Olymp. Un- 
mittelbar nach ihrer Rückkehr von Cherson hätten sie sich mit diesem Ge- 
danken getragen und hätten die Absicht gehabt, bei den byzantinischen 
Slaven diesen Gedanken ins Werk zu setzen. 



170 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodios. 

mit seiner Übersetzungsthätigkeit in kirchlich erlaubten 
Bahnen bewegte, während Methodius die von dem allgemein 
kirchlichen Brauch gesteckte Grenze überschritt ^). 

Denn gegen den Gebrauch der slavischen Sprache zur 
Übersetzung der hl. Schrift und Gebete, wie es Kon- 
stantinus that, hatten die deutschen Geistlichen nichts ein- 
zuwenden, wohl aber waren sie auf Grund der damaligen 
kirchlichen Übung mit Recht Gegner der slavischen Liturgie. 
Von diesem Grundsatz aus sind ihre Angriffe gegen Methodius 
sowie Roms Verbot der slavischen Liturgie zu beurteilen 
und zu begreifen. 



i) Golubinskij: Jstorija rasskoi zerkwi I», 285 wendet sich in ähn- 
licher Weise gegen die Anschauung, als hätten die Mähren die 
slavische Liturgie von sich aus verlangt. Er betont dabei auch, 
dafs die Feier des Gottesdienstes in einer anderen, als der griechischen 
Sprache in der griechischen Kirche eine unerhörte Neuerung gewesen sei. 
Auch nach den Anschauungen der griechischen Kirche traten die Slaven- 
apostel mit der slavischen Liturgie ganz aus dem Rahmen der bisher allgemein 
üblichen Disziplin heraus; genau wie nach der Disziplin der römischen 
Kirche, war es auch im Bereich der griechischen Kirche etwas ganz Un- 
gewöhnliches, was Methodius — nach Golubinskij schon Konstantinus — 
that. Daher geben sich seine Biographen, auch der bulgarische Mönch 
Chrabr, Mühe, das Ungewöhnliche seiner Handlung bei den Griechen zu 
entschuldigen und einigermafsen begreiflich zu machen. Wenn der 
Patriarch Balsamon von Antiochien auf eine entsprechende Anfrage des 
Patriarchen Markus von Alexandrien geantwortet habe, wenn recht- 
gläubige Christen fremder Nationen das Griechische gar nicht ver- 
stünden, so dürften sie sich einer Übersetzung der griechischen Liturgie 
in ihrer Landessprache bedienen, so habe sich Balsamon doch ziemlich 
über das Niveau seiner Zeit erhoben und sei durch die besonderen Um- 
stände zu dieser Antwort veranlafst worden. Die Anfrage des Markus zeige 
aber, wie man in der griechischen Kirche über die Anwendung einer 
anderen als der griechischen Sprache zum Gottesdienst dachte. Durch 
seine Übersetzung der [NB] griechischen Liturgie in die Sprache der 
Mähren habe also Konstantinus aus eigener Initiative die Anschauung sowohl 
der griechischen als der römischen Kirche über den Gebrauch lediglich 
der lateinischen und griechischen Sprache beim Gottesdienst durchbrochen. 
Als Reformator und Neuerer habe er das Prinzip der Gleichwertigkeit aller 
Sprachen und der Nationalisierung des Gottesdienstes aufgestellt. 



i 20. Die Erhebung des Methodius zum Erzbischof. 171 

§ 20. Die Erhebung des Methodius zum Erzbischof. 

Je erfolgreicher des Methodius Thätigkeit war, je mehr 
seine slavische Liturgie wie überhaupt Pflege des nationalen 
Elementes in religiöser Hinsicht sich geltend machte und 
ihm bei den Slaven steigendes Ansehen verschaffte, desto 
eher mufste es zum Streit mit der fränkischen Geistlichkeit 
kommen. Wenn dieser nicht schon während der religiösen 
Slavisierung Mährens 863 — 867 ausgebrochen war, so hatte 
das also einmal darin seine Ursache, dafs der eine Haupt- 
grund des Streites die slavische Liturgie noch nicht ein- 
geführt war, dann aber beruhte es auch in den anders ge- 
legenen allgemeinen Umständen. Mähren war wohl seiner- 
zeit von Bayern aus christianisiert worden, der Zusammen- 
hang mit der Mutterkirche scheint aber nur ein ziemlich 
loser gewesen zu sein. Denn die Quellen, die über den 
nun beginnenden Streit handeln, zumal die Conversio Caran- 
tanorum berichten uns über eine feste kirchliche Organisation 
in Mähren nichts, obwohl Methodius Erzbischof von Mähren 
sowohl als Pannonien wurde und es demgemäfs im Inter- 
esse seiner Gegner liegen mufste, auch die Untergrabung der 
bayerisch-kirchlichen Organisation in Mähren durch Metho- 
dius zum Gegenstand der Klage zu machen ^ 

Hier in Pannonien war es anders, dieses Land war 
schon seit 75 Jahren^) unter der Leitung der Salz- 
burger Bischöfe. Diese hatten öfters ihren pannonischen 
Sprengel bereist, Kirchen geweiht, Geistliche eingesetzt. 
Das Land stand in kirchlicher Beziehung unter einem vom 
Salzburger Bischof bevollmächtigten Erzpriester — zur Zeit 
des Methodius Richbald — , wurde als Bestandteil der Salz- 
burger Diöcese betrachtet und hatte geordnete kirchliche 
Verwaltung. In diese drängte sich nun Methodius ein und 



i) Vgl. Krause, Gesch. der südöstl. Slaven. Progr. von Schrimm 
1871 und 1872, S. XXn. 
2) Wattenbach S. 17. 



178 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

hiitte bald die slavische Bevölkerung- für sich g-ewonnen, 
die ihm und seinem Gottesdienst zulief, und die bisherigen 
Geistlichen mifsachtete. So hatte er bald dem Richbald 
den Boden zu weiterer Wirksamkeit entzogen, und da dieser 
den Sieg des Methodius nicht mit ansehen konnte (ferre 
non Valens) und seine Thätigheit untergraben sah, kehrte 
er zu seinem Erzbischof nach Salzburg zurück. Die Klagen, 
die er gegen Methodius vorzubringen hatte, fanden bald 
ihren Wiederhall in der Auseinandersetzung der Conversio 
Carantanorum , zumal in ihrem letzten leidenschaftlich ge- 
haltenen Teil. 

Im Zusammenhang mit dieser meiner Annahme, dafs 
die Einführung der slavischen Liturgie und die Heim- 
kehr Richbalds geschehen sei, ehe noch Methodius 
zum Erzbischof*) geweiht wurde, läfst sich vielleicht noch 
eine andere Frage genauer erledigen. Als Methodius im 
November 870 vor die Regensburger Synode gebracht 
wurde, war er schon Erzbischof und stützte sich darauf. 
Die Conversio Carantanorum nun ist jedenfalls unmittelbar 
nach der Heimkehr Richbalds für den König Ludwig ver- 
fafst worden (siehe oben S 7). Kennt sie nun schon den 
Methodius als Erzbischof, war zur Zeit ihrer Abfassung 
Methodius schon Erzbischof? Die conversio spricht nie 
von der erzbischöflichen Würde des Methodius, er ist für 



i) Ginzel S. 58 verlegt die Rückkehr des Richbald in die Zeit, da 
Methodius schon Erzbischof war, wie er ihn überhaupt gleich als Erzbischof 
von Rom zurückkehren und die zweite Reise 870 nach Rom nicht gelten 
läfst, siehe oben S. 162. Die Heimkehr Richbalds sei nicht so ganz frei- 
willig gewesen, „denn die kirchliche Jurisdiktion des Archipresbyters Rich- 
bald und aller unter ihm stehenden Geistlichen in Pannonien hatte ja von 
dem Augenblick an aufgehört, als dem Method die erzbischöfliche Gerichts- 
barkeit von Rom aus zuerkannt war" und als er nun die Ausübung derselben 
in die Hand nahm, mufsten sie ihm gehorchen, das wollten sie nicht. In den 
deutschen Kirchengemeinden, die von Kolonisten gegründet waren, blieben 
aber nach Ginzel die Salzburger zurück, schon um ihre Rechtsansprüche 
weiter geltend zu machen. 



J 20. Die Erhebung des Methodius zum Erzbischof. 1"?$ 

sie „ein gewisser Grieche, mit Namen Methodius" ^). Man 
hat das für nicht befremdlich erklärt (Dümmler, Ostfränk. 
Reich^ II, 379), die Salzburger hätten die Weihe nicht für 
gültig erachtet, „sei es, weil sie mit anerkannten Rechten 
im Widerspruch stand, sei es, weil sie die päpstlichen Voll- 
machten für Methodius als erschlichen oder gefälscht be- 
trachteten". Die conversio geht aber überhaupt auf diese 
päpstl. Verleihung gar nicht ein. Ihr Haupt- und Schlufs- 
argument ist klar: kein fremder Bischof aufser dem Salz- 
burger habe in Pannonien etwas zu sagen und kein fremder 
Priester dürfe ohne Salzburgs Erlaubnis längere Zeit 
amtieren. Und nach dem Aufbau des Satzes scheint mir 
die zweite Hälfte die wichtigere zu sein und demgemäfs 
Methodius nur als solcher fremder Priester betrachtet zu 
werden. 

Weshalb verschweigt die Conversio — wenn sie schon 
Kenntnis davon hatte, die Durchbrechung des bisherigen 
Rechtes durch den Papst? 

In dem ^ei conversio analogen Schreiben der bayerischen 
Bischöfe von 900 wird zwar Methodius auch nicht erwähnt. 
Aber dem Papst wird in scharfen Worten vorgeworfen, dafs 
das alte Recht durch die Päpste verletzt werde, dafs die 
Einheit der Kirche dadurch zerrissen werde, dafs der Papst 
einen von altersher zu Recht bestehenden Episkopat ge- 
teilt habe. Des Papstes Legaten hätten einen Erzbischof 
eingesetzt — . wie könne es überhaupt in dem Bistum eincß 
anderen einen zweiten Erzbischof geben — und ohne 
Kenntnis und Einverständnis des rechtmäfsigen Erzbischofs 
drei Suffraganbischöfe eingesetzt. 

Diese Sachlage war aber nach dem Rechtsstandpunkt 
der Bayern durch die Weihe des Methodius schon ein- 
getreten. Warum argumentierte nun damit nicht die con- 



i) Am Schlufs der conversio wird Methodius mit „Methodius philo- 
sophus" bezeichnet. Eis scheint, dafs der Verfasser hier die Person des 
Methodius mit der des Konstantinus kombiniert hat 



174 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

versio dem König g^egenüber? Ein kräftigeres Beweismittel 
konnte sie ja gegen Methodius kaum finden. 

Es legt sich daher die Annahme nahe, dafs der Ver- 
fasser der conversio von dem Episkopat des Methodius 
noch nichts wufste. Gleichzeitig vielleicht, während nach 
der Heimkehr Richbalds die conversio verfafst und ein- 
gereicht wurde , ,war Methodius in Rom zur Bischotsweihe. 
So ist möglicherweise die conversio eine Klage gegen den 
Eindringling und Rechtsverletzer Methodius aber noch 
nicht gegen den Erzbischof Methodius, von dessen 
neuer Würde sie nichts wufste. 

Wenn nun auch Kozel bisher wie in politischer Hinsicht 
gut mit dem Reich, so in religiöser sich gut mit dem Salz- 
burger Erzbischof und seiner Geistlichkeit vertragen hatte, 
so mufste es ihm doch einleuchten, dafs eine slavische 
nationale Kirche bedeutend fester und tiefer im Volke 
wurzeln und dieses in der Bewahrung seiner Nationalität 
dem fränkischen Reich gegenüber mehr festigen mufste, 
als das bei dem fränkisch-lateinischen Kirchenwesen, einem 
Zeichen der Oberherrschaft des fränkischen Reiches über 
Pannonien der Fall war, das darum auch dem slavischen 
Volksbewufstsein immer fremd bleiben mufste. Einerseits 
konnte er also nur sehr erfreut sein über die Förderung 
der slavischen Nationalität, die in dem Siege des Methodius 
lag, und diese Freude findet ja auch in der Erzählung von 
der Überweisung der 50 Schüler an die Slavenapostel ihren 
Ausdruck, mag nun die Geschichte geschichtUch wahr sein 
oder nicht. Sollte aber diese nationalkirchliche Bestrebung 
Bestand haben, so konnte es nicht bei den ungeordneten 
Zuständen bleiben, in die das Land durch den Streit der 
zwei geistlichen Parteien versetzt war. Eine kirchliche Or- 
ganisation mufste das Volk erhalten, und es ist sehr erklärlich, 
dafs er auf Grund der bisherigen Erfolge den Methodius 
zum Bischof einer selbständigen pannonischen Kirche er- 
hoben wünschte. Dafs er mit dieser kirchlichen Neuorgani- 
sation seines Landes sich in direkten Gegensatz zu dem 



§ 20. Die Erhebung des Methodius zum Erzbischof. l'J5 

bisherigen Patron des Landes, dem Erzbischof von Salz- 
burg setzte, darüber wird er sich wohl klar gewesen sein. 
Da ihm aber an der nationalen (kirchlichen wie politischen) 
Selbständigkeit seines Volkes mehr gelegen war als an der 
Gunst des Salzburger Erzbischofs, suchte er Deckung und 
Schutz hinter einem noch Mächtigeren, der noch über dem 
Erzbischof stand. Deshalb wandte er sich an den Papst; 
mit einer Gesandtschaft von 20 Vornehmen schickte er den 
Methodius im Jahre 870 nach Rom, damit ihn der Papst 
zum Bischof weihe und ihn zum Oberhirten Pannoniens 
einsetze. 

Dafs Rastislav ^) sich an dieser Sendung und an dieser 
Bitte beteiligt habe, davon sagt die Vita Methodii nichts, 
es wird ihm wohl deshalb unmöglich gewesen sein, weil 
er schon von Swatopluck gestürzt ward. 

Nach dem Wortlaut der Vita Methodii Kap. 8 hätte 
dabei Kozel die Absicht im Auge gehabt, das uralte 
pannonische Bistum zu erneuern, um damit vielleicht von 
vornherein Salzburg gegenüber ein gewisses älteres Recht, 
als das salzburgische war, vorschützen zu können. Er 
schickte ihn, sagt die Vita, zum Papst, damit ihn dieser 
zum Bischof von Pannonien ordiniere auf den Stuhl des 
hl. Andronikus, der einer der 70 Jünger Christi war. „Der 
hl. Andronikus ^), von dem wir aus dem Briefe an die 
Römer (16, 7) mit Sicherheit nur dies wissen, dafs er ein 
Freund des Apostels Paulus und früher als dieser zum 
Christentum bekehrt war, soll nach der späteren Überlieferung 
ein unmittelbarer Jünger Christi gewesen sein, und zuerst 
das Amt eines Bischofs zu Sirmium in Pannonien bekleidet 
haben. Das älteste Zeugnis hierfür legt Hesychius, welcher 
in den Jahren 405 — ^438 Bischof von Salona war, in seinem 
Leben des hl. Klemens ab. Wenngleich diese Tradition ohne 
historische Glaubwürdigkeit sein mag, so ist es doch gewifs, 

i) Gegen Ginzel S. 51. 

2) Vgl. den Exkurs von Dümmler über das pannonische Bistum, 
Archiv xm, 185 ff. 



176 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

dafs ZU Sirmium, der berühmten und volkreichen Hauptstadt 
Pannoniens bereits im vierten Jahrhundert ein Bistum be- 
stand, welches auf die politische Bedeutung^ des Ortes ge- 
stützt, nach der geistlichen Oberherrschaft über alle illyri- 
schen Provinzen strebte." 

Möglicherweise ging auch diese Erneuerung des panno- 
nischen Bistums vom Papst selbst aus, in der gleichen 
Absicht — wie wir sehen werden — sein Anrecht auf 
Pannonien Salzburg gegenüber zu begründen. Wie weit 
870 schon Hadrian Kenntnis von der Sachlage und den 
Ansprüchen Salzburgs hatte ^) , läfst sich nicht genau fest- 
stellen, da es an direkten d. h. päpstlichen Zeugnissen 
über die Bischofsweihe des Methodius mangelt. Kannte 
er damals schon die salzburgischen Ansprüche, so wird er 
wohl 870 schon in derselben Weise gegen sie argumentiert 
haben, wie wir es 873 sehen werden. Nach Ginzel (S. 51 f.) 
hätte der Papst bei Errichtung bzw. Neueinrichtung des 
pannonischen Bistums im bewufsten Gegensatz zu der 
fränkischen Kirche gehandelt, hinter dem Rücken des Salz- 
burger und Passauer Bischofs mit Kozel über die Sicher- 
stellung des Methodius und seines Bistums verhandelt, und 
dann erst die geschehene Errichtung der Kirchenprovinz 
diesen beiden Bischöfen amtlich notifiziert. Auch hierüber 
mangeln uns sichere Nachrichten, es ist aber kaum glaub- 
lich, dafs die Bischöfe so gegen Methodius mit Absetzung, 
Schlägen und Kerker vorgegangen wären, wenn sie schon 
vorher des Papstes entschiedene Willensmeinung direkt von 
ihm selbst gewufst hätten. 

Nach der Vita Methodii (Kap. 8 und 10) wäre 870 
Methodius nur zum Bischof von Pannonien, erst 873 auch 
zum Erzbischof von Mähren erhoben worden. Dem ist 
aber nicht so. Johann VIII bezeugt in seinem Brief an 
Swatopluck vom Jahre 879 I. E, 3267 ausdrücklich, dafs 
Methodius von Hadrian zum Erzbischof geweiht worden 

i) Wattenbach, Beiträge S. 16: „Ob damals [d. h. 870] schon ein 
Widerspruch [wohl von Salzburg] erhoben wurde, wissen wir nicht." 



§ 20. Die Erhebung des Methodius zum Erzbischof. 177 

sei, und nach dem Zeugnis der päpstlichen Schreiben von 
873 umfafste seine Diöcese sowohl Pannonien als Mähren, 
ja sogar Serbien gehörte dazu, wie aus den Briefen 
Johanns VIII ^) hervorgeht. Von seinem mährischen Bistum 
hatte allerdings Methodius damals nur den Namen. 

Wie über die Erhebung des Methodius zum Erzbischof, 
so haben wir auch keine direkten päpstlichen Nachrichten, 
wo seine Residenz ^) gewesen sei. Im alten Sirmium schwer- 
lich, es wird in den auf Methodius bezüglichen Urkunden 
nie genannt. Ob er jahraus jahrein an demselben Platz ver- 
weilte, ist sehr fraglich, es würde das zu der Stellung eines 
Missionsbischofs, die er nach päpstUcher Anschauung *) ein- 
nahm, schwerlich gepafst haben. Anderseits erscheint die 
Annahme durchaus angemessen, dafs seine Wirksamkeit von 
der Residenz Kozels, von Moosburg ihren Ausgang nahm. 

Als dem römischen Stuhl untergebener und dessen In- 
teressen vertretender Erzbischof wird sich Methodius wohl 
auch auf die Lehre der römischen Kirche wie zum Gehorsam 
gegen den Papst haben verpflichten müssen. Auch hierüber 
fehlen direkte päpstliche Zeugnisse. In seinen Schreiben 
vom Jahre 879 drückt allerdings Johann VIII. sein Erstaunen 
aus, dafs Methodius eine andere Lehre haben solle als die, 
zu der er sich mündlich und schriftlich bekannt habe *). 
Ob sich dies aber auf seine Einsetzung zum Erzbischof im 



i) I. E. 2976 und 2973 Dümmler, Archiv XIII, 187; Deusdedit Coli, 
canon I, 194 ed. Martinucci hat einen anderen Text: Et quia illic iam 
Deogratias a sede b. Petri apostoli episcopus ordinatus est ad pastoralem 
recurras sollicitudinem. Deogratias ist allerdings ein häufig vorkommender 
Name, aber hier wird doch wohl ein Lesefehler für Dei gratia vorliegen. 

2) Dümmler, Archiv XIII, 189 id. Ostfränk. Reich« II, 263. In der 
Vita Klementis Kap 3 heifst Methodius imaxonog Moqaßov rrjg ITavovias, 
darunter verstanden manche nicht das Land Mähren, sondern eine Stadt 
Morabos in Pannonien. 

3) I. E. 2979, man kann dabei an die Analogie mit dem Missionsbischof 
Bonifatius denken, vgl. JafTö, Bibl. III, 106. 

4) Über ein angebliches Glaubensbekenntnis des Konstantinus und 
Methodius siehe oben § 13, S. 128*. 

Goetz, Geschichte der Slavenapostel. 12 



1?8 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

Jahre 870 oder auf seine Wiedereinsetzung- im Jahre 873 
bezieht, ist nicht gesagt, möglicherweise meint der Papst 
beides. Desgleichen sind wir — wie schon oben erwähnt, 
nicht unterrichtet, ob die liturgische Neuerung des Methodius, 
die Einführung der slavischen Liturgie schon 870 dem Papst 
bekannt war und welche Stellung er dazu einnahm. Da 
wir von einem Widerspruch der bayerischen Bischöfe bei 
der Erhebung des Methodius zum Erzbischof nichts wissen, 
wird wohl auch der Streit um die Liturgie damals noch 
nicht begonnen haben. Wenigstens verweisen die späteren 
Nachrichten*) auf das Jahr 873 als auf die Zeit, in der 
zuerst zwischen Papst und Methodius diese Frage ventiliert 
wurde, und es findet sich keine Andeutung, dafs zu dieser 
liturgischen Frage der Papst sich vorher in irgendeinem Sinn 
geäufsert hätte. 

§ 21. Absetzung des Methodius durch die Regens- 
hurger Synode im Herbst 870. 

Mit dieser Erhebung des Methodius zum Erzbischof war 
der grofse Schritt geschehen, der so viel Streit imd die 
Kämpfe verursachte, die das ganze fernere Leben des 
Methodius ausfüllten und nach seinem Tode mit un- 
geschwächter Heftigkeit weitergeführt wurden. 

Und zwar steht in dem folgenden Kampfe die Rechts- 
frage immer an der Spitze : ob der Erzbischof von Salz- 
burg Herr über Pannonien ist, oder der Papst bzw. sein 
Legat Methodius. Die liturgische Frage tritt vor dieser 
ersteren zurück ^) und dient vor allem den Gegnern des 
Methodius dazu, ihn von Zeit zu Zeit beim Papst anklagen 
zu können. 

Methodius sollte sich nicht lange seines Bistums erfreuen 
können. Wie er vielfach aus politischen Gründen Bischof 
geworden, so standen ihm die politischen Umstände jener 

1) I. E. 2978, 3268. 

2) Siehe unten S. 182. 



J 21. Absetzung des Methodius durch die Regensburger Synode 870. l^J 

Zeit hindernd entgegen, seine Diöcese in ihrem ganzen 
Umfang (Mähren) zu verwalten. Dieselben Umstände waren 
es nun auch, die ihn aus jenem Teil seines Bistums, in dem 
er seit 869 schaltete, vertrieben. 

Durch die Wirksamkeit des Methodius und später durch 
5eine Ernennung zum Erzbischof von Pannonien war das 
Recht des Salzburger Erzbischofs Adalwin, das 75 Jahre 
unbestritten gegolten, gröblich verletzt, und er erhob durch 
die conversio Carantanonim laute Klage darüber beim 
König Ludwig. Ihm schlofs sich Hermanrich von Passau 
an, der es als Kränkung empfinden mufste, dafs Methodius 
auch gleichzeitig Oberhirt von Mähren geworden war, wäh- 
rend dieses von Passau aus christianisiert war und somit 
zur Passauer Diöcese, wenn auch nicht so eng wie Panno- 
nien zu Salzburg gehörte. Als dritten im Bunde nennen 
die Briefe Johanns VIII. Anno von Freising, während nach 
der Vita Methodii die Zahl der Methodius feindlichen 
Bischöfe eine gröfsere gewesen zu sein scheint. Denn ein- 
mal (Kap. 9) sagt der Verfasser der Vita Methodii, „alle 
Bischöfe" seien vom bösen Feinde gegen Methodius auf- 
gestachelt worden und ein anderes Mal (Kap. ii) berichtet 
er mit Genugthuung, dafs bereits vier dieser Bischöfe zur 
Strafe für ihre Sünden gegen Methodius gestorben seien ^). 

Die Klagen der Bischöfe fanden wohl bei dem König 
geneigtes Ohr, denn auch ihm konnte es nicht gleichgültig 
sein, wenn durch einen fremden Priester in seinem Gebiet 
derartiger Umsturz der bestehenden bischöflichen Juris- 
diktion gar mit päpstlicher Genehmigung geplant wurde ^). 

i) Es sind dies wohl Adalwin, t ^4» Mai 873, Hermanrich v. Passau, 
f 26. Dez. 874 (Neues Archiv V, 3025), Anno v. Freising, f 9- Okt. 875 
„ und endlich vielleicht ein Bischof von Sähen oder Brixen. Die Beschlüsse 
des Wormser Konzils im Jahre 868 unterschrieb auch ein Bischof Lantfried 
von Sähen (Mansi XIV, 868). Das Jahr seines Todes aber ist unbekannt 
und wird von Resch (Ann. Sabion. II, 118) nur nach unbestimmter Ver- 
mutung 875 angesetzt." Dümmler, Archiv XIII, 193; Martinow, Revue des 
questions historiques 1880, 28. Band, S. 383. 

2) Dümmler, Ostfränk. Reich a II, 377. 

12* 



180 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

Die politischen Umstände des Jahres 870 waren einem 
gemeinsamen Vorgehen der Bischöfe und des Königs 
günstig. Rastislav war durch den Verrat Swatoplucks be- 
seitigt und in Haft, Mähren ganz in der Gewalt des Reiches. 
Von Kozel ^) konnte Methodius keinen genügenden Schutz 
erwarten, war dieser doch selbst Vasall des fränkischen 
Reiches. Swatopluck hatte kein Interesse, den Gehilfen 
seines Oheims geschont zu wissen, ihm konnte es nur lieb 
sein, wenn dieser in den Fall Rastislavs mit hineinverwickelt 
wurde. 

Für Ludwig stand ja die Streitigkeit des Methodius mit 
den Bischöfen in geistigem Zusammenhang mit der Beseiti- 
gung seines schlimmsten politischen Feindes Rastislavs. 
Beide hatten die nationale Unabhängigkeit des mährischen 
Reiches, seine Loslösung vom fränkischen Reich, erstrebt, 
der eine auf politischem, der andere auf religiösem Gebiet. 
Beider Wirken hatte dasselbe Ziel, beide mufsten darum 
zugleich unschädlich gemacht werden. 

So ist denn durchaus wahrscheinlich, dafs Methodius 
wie Rastislav im Sommer 870 nach Bayern gebracht wurde, 
und dafs seine Angelegenheit im Zusammenhang mit der 
des Rastislav im November 870 auf der Reichsversammlung 
zu Regensburg bzw. auf einer im Anschlufs daran gehal- 
tenen Synode erledigt wurde *). 

In Gegenwart Ludwigs und wohl auch seines Sohnes 



i) Dum ml er, Archiv XIII, 190. 

2) So richtig bei Dümmler, Ostfränk. Reich« II, 376 ^ Brethol:^ 
(a. B. O.) verlegt die Gefangennahme wie die Synode gegen Methodius 
nach Mähren, seine nach meiner Meinung unrichtige Voraussetzung ist, 
Methodius habe nach dem Sieg des Rastislav bis zu dessen bald darauf 
erfolgtem Sturz in Mähren gewirkt. Unter dem hostis moravici regis (Vita 
Methodii Kap. 9) versteht er den Swatopluck. Richtiger meint Dümmler 
^y 377*7 <^»fs darunter Ludwig der Deutsche zu verstehen sei, vielleicht 
auch wie Bretholz eher gelten lassen möchte, der Besieger des Rastislav, 
Karlmann. Rattinger (Stimmen aus Maria Laach XXII, 403) hält dieses 
Konzil von 870 für eine bayerische Nationalsynode, bei der auch Eichstätt, 
das zur Mainzer Provinz gehörte, vertreten gewesen sei. 



g2i. Absetzung des Methodius durch die Regensburger Synode 870. 181 

Karlmann *) , des Siegers über die Mähren , fand die Dis- 
putation zwischen Methodius und den Bischöfen statt. 

Der Rechtsstandpunkt, den wir in den päpstlichen 
Schreiben vom Jahre 873 nach beiden Seiten erörtert finden, 
tritt hier schon klar zutage. 

Welchen Standpunkt die fränkischen Bischöfe einnahmen , 
hatten sie in ihrer Klageschrift klargelegt. Der Kern ihrer 
Ausführungen war der, dafs seit 75 Jahren Salzburg auf 
Befehl des Kaisers Karl unbestritten die kirchliche Ober- 
leitung Pannoniens besessen habe. 

Aus diesem Zeitraum wurde dann reichlich die Thätig- 
keit der Salzburger Bischöfe und ihrer Erzpriester bis auf 
den nun durch des Methodius Erfolge vertriebenen Rich- 
bald geschildert, zum Erweis, wie sie fort und fort ihr ober- 
hirtliches Recht ausgeübt hätten. Als die Summe dieser 
Beweisführung wird dann am Schlufs ausführlich nochmals 
betont, dafs in diesen 75 Jahren kein fremder Bischof aufser 
dem Salzburger irgendeine Jurisdiktion in diesem Gebiet zu 
beanspruchen gehabt hätte und dafs ferner kein zugereister 
Priester länger als drei Monate habe fungieren bzw. cele- 
brieren dürfen, ohne das Dimissoriale von seinem Bischof 
vorzuweisen, um sich dadurch vor dem Salzburger Erz- 
bischof zu legitimieren. 

Das war das Hauptargument, das die Bischöfe gegen 
Methodius vorbrachten, die seiner Thätigkeit mangelnde 
Legitimation und Autorisation , die auf vorherige Bitte des 
Methodius von Salzburg aus hätte erfolgen müssen, was die 
Vita Methodii kurz mit dem Satz wiedergiebt: „In unserem 
Gebiet lehrst du." Das war auch das Hauptvergehen, um 
dessentwillen sie den Methodius vor die Synode stellten. 
Und dieser Klage konnte sich Ludwig nicht verschliefsen, 
um so weniger, als auch er zu*Methodius sagen konnte, 
„in meinem Reich lehrst du" bzw. stürzest die bisher 
bestehenden Zustände um. Neben diesem Vorwurf tritt die 



I) Vita Methodii c. 9 : Veritatem loquar [sei. Methodius] coram regibus. 



|8JJ Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

liturgische Neuerung in den Hintergrund ^) , sie erscheint 
neben dieser groben Rechtsverletzung den Bischöfen so 
gering, dafs sie — wenigstens nach dem Bericht der Vita 
Methodii — auf der Synode gar nicht einmal verhandelt 
wird. Und auch in der conversio Carantanorum selbst er- 
scheint sie vor allem als Mittel, die Feindschaft des Me- 
thodius gegen alle fränkische Ordnung im Kirchenwesen in 
ein helleres Licht zu stellen. 

Methodius seinerseits vertrat ebenso entschieden den 
päpstlichen Standpunkt. Wenn er sich sagen müfete, dafe 
dies Gebiet den fränkischen Bischöfen gehöre, so würde er 
gewifs aus ihm weichen. Aber es sei Gut des hl. Petrus; 
vom Papst ist er mit dessen Verwaltung beauftragt; das 
Anstürmen der Bischöfe dagegen ist ihm, als ob sie mit 
dem Kopf einen eisernen Berg niederrennen wollten. Neben 
diesem allgemeinen Standpunkt, dafs das päpstliche Recht 
allem anderen vorangeht, findet sich in dem Text der Vita 
Methodü dieselbe speziell auf diesen Fall passende Argu- 
mentation, wie sie Johann VIII. 873 in seinen Schrei- 
ben bietet. Auch hier ist von ,, alten Grenzen" der 
Diöcese die Rede, die, ehe Salzburg hier festen Fufs fafste, 
in den alten Canones bestimmt seien und die die fränki- 
schen Bischöfe aus Ehrgeiz und Herrschgier überschritten 
hätten. 

Die Disputation mufs einen heftigen persönlichen Cha- 
rakter angenommen haben, so dafs man dem Methodius 
mit Strafe drohte, wenn er weiter solch zornige Reden 
führte. Er aber versicherte, ungescheut vor Königen — wo- 
mit wohl Ludwig und Karlmann gemeint ist *) — die Wahr- 
heit reden zu wollen. Dafs seine Sache schlecht stand und 
dafs er für den Moment der Unterliegende sein würde, sah 
er wohl selbst ein, darum suchte er sich — nach dem 
Bericht der Vita Methodii — von vornherein als Märtyrer 



i) Siehe oben S. 178. 
2) Siehe oben S. 181. 



§21. Absetzung des Methodius durch die Regensburger Synode 870. 18$ 

für die Wahrheit, d. h. für das Recht des Papstes hinzu- 
stellen, dem es so wie manchem anderen Wahrheitsprediger 
gehe. Die Bischöfe möchten nur ihr Vorhaben gegen ihn 
zur Ausführung bringen. Die Vita Methodii berichtet noch 
eine Episode aus der Disputation, die, wenn sie wahr ist, 
kennzeichnend ist für die Heftigkeit des Methodius. Als 
die Bischöfe mit ihren Beweisgründen gegen Methodius zu 
Ende waren, und da der Streit schon lang gewährt hatte, 
sagte der König: „Ermüdet mir meinen Methodius nicht 
zu sehr, er schwitzt schon., als ob er beim Herd säfse." 
Da antwortete Methodius mit beifsender Schärfe: „Einem 
schwitzenden Philosophen begegneten einst Leute, die ihn 
fragten, warum er so schwitze. Denen gab er . zur Antwort 
weil ich mich mit Dummköpfen herumgestritten habe." Zu 
diesem Bericht pafst auch, was Johann VIII. an Herman- 
rieh ^) von Passau über die Behandlung schreibt, die Me- 
thodius erfahren habe. Geradezu bestialisch sei es zu 
nennen, wie man Methodius einen Bischof in den Kerker 
warf, wie man ihn unter freiem Himmel bei Kälte und Un- 
wetter züchtigte ^) , ja wie Hermanrich im Angesicht der 
Synode versucht habe, den Methodius mit der Peitsche zu 
schlagen. Die Vita Methodii erzählt allerdings die Grau- 
samkeiten nicht, wohl um ihren Helden zu schonen. 

Diese Behandlung des Methodius zeigt, wie schutzlos er 
auf der Synode war, ganz seinen Gegnern preisgegeben. Sie 
machten denn auch von dem Recht des Stärkeren Gebrauch 
und liefsen ihn weiter innerhalb im Reich ^) im Gewahrsam 
festhalten, ,,ob im Gefängnis*) oder in freier Haft, bleibt 
nach dem Wortlaut unserer Quelle der Vita Methodü 
unentschieden." Ob seine Haft besonders streng gewesen 



1) I. E. 2977. 

2) Diese Schilderung pafst zur Abhaltung der Synode im November, 
Dum ml er, Ostfränk. Reich« II, 3761. 

3) Vita Methodii c. 9: illum vero miserunt in Suebos ist von dem 
Standpunkt des slavischen Verfassers der Vita zu verstehen. 

4) Dümmler, Archiv XIII, 191. 



184 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

sei, können wir auch nicht mit Sicherheit entscheiden. Die 
Wendung" qui per tres vim pertulit annos in der Instruktion 
des Paulus von Ancona ist g-anz allgemein g-ehalten. Ein- 
mal beklagt sich der Papst heftig über die unmenschliche 
Behandlung" des Methodius und die Krankheit, die er sich 
dadurch zug-ezog-en habe, anderseits hinderte den Methodius 
doch seine Haft nicht, Boten mit Briefen nach Rom zu 
senden ^). 

So war für die fränkischen Bischöfe der quidam Graecus, 
Methodius philosophus beseitigt. Da aufser dem Salzburger 
Erzbischof niemand in Pannonien Jurisdiktion auszuüben 
hatte, erkannten sie von vornherein die vom Papst ihm 
verliehene Würde nicht an. Für sie war er ein Priester, 
der unerlaubterweise in einer fremden Diöcese amtierte, in 
dieser Eigenschaft war er dem Beschlufs der Synode unter- 
worfen, die ihn gemäfs den kirchlichen Bestimmungen des 
Amtes, das er nach ihrer Anschauung widerrechtlich be- 
kleidete, entsetzte. 

Zweieinhalb Jahre dauerte nach der Vita Methodii seine 
Gefangenschaft, also vom Herbst (November) 870 bis Früh- 
jahr 873. Damit stimmt es, wenn Johann VIII. im Früh- 
jahr 873 schreibt, ,, während dreier Jahre** sei Methodius 
vergewaltigt *) worden. 

Diese Schilderung der Vita Methodii über den Verlauf 
der Synode ist sichtlich wieder von ihrer Tendenz beein- 
flufst, den Methodius als den Vertreter des päpstlichen 
Rechtes erscheinen zu lassen. Die Rechtsfrage wäre also 
nach diesem Bericht allein verhandelt worden und die litur- 
gische Neuerung gar nicht zur Sprache gekommen. Diese 
Nachricht darf aber immerhin mit einigem Mifstrauen auf- 
genommen werden. Denn die Vita Methodü geht ja auf 
die liturgische Frage gar nicht näher ein und erledigt sie 
durch das Einschalten der Fälschung von 869. So wäre 
es also doch möglich, dafs sie die Verhandlungen über die 

i) Rattinger nimmt 1. c. 411 eine doppelte Haft an. 
2) I. E. 2976. 



g 22. Wiedereinsetzung des Methodius durch Johann VIII. 185 

slavische Liturg-ie in ihrem Bericht über die Synode ein- 
fach unterdrückt hat. Dafs die Bischöfe diese Neuerung- 
des Methodius zu Klagen gegen ihn benutzten, ist ja aus 
dem weiteren Gang der Geschichte gewifs, dafs sie ihn aber 
auf der Synode auch dieses Vergehens anklagten, sich also 
nicht blofs mit der Geltendmachung ihres Rechtsstand- 
punktes begnügten, darüber haben wir kein sicheres Zeugnis. 

§ 22. Wiedereinsetzung des Methodius durch Jo- 
hann VIII., sein Wirkungskreis. 

Während der Regierungszeit Hadriäns bis I2. Dezember 
872 geschah nichts seitens des Papstes, den Methodius aus 
seiner Gefangenschaft zu befreien, obwohl dieser mit vielen 
Klagen sich nach Rom wendete. Seine Appellation an den 
Papst mag teilweise von seinen Peinigern unterdrückt wor- 
den ^) und nicht zum Ohr des Papstes gelangt sein, mög- 
licherweise war auch Hadrian nicht in der Lage, ihm zu 
helfen. Als aber Johannes, der als Archidiakon unter 
Hadriäns Regierung wohl auch den Stand der pannonischen 
Angelegenheit gut kannte, auf den päpstlichen Thron er- 
hoben wurde, nahm er sich in der kräftigsten Weise und 
ganz nachdrücklich seines untergebenen Erzbischofs an. 
Ein doppeltes Interesse leitete dabei den Papst; einmal ver- 
focht er die höhere Geltung der päpstlichen Rechtsansprüche 
gegenüber denen der bayerischen Bischöfe, und dann mufste 
ihm aufserordentlich daran liegen, Mähren und Pannonien 



i) I. E. 2979; Dum ml er, Ostfränk. Reich« II, 380 « hält es für 
wahrscheinlich, dafs die Sendung des Legaten durch Kozel hervor- 
gerufen wurde, weil Johannes mit ihm korrespondiert. Möglich ist ja, dafs 
auch Kozel in Rom Klage erhob, aber auch die des Methodius mag allein 
schon den Papst zum Einschreiten bewogen haben. Lapotre 1. c, I, 119 
meint dazu: Pour y mieux parvenir, il est probable que Ton avait mis la 
main sur les disciples les plus d6vou6s de Methode, specialement sur les 
quelques moines grecs qui ne l'avaient pas quitt6 depuis Byzance. Weiter 
meint er dann S. 120: L'un des prisonniers, probablement le moine 
Lazare r6ussit a s'^vader et ä arriver jusqu' au pape. 



t86 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodiu«. 

und damit die slavische Kirche in Botmäfsig'keit von Rom 
zu erhalten, damit sie nicht etwa auch wie die Bulgarei 
verloren gehe *). Daher denn die grofse Mühe, die sich 
sichtlich Johannes um eine den Absichten Roms ent- 
sprechende Regelung- der mährischen Kirchenangelegen- 
heit gab. 

Die Vita Methodii (Kap. lo) berichtet über diese im 
Frühjahr 873 geschehene Wiedereinsetzung des Methodius 
in sein vom Papst ihm übertragenes Erzbistum nur sehr 
flüchtig. Der Papst habe von den Vorgängen des Herbstes 
870 Kenntnis erhalten, sofort habe er über des Königs 
Bischöfe den Bann verhängt und sie allerdings dadurch sehr 
gegen ihren Willen zur Freilassung des Methodius ge- 
zwungen. Es ist das eine Stelle, an der wieder deutlich 
die Tendenz der Vita Methodii zutage tritt, wie sie über- 
haupt gern ihren Helden nur im besten Lichte erscheinen 
läfst, den Methodius, obwohl er sich immer auf das Recht 
des Papstes stützt, doch als relativ unabhängig vom Papst 
darzustellen, anders als wie er in den Papstbriefen ganz als 
Untergebener des Papstes erscheint. Es ist das derselbe 
Charakterzug, den wir bei Methodius selbst finden, dafs er 
sich äufserlich dem Papst unterwarf, seinen Gegnern immer 
als Beauftragter des Papstes als Verfechter des päpstlichen 
Rechtes gegenüber trat, während er thatsächlich in seiner 
Missionsarbeit und seinen nationalkirchlichen Bestrebungen 
geistig ganz seine eigenen Wege ging, nicht immer um 
Roms Gebot oder Verbot sehr besorgt. 

Bei diesem wichtigen Wendepunkt im Leben des Me- 
thodius treten nun die primären Quellen voll in ihr Recht 
ein, die Papstbriefe geben uns sicheren Aufschlufs sowohl 
über das thatsächlich Vorgekommene, als über den auf den 
verschiedenen Seiten geltend gemachten Rechtsstandpunkt. 

Dem grofsen Wert, den die glückliche Lösung dieser 
Angelegenheit für den Papst haben mufste, entsprachen die 

i) Langen, Römische Kirche III, 154. 



§22. Wiedereinsetzung des Methodius durch Johann VIII. 187 

Mittel, die er zur Erreichung dieses Zieles aufwendete: 
aufser zahlreichen eingehenden Schreiben ^) an die beteilig- 
ten Personen schickte er einen eigenen Legaten, den Bischof 
Paul von Ancona „nach Germanien und Pannonien" und 
gab ihm genaue Instruktionen mit, deren Inhalt sich natur- 
gemäfs vielfach mit dem der Briefe deckt. 

Wie die Gesandtschaft des Paul, so fallen auch diese 
Briefe in die ersten JVIonate des Jahres 873, ohne dafs wir 
sie im einzelnen genau datieren könnten. Die Erledigung 
dieser ganzen Angelegenheit geschah jedenfalls vor dem 
14. Mai dieses Jahres, da an diesem einer der Hauptbeschul- 
digten, Adalwin von Salzburg, starb. 

Übersehen wir zunächst im ganzen die Aufgabe, die 
Johannes durch seine Briefe wie durch seinen Legaten da 
zu lösen hatte, so stellt diese sich im wesentlichen als eine 
dreifache dar. 

Dem König Ludwig gegenüber, der zur Absetzung des 
Methodius Beihilfe geleistet hatte, mufste das Recht des 
Papstes auf die pannonische Diöcese nachgewiesen und 
mufsten die Deduktionen der conversio Carantanorum , die 
den König zu seiner Beihilfe veranlafet hatten und die er 
sicher auch dem Papst zur Begründung seines Vorgehens 
zugeschickt hatte, umgestürzt werden. 

Gegen die beteiligten Bischöfe machte der Papst das 
Recht des Oberhirten geltend, strafte sie für die ungebühr- 
liche Behandlung eines päpstlichen Gesandten und erhob, 
wenn wirklich von einem Streit zwischen dem päpstlichen 
Legaten und den anderen Bischöfen die Rede sein könne, 
als Patriarch des Abendlandes den Anspruch, da die Ent- 
scheidung 2) zu fällen. 

i) Lap6tre 1. c. I, 121 findet in den Papstschreiben T^motion in- 
dign^e qui 6clatait ä chaque mot et qui fait le plus grand honneur 
au caractere de Jean VIII . . . Weshalb sollte letzteres der Fall sein ? Der 
Papst vertrat ja seine eigensten Interessen, und deren Verteidigung war doch 
ganz natürlich. 

2) Vgl. dazu den can. 26 der VUI. allg. Synode von 869 — der im 
Griechischen fehlt — Hefele, Konzilien 2 IV, 422. 



188 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

Endlich sorgte er positiv für den Bestand des Erzbis- 
tums und für die Wiedereinsetzung seines Erzbischofs Me- 
thodius. Und das zwar auf doppelte Weise, indem er ein- 
mal dem Methodius zu seiner rechtlichen Stellung als Erz- 
bischof verhalf, anderseits aber ihm für seine Thätigkeit 
nach gewisser Hinsicht durch das Verbot der slavischen 
Liturgie eine Direktive gab, besser gesagt, geben wollte. 

Der König Ludwig also war durch die Ausführungen 
der conversio Carantanorum , Salzburgs Kirche habe un- 
gehindert über 75 Jahre die Jurisdiktion über Pannonien 
ausgeübt, für seine Beihilfe zur Absetzung des Methodius 
gewonnen worden. Aufgabe des Papstes war es nun, diesem 
Recht Salzburgs gegenüber das päpstliche Recht, als das 
ältere zu erweisen, seine Rechtsansprüche als die begrün- 
deteren darzustellen. Das that er in einem Schreiben an 
Ludwig *) , dessen Überbringer möglicherweise Paul von 
Ancona selbst war. 

Der allgemeine Standpunkt des Papstes in diesem Brief 
ist der, es könne bei einem Einsichtigen und billig Denken- 
den kein Zweifel darüber sein, dafs Pannonien von jeher 
zum päpstlichen Gebiet gehört habe. Schriftliche Auf- 
zeichnungen und Synodalakten bewiesen das deutlich. Aller- 
dings seien in Kriegsläuften lange Zeit vom apostolischen 
Stuhle keine Bischöfe dahin gesendet worden, aber darum 
könne der Anspruch des Papstes auf die Diöcese doch nur 
bei thörichten *), unwissenden Menschen in Zweifel gezogen 
werden. Aber auch wenn der Papst auf die Argumen- 
tation Salzburgs eingehe, so sei der fünfundsiebzigjährige 
Besitz noch nicht beweiskräftig, dem gegenüber seien die 
Rechte des hl. Stuhles überhaupt unverjährbar und würden 
durch politische Veränderungen, wie Teilung von Reichen, 
nicht berührt. Und selbst wenn der Papst sich auf eine 



i) I. E. 2970. 

2) Hierin sehe ich eine direkte Bezugnahme auf die conversio bzw. 
die Bischöfe, siehe oben S. 74. 



g ^2. Wiedereinsetzung des Methodius durch Jok-ann VIII. 189 

Erörterung- über die Verjährungsfrist einlassen wollte, so 
berief er sich dabei auf das römische Recht, nach dem die 
Verjährung- erst nach hundert Jahren eintrete. 

Paul von Ancona seinerseits sollte in seiner mündlichen 
Verhandlung mit Ludwig — wie aus seiner Instruktion ') 
hervorgeht — zunächst auch diesen allgemeinen Standpunkt 
geltend machen und als naturgemäfs betonen, dafs, nachdem 
jene Länder und ihre Kirchen wieder Frieden hätten, auch 
die in Kriegszeiten nicht geltend gemachten päpstlichen 
Rechte wieder auflebten. Das päpstliche Recht ist hier 
noch genauer damit begründet, dafs Pannonien zu lUyricum 
gehöre, der Papst aber nicht nur in Italien und im Abend- 
land, sondern auch in ganz Illyricum von jeher die Juris- 
diktion ausgeübt habe, wie aus den Synodalakten und den 
Urkunden der Kirchen der betreffenden Länder zu ersehen 
sei ^). Wenn ferner Ludwig auf die Präscriptionsfrist zu 
sprechen komme, so solle ihm Paul klarlegen, dafs sich das 
nur auf Streitigkeiten zwischen Christen, überhaupt Bekennern 
einer Religion bezöge, ferner könne es, wo es sich um 
Heiden und Ungläubige handle, von vornherein keine Ver- 
jährung kirchlicher Rechte geben. 

Diesem Rechtsstandpunkt des Papstes entsprach es denn 
auch , wenn er in seinem Schreiben an Karlmann ^) immer 
nur von einer Rückgabe und Wiederherstellung des panno- 
nischen Bistums redete; reddito ac restituto nobis Panno- 
niensium episcopatu. 

Über diese offenkundige Utilitätspolitik des Papstes 
urteilt denn Dümmler *) mit vollem Recht: ,,Wie weit immer 

I) I. E. 2976. 

'2) Vgl. J. Friedrich, Über die Sammlung der Kirche von Thessa- 
lonich und das päpstliche Vikariat für Illyricum, S. B. der Münchener 
Akademie vom 4. Juli 1891. Nikolaus I. führte diese Sammlung gefälsch- 
ter Papstschreiben und Kaisererlasse zum erstenmal gegenüber den neu- 
bekehrten Bulgaren an (Friedrich S. 887), möglichersveise hat auch Johann 
diese Sammlung hier im Auge. 

3) I. E. 2971. 

4) Ostfränk. Reich« II, 381. 



190 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

die päpstliche Auffassung- sich vom Standpunkt des formalen 
Rechts aus mochte begründen lassen, eine schnöde Un- 
gerechtigkeit lag- ohne Frag-e darin, dafs der Salzburger 
Geistlichkeit ein Feld, welches sie g-anz allein ang-ebaut und 
tragbar g-emacht, nun ohne jeden Ersatz urplötzlich ent- 
zogen werden sollte. Wenn der päpstliche Stuhl sein altes 
Anrecht auf Pannonien geltend machen wollte, warum ge- 
schah dies nicht zu der Zeit, als Karl der Grofse dies Land 
den heidnischen Avaren entrifs und damit jenes Hindernis 
beseitigte, das der Ausübung der von dem Papste bean- 
spruchten Rechte allein im Wege gestanden? Dafs der 
Nachfolger Petri jene Gelegenheit unbenutzt gelassen, um 
sich jetzt nach 75 Jahren ganz unverhofft auf seine Privi- 
legien zu besinnen, stempelt seine Handlungsweise trotz 
aller Rechtsausführungen zu einer willkürlichen und gewalt- 
samen." 

Waren also des Methodius Hilferufe lange ungehört ver- 
hallt und seine wiederholten Appellationen *) an den Papst 
vergeblich gewesen, so wurde ihm nun durch das Ver- 
fahren des Johannes und die Aufträge, mit denen er Paul 
von Ancona entsendete, volle Genugthuung. Ohne jede 
Rücksichtsnahme , unerbittlich streng, geht der Papst als 
Oberhirt der Kirche vor, unbekümmert um alle Rechts- 
ansprüche Salzburgs will er blofs in entschiedenster Weise 
wieder gut machen, was an Methodius verbrochen wurde. 
Der Eifer des Papstes wurde gesteigert dadurch, dafs er in 
der Anmafsung der bayerischen Bischöfe eine direkte Auf- 
lehnung gegen den hl. Stuhl sah. Nicht um einen ein- 
fachen Bischof handelte es sich, wie er immer wieder in 
den Briefen und in der Instruktion an Paul betont, son- 
dern um einen, der vom Papst geweiht ist, der ein päpst- 
licher Legat war, der im päpstlichen Auftrage wirkte. Wie 
gerade infolge dieser Stellung Methodius besonders ein 
Gegenstand päpstlicher Fürsorge war, so haben darum auch 



I) I. E. 2979. 2976. 



§22. Wiedereinsetzung des Methodius durch Johann VIII. 191 

die bayerischen Bischöfe dem hl. Stuhl selbst durch ihre 
unerhörte Verg'ewaltigung' des Methodius g^rofse Schmach 
ang-ethan. Mit der ganzen Gewalt der verletzten päpstlichen 
Autorität geht Johann vor und hat den Paul von Ancona 
mit strengen Aufträgen zur Ahndung dieses Frevels gegen 
Roms geheiligte Obergewalt ausgestattet. 

Auf einer Synode — wenn auch auf einer inkompeten- 
ten, die den kanonischen Satzungen nicht entsprach — war 
Methodius abgesetzt worden , auf einer neuen Synode ^), 
wohl unter dem Vorsitz des päpstlichen Legaten Paul, sollte 
er wieder eingesetzt werden. Denn das war die erste For- 
derung, deren strikte Durchführung Paul von den Bischöfen 
zu verlangen hatte. Nicht zunächst um die Klagen über 
Methodius zu vernehmen war er gekommen und hatte ihn 
der Papst geschickt, sondern um den Methodius wieder in 
sein Erzbistum einzusetzen, aus dem er zu Unrecht ver- 
trieben worden war. 

So wurde also die Synode von 870 von vornherein nicht 
als gültig anerkannt, ihr Spruch annulliert. Dann, nachdem 
Methodius wieSer in den Besitz seiner bischöflichen Rechte 
gesetzt sei, könnten Adalwin von Salzburg und Hermanrich 
von Passau ihre Klagen gegen ihn vorbringen, einen Prozefs 
mit ihm anstrengen. Aber auch da wurden alle ihre et- 
waigen Hoffnungen auf Erhörung ihrer Klagen gegen den 
Eindringling Methodius rundweg abgeschnitten. Paul von 
Ancona hatte ihnen einfach zu erklären, dafs, nachdem sie 
den Methodius drei Jahre wider alle kanonische Satzung 
mit Gewalt von der Amts Verwaltung fern gehalten hätten, 
sie gar keinen moralischen Anspruch auf ein Schiedsgericht 
zwischen ihnen und Methodius vor dem Legaten besäfsen. 
Die Appellationen des Methodius an den Papst, den einzig 
möglichen und kompetenten Richter, hätten sie hintertrieben, 
des Papstes Gericht hätten sie sich entzogen, und nun wollten 
sie ohne den Papst zu Gericht sitzen. Nicht um mit ihnen 



i) I. E. 2976. Dümmler, Ostfränk. Reich« II, 381 f. 



192 Zweiter Abschnitt: Geschiclite des Methodius. 

im Geriqht zu sitzen, sei Paul geschickt, sondern um sie 
direkt auf ebenso lange Zeit in den Bann zu thun, als sie 
früher den Methodius, bis Methodius so lange Zeit wieder 
ohne jede Belästigung sein bischöfliches Amt ausgeübt haben 
würde, als es ihm entzogen war. Diese strenge Maferegel 
drohte ihnen Paul freilich nur an und führte sie nicht aus, 
aber sie zeigt immerhin, wie der Papst entschlossen war, 
mit Aufbietung seiner ganzen Obergewalt dem Methodius 
und sich Recht zu verschaffen. So wurde denn dem ver- 
mutlichen Begehren Adalwins und seiner Helfer um schleu- 
nige Entscheidung des Streitfalls nicht nachgegeben, viel- 
mehr die Sache vor den Richterstuhl des Papstes selbst 
verwiesen. Den Rechtsgrund dafür fand Johannes darin, 
dafs es sich hier um Streitigkeiten zwischen Erzbischöfen 
handle und in diesem Fall nur der höher stehende Patri- 
arch, also für das Abendland der Papst entscheiden könne. 
So warf denn auch Johann dem Anno von Freising direkt 
vor, dafs er sich durch sein Urteil über Methodius päpst- 
liche Rechte angemafst und wie ein Patriarch über einen 
Erzbischof ein Urteil gefällt habe. 

In demselben entschiedenen Ton wie die Instruktion für 
Paul sind die Briefe gehalten, die Johann an die drei baye- 
rischen Bischöfe schrieb und deren Überbringer — wenig- 
stens der zwei an Adalwin und Hermanrich — vielleicht 
auch Paul selbst war. Was von dem Schreiben an Adal- 
win *) von Salzburg uns noch erhalten ist, ist in knappen 
Worten die gebieterische Forderung, Adalwin selbst müsse 
den Methodius wieder in sein Amt einsetzen, da er es auch 
gewesen sei, der ihn aus dem Amte vertrieben habe. 

Es ist klar, dafs wie diese Forderung der schweren 
Beleidigung entsprach, die dem Papst und Methodius an- 
gethan worden war, sie anderseits den Adalwin aufs tiefste 
verletzen mufste, zumal ihr jede mildernde Form oder auch 
nur Erwähnung des Salzburgischen Rechtsstandpunktes ge- 

I) I. E. 2975. 



§ 22. Wiedereinsetzung des Methodius durch Johann VIII. 195 

fehlt zu haben scheint. Geg-en Hermanrich *) von Passau 
erhob der Papst heftige Klag-e über die tyrannische Wut 
und geradezu bestialische Roheit, mit der sich Hermanrich 
g-egen Methodius zu unerhörten körperlichen Züchtigungen 
und Martern habe hinreifsen lassen. Noch erschwert wurde 
aber, wie schon erwähnt, dieses Verbrechen dadurch, dafs 
es sich um einen vom Papst selbst geweihten Bischof um 
einen Legaten des Papstes handelte. So wurde denn 
Hermanrich einstweilen von der Kirchengemeinschaft aus- 
geschlossen, exkommuniziert, bis er mit Paul von Ancona 
und Methodius sich vor dem Papst zur Rechtfertigung ein- 
finde. Für den Fall aber, dafs er das nicht thue, wurde 
ihm weitere strenge Strafe angedroht. Die apostolische 
Autorität werde mit allem Gewicht auf dem lasten , der 
solcher ungeheuren Vermessenheit sich schuldig mache und 
eine solche Last von Verbrechen aufhäufe. 

Dieselbe Forderung, vor dem Monat September nach 
Rom zur Verantwortung zu kommen, wurde vom Papst an 
Anno von Freising *) gestellt, unzweifelhaft wurde sie auch 
an Adalwin von Salzburg gerichtet. Auch in diesem Schrei- 
ben klagt Johann über die bischöfliche Vermessenheit, die 
dem päpstlichen Stuhl und seiner Oberhoheit über die Erz- 
bischöfe solche Schmach zugefügt habe. Alle Appellationen, 
des gefangenen Methodius an den römischen Stuhl habe 
Anno unterdrückt. Gerade er, als proprius S. Petri homo, der 
besonders die Interessen des hl. Stuhles und des Patri- 
moniums Petri in Deutschland zu wahren habe und mit 
Sammlung und Absendung des Peterspfennigs beauftragt sei, 
hätte Anzeige von dieser Behandlung eines dem Papst be- 
sonders nahestehenden Legaten in Rom machen müssen. 
Statt dessen habe er sogar in Rom jede Kenntnis von 
Methodius abgeleugnet, während er selbst die Ursache und 



i) I. E. 2977, 
2) I. E. 2979. 

Goetz, Geschichte der Slaveuapostel. 13 



194 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

Veranlassung aller Mifshandlungen, die Methodius erfahren 
habe, sei. Glücklicherweise sei Methodius körperlich wieder 
hergestellt und könne um Gottes willen all das ihm ge- 
schehene Unrecht vergeben und vergessen. Komme aber 
Anno im September nicht, so werde so lange die Ex- 
kommunikation über ihn verhängt, bis er von seiner Hals- 
starrigkeit lasse und des Papstes Gebot gehorche. 

So scheint doch Anno milder behandelt worden zu sein 
als Hermanrich und wohl auch Adalwin, die als die Haupt- 
verbrecher gleich mit der Exkommunikation belegt wurden. 
Annos Name wird auch in der Instruktion für Paul von 
Ancona nicht genannt, möglicherweise war dem Papst, als 
er Paul abschickte, Annos Beteiligung an dem Vorgehen 
gegen Methodius noch nicht in ihrer ganzen Gröfse be- 
kannt. Es wäre dann vielleicht anzunehmen, dafs auf ge- 
nauere Nachrichten hin Johann den Anno später als die 
anderen nach Rom citierte und milder als die anderen be- 
handelte, weil er nicht so unmittelbar, wie der Salzburger 
und Passauer Bischof, Veranlassung der Absetzung des 
Methodius war. 

So hatte denn die Gewalt des Papstes gesiegt über das 
Recht der Bischöfe, mit Aufbietung aller päpstHchen Macht- 
mittel war die Auflehnung gegen Rom und seinen Legaten 
unterdrückt, die Rückkehr des Methodius auf seinen erz- 
bischöflichen Sitz war erzwungen. Das Erzbistum, an dem, 
gerade nachdem die Bulgarei wieder der griechischen Kirche 
anheim gefallen war, der römischen Kirche für die Chris- 
tianisierung bzw. Romanisierung der Slaven viel liegen 
mufste, war für Rom gerettet, die wichtige Diöcese war 
dem Einflufs der deutschen Kirche entrissen und sollte nun 
der Erweiterung der römischen Machtsphäre in jenen Lan- 
den dienen. Ein von Rom eingesetzter und geschützter 
und darum auch in Roms Geist handelnder, von Rom ganz 
abhängiger Bischof sollte, wenigstens nach des Papstes 
Willensmeinung, in Pannonien wirken. 

Der Macht des Papstes mufeten sich also König Lud- 



? 22. Wiedereinsetzung des Methodius durch Johann VIII. 195 

wig" ^) und die Bischöfe füg-en, gewifs widerwillig und wie 
die Vita Methodii (Kap. lo) berichtet, unter Drohungen 
gegen Kozel, sie würden es ihn entgelten lassen, wenn er 
den Methodius bei sich behalte. Nach Möglichkeit suchte 
Johann die Stellung seines Schützlings Methodius zu sichern. 
Dem Vertreter Ludwigs in jenen Marken, Karlmann, machte 
er von der Rückgabe des Erzbistums an Methodius und 
dessen Wiedereinsetzung Mitteilung und sprach seinen 
Wunsch und seine Erwartung aus, Methodius möge — wohl 
mit Hilfe Karlmanns — sein ihm vom apostolischen Stuhl 
übertragenes Amt nach der alten Gewohnheit ungehindert 
verwalten können. 

Wohl gleichfalls zum Schutze des Methodius und zur 
nachhaltigen Stützung seines Urteilsspruches zugunsten des 
Methodius ist Johanns Schreiben vom Januar 874 an König 
Ludwig ^) verfafst. Sogar der griechische Kaiser respektiere 
die Dekrete des römischen Stuhls. Wahrscheinlich mit 
Beziehung darauf, dafs er sich das Urteil in diesem Streit 
reserviert hatte, weil es Erzbischöfe betreffe, die nur von 
dem über ihnen stehenden Patriarchen gerichtet werden 
könnten, fährt er fort, dafs sogar in Angelegenheiten, wie 
die Einsetzung oder Absetzung der Patriarchen der Kaiser 
sich nach Roms Entscheidung richte. Allenthalben froh- 
locke ja die Christenheit, wenn sie in irgendeinem Streitfall 
ein Urteil des römischen Stuhls erhalte. 

Auch dem Kozel ^) gegenüber wirkte er, nach dem uns 



i) Watten bach, Beiträge S. 19. König Ludwig mochte sich scheuen, 
dem kräftigen und durch seine Verbindungen mit Westfranken gefahrlichen 
Papste entgegenzutreten. Die Vermutungen Dümmlers, Archiv XlII, 191 und 
Wattenbachs Beiträge S. 19, die Anerkennung des pannonischen Erzbis- 
tums sei vielleicht eine Bedingnng des 874 mit Swatopluck zu Forchheim 
geschlossenen, für Deutschland ungünstigen Friedens gewesen, sind durch 
die Chronologie der diesbezüglichen Papstbriefe der Coli. Brit. hinfallig 
geworden. 

2) I. E. 2990. 

3) I. E. 2972, vgl. 2974; vgl. auch den letzten Teil der Instruktion 
Pauls I. E. 2976. 

13* 



196 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

erhaltenen Briefe zu schliefsen, wenigstens indirekt zur För- 
derung der Wirksamkeit des Methodius. An der Laxheit 
jener Völker hinsichtlich der Ehe nahm Methodius viel An- 
stofs ^) und wirkte gegen sie, wie auch aus den in der Vita 
Konstantini seinen Gegnern wegen ihrer Begünstigung dieser 
sittlichen Laxheit gemachten Vorwürfen hervorgeht. In 
diesem wichtigen Punkte griff nun Johann selbst ein, er 
drohte denen mit der Exkommunikation, die ihre Weiber 
davonschicktcn und bei deren Lebzeiten andere heirateten. 
Denn das sei eine heidnische Gewohnheit, wie überhaupt 
nach dem Zeugnis des hl. Augustinus die Scheidung vom 
Teufel sei. Ein Beweis, welche Bedeutung Johann *) dieser 
Diöcese der griechischen Kirche gegenüber beilegte und 
welche Missionsarbeit er ihr zutraute, ist ferner sein Schrei- 
ben an den Fürsten Muntimir von Serbien, in dem er diesen 
ermahnte, nach der Sitte seiner Vorfahren sich wieder 
kirchlich an die pannonische Diöcese anzuschliefsen. Sicht- 
lich also war es Johanns Zweck, durch Stützung und Kräf- 
tigung dieser der griechischen Kirche zunächst gelegenen 
Kirchenprovinz Boden für Roms Lehre und Macht in diesen 
Ländern zu gewinnen. 

§ 22^. Das erste Verbot der slavischen Liturgie. 

Hatte der Papst in der Hauptsache auf des Methodius 
Seite gestanden und hatte er für die begründeten Rechts- 
ansprüche der deutschen Kirche gar kein Entgegenkommen 
gezeigt, so konnte er die den Bischöfen angethane Krän- 
kung wenigstens dadurch mildern, dafs er in einem anderen 
Punkt ihren Klagen über Methodius Gehör gab. Und das 
betraf die von Methodius eingeführte Feier der hl. Messe 
in slavischer Sprache. Es war zwar im Auge der Salz- 
burger im Verhältnis ziu: Rechtsfrage der untergeordnetere 



1) Siehe oben § i6, S. 142*. 

2) I. E. 2973. 



J 23. Das erste Verbot der slavischen Liturgie. 19'5' 

Punkt gewesen, den sie mit in ihre Beschwerde herein- 
g-ezog-en hatten, der Papst machte es aber zu einem Haupt- 
punkt. 

Und für ihn war er es auch. Gerade da die Aufrecht- 
erhaltung der pannonischen Diöcese als römische, vom 
apostolischen Stuhl errichtete Kirchenprovinz gegenüber 
der griechischen Kirche so sehr in seinem Interesse lag, 
mufste ihm auch daran liegen, diese Kirche in engster 
Abhängigkeit von Rom zu bewahren, sie römischem Brauch 
in allen Stücken treu zu wissen. Aus diesem Grund schon 
durfte er diese Durchbrechung der kirchlichen Gewohnheit 
durch Methodius nicht zulassen. 

Und wenn er dann den Beschwerden der bayerischen 
Geistlichkeit entgegen kam und in seinem Verbot der 
slavischen Liturgie sich auf den bisherigen gesetzlichen 
Brauch stützte, so zeigte er eben dem König Ludwig wie 
seinen Bischöfen, dafs er streng im Geist der kirchlichen 
Gesetze handle, dafs in diesem Geiste auch seine Ent- 
scheidung in der pannonischen Kirchenangelegenheit über- 
haupt getroffen sei. 

Sein Legat Paul von Ancona *) überbrachte also , wie 
wir aus einem Schreiben Johanns an Methodius vom Jahre 
879 wissen, dem Methodius einen Brief, der die Feier der 
hl. Messe in slavischer Sprache verbot. Die Begründung 
dieses Verbots war sehr einfach und wird wohl 873 schon 
dieselbe gewesen sein, wie sie das Schreiben aus dem 
Jahre 879 bietet: die ganze christliche Kirche feiere den 
Gottesdienst nur in zwei Sprachen, der lateinischen und der 
griechischen. Diesen beiden gegenüber erscheint die sla- 
vische Sprache zum gottesdienstlichen Gebrauch wenigstens 
als eine barbarische d. h. profane. Der Gebrauch dieser 
Sprache im Gottesdienst ist deshalb unerlaubt. Ausge- 
nommen davon ist nur die Predigt, die in der Landessprache 
gehalten werden darf, da der Psalmist alle Völker zum 



i) I. E. 2978 vgl. 3268. 



198 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodias. 

Gotteslob ermahne und da nach des Apostels Wort jede 
Zunge [d. h. Sprache] den Herrn Jesus Christus bekennen 
solle. 

Zum erstenmal begegnen wir in den echten Quellen 
hier in Verbindung mit der Conversio Carantanorum der 
liturgischen Frage, der Feier der Messe in slavischer Sprache. 
Und wie nicht anders zu erwarten war nach dem Brauch 
der römischen Kirche, wird diese Neuerung direkt verboten. 
Sie erscheint noch nicht , wie in der späteren ^) Entwick- 
lung dieser Frage als äufseres Kennzeichen einer von der 
römischen Kirche abweichenden Lehre, als häretisch, sondern 
nur als Durchbrechung der bisherigen kirchlichen Sitte als 
unerlaubt. 

Alle anderen Nachrichten nun über die angebhche Be- 
stätigung der slavischen Liturgie durch Hadrian sind oben 
im untersuchenden Teil als falsch erwiesen, alle daran ge- 
knüpften Kombinationen *) über die Bedeutung dieser Ein- 
führung der slavischen Liturgie durch die römische Kirche 
sind hinfällig. Das sichere Resultat ist nur: Methodius hat, 
ohne jemanden zu fragen, diese liturgische Neuerung ge- 
troffen, und Johann hat sie, sowie er sich überhaupt mit der 
pannonischen Kirchenangelegenheit beschäftigte, auf Grund 
der in der ganzen Kirche geltenden Anschauung und Praxis 
direkt verboten. 

Von dieser Angelegenheit berichtet die Vita Methodii 
mit keinem Wort, während sie doch die eifrige Parteinahme 
des Papstes für Methodius sonst hervorhebt. Auch von 
dem späteren nochmaligen Verbot Johanns weifs sie nichts, 
sie nennt auch in dem ganzen Streit weder Hadrian noch 
Johann. Überhaupt tritt bei ihr diese liturgische Frage 
wenigstens nach ihrer einen Seite, nach den päpstlichen 
Verboten ganz in den Hintergrund, oder besser gesagt, sie 



i) Siehe oben ? 9 S. 96 f. 

2) Vgl. Wattenbach, die slavische Liturgie in Böhmen, in den Abhand- 
lungen der histor.-philosoph. Gesellschaft in Breslau I, S. 212. 



g 23. Das erste Verbot der slavischen Liturgie. 1^9 

kennt überhaupt keine liturgische Frage, da sie diese von 
Anfang an durch Hadrians Schreiben gelöst sein läfst. 

Das hängt auch hier mit ihrer bekannten Tendenz zu- 
sammen, möglichst nur Günstiges über ihren Helden zu 
sagen, möglichst ihn als geistig einig mit dem Papst, als 
Schützling des Papstes, als Vertreter des Rechtes des 
heiligen Stuhles erscheinen zu lassen. Dazu pafsten aller- 
dings die dem Methodius erteilten Verbote seiner slavischen 
Gottesdienstfeier, eines der wesentlichsten Stücke seiner 
kirchlichen Thätigkeit nicht, darum wurden sie einfach unter- 
drückt. Den Angriffen der Gegner gegenüber aber mufste 
die slavische Liturgie als päpstlich legitimiert dargestellt 
werden, daher die Einschaltung des Briefs Hadrians II. 
von 869. So zeigt sich hier die Tendenz der Vita Methodii 
in der Verschweigung des thatsächlich vorgekommenen, 
wie sonst in der Erwähnung erdichteter Vorgänge und 
Fälschungen. 

Wie verhielt sich aber Methodius gegenüber diesem 
Verbot? Die Quellen sowie der Gang der Geschichte lassen 
nun gar keine andere Annahme zu als die: Methodius hat 
unbekümmert um das päpstliche Verbot den Gottesdienst 
weiter in der slavischen Sprache gefeiert. Eigenmächtig 
wie er ihn, ohne zu fragen, eingeführt hat, ebenso eigen- 
mächtig setzte er ihn trotz des päpstlichen Verbotes fort. 
Gewifs hat er ihn für die Förderung seiner slavisch-kirch- 
lichen Absichten so notwendig erkannt, und gewifs hatte 
die slavische Liturgie auch schon so feste Wurzel im reli- 
giösen Bewufstsein der Slaven gefafst, dafs er um dieses 
seines höheren Zieles willen das päpstliche Verbot seines 
Schutzherrn aufser acht liefs. Dafs das der Verlauf dieser 
Angelegenheit war, beweisen deutlich die Klagen, die nach 
einigen Jahren in demselben Punkte gegen ihn erhoben wurden. 

Dieser einfachen Thatsache gegenüber ist nun Ginzel ^), 

i) S. 62. Auch Dudik Gesch. Mährens I, 233 sucht sich wie Ginzel zu 
helfen : „ Anzunehmen, dafs Method absichtlich und vorsätzlich das Gebot mifs- 
achtete, würde seinem Charakter widersprechen, wir haben zur Deutung dieser 



^200 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

dem die treue Anhänglichkeit des Methodius an Rom und 
seine Unterwürfigkeit unter den Papst durchaus fest steht^ 
in Verlegenheit. „Wie verhielt sich nun Method gegen- 
über diesem im J. 873 vom apostolischen Stuhle aus- 
gesprochenen Verbote der Feier des Gottesdienstes in 
slavischer Sprache? Geschichtlich fest ist nur dies, dafs 
Method fortfuhr, sich des Slavischen bei allen kirchlichen 
Funktionen zu bedienen. That er dies aus unbotmäfsigem 
Trotze gegen die Autorität des apostolischen Stuhls ! Dies 
anzunehmen verbietet die kirchliche Gesinnung Methods." 
Dafs das Verbot nicht zur Kenntnis des Methodius gekommen 
sei, ist nach Ginzel auch nicht anzunehmen, sicher hat er es 
erhalten. Da er es aber thatsächlich nicht beobachtete, so 
wird er es wenigstens beantwortet und seine Nichtbefolgung 
begründet haben. „In welchem Sinne, und in welcher 
Art und Weise dies geschehen, scheint ebenfalls ganz 
unzweifelhaft zu sein. In aller Ehrfurcht gegen die 
Anordnung des Papstes erlaubte sich Method das, was er 
um des Fortschritts der Slaven in christlicher Erkenntnis 
und um der Erhaltung derselben in Gemeinschaft 
mit dem apostolischen Stuhle willen gethan, zu ent- 
schuldigen ; was er auch dem Legaten gegenüber mündlich 
zu thun gewifs nicht unterlassen hatte. Und infolge dieser 
Rechtfertigung durfte Method im Gebrauche des Slavischen 
bei der Gottesdienstfeier fortfahren, bis dieselbe vom Papste 
zurückgewiesen war.** Diese Konibinationen haben natürlich 
in den Quellen durchaus keinen sicheren Grund. 

§ 24. Thätigkeit des Methodius in Mähren bis 879, 

Wir haben oben gesehen, dafs Methodius von Hadrian 

zum Erzbischof sowohl Pannoniens als auch Mährens ein- 



Thatsachen nur die mögliche Konjektur, dafs nach gegenseitigen Erörterungen 
und Abwägung der gegebenen umstände, der bevoUmächtigte Legat (denn 
die Fakultäten solcher Abgeordneten sind in der Regel sehr ausgedehnt) 
den Gebrauch des Privilegiums fernerhin gestattet habe". 



J 24. Thätigkeit des Methodius in Mähren bis 879. SOI 

gesetzt war, dafs er aber von der mährischen Hälfte seiner 
Diöcese noch nicht hatte Besitz ergreifen können, sowohl 
wegen der kriegerischen Verwickelungen in jenem Lande, 
als auch deshalb, weil Methodius ^) je näher er dem Rastislav 
gestanden hatte, desto fremder, ja verhafst dem Neffen und 
Verräter des Rastislav bleiben mufste. 

Nachdem nun aber Johannes ihn in sein Erzbistum 
wieder einsetzte, war er, möglicherweise auf Grund direkter 
Klagen des Methodius, auch energisch bestrebt, diesem auch 
die Jurisdiktion über Mähren wiederzugeben, besser gesagt, 
zu verschaffen. Demgemäfs erhielt sein Legat Paul auch 
genaue Instruktion über die Einsetzung des Methodius 
zum Oberhirten Mährens. Er solle sich mit Methodius und 
den bayerischen Bischöfen zu Swatopluck begeben. Der 
Zweck dieser Reise, die Anerkennung des Methodius und 
Einführung in seine mährische Diöcese wird als selbstver- 
ständlich nicht besonders angegeben. Eigens wird Paul 
ermahnt, durch keinerlei Ausflüchte sich von dieser Reise 
abspenstig machen zu lassen, sei es, dafs die Bischöfe die 
Kriegswirren in Mähren zu ihrer Entschuldigung vorschöben, 
sei es, dafs sie sonst ihm Hindernisse in den Weg legen 
wollten. Denn die Jünger und Diener Petri seien fried- 
liebende Leute und keine Kriegsgefahr könne sie ab- 
halten, wohin sie kämen, zum Heü ihrer Mitmenschen zu 
wirken. 

Der Papst scheint nach diesen Worten der Meinung 
gewesen zu sein, die bayerischen Bischöfe hätten die Schuld 
daran, dafs Methodius bisher von seiner mährischen Diöcese 
nicht habe Besitz ergreifen können. Sicherlich werden 
diese auch bei Swatopluck keine besondere Zuneigung zu 
Methodius gezeigt haben, aber gewifs bedurfte es in jener 
ersten Zeit nach dem Sturz des Rastislav dieser Aufreizung 
des Swatopluck nicht, um ihn zum Feind des Methodius 
zu machen. 



i) Wattenbach, Die slavische Liturgie in Böhmen, S. 213. 



30S Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

Wie für Pannonien in dem Schreiben an Kozel ^) so 
fällte auch in dieser Instruktion des Paulus von Ancona 
Johann eine Entscheidung über die wichtige sittlich-religiöse 
Frage jener Völker über die leichtfertigen Ehescheidungen 
und über die darauf gesetzte Exkommunikation. 

Methodius sollte also nach der Absicht des Papstes 
auf alle Fälle in sein Recht als Erzbischof von Pannonien 
sowohl, als von Mähren eingesetzt werden, und es unterliegt 
keinem Zweifel, wie aus dem strengen Auftrag an Paul 
hervorgeht, dafs Johann die Anerkennung durch Swatopluck 
sich wie die durch Ludwig erzwungen haben würde, hätte 
Swatopluck noch dieselbe feindselige Stimmung gegen 
Methodius gezeigt, wie er sie früher hatte. 

Indefs die Erlebnisse der letzten Jahre hatten den Swato- 
pluck nach dieser Hinsicht geändert und für die Aufnahme 
des Methodius günstiger gestimmt. Swatopluck hatte nach 
dem Sturze seines Oheims bald schlechte Erfahrungen mit 
den Franken gemacht, die ganzen Jahre war er mit ihnen 
in einem beständigen wechselreichen Kriege gelegen. Indes 
das Kriegsglück neigte sich mehr und mehr auf seine Seite, 
und so kam es denn im Jahre 874 zu Forchheim zu einem 
Frieden zwischen dem ostfränkischen und dem mährischen 
Reich. Denn das, die Gründung eines mährischen Reiches, 
der „friedliche und unangefochtene Besitz des ererbten 
Reiches" *) war für Swatopluck das wichtige Resultat dieses 
für ihn günstigen Friedens. Mähren war durch die Waffen- 
erfolge des Swatopluck von seiner direkten Abhängigkeit 
vom Reich befreit, das alte Vasallenverhältnis, wie es unter 
Moymir und Rastislav bestanden hatte, trat wieder ein, der 
Zusammenhang mit dem Reich war nur mehr ein ziemlich 
loser, ,, durch welchen die innere Selbständigkeit Mährens 
wenig berührt wurde**. 

Und nun lebten die national slavischen Ideen, denen 



i) I. E. 2972. 

2) Dümmler, Ostfränk. Reich« II, 375 f. 



? 24. Thätigkeit des Methodius in Mähren bis 879. 303 

Rastislav so hingeg-eben war, auch in Swatopluck auf, der 
Zusammenhang- mit Deutschland war ganz locker geworden, 
nun sollte auch das deutsche Element aus Mähren ganz 
vertrieben und alle mährischen nationalen Bestrebungen 
gefördert werden. Wie Rastislav als treffliches Hilfsmittel 
für die Durchführung dieser Ideen die Schaffung einer 
slavischen, nationalen von Deutschland unabhängigen Kirche 
erkannt hatte, so lernte nun auch Swatopluck den Wert 
der Slavisierung in kirchlicher Hinsicht für die politische und 
nationale Erhebung des Volkes kennen. So mag ihm die 
Einsetzung des Methodius zum Erzbischof Mährens nur will- 
kommen gewesen sein; so weit es ihm möglich war, drängte 
er seine persönliche Abneigung gegen des Onkels Freund 
und gegen den sittenstrengen Priester zurück, um durch 
Methodius seine politischen Ziele, seine beabsichtigte Grün- 
dung des mährischen Reiches fördern zu lassen, indem er 
die volle Slavisierung seines Reiches auch auf kirchlichem 
Gebiet durchführte. 

Diesen Zusammenhang der Dinge legt die Darstellung 
der Vita Methodii ^) durchaus nahe. Mit grofser Genug- 
thuung berichtet sie, dafs damals — nach der Befreiung 
des Methodius aus der Gefangenschaft — die Mähren d. h. 
Swatopluck erkannt hätten, wie die fränkischen Priester in 
Mähren ihnen gar nicht freundlich gesinnt seien, sondern 
ihnen nur hinterlistige Gesinnung hegten und demnach han- 
delten *). So hätten sie denn alle deutschen Geistlichen 
aus dem Land gejagt. Dann hätten sie zum hl. Vater einen 
Boten geschickt. Da ja in früheren Zeiten — gemeint ist 
vielleicht die diesem Aufenthalt der fränkischen Geistlichen 
vorangegangene erste Missionsthätigkeit des Konstantinus 
und Methodius — ihre Väter vom hl. Petrus — d. h. wohl 
den Boten und Abgesandten des Nachfolgers Petri — die 
Taufe empfangen hätten, so möge ihnen der heilige Vater 



i) Vita Methodii, Kap. 10. 

2) P 11 m m 1 r r Arrhir ICITL ^ ^93» 




204 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

den Methodius als Erzbischof und Lehrer g^eben. Das 
habe der heiligte Vater dann auch g-ethan, und Swatopluck 
habe mit allen Mähren jenen empfangen und ihm die Leitung 
aller Kirchen und die Oberaufsicht über alle Kleriker an- 
vertraut. Es ist wohl kein Zweifel, dafs diese Erzählung 
von einer neuen Sendung nach Rom dem thatsächlichen 
Verlauf der Dinge nicht entspricht. Diese Ausschmückung 
der Thatsache, dafs Methodius durch Paul von Ancona 
zum Erzbischof von Mähren eingesetzt und als solcher von 
Swatopluck anerkannt wurde, entspringt eben wieder sicht- 
lich dem Bemühen des Verfassers der Vita Methodii, den 
hohen Wert der Person des Methodius für Mähren und das 
Glück, das mit seiner Wiedereinsetzung dem Lande zuteil 
wurde , besser darzustellen. Es ist das aber zugleich ein 
Beweis für die oben erwähnte Thatsache, dafs Methodius 
eben vor 873 Mähren wenigstens als Oberhirt und ständiger 
Leiter der Kirche nicht betrat *). 

Als Erzbischof nahm nun Methodius dieselbe Thätigkeit 
wieder auf, die er in früheren Jahren unter der Anerkennung 
und nach der Absicht des Fürsten Rastislav mit Konstan- 
tinus ausgeübt hatte. Ihr Ziel war die Schaffung einer 
mährisch-slavischen Nationalkirche, die Mittel dazu einmal 
die Feier der Messe in slavischer Sprache und dann die 
Heranbildung eines Klerus in slavisch-nationalem Geist. 
Das gibt mit grofser Freude die Vita Methodii als den 
kirchlichen Erfolg seiner Thätigkeit an. ,, Von jener Zeit — 
der Wiederkehr des Methodius — an, begann sich das 
Wort Gottes gewaltig zu mehren, viele in allen Städten 



i) Im Mai oder Juni 874 hatte der König Ludwig in der Nähe von 
Verona ein Zwiegespräch mit dem Papst (und dem Kaiser Ludwig). 
Dümmler, Ostfränk. Reich« II. 374 vermutet, es liege nahe, an eine Unter- 
handlung über die mährisch-pannonische Kirchensache zu denken, deren 
Erfolg etwa gewesen wäre (II, 383), dafs in dem Frieden mit Swatopluck 
die kirchliche Selbständigkeit Mährens und die Lostrennung von der deutschen 
Landeskirche ausdrücklich ausbedungen worden sei. 



g 24. Thätigkeit des Methodius in Mähren bis 879. 205 

wurden Geistliche ^) , die Heiden verliefsen ihre nichtigen 
Lehren und glaubten an den wahren Gott." Wie es Rastis- 
lav und nun auch Swatopluck beabsichtigten , und wie es 
auch als natürliche Folge sich einstellte, machte gleicher- 
weise mit dieser kirchlichen Erhebung Mährens auch dessen 
politische, nationale Förderung Fortschritte. Diesen zweiten 
grofsen Erfolg der Wirksamkeit des Methodius schildert 
seine Vita unmittelbar an seine kirchliche Thätigkeit an- 
knüpfend mit den Worten: ,,Um so mehr begann sich 
auch das mährische Reich über alle seine Grenzen aus- 
zudehnen und mit vielem Glück alle seine Feinde zu be- 
siegen.** 

So bedeutete denn die ungestörte Wirksamkeit des 
Methodius in Mähren während der Jahre 873 — 879 eine 
fortwährende Hebung des mährischen Reiches in kirchlicher 
wie in politischer Hinsicht, eine grofse Förderung der 
national - slavischen Ideen, die Gründung einer slavischen 
Nationalkirche. 

Von einer weiteren Thätigkeit des Methodius in dem 
pannonischen Teil seiner Kirchenprovinz in diesen Jahren 
berichtet die Vita Methodii durchaus nichts, und auch die 
späteren Papstbriefe bieten uns keine Anhaltspunkte, eine 
weitere Wirksamkeit in Pannonien in diesen Jahren anzu- 
nehmen. Methodius gieng eben, was sehr nahe liegt, in 



i) Ginzel S. 89 bemerkt zu dem Wortlaut der Vita Methodii Kap. 10 
ab isto tempore coepit doctrina Dei valde cre^cere et tonsi multiplicari 
in Omnibus civitatibus: „diese Stelle lehrt uns in dem Wort „tonsi" den 
besonderen Gebrauch der mährischen Slaven kennen, jene, welche das 
Heidentum fahren liefsen, dadurch äufserlich kennbar zu machen, dafs ihnen 
der Kopf geschoren wurde. Dafs die pannonische Legende hier gut unter- 
richtet ist, bestätigen die bayerischen Bischöfe in ihrem Briefe an P. Jo- 
hann IX vom Jahr 900 durch die Bemerkung: Ipsi (Moravi) Ungarorum 
non modicam multitudinem ad se sumpserunt et more eorum capita suorum 
pseudochristianorum penitus detunderunt." Dagegen wird tondere erwähnt 
beim Eintritt des Methodius in das Kloster Vita M. Kap. 3: postquam se 
totondit nigra vestimenta cepit . . . Und V. Konstantini Kap. 4 sagt der 
Logotbet zur Kaiserin von Konstantin: tondeamus eum ad presbyterium. 



2M Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodins. 

seiner Thätigkeit in Mähren ganz auf. Dieser Verlauf der 
Dinge entspricht auch ganz den politischen Verhältnissen 
Pannoniens. „Nicht ") lange nach Methodius' Rückkehr starb 
der Fürst [Kozel] vom Plattensee, ohne einen Nachfolger 
aus seinem Geschlecht zu hinterlassen. Dies kleine slavische 
Fürstentum wurde demnach jetzt eingezogen, in einem Teil 
desselben, zunächst an Kärnten finden wir fortan eine Gau- 
grafschaft mit Namen Dudleipa, in der wahrscheinlich Pettau 
lag, und man darf annehmen, dafs auch der Rest unter die 
Verwaltung des Prinzen Karlmann gestellt wurde. Auf die 
Zeit seiner Verwaltung mag sich dann schon das vorher 
angeführte päpstliche Schreiben an ihn bezogen haben. 
Wiewohl aber der pannonische Sprengel dem römischen 
Stuhl zurückgegeben war, so scheint es doch kaum, als ob 
Methodius nach Kozels Tode in diesen Gegenden unter 
unmittelbarer deutscher Herrschaft eine sehr ausgedehnte 
Wirksamkeit habe entfalten können. Theotmar weihte noch 
im Jahre 874 eine Kirche zu Pettau, Kozels früherer Stadt, 
die Graf Gozwin hatte erbauen lassen. Jedenfalls wurde 
der Schwerpunkt des erneuten Bistums Sirmium bald von 
der unteren Donau an die March verlegt." 

§ 25. Neue Anklagen gegen Methodius; zweites 

Verbot der slavischen Liturgie, Rechtfertigung des 

Methodius in Rom. Ernennung des Wiching zum 

Suffraganbischof. 

Die Stellung des Methodius als Erzbischof Mährens 
war rechtlich gesichert und als solche anerkannt, dagegen 
konnten die fränkischen Gegner des Methodius nichts mehr 
ausrichten. Aber wie sie wohl allmählich in Mähren wieder 



i) Dümmler, Ostfränk. Reichs II, 382. Bretholz, Gesch. Mährens 
I, 84 meint, dafs vielleicht auch die in der Vita Methodii Kap. 10 berich- 
teten Drohungen der bayerischen Bischöfe gegen Kozel des Methodins 
Thätigkeit in Pannonien untergraben hätten. 



i 2$. Neue Anklagen gegen Methodius. 207 

einzogen, trachteten sie auch, den Swatopluck dem Methodius 
abgeneigt zu machen. Und das war ihnen bei dem Übel- 
wollen, das Swatopluck von jeher gegen Methodius hatte, 
wohl nicht sehr schwer. Ein Hauptpunkt, der sie dabei 
unterstützte, war der Umstand, dafs Methodius mit der 
Nationalsünde der Slaven jener Zeit und gewifs auch des 
Swatopluck der ehelichen Sittenlosigkeit sehr scharf ins 
Gericht ging, wie ja seine Vita Kap. ii selbst von einem 
Konflikt erzählt, den er wegen einer solchen Angelegenheit 
mit einem sehr reichen Rat des Swatopluck gehabt habe. 
Das sichtliche Bestreben der fränkischen Geistlichen war, 
dem Methodius am Hofe des Swatopluck den Boden zu 
untergraben und ihn zu stürzen. Dazu mufsten nun aufser 
der Erregung der Abneigung Swatoplucks gegen Methodius, 
wie wir sehen werden, verschiedene Anklagen helfen. Und 
unbegründet waren diese Anklagen durchaus nicht, vielmehr 
hatten die fränkischen Geistlichen in einem Punkt ent- 
schieden Recht, hinsichtlich der slavischen Liturgie. Metho- 
dius hatte sich über das offenkundige päpstliche Verbot 
hinweggesetzt und schadete sich dadurch selbst. Denn 
nun nahmen die Gegner den korrekten römischen Stand- 
punkt ein und ohne dafs sie böswillig nach einer Handhabe 
gegen Methodius hätten suchen müssen, bot ihnen seine 
Nichtachtung des päpstlichen Gebots selbst die beste Ge- 
legenheit, eine wohlgegründete Anklage gegen ihn bei 
Swatopluck und durch diesen beim Papst zu erheben. So 
schwächte Methodius selbst durch seine Nichtachtung des 
Verbotes der slavischen Liturgie seine Stellung und bot 
seinen Gegnern einen Angriffspunkt, an dem sie mit Erfolg 
einsetzen konnten und wobei sie das Recht auf ihrer Seite 
hatten. 

In der That neigte sich auch mit der Zeit Swatopluck 
wieder mehr den fränkischen Geistlichen zu, die auch wie 
ihnen ja die Vita Konstantini direkt vorwirft, seine Sitten- 
losigkeit laxer beurteilten. Ja es ist wahrscheinlich, dafe 
Swatopluck in seinem Übelwollen gegen Methodius und in 



208 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodias. 

seiner Verkennung der nationalen Thätig-keit dieses Mannes 
so weit ging, dafs er, wie wir indirekt aus der Fälschung 
von 880 schliefsen können, für sich und wohl seinen Hof 
die Messe in lateinischer Sprache wieder feiern liefs und so 
das wertvollste Mittel zur Förderung der slavisch-nationalen 
Idee selbst aufgab. 

Die Angriffe der fränkischen Geistlichkeit gegen Metho- 
dius hatten nun thatsächlich den Erfolg, dafs Swatopluck 
im Jahre 879 einen Priester Johann, der schon 874 die 
Friedensverhandlungen mit Ludwig dem Deutschen geführt 
hatte und der wohl mehr aufseite der fränkischen Geist- 
lichkeit, als auf der des Methodius stand, mit einem Brief nach 
Rom schickte. Was dieses Schreiben des Swatopluck, das 
wir nicht mehr besitzen, enthielt, können wir aus der vom 
14. Juni 879 ^) datierten Antwort des Papstes schliefsen. 

Johannes versichert den Swatopluck seiner ganz beson- 
deren Liebe und verspricht ihm, ständig für ihn zu beten. 
Was nun die Glaubenszweifel betreffe, die nach der Aussage 
des Johannes ihn plagten, so sollte er sich nur fest an 
den Glauben anschliefsen , den die römische Kirche seit 
den Zeiten Petri lehre und allzeit lehren werde und den 
sie täglich in alle Welt hinaustrage. In diesem Glauben 
hätten auch seine Vorgänger auf dem päpstlichen Stuhl 
die Vorfahren Swatoplucks unterrichtet. Wenn nun jemand, 
und sei es des Swatopluck eigener Bischof, oder irgend- 
ein Priester sich erkühne, anders zu lehren oder zu predigen, 
so solle er und sein Volk einmütig den falschen Glauben 
abweisen und sich an die Überlieferung des hl. Stuhles 
halten. Worauf sich diese allgemeinen Sätze beziehen, 
darauf dafs eben Methodius einer solchen Abirrung vom 
Glauben angeklagt war, ergibt der nächste Satz. Johannes 
sei erstaunt, dafs Methodius, der doch vom Papst Hadrian 
zum Erzbischof Mährens geweiht und dahin gesendet worden 
sei , anders lehre , als er mündlich und schriftlich dem hl. 

I) I. E. 3267. 



? 25. Neue Anklagen gegen Methodius. 309 

Stuhl gelobt habe. Er, Johann, habe deshalb den Methodius 
aufgefordert, schleunigst ohne jede Verzögerung nach Rom 
zu kommen, damit er aus des Methodius Munde selbst höre, 
ob er so lehre und glaube, wie er versprochen habe oder 
nicht. Das war also die eine Folge des Gegensatzes 
zwischen Methodius und der fränkischen Geistlichkeit. Die 
Gegner des Methodius hatten, wie wir gleich ausführlicher 
sehen werden, das filioque zum Anknüpfungspunkt für die 
Anklagen gegen Methodius gemacht. Die Glaubenszweifel, 
die aber dadurch bei Swatopluck entstanden, konnte natür- 
lich keine der 2 Parteien für ihn lösen, so wendete er sich 
dann, was ganz korrekt und der richtige Weg war, an 
die über den streitenden Parteien stehende Instanz, nach 
Rom. Und dafs Swatopluck seinen vertrauten Unterhändler 
Johannes schickte, der gewifs als Venetianer auch Methodius 
für einen Ketzer hielt, zeigt, welches Gewicht er auf diese 
Sache legte und wie ernsthaft er diesen Glaubenszweifel 
behandelte. 

Von der Feier der Messe in slavischer Sprache erwähnt 
dieser Brief nichts, es scheint also, dafs die slavische Litur- 
gie bei Swatopluck keinen grofsen Anstofs oder ernstere 
Bedenken erregt hatte. Er bekundet aber, wie Johannes 
fest entschlossen war, Mähren und seinen Erzbischof in 
voller Abhängigkeit von Roms Geist und Lehre zu erhalten. 

Auch das Schreiben Johanns ^) an Methodius besitzen 
wir. In seiner ersten Hälfte deckt sich sein Inhalt mit dem 
eben erwähnten Brief. Mit Staunen habe der Papst ver- 
nommen, dafs Methodius anders als die römische Kirche 
lehre und dadurch das Volk zu Irrungen verführe. Schleu- 
nigst solle er nach Rom kommen, um vor dem Papst zu 
beweisen, ob er so lehre, wie er als Erzbischof mündlich 
und schriftlich gelobt habe. 

Der zweite Teil des Briefes behandelt dann die liturgische 
Frage. Der Papst hat wohl auf seine Anfrage hin gehört. 



I) I. E. 3268. 

Goetz, Geschichte der Slavenapostel. 14: 



210 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

dafe Methodius das ihm durch Paul von Ancona überbrachte 
Verbot, die Messe in slavischer Sprache zu feiern, nicht 
beobachtet hat. Darum wird Methodius jetzt an dieses 
Verbot erinnert, dieses also dadurch erneuert. Welchen 
Wortlaut und welche Begründimg dieses Verbot hat, ist 
oben schon bei der Schilderung des ersten Verbotes dar- 
gestellt worden. Übrigens wird die liturgische Frage unter 
Johann wenigstens in dessen echtem Brief an Methodius 
vom 23. März 881 nicht mehr erwähnt. Erst aus dem 
Brief und Commonitorium Stephans erfahren \vir, dafs 
Methodius in Rom eidlich am Grabe des hl. Petrus sich 
verpflichten mufste, die slavische Liturgie aufzugeben bzw. 
dem Verbot Folge zu leisten. 

Über diese dritte Reise nach Rom nun, über das zweite 
Verbot der slavischen Liturgie, über die Anklagepunkte 
gegen Methodius wie über den Ausgang der Reise berichtet 
die Vita Methodü gar nichts, auch hier wieder in dem Be- 
mühen, das erneute Verbot der slavischen Mefsfeier einfach 
zu unterdrücken. 

Wir sind wieder ganz allein auf die Papstbriefe angewiesen. 
Derjenige aber, der für diese Frs^e am wichtigsten ge- 
wesen wäre, der die Entscheidung des Papstes jedenfalls 
in der klarsten Form enthielt, ist nicht mehr erhalten. 
Johann erwähnt 881 in einem Brief an Methodius ^) ein 
Schreiben, das er über die Rechtgläubigkeit des Methodius 
an Swatopluck gerichtet habe, und das ihm ja nach des 
Methodius Aussage wohl auch überbracht worden sei. 
Dieses Schreiben besitzen wir nicht mehr. 

Indes sind wir doch ziemlich genau über den Erfolg 
der Anklage gegen Methodius wie über die Folgen dieser 
Reise überhaupt imterrichtet. Und zwar können wir zunächst 
indirekt aus dem eben erwähnten Schreiben Johanns an 
Miethodius vom 23. März 881 schliefsen, welahen Ausgang 
die Angelegenheit genommen hat. Als weitere Quelle für 

I) I. E. 3344. 



g 25. Neue Anklagen gegen Methodius. 211 

diese Vorgfänge können wir auch das angebliche Schreiben 
Johannes an Swatopluck ^) aus dem Jahre 880 benutzen, 
das oben als eine im Interesse der Methodianer von diesen 
nach der Vorlage des Schreibens Stephans V. an Swato- 
pluck gemachte Fälschung nachgewiesen ist, deren Haupt- 
zweck derselbe ist, wie der des gefälschten Briefes Ha- 
drians IL, die slavische Liturgie deren erneutem Verbot 
durch Stephan V. gegenüber, als früher von Johann er- 
laubt, ja legitimiert darzustellen. 

Ist dieses Schreiben auch eine Fälschung, so können 
wir es doch mit der nötigen vorsichtigen Prüfung als Quelle 
iiir die Darstellung verwenden, weil es in manchen Punkten 
gewifs die thatsächlichen Verhältnisse uns darbietet, viel- 
leicht auch in einzelnen Teilen direkt auf dem verloren 
gegangenen echten Brief Johanns an Swatopluck beruht ^). 

Hinsichtlich der liturgischen Frage kommt es natürlich 
nicht in Betracht, da es ja zu dem Zweck gefälscht ist, den 
thatsächlichen Verlauf, die fortgesetzte Nichtanerkennung bzw. 
Verwerfung der slavischen Gottesdienstsprache zu verhüllen. 
Was es über die dogmatische Anklage gegen Methodius 
und dessen Rechtfertigung bietet, wird, soweit es zu den 
anderen Briefen stimmt, als richtige Schilderung der Recht- 
fertigung in Rom anzimehmen sein. Und was es endlich 
über die kirchliche Organisation der mährischen Kirchen- 
provinz berichtet, werden wir zum guten Teil und in der 
Hauptsache mit den anderen Quellen übereinstimmend 
finden. 

Methodius war also nach Rom gerufen, um sich wegen 
deis Verdachtes, als weiche er im Vortrag der christlichen 
X.ehre von Rom ab, zu rechtfertigen. Auch seine fränkischen 
Gegner waren durch Wiching vertreten, während vom Hofe 
Swatoplucks dessen Lehnsmann Semisisn mitgeschickt war, 
die päpstliche Entscheidung zu erwarten. Johanns Schreiben 



i) L £. 3319, siehe oben J 6. 
2) Siehe oben J 6, S. 66. 

14* 



213 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

an Methodius vom 23. März 881 berichtet nun den Ausgang- 
dieser Reise und der Rechtfertigung- : Methodius wurde in der 
Verhandlung" vor dem Papst für rechtg-läubig befunden, er 
wurde ermahnt, die Lehren der römischen Kirche nach der 
Überlieferung- der heilig-en Väter vorzutragen, das Glaubens- 
bekenntnis und den rechten Glauben, der darin enthalten 
sei, zu lehren und zu predigen. Es handelte sich also bei 
dieser Anklage gegen Methodius nicht um einen imter- 
geordneten Punkt der kirchlichen Disziplin, sondern um 
den Kern des christlichen Lebens, um den wahren katho- 
lischen Glauben. ,,In diesem gab es aber nur einen Punkt, 
über den damals gestritten werden konnte und auch 
ferner gestritten worden ist, die Lehre vom Ausgehen des 
heiligen Geistes, ob nur vom Vater oder vom Vater und 
vom Sohne'* ^). 

Die Erwähnung des „Symbolums" in dem Brief Johanns 
an Methodius zeigt uns, dafs es sich um diese Streitfrage 
auch hier handelte, und die Fälschung vom Jahre 880 bietet 
ausführlicheren Beleg dazu. 

Die fränkische Kirche hatte bereits allgemein den Zusatz 
filioque zum Symbolum eingeführt und hielt eben so zäh 
an ihm fest und warf den Griechen, die den Zusatz natür- 
lich nicht hatten, ebenso Irrlehre vor, als die Griechen 
zumal Photius, alle Änderung an dem geheiligten Symbol 
als Ketzerei verdammten. Methodius nun als griechischer 
Katholik gebrauchte offenbar das Symbolum, wie er es 
von Jugend auf gelernt hatte, ohne den Zusatz filioque. 
Darin fanden nun also die fränkischen Geistlichen den er- 
wünschten Anlafs, ihn bei Swatopluck und durch diesen 
beim Papst der Ketzerei, des Abirrens von der allgemeinen 
katholischen Lehre — in ihrem Sinne natürlich — anzuklagen 
und hofften wohl dadurch seine Absetzung zu erwirken. 



i) Dümmler, Ostfränk. Reich« III , 194 vergl. auch Dümmler im 
Archiv XIII, 194 f. Langen, Römische Kirche III, 250 f., Dudik, Gesch. 
Mährens I, 238 f. 



§ 25. Rechtfertigung des Methodius in Rom. 81 B 

Nun hatte die Lehre vom Ausgang* des hl, Geistes vom 
Vater und Sohn allerdings auch bei den Päpsten schon 
Eingang* gefunden, und es war bis auf Johannes VIII. Zeit 
schon so weit gekommen, dafs Rom selbst den Zusatz 
acceptiert hatte und ihn selbst weiter verbreitete. So steht 
der Zusatz fdioque auch in einem Glaubensbekenntnis 
im liber diurnus. Anfangs hatten sich wohl die Päpste 
gegen den Zusatz gesträubt, und Leo III. hatte Karl dem 
Grofsen gegenüber dessen Einführung mifsbilligt und zur 
Wahrung der Orthodoxie, zum Bekenntnis des rechten 
Glaubens das Symbolum ohne den Zusatz auf zwei silbernen 
Tafeln griechisch und lateinisch eingraben lassen. Aber 
eine energische, nachhaltig wirkende Verwahrung gegen 
das filioque war das doch nicht. Unter demselben Papst 
war ja in Jerusalem der Streit zwischen den Griechen und 
den abendländischen Mönchen über das filioque, in dem 
die letzteren sich auf die Autorität und den Glauben des 
Papstes stützten und eifrig das filioque verteidigten. Die 
Griechen schrieen ^) , die Franken auf dem Ölberg sind 
Ketzer, alle Franken sind Ketzer, es giebt gar keine 
gröfseren Ketzer. Die Franken aber konnten gestützt auf 
die Duldung des filioque durch Rom zu ihrer Verteidigung 
sagen: Wenn ihr uns Ketzer nennt, so nennt ihr den 
apostolischen Stuhl auch Ketzer. Und diese Duldung des 
Zusatzes durch Rom machte natürlich immer gröfeere Fort- 
schritte, ja der Zusatz wurde geradezu von Rom selbst 
verbreitet. Die päpstlichen Boten in der Bulgarei bedienten 
sich zu imserer Zeit des Zusatzes. Johann selbst suchte 
eine ausweichende Haltung einzunehmen. Es ist ja unter 
seinem Namen ein Schreiben an Photius ^) überliefert, dessen 
Echtheit allerdings angefochten ist, in dem er die formelle 
Änderung des Symbolums tadelt, ohne sich über den 
materiellen Lehrgehalt des Zusatzes selbst auszusprechen. 

i) Jaff6, Bibl. IV, 382»., vergl. Friedrich, Zur Entstehung des 
liber diurnus. S. B. d. Münchener Akad. 1890, Heft I, S. 125 f. 
2) L'Abb6, Concil. (ed. Paris, 167 1) IX, 235. 



214 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodins. 

So hatte also Rom selbst eigentlich die peinliche Situation 
in Mähren verschuldet. Die deutschen Geistlichen hatten 
recht, wenn sie das filioque als Glauben der römischen 
Kirche festhielten und verteidigten. Und wenn sie es im 
Symbolum beteten oder sangen, so waren sie durch die 
fränkische Kirchenordnung, zu welcher Rom schwieg, dazu 
gehalten. Wenn nun Johann den Methodius als Erzbischof 
aufstellte, der natürlich an der griechischen Lehrweise fest- 
hielt, so mufste es zu Differenzen kommen. Wer dabei 
rühriger war sie zu schüren, die deutschen Geistlichen oder 
die Methodianer, ist nicht mehr zu sagen. Die fränkischen 
Geistlichen und Swatopluck schlugen den einzig möglichen 
Weg ein, sie wendeten sich mit ihren Zweifeln an die 
Autorität, die über beiden Parteien stand, von der beide, 
Deutsche wie Methodianer, abhängig waren. 

Auf ähnliche vermittelnde, ausweichende Art, wie sie in 
dem Schreiben Johanns an Photius zu Tage tritt, wurde 
nun auch die Anklage gegen Methodius in Rom erledigt. 
Der Papst versammelte eine Synode von Bischöfen, um 
in dieser über die Rechtgläubigkeit des Methodius zu ent- 
scheiden. Die Kardinalfrage, die dem Methodius vorgelegt 
wurde, lautete nach dem Bericht der Fälschung von 880, 
die offenbar hier den richtigen Gang der Dinge schildert, 
ob er das heilige Glaubensbekenntnis so annehme und in 
der Messe singe, wie es die römische Kirche festhalte, wie 
es in den sechs allgemeinen Konzilien von den heiligen 
Vätern kraft göttlicher Autorität verkündet und überliefert 
sei. Sichtlich wurde also auf diese Weise die Anklage auf 
materielle Häresie bzw. die Rechtfertigung dagegen um- 
gangen und das Schwergewicht auf den formellen Gebrauch 
des Symbols, wie es in Rom in Gebrauch war, gelegt. 
Da nun Rom selbst das Symbol noch ohne filioque betete, 
ebenso wie es der Grieche Methodius that, konnte dieser 
frei bekennen, er halte das Symbol fest und singe es 
nach der evangelischen und apostolischen Überlieferung, 
sowie es die heilige römische Kürche lehre und wie es von 



i 2$, Rechtfertigung des Methodius in Rom. 316 

den Vätern überliefert worden sei. Mit dieser Antwort 
konnte sich der Papst *) begnügen , auf nähere Unter- 
suchung-, ob des Methodius Auffassung vom Ausgang des 
heiligen Geistes ganz mit der römischen übereinstimmte, 
wird er sich nicht eingelassen haben. Für ihn war die 
Anklage gegen den Methodius als unrichtig erwiesen, Metho- 
dius hatte den Beweis seiner Übereinstimmung mit Roms 
Satzung und Lehre gebracht, und Johannes mag froh ge- 
wesen sein, dafs er seinem Schützling dies freisprechende 
Urteil ausstellen konnte. Dümmler bemerkt über diesen 
Ausgang der Anklage mit Recht: ,, Johann, dem, wie seine 
Anerkennung des Photius beweist, der Kirchenfriede ernst- 
lich am Herzen lag, konnte sich auf einen freieren Stand- 
punkt stellen. Stimmte er doch inbezug auf den unver- 
änderten Wortlaut des Symbolums ohnehin mit Methodius, 
nicht mit den Franken überein. Wie er diesen den Zusatz 
zum Symbol gestattete, den er selbst nicht annahm, sollte 
er nicht jenem die griechische Auffassung einer Lehre 
nachsehen, die noch nicht Merkmal der Rechtgläubigkeit 
geworden war? Hatte doch auch sein Vorgänger Hadrian 
bereits dieses Mannes Lehre rechtgläubig gefiinden und 
ihn auf Grund dessen zum Erzbischof geweiht. Die Über- 



i) Ginzel S. 7 2 f. sucht ausführlich nachzuweisen, dafs der Papst 
thatsächlich sich nicht mit dieser formellen Feststellung begnügt habe, sondern 
„dafs die römische Synode den Method der strengsten Prüfung gerade über 
diesen Glaubenssatz unterwarf. Wie es bei allen Synodal Verhandlungen 
über Glaubenspunkte kirchliches Herkommen war, dafs die Synode dem 
Angeklagten ein in das Detail der in Frage stehenden Lehrsätze eingehendes 
Bekenntnis vorlegte, welches derselbe zum Beweis seiner Rechtgläubigkeit 
annehmen und unterschreiben mufste, so und nicht anders geschah es auch 
hier." Ginzel polemisiert gegen Dümmlers nach meiner Meinung ganz 
richtige Auffassung, ebenso gegen Wattenbach. Nach Ginzel hätte Methodius 
die abendländische Lehre über das filioque vollkommen geteilt, „wie die 
römische Kirche, so glaube auch er, dafs d. h. Geist nicht aUein vom Vater, 
sondern auch vom Sohn, und zwar von beiden zugleich ausgehe". Ginzel 
findet gar das dem Methodius abverlangte Glaubensbekenntnis in dem ent- 
sprechenden Passus des Briefes Stephans V. an Swatopluck. Und das 
aUes, um den Griechen Methodius möglichst römisch-katholisch zu machen. 



216 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

einstimmung im Bekenntnis als der rechten Grundlag-e des 
Glaubens genügte dem Papste" ^). 

So erkannte denn Johann die Orthodoxie des Methodius 
an und vermahnte ihn, bei dieser zu verharren. Der Ver- 
such der fränkischen Geistlichen und Swatoplucks, den Metho- 
dius, indem er der Häresie für schuldig erkannt wurde, zu 
stürzen, war also mifslungen. In einem besonderen Schreiben 
kündigte Johann dem Swatopluck den Ausgang des Pro- 
zesses an, wie die Fälschung zwar nicht dem Wortlaut, 
aber sicher dem Sinn nach richtig mitteilt, Johann habe 
den Methodius als in jeder kirchlichen Lehre und Glaubens- 
wahrheit vollkommen rechtgläubig gefunden. Eine Lösung 
der in Mähren herrschenden Differenz war nun allerdings 
diese politische Entscheidung Johanns nicht, die Reibungen 
mufsten fortdauern, keine Partei erkannte auch fürderhin 
der anderen Lehre für rechtgläubig an, und zur Schaffung 
des Friedens trug es gewifs auch nicht bei, wenn, wie 
wir annehmen dürfen, dem Methodius die Duldung der latei- 
nischen Lehre über das filioque auferlegt wurde. 

Die Abneigung Swatoplucks gegen Methodius und der 
steigende Einflufs der fränkischen Geistlichkeit an seinem 
Hofe konnte wohl Johann nicht entgehen. Hatte er nun 
einerseits sich auf des Methodius Seite gestellt und ihn 
gegen die Anklage der Ketzerei geschützt und gehalten, 
so mufste er anderseits auch dem Swatopluck eine Kon- 
zession machen und seiner nunmehrigen Hinneigung zur 
fränkischen Geistlichkeit Rechnung tragen *). Daher weihte 



1) Ostfränk. Reich« III, 194. Ähnlich urteilt Wattenbach Beiträge 
S. 22 über Johannes, „welcher sich mehr durch eine gewandte und rastlos 
verfolgte Politik als durch eifriges Festhalten dogmatischer Sätze auszeich- 
nete. Sein Standpunkt war hoch genug, um innerhalb der Kirche ver- 
schiedene Ansichten und Gebräuche zu dulden, und der Besitz der eben von 
neuem wieder gewonnenen pannonischen Diöcese zu wichtig, um ihn durch 
rücksichtsloses Handeln aufs Spiel zu setzen. Das Beispiel des kürzlich erst 
wieder verloren gegangenen Bulgariens mahnte zur Vorsicht". 

2) Dümmler, Ostfränk. Reich 2 III, 195 urteilt treffend: „Johann 



i 2$. Ernennung des Wiching zum Suffraganbischof. 317 

er denn, gewifs einem Wunsch des Swatopluck folgend, 
den schwäbischen Priester Wiching^ ^) zum Suffraganbischof 
des Methodius, mit dem Sitz in Neitra. Einen direkten 
Bericht darüber haben wir nur in der Fälschung von 880 ; 
aber wenn die auch im Sinne der Methodianer in ent- 
schiedenster Weise die absolute Unterordnung des Wiching 
unter Methodius betont, so dürfen wir doch gewifs nicht 
daran zweifeln, dafs Johann, wenn er sich schon dem Swato- 
pluck zu Liebe und um des Friedens willen zu diesem 



glaubte sicherlich, allen Teilen durch diese im Geiste echter Milde und 
Weisheit erlassene Verfügung gerecht geworden zu sein: den Erzbischof, 
der so leuchtende Verdienste um die Bekehrune und Sittigung der Slaven 
sich erworben, den das Volk als den seinigen verehrte und dem eine grofse 
Schar eifriger Geistlichen anhingf, hatte er gegen ungerechte Angriffe in 
Schutz genommen, in seiner Stellung befestigt und durch besondere Kapitel 
gesichert. Anderseits aber galt es auch, den mächtigen Mährerherzog, der 
sich mit Verschmähung aller Fürsten dieser Welt den hl. Petrus und seinen 
Nachfolger als alleinigen Schutzherrn, Helfer und Verteidiger erwählt hatte, 
in dieser seiner ergebenen Gesinnung zu erhalten: ihm zu Gefallen wurde 
Wiching, das Haupt jener fränkischen Gegner des Methodius, zum Bischof 
geweiht und diesem untergeordnet. Die Bedenken des Herzogs meinte 
Johann hierdurch beschwichtigt zu haben; die streitenden Gegensätze in 
der mährischen Kirche aber hoffte er durch seinen Machtspruch nieder- 
zuhalten." 

i) Über die Person Wichings, seine Herkunft und seine Laufbahn vgl. 
besonders Dudik, Gesch. Mährens I, 244 f. und Dum ml er, Ostfränk. 
Reich« III, 362. Ginzel S. 78 f. urteilt über seine Erhebung zum Erzbischof 
folgendermafsen : „Es lag aber der Errichtung des Bistums von Nitra und 
der Besetzung desselben mit Wiching noch ein Umstand zugrunde, den der 
Papst nach seinem eanzen Belange würdigen mufste. Das carantanische 
Unterpannonien war seit 878 [seit 874, siehe oben S. 205 f.] dem Method 
ganz unzugänglich geworden. Sollte also dasselbe nicht wieder Salzburg 
zufallen, sondern fortan als zur pannonischen Diöcese gehörend einen 
Teil der Kirchenprovinz bilden, deren Haupt Method war, so blieb nichts 
anderes übrig, als für diesen pannonischen Anteil einen bischöflichen Sitz 
zu gründen. Das Bistum Nitra umfafste also nebst dem mährischen Panno- 
nien noch die Amulfschen Länderstriche; und es legt sich von selbst nahe, 
dafs nur ein dem Arnulf genehmer Mann, wie dies Wiching war, panno- 
nischer Bischof werden konnte." 



218 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

Schritt entschliefsen mufste, doch wie früher das Recht 
des Methodius und damit des Papstes energisch wahrte 
und dem Wiching- und den fränkischen Geistlichen die ihnen 
zukommende untergeordnete Stellung als selbstverständlich 
anwies. Auch die weitere Nachricht der Fälschung, der 
Papst habe die Errichtung eines dritten Bischofssitzes an- 
geordnet und dem Swatopluck es überlassen, mit Vorwissen 
und Einverständnis des Erzbischofs einen geigneten Kan- 
didaten zur Weihe nach Rom zu senden, dürfen wir als 
durchaus glaubwürdig ansehen, sie entspricht ganz der Dar- 
stellung bzw. der Klage, die die bayerischen Bischöfe im 
Jahre 900 über die Teilung des früher einheitlichen Erz- 
bistums erhoben. 

Weiterhin bringt die Fälschung noch die strenge Mah- 
nung, dafs alle Geistlichen, seien sie Slaven oder aus an- 
deren Volksstämmen, in des Swatopluck Reich dem Erz- 
bischof Methodius in allen Stücken untergeben sein und 
nichts ohne dessen Einverständnis thun sollten. Wer Ärger- 
nis und Spaltung in der Kirche errege, den dürfe Metho- 
dius, wenn er sich auf die erste und zweite Mahnung hin 
unverbesserlich zeige, des Landes verweisen, dazu sei er 
von ihm, dem Papst, bevollmächtigt worden. Auch diese 
Bestimmung wird wohl den thatsächlichen Verhältnissen 
und Vorkommnissen entsprechen. Denn gerade, wenn Jo- 
hann die Opposition gegen Methodius kannte und ihr in 
einem Stück nachgeben mufste, wurd er anderseits bestrebt 
gewesen sein, die rechtliche Stellung des Methodius nach 
Kräften und energisch zu stützen. 

So hatten denn die fränkischen Geistiichen und Swato- 
pluck ihre Absicht nicht erreicht, Methodius kehrte von 
der Anklage gerechtfertigt, aufs neue als Erzbischof an- 
erkannt und gestützt heim. Durch diese Entscheidung Jo- 
hanns war die mährische Kirche auch durch die Errichtimg 
des SufTraganbistums fester organisiert, und in dieser Organi- 
sation fand doch der Ansturm der fränkischen Geistlichen 
seinen Lohn. Die Opposition hatte nunmehr einen, wenn 



J 26. Neue Angriffe des Wiching. 31^ 

auch untergeordneten Bischof. Das mufste naturgemäfs zu 
weiteren Differenzen und Reibereien führen und führte auch 
dazu. 



§ 26. Neue Angriffe des Wiching, deren Zurück- 
weisung durch Johann. 

Johann sollte die Erwartungen, die er auf seinen Richter- 
spruch gesetzt hatte, nicht erfüllt sehen. Es ward nicht 
Ruhe und Frieden in der mährischen Kirchenprovinz, im 
Gegenteil wurde der Ansturm Wichings und der fränkischen 
Geistlichen gegen Methodius immer stärker, ihre Anfein-^ 
düngen verbitterten dem greisen Erzbischof die letzten Jahre 
seines Lebens und suchten seine Thätigkeit zu untergraben. 

Die Entscheidung, die Johann in seinem Schreiben an 
Swatopluck gefällt hatte, erfüllte ihren Zweck nicht. Wiching 
möglicherweise, oder Swatoplucks Lehnsmann Semisisn sollte 
sie dem Swatopluck übergeben. Es scheint jedoch , dafs 
sie gar nicht in dessen Hände gelangte, oder durch einen 
anderen Brief ersetzt wiurde. Denn da Johann von den 
fortgesetzten Anfeindungen des Methodius hörte, wunderte 
er sich, dafs das möglich sei, da er doch in seinem Schrei- 
ben an Swatopluck so ausdrücklich die Rechtgläubigkeit 
des Methodius anerkannt habe. Ob nun Wiching dieses 
Schreiben mit oder ohne Vorwissen des Swatopluck ^) ver- 
tauschte, müssen wir unentschieden lassen, möglich ist 
immerhin, dals Swatopluck in seinem Hafs gegen Methodius 
seine Zustimmung zu der Fälschung Wichings gab. Auf 
Grund dieser Fälschung, die offenbar die Entscheidung 
Johanns als zu gunsten Wichings gefällt darstellte ^) und 
wohl auch den Methodius für der Ketzerei schuldig erkannte, 
agitierte Wiching im Lande gegen Methodius und feindete 



i) Dum ml er, Ostfränk. Reichs III, 196 scheint die Mitwisserschaft 
des Swatopluck anzunehmen. 

2) Ginzel S. 85; Dudik, Gesch. Mährens I, 248 f. 



230 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

seine Lehre und seine Wirksamkeit an. Mit erneuter Klage 
wendete sich Methodius nach Rom und fand auch diesmal 
bei seinem Schutzherm geneigtes Gehör. Johann ^) lobt 
seine Rechtgläubigkeit und mahnt ihn zu treuer Amts- 
führung. Die Klagen des Methodius bedauert er lebhaft, 
an den Leiden, die diesen treffen, nimmt er aufrichtig geis- 
tigen Anteil, denn das sehe ja Methodius daraus, wie sehr 
sich Johann das letzte Mal in Rom seiner angenommen 
habe und wie er für seine Rechtgläubigkeit gegen Swato- 
pluck eingetreten sei. Aus dem Text ist ersichtlich, wie 
erstaunt Johann über die neuen Hetzereien Wichings gegen 
Methodius ist, und wie wenig er sie mit seiner Entscheidung- 
an Swatopluck zusammenreimen kann. Methodius sage 
ihm doch, dafs sein Brief an Swatopluck angekommen sei, 
schreibt er und drückt darin wohl seinen Zweifel aus, ob 
er wirklich in die Hände des Swatopluck gelangt sei. Und 
da er einen ganz anderen Erfolg sieht, als den er in seiner 
Entscheidung beabsichtigt hatte, beruhigt er den Metho- 
dius, dafs er weiter kein Schreiben an Swatopluck gerichtet 
habe. Er wie Methodius müssen also gleich auf den Ge- 
danken gekommen sein, dafs hier eine Fälschung zu ihren 
Ungunsten vorgenommen worden sei. Nun geht Johann 
auf die Umtriebe des dem Methodius feindlichen Bischofs 
ein, Wichings Name wird zwar nicht genannt, aber sicher- 
lich ist nur er gemeint. Wiching scheint sich auf päpst- 
liche Schreiben und Aufträge berufen zu haben, durch die 
er sogar eidlich verpflichtet sei, etwa die Oberaufsicht über 
des Methodius Lehre und Amtsthätigkeit zu führen. Dafs 
er dem Wiching solchen Auftrag gegeben habe, dagegen 
verwahrt sich Johann entschieden. Weder heimlich noch 
öffentlich habe er dem Wiching irgendeinen Auftrag, dessen 
Spitze gegen Methodius gerichtet sei, gegeben. Vollends 
könne keine Rede davon sein, dafs er eidlich den Wiching 
zu irgendeiner gegen Methodius gerichteten Wirksamkeit 

I) I. E. 3344. 



i 26. Neue Angriffe des Wiching. 221 

verpflichtet habe, nicht ein Wort habe er überhaupt mit 
Wiching- über solche Dinge gesprochen. Man sieht, die 
Mittel, zu denen Wiching griff, um gegen Methodius zu 
hetzen, waren starke und mufsten wohl dem Erzbischof 
Kummer und Sorgen bereiten. Allerdings war aber Metho- 
dius selbst mit daran schuld, denn seine fortgesetzte eigen- 
mächtige Feier der slavischen Liturgie trotz des erneuten 
päpstlichen Verbots mufste seine fränkischen Gegner reizen 
und um so mehr gegen ihn erbittern, als sie gewifs waren, 
in dieser Frage den korrekten römischen Standpunkt den 
Papstbriefen entsprechend zu vertreten. Und wenn so in 
diesem Punkt Methodius den fränkischen Geistlichen guten 
Grund zu Angriffen gab, ist ja erklärlich, dafs sie auch an 
seiner Rechtgläubigkeit zu zweifeln anfingen. Darum tröstet 
denn auch Johann den Methodius und ermahnt ihn auszu- 
harren in treuer Arbeit für seine Herde, damit er Gottes 
Lohn sich erwerbe. So solle er denn auch um Gottes 
willen alle die Leiden, die ihm seine Widersacher bereiten, 
ertragen. Aber mit diesem Trost war die Sache für Jo- 
hannes nicht abgethan, auch irdische Genugthuung, ver- 
spricht er, soll dem Methodius werden. Er bescheidet den 
Methodius nach Rom, auch Wiching werde dahin citiert 
werden , vor beiden werde dann der Papst die Unthaten 
des Wiching gegen seinen .Erzbischof, die Pflichtverletzung, 
deren jener sich durch die Fälschungen gegen seinen vor- 
gesetzten Oberhirten schuldig gemacht habe, untersuchen 
und gewifs werde er für die fortgesetzte Bosheit des Wiching 
schon die rechte Strafe finden. 

Zu dieser Schilderung pafst auch die Darstellung, die 
uns die Vita Methodü (Kap. 12) von diesen Vorgängen 
gibt. Wie bei dem ersten Angriff der Bischöfe gegen 
Methodius, ist es auch hier wieder der Satan, der die Men- 
schen gegen Methodius aufhetzt, wie er den Dathan und 
Abiron gegen Moses aufgewiegelt hat. Von der Schilde- 
rung der Vita Methodü müssen wir auch hier wieder erst 
den tendenziösen Zusatz wegnehmen, und der besteht dies- 



"282 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

mal in dem Vorwurf der hyiopatorischen Ketzerei, der geg-en 
die Feinde des Methodius geschleudert wird. Heimlich und 
öffentlich hätten sich die Widersacher gegen den Erzbischof 
-erhoben, gefälschte Papstbriefe *) hätten sie vorgewiesen und 
verkündet, dafs ihnen der Papst die kirchlichen Vollmachten 
übergeben habe, den Methodius aber und seine Irrlehren 
wolle er vertrieben wissen. Dadurch sei denn die Mehrzahl 
des Volkes, die sichtlich an ihrem Erzbischof hing, sehr 
betrübt, nur wenige, die der Irrtum wie Blätter im Winde 
hin und her wehte, seien schwankend geworden. Nun be- 
richtet die Vita Methodii ein Vorkommnis, dessen der Brief 
Johanns keine Erwähnung thut, die Abhaltung einer grofsen 
Volks- oder Reichsversammlung. Die Möglichkeit dieser 
Thatsache dürfen wir durchaus nicht von der Hand weisen, 
Johann selbst konnte darüber nichts schreiben, weil diese 
Versammlung offenbar erst die Folge seines Briefes war. 
Denn, wie die Vita Methodii schreibt, auf der Versammlung 
kam der Betrug und die Fälschung des Wiching und 
seiner Genossen zutage. Methodius war in der Lage, authen- 
tische Briefe des Papstes vorzulegen, in denen seine Ortho- 
doxie bestätigt, seine rechtliche Stellung anerkannt, sein 
oberhirtliches Aufsichts- und Strafamt über alle Teile des 
slavischen Reiches bestätigt wurde. So erlitten denn seine 
Gegner eine beschämende Niederlage. Die apostolischen 
Schriften, die da erwähnt werden, sind offenbar entweder 
das echte Schreiben Johanns an Swatopluck, von dem 
Methodius sich vielleicht in Rom gleich eine Abschrift ge- 
nommen hatte, oder auch das besprochene Schreiben Jo- 
hanns an Methodius vom 23. März 881, durch das das 
^anze Lügengewebe des Wiching klar aufgedeckt werden 
konnte. 

So wurde auch dieser neue Angriff dank der ener- 



i) Aach in diesem Kapitel nennt die Vita Methodii auffallenderweise 
•den Namen Johanns nicht, wie auch früher in der Schilderung der Kämpfe 
von 870 — 873 weder Hadrian noch Johann genannt werden. 



J 27. Die letzten Lebensjahre des Methodius. Sein Tod. 2SS 

gischen Hilfe des Papstes zurückg-'eschlag-en. Ob die Ver- 
handlung in Rom wirklich stattfand, darüber haben wir 
keine Nachricht, wahrscheinlich ist es nicht, denn sonst 
würde gewifs eine der Methodianischen Schriften einen Be- 
richt oder eine Andeutung darüber bringen. 



§ 27. Die letzten Lebensjahre des Methodius. 
Sein Tod. 

Johann VIII. starb im Dezember 882, und damit hatte 
Methodius seine festeste Stütze verloren. Johann hatte die 
Bedeutung des Methodius zu würdigen gewufst und hatte 
ihn darum allen Angriffen gegenüber mit seiner Autorität 
geschützt. Bei dem Wechsel, der nach seinem Tode für 
die nächsten Jahre in der Besetzung des päpstlichen Stuhles 
eintrat, konnte naturgemäfs Methodius am Papst keinen 
kräftigen Rückhalt haben, während anderseits seine Gegner 
immer feindseliger gegen den nicht mehr vom Papst ge- 
schützten Methodius auftraten. Diese Sachlage erklärt uns 
eine Angabe der Vita Methodii (Kap. 13), deren historische 
Glaubwürdigkeit angezweifelt worden ist ^). Die Gegner des 
Methodius hätten ausgestreut, der Kaiser — offenbar ist der 
griechische gemeint — sei heftig erzürnt auf Methodius. 
Da habe Gott dem Kaiser den Gedanken eingegeben, den 
Methodius zu sich einzuladen. Dieser sei sofort hingereist, 
sei ehrenvoll empfangen worden, der Kaiser habe seine 
Lehren vollauf gebilligt und habe Schüler des Methodius 
mit den kirchlichen Schriften zurückbehalten. Er wie der 
Patriarch hätten dem Methodius alle Freundschaft erwiesen 
und ihn mit allen Ehren wieder heimgeschickt. 

In dieser Form mag die Erzählung nicht wahr sein, 
und jedenfalls ist sie wieder in der Absicht niedergeschrie- 
ben, die hohe Anerkennung, die Methodius für seine Wirk- 



i) Vgl. Dümmler, Archiv xm, 196. 



224 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

samkeit selbst bei dem griechischen Kaiser findet, in das 
gebührende Licht zu stellen. 

An dem Kern der Erzählung- aber, der ihr zugrunde 
lieg-enden Thatsache, einer Reise des Methodius zum Kaiser 
zu zweifeln, ist durchaus kein Anlafs. Methodius war ja 
Grieche, hielt an g-riechischem Brauch auch in seiner mäh- 
rischen, slavischen Kirche und seinem lateinischen Erzbistum 
fest, teilte offenbar die g-riechische Lehre vom Ausgang* 
des hl. Geistes. Als Johann starb, war er von Hilfe ver- 
lassen, lauter und lauter werden seine Feinde den Vorwurf 
der Ketzerei gegen ihn erhoben haben. Da war es denn, 
je mehr die dogmatische Streitfrage in den Vordergrund 
trat, ganz natürlich , dafs er da seine Zuflucht suchte , wo 
er herstammte, wohin er geistig gehörte, wo er nach Jo- 
hanns Tod allein noch Hilfe und Zuflucht fand. Dafs die 
dogmatische Frage ihn mit zu dieser Rückkehr zum Kaiser 
und zur griechischen Kirche veranlafst habe, liegt auch in 
dem Wortlaut der Vita Methodii, dafs seine Lehre, jeden- 
falls die vom Ausgang des hl. Geistes, weil er in ihr mit 
der griechischen Kirche übereinstimmte, vom Kaiser und 
Patriarchen gebilligt worden sei. So dürfen wir denn wohl 
für sicher annehmen, dafs Methodius nach Johanns Tod in 
Konstantinopel Schutz und Anlehnung an seine Mutterkirche 
gesucht und gefunden hat ^). 

Die wenigen Jahre, die er noch lebte, widmete er sich 
gewifs mit aller Kraft dem Ausbau seines Lebenswerkes, 
der Schaflung einer mährisch -slavischen Nationalkirche. 



i)Lap6trel. c. I, 157 nimmt an, Methodius habe diese Reise 
natürlich nur im Einverständnis mit dem Papst unternommen. Den Passus 
im Brief von 881 an Methodius cum Deo duce reversus fueris deutet er trotz 
seiner Unbestimmtheit auf diese Reise zum Kaiser. Dabei übersieht La- 
potre, dafs nach der Darstellung der Vita Methodii diese Reise erst später, 
nachdem Methodius nochmals über die deutsche Partei gesiegt hatte, statt- 
fand. Auch diese Annahme Lapotres entspringt seinem Bedürfnis, Methodius 
möglichst als treuesten Sohn der römischen Kirche darzustellen, der nichts 
ohne oder gegen den Willen des Papstes that. Das entspricht aber den 
thatsächlichen Verhältnissen gar nicht. 



§ 2 7- Die letzten Lebensjalire des Methodius. Sein Tod. SS5 

Unter Konstantin und gemeinsam mit diesem hatte er diese 
Arbeit begonnen durch die Übersetzung des Neuen Testa- 
ments — sei es im ganzen oder einzelner Abschnitte — des 
Psalters und ausgewählter Gebete, nach dessen Tode 
hatte er es mächtig gefördert durch die Übersetzung der 
Liturgie, nunmehr vollendete er es durch die gänzliche 
Übersetzung der hl. Schrift. Er nahm sich zwei schreib- 
gewandte Priester zuhilfe und übersetzte nach der Angabe 
der Vita Methodii (Kap. 15) innerhalb sechs Monaten, vom 
März bis Oktober, das Alte Testament mit Ausnahme der 
Makkabäerbriefe — die wahrscheinlich für die apokryphi- 
schen Bücher gesetzt sind — aus dem Griechischen in das 
Slavische. Das genauere Datum der Vollendung der Bibel- 
übersetzung bestimmt die Vita Methodii noch dahin, dafs 
Methodius mit seinem Klerus unter Preis und Dank für 
Gottes Hufe bei diesem Werke das Gedächtnis des hl. 
Demetrius am 26. Oktober gefeiert habe. Nachdem er 
diese Arbeit fertig gestellt hatte, übersetzte er noch den 
Nomocanon, eine Sammlung kirchlicher Satzungen, die der 
Patriarch von Konstantinopel, Johannes Scholastikus -j- 578, 
veranstaltet hatte und ein Leben der Väter. 

Man hat die für die Übersetzung verwendete Zeit auf- 
fallend kurz gefunden*), ,, selbst wenn wir annehmen, dafs 
die beiden Priester, deren sich Methodius bediente, nicht 
blofs zum Schreiben verwendet wurden, sondern neben- 
einander unter seiner Anleitung selbständig übersetzten." 
Ich glaube, dafs das letztere auch wirklich der Fall war. 
Sowohl die Fälschung von 869 als die von 880 legen das 
nahe. Beide erlauben die slavische Bibelübersetzung und 
zwar legen sie dem Papst jedesmal solche Wendungen in 
den Mund, aus denen mit Sicherheit auf das Vorhandensein 
anderer Übersetzungen neben der des Methodius geschlossen 
werden darf. So gestattet die Fälschung von 869 auch 
eine Übersetzung, die „ein anderer" angefertigt habe, wo- 



i) Dum ml er, Archiv XIII, 197. 
Goetz, Geschichte der Slavenapostel. 15 



2JSC Zweiter Abschnitt: Greschichte des Methodios. 

fem sie nur würdig- und orthodox sei, und die Fälschung- 
von 880 genehmig-t im allg-emeinen ,,g\it ang-efertigte Über- 
setzung-en** der Lektionen des Alten und Neuen Testa- 
ments. Diese Bemerkung-en der Fälscher, die ja gewifs 
über den Verlauf der Dinge unterrichtet waren, scheinen 
mir den richtig-en Sachverhalt wiederzugeben, dafs diese 
zwei Priester unter Oberaufsicht des Methodius, aber doch 
in g-ewisser Selbständigkeit die Übersetzung- anfertigten. 
Die Kürze der Zeit sucht anderseits Dudik ^) nicht ohne 
gewisse Berechtig-ung- damit zu erklären, „dafs in derselben 
nicht die eigentliche Übersetzung, sondern nur die Revision 
derselben und dieser Revision Reinschrift erfolgte. Denn 
seit dem Jahre 879 [richtiger 869 — 870], seit welchem die 
slavische Liturgie eingeführt war, mufete das ganze Neue 
Testament und der bei weitem gröfsere Teil des Alten 
schon übersetzt gewesen sein, weil im entgegengesetzten 
Fall weder das Stundengebet noch die hl. Messe und der 
gottesdienstliche Ritus hätten stattfinden können.*' 

Genauere Nachrichten über Einzelheiten seiner Thätig- 
keit bieten die sicheren Quellen nicht. Sie belehren uns 
nicht einmal darüber, welches sein Bischofssitz gewesen 
sei. Ginzel *) mag nicht mit Unrecht annehmen , dafs er 
überhaupt als richtiger Missionsbischof keinen bestimmten 
Sitz gehabt habe. „Sein Amt brachte es mit sich, bald 
hier, bald dort zu weilen, und in Mähren mag vorzugsweise 
Welehrad, die Burg Rastislavs und Swatoplucks, sowie in 
Pannonien die Burg und Stadt Priwinas unter Kozel Mose- 
burch genannt, ihm zum längeren Aufenthalte gedient 
haben" 3). 



i) Gesch. Mährens I, 263 ^ 

2) S. 78". 

3) Methodios wird ebenso wenig eine Residenz gehabt haben als 
Bonifatius, dem Gregor III. (Jaff6, Bibl. III, 106) befiehlt: Nee enim habe- 
bis licentiam frater percepti laboris in uno morari loco, sed confirma corda 
fratrum [seil, episcoporum] et omnium fidelium. 



i 27. Die letzten Lebensjahre des Methodius. Sein Tod. 227 

Nach seiner Vita Kap. 16 kam er einmal mit dem 
König *) der Ungarn, als dieser in die Donaugegenden kam, 
in Berührung und hatte eine freundliche Zusammenkunft; 
auch zu einem heidnischen Fürsten an der Weichsel, wohl 
einem Polenherzog, soll er (nach Kap. 11) Boten gesandt 
haben. 

Offenbar unhistorisch und auch in den sicheren Quellen 
nirgends zu finden ist die Nachricht, Methodius habe in 
seiner letzten Lebenszeit die Peters- und Paulskirche in 
Brunn 884 konsekriert; die Urkunden, die darüber berichten, 
sind sicher unecht *). 

Ebenso wenig in den sicheren Quellen bezeugt ist die 
Nachricht, Methodius habe den Böhmenherzog Borziwoy 
^•etauft, die nach mündlicher Überlieferung der älteste böh- 
mische Chronist, Kosmas, aufgezeichnet hat. Ginzel wie 
Dudik halten diese Thatsache für wahr. Letzterer *) spricht 
auch von der Einführung der slavischen Schrift und Liturgie 
in Böhmen und stellt es als ausgemacht hin, dafs auch 
JBöhmen zu des Methodius Diöcese gehört habe. Ja nach 
ihm hätte der Sprengel des Methodius überhaupt keine be- 
stimmten Grenzen gehabt. „Und da damals mit Ausnahme 
des Erzbistums Hamburg, welches für ganz Sachsen be- 
stimmt war, die Elbe-, Oder- und Weichselslaven noch ohne 
jegliches Bistum waren, so konnte sich Methods Kirchen- 
sprengel ebenso gut über die erst im Jahre 1000 errichtete 
Diöcese von Krakau und Breslau ausdehnen, wie über die 



i) Dümmler, Archiv XIII, 198. 

2) Wattenbach, Die slav. Liturgie in Böhmen 221,1, Dümmler, 
Archiv xm, 155, Ostfränk. Reich« m, 2545; Ginzel S. 8915 hält sie für 
«cht. Es sind Bruchstücke eines Olmützer Saalbuches, die angeblich von 
Professor Monse entdeckt und dann auch von Boczek, Codex diplom. 
Moraviae I, 136 und 137 ediert wurden. Danach hätte gar „Kyrill" die 
Peterskirche zu Olmütz zu Rastislavs Zeiten konsekriert; auch Dudik, 
Gesch. Mährens I, 228 x hält die Urkunden für unecht, dagegen Rattinger 
Stimmen aus Maria Laach XXU, 162 und 417 nimmt sowohl die Kirchweihe 
durch Kyrill als die durch Methodius als echt an. 

3) Gesch. Mährens I, 271. 

15* 



228 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

Gebiete der erst im lo. Jahrhundert errichteten drei wen- 
dischen Bistümer Aldenburg- 936, Havelberg 946 und Bran- 
denburg 949, die sowie die später errichteten Bistümer 
Merseburg, Zeitz, Meifsen und Posen dem 968 errichteten 
Erzbistume Magdeburg als Suffragane unterstellt wurden. 
Es ist daher eine vergebene eitle Mühe, nach der Nord- 
und Ostgrenze der mährischen Erzdiöcese zu fragen." 
Ginzel ^) anderseits, so sehr er die Taufe Borziwoys durch 
Methodius festhält, bestreitet entschieden, dafs Methodius 
irgendeinen direkten Einflufs auf Böhmen gehabt habe, das 
zur Diöcese Regensburg gehörte. Auch dem slavischen 
Kultus sei der Eingang in das Land ganz verschlossen ge- 
wesen. Wattenbach ^) dagegen meint : „ Gewifs können wir 
zuversichtlich annehmen, dafs mit dem politischen Über- 
gewicht Swatoplucks, der Abhängigkeit Böhmens, auch der 
kirchliche Einflufs des Methodius sich auf Böhmen erstreckte 
und dafs erst nach dem Falle des mährischen Reiches die 
Bischöfe von Regensburg ihre alten Rechte wieder geltend 
zu machen vermochten." Er giebt aber selbst zu, dafs er 
keine absolut stichhaltigen Beweise für die Existenz der 
slavischen Liturgie in Böhmen in jener Zeit beibringen 
könne. Alles das sind Vermutungen und Kombinationen, 
die in den echten und gleichzeitigen Quellen keinen sicheren 
Grund haben, sondern auf späteren Nachrichten beruhen, 
die natürlich um so wertloser werden, je mehr sie sich von 



i) S. 67 f. 130 f. Höfler 1. c, S. 47 dagegen schreibt: „Wer noch 
auf das Zeugnis des Cosmas die Taufe Boriwoys annimmt, wird kaum dem 
Verdikt entgehen können, dafs er dadurch auf die Berechtigung verzichte, 
in streitigen historischen Dingen, wo Kritik und Logik allein entscheiden, 
gehört zu werden", ferner S. 49: „ Method hat sich in die böhmischen 
Diöcesanverhältnisse nicht eingemischt, er ist nicht nach Böhmen ge- 
kommen, er hat dem Bischöfe von Regensburg inbetreff Böhmens keinen 
Grund zur Klage gegeben." Ibid.: „Alle unsere Traditionen, ob kirchliche, 
ob herzogliche und somit premyslidische weisen auf deutsche Glaubens- 
boten, nicht eine auf Method hin." 

2) Die slav. Liturgie, S. 224. 



2 27. Die letzten Lebensjahre des Methodius. Sein Tod. 229 

der Zeit der Ereignisse entfernen *). So ist es denn auch 
keine gesicherte geschichtliche Nachricht, sondern fromme 
Legende, was Leo XIII. in seiner Encyklika über Methodius 
darbietet: ,,Denn nachdem er zuerst den Fürsten der Böh- 
men, Borziwoi, und sodann dessen GemahHn Ludmiila 
durch Mitwirkung eines Priesters zum katholischen Glauben 
bekehrt hatte, brachte er es in kurzer Zeit dahin, dafs in 
diesem Volk das Christentum weit und breit Eingang fand. 
Zu derselben Zeit war er besorgt, das Licht des Evan- 
geliums nach Polen zu tragen, und als er bis in die Mitte 
von Galizien vorgedrungen war, gründete er zu Lemberg* 
einen Bischofssitz. Von da hinweg begab er sich, wie 
einige überliefert haben, nach Moskau und errichtete zu 
Kiew einen bischöflichen Stuhl. Mit diesen wahrlich un- 
verwelklichen Lorbeeren kehrte Methodius zu den Seinen 
nach Mähren zurück." 

Die Thätigkeit wurde dem Methodius in seinen letzten 
Jahren gewifs nicht leicht gemacht. Die fränkischen Geist- 
lichen, die sich mit Wiching an der Spitze mehr und mehr 
in Swatoplucks Gunst behaupteten, müssen sich sehr wider- 
setzlich gegen ihren Erzbischof benommen haben. Und 
ihre Verhetzung des Volkes gegen das Wirken und die 
Rechtgläubigkeit des Methodius mufs einen höchst feind- 
seligen Charakter angenommen haben, denn sonst würde 
sich Methodius schwerlich zu dem äufsersten Gebrauch seiner 
Amtsgewalt haben hinreifsen lassen. So sah sich aber Me- 
thodius endlich noch gezwungen, über seine Feinde, also 
wohl Wiching, möglicherweise auch über den Fürsten selbst 
das Anathem zu verhängen. Die Erbitterung zwischen den 
beiden Parteien der nationalen und fränkischen war also 
gewifs aufs höchste gestiegen, und wohl nur dem Umstand, 
dafs eine so imponierende, machtvolle Person wie Metho- 



i) Auch V. Spruner und Menkes historischer Handatlas läfst die 
Diöcese des Methodius sich auch über Böhmen erstrecken. (Nebenkarte zu 
Nr. 74. Die kirchlichen Verhältnisse Mährens bis 884.) 



2S0 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

dius an der Spitze des Kirchenwesens stand, ist es zu dan- 
ken, dafs nicht schon zu seinen Lebzeiten, wie gleich nach 
seinem Tode der offene Kampf ausbrach. Denn direkt 
g-egen Methodius vorzugehen, ihn etwa seines Amtes zu 
entsetzen, vor dem mag* Swatopluck bei aller Abneigung 
gegen Methodius doch in stiller Anerkennung von dessen 
Gröfee und Bedeutung zurückgeschreckt sein. 

Kampf und Streit erfüllten so die letzten Jahre seines 
Lebens, bis er am 6. April 885 nach kurzem dreitägigem 
Krankenlager starb. 

Der ausführliche Bericht der Vita Methodii Kap. 17 über 
seine letzten Lebenstage hat sichtlich den Charakter einer 
zur Verherrlichung des apostel- und prophetengleichen 
Methodius geschriebenen Legende. Aber abgesehen von 
der diese Tendenz bekundenden erbaulichen Diktion sind 
die Angaben der Vita nicht unglaubwürdig, und die darin 
erzählten Vorgänge werden in den primären Quellen auch 
bezeugt. So hat nach dem Bericht der Vita Methodii 
dieser selbst auf die Anfrage seiner Schüler und Priester 
seinen Nachfolger bestimmt, und zwar einen mährischen 
Slaven mit Namen Gorazd *), der in der lateinischen Sprache 
und Schrift sehr bewandert und dazu rechtgläubig sei. Am 
Palmsonntag habe Methodius dann sein Ende herannahen 
sehen, in der Kirche habe er noch den Segen über den 



i) Gorazd ist bei Miklosich Slav. Personennamen angeführt mit der 
Bedeutung peritus, im Lexicon linguae sloven. veteris dialecti hat Miklosich 
das Adjectivum FOPAS^'L peritus, ebenso hat der von der St. Peters- 
burger Akademie herausgegebene Slowar zerkowno-slavianskago jasyka das. 
Adjektivum FOPAS^T) in der Bedeutung geschickt, kundig. Gorazd 
hat diesen Namen wohl erhalten wegen der besonderen Eigenschaften 
und Kenntnisse, die Methodius an ihm rühmt: CL lECTL BAIIIEÄ 

SmiÄR, CBOBO^t MOyaGB, Oy^IEHT) ;KE AOEP-B B'L 
JIATIIHLCKBIJI KHHrH, nPABOBBPLHT). Er sollte viel- 

leicht bei den anderen Schülern, die von Methodius einen ihm passenden 
Nachfolger bestimmt haben wollten, gleich durch diesen Namen zu der 
Stelle, die ihm Methodius zugedacht hatte, qualifiziert werden. 



g 28. Die Schicksale der Methodianer. 281 

König *) und den Fürsten gesprochen. Von seinen Schülern 
umgeben, die bei ihm wachen mufsten, starb er dann am 
6. April 885. 

Seine Schüler gestalteten seine Beerdigung und das 
Requiem möglichst feierlich, in drei Sprachen, auf latei- 
nisch, griechisch und slavisch lasen sie die Messe. In der 
„Kathedralkirche'* setzten sie ihn bei, wo diese aber ge- 
legen war, dafür haben wir keinen Anhaltspunkt^). All- 
gemein war die Trauer und aufserordentlich die Beteiligung 
des ganzen Volkes bei seinem Scheiden und seiner Be- 
erdigung, alle Alter und Stände beweinten in ihm den guten 
Hirten, den trefflichen Lehrer. Denn alle hatten an ihm 
viel verloren, er war allen alles gewesen. 

§ 28. Die Schicksale der Methodianer. 

Kaum war Methodius gestorben, als der Kampf zwischen 
den beiden Parteien entbrannte , und in leidenschaftlichem 
Hafs mit allen Mitteln bis zur bewufsten Fälschung geführt 
wurde. Für Swatopluck war mit dem Scheiden des Erz- 
bischofs der letzte Grund hinweggefallen, der ihn bisher 
hinderte, offen und ganz sich auf die Seite Wichings zu 
stellen und direkt Partei gegen die Methodianer zu nehmen. 
Nun that er es, und in unbegreiflicher Verkennung der Um- 
stände und des Wertes der Lebensarbeit des Methodius 
half er das Werk wieder zerstören, das zum Heile seines 
Volkes aufgeführt und mit die Ursache der mächtigen poli- 
tischen Stellung war, die er damals einnahm. Allerdings 
waren die Mittel, mit denen Methodius die mährische Kirche 
in nationalem Geist gefestigt hatte, offenkundig ungesetzliche, 



i) Mit dem „König" rex ist vieUeicht der griechische Kaiser gemeint, 
der auch in dem Bericht über des Methodius Reise nach Konstantinopel 
einmal rex genannt wird. Zu dieser Reise würde auch logisch die Segnung 
des Kaisers, den Methodius in seinen letzten Jahren als seinen Schutzherrn 
ansah, gut passen. 

2) Ginzel S. 90^. 



292 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

und die Stellung, die die Methodianer einnahmen, wäre 
g-ewifs keine minder gesetzwidrige gewesen. So hatte Swato- 
pluck die Wahl das Werk des Methodius, dem er auch 
als Fürst so viel verdankte, zu halten, und dann mufste er 
es schliefslich auf einen Bruch mit Rom ankommen lassen. 
Oder er stützte sich auf die fränkische Partei und blieb dem 
römischen Stuhl untergeben, dann mufsten aber die Metho- 
dianer und ihre national - kirchlichen Bestrebungen unter- 
liegen. Swatopluck wählte das letztere. 

Offen stellte er sich auf Wichings Seite und erkor ihn 
zum Nachfolger des Methodius. Um die Designierung des 
Gorazd durch Methodius kümmerte er sich nicht. Den 
Wiching aber schickte er mit einem Schreiben nach Rom 
und bat um dessen Einsetzung als Erzbischof der mährisch- 
pannonischen Kirchenprovinz. Aus der Antwort Stephans ^) 
können wir auf den Inhalt dieser Botschaft einen Rück- 
schlufs ziehen. 

In kluger Berechnung stellten sich Swatopluck und wohl 
auch Wiching dem Papst gegenüber sehr devot und unter- 
würfig und hofften mit Recht, dadurch um so mehr einen 
günstigen Eindruck auf den Papst zu machen, als sie gleich- 
zeitig die fortgesetzte Unfolgsamkeit des Methodius, seinen 
hartnäckigen Ungehorsam gegen die bestimmten Weisungen 
des hl. Stuhles melden konnten. Ohne überhaupt zu er- 
wähnen, dafs Gorazd von Methodius zu seinem Nachfolger 
ausersehen sei, stellte Swatopluck den Wiching als unter- 
würfigen und rechtgläubigen Kandidaten für den erzbischöf- 
lichen Sitz vor. Stephan seinerseits hatte wohl nicht wie 
Johann das Verständnis für das Wesen und den Wert des 
Methodius für die Festigung der römischen Kirche in jenen 
Gegenden, die von der griechischen Kirche so bedroht 
waren *), den Swatopluck anderseits, der auf der Höhe seiner 



1) I. L. 3407. 

2) Nach Bretholz, Gesch. Mährens I, 96 war Stephan ein Papst, 
„der in mehrfacher Hinsicht mit den politischen Traditionen seiner Vor- 
gänger, besonders denen Johannes, brach." 



g 28. Die Schicksale der Methodianer. 333 

Macht stand, brauchte er*). So ist es erklärlich, dafs er 
dessen Beg-ehren willfahrte, zumal er vielleicht im Anfang 
nicht so ganz über den Stand der Dinge unterrichtet sein 
mochte. Er schickte also den Wiching als neuernannten 
Oberhirt der mährischen Kirche mit einem ausführlichen 
Schreiben zurück, das auf alle die Punkte eingeht, die bei 
der Erledigung dieser Frage in Betracht kamen. 

Mit grofser Befriedigung lobt er die Devotion des 
Swatopluck, den er sogar mit „König'* anredet, und zeigt 
grofse Genugthuung darüber, dafs dieser sich und sein 
Volk unter den Schutz des hl. Petrus gestellt habe. Wie 
in diesem allgemeinen Verhältnis, so solle ganz besonders 
auch hinsichtlich der christhchen Glaubenslehre Swatopluck 
sich nur an die römische Kirche, das Haupt der ganzen 
Christenheit halten. Und nun giebt Stephan eine ausführ- 
liche dogmatische Auseinandersetzung über die Streitfrage 
jener Tage über die Trinitätslehre und den Ausgang des 
hl. Geistes. Was er ihm da als Lehre der römischen 
Kirche klarlege, solle Swatopluck ohne allen Zweifel als 
Glaubenswahrheit bekennen und gläubigen Herzens an- 
nehmen, aber er solle sich nicht über seine Kräfte mit 
näherer Untersuchung dieser Lehren abgeben. Er möge 
sich damit genügen lassen, dafs das der Glaube der ganzen 
apostolischen und katholischen Kirche seit der Zeit der 
Apostel sei. 

In diesem Glauben und dieser Lehre der Kirche habe 
er nun auch den Wiching geprüft und wohlunterrichtet ge- 
funden. So sende er ihn denn mit der oberhirtlichen 
Gewalt ausgestattet heim, Swatopluck dürfe sich auf seine 
(Wichings) Treue und Sorgfalt in allen Stücken gewifs ver- 
lassen. Darum soll Swatopluck aber dem Wiching als 
seinem. Seelenhirten alle Ehre und gebührende Verehrung 
erweisen. Wiching aber solle die volle kirchliche Juris- 
diktion haben, und Gott vor Augen sie stets ausüben, denn 



i) Vgl. Langen, Römische Kirche III, 290. 



2$4 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

er werde dereinst auch über die ihm anvertraute Herde 
Rechenschaft geben müssen. 

Nun folgt eine ausführliche Auseinandersetzung über 
das Fasten und die Fasttage *) , in der Stephan natürlich 
den lateinischen Brauch umständlich darlegt. Es scheint, dafe 
auch in diesem Punkt Wiching Klage über die Abweichung 
des Methodius von der lateinischen Sitte geführt hat, denn 
unmittelbar daran schliefst sich der Teil, der die Ver- 
werfung des Methodius enthält und der mit einem ver- 
bindenden „denn" weitergeführt wird. Die Klagen, die 
Wiching gegen Methodius vorbrachte, werden sich in erster 
Linie auf die dogmatische Streitfrage wegen des filioque 
bezogen haben, darum spricht Stephan zuerst von dem 
Aberglauben des Methodius. Auch dafe Methodius — nach 
Wichings Bericht — Äj^emis, wohl durch Abweichungen 
in der Disziplin etwa im Fasten u. s. w. erregt habe, er- 
fahren wir aus Stephans Verwerfung des Methodius. So 
verurteilt denn Stephan durchaus alle diese abergläubischen 
Lehren und Anschauungen des Methodius. Das Anathema 
aber, das Methodius ausgesprochen habe, werde auf sein 
Haupt zurückfallen. Swatopluck hingegen und sein Volk 
würden von aller Schuld frei sein, wenn sie nur fest und 
unerschütterlich sich an die Lehren der katholischen Kirche 
hielten. Demnach scheint Wiching dem Papst vorgespiegelt 
zu haben, Methodius habe wegen der Glaubensdifferenzen 
das Anathema verhängt. 

In scharfem Tone wird dann die Unbotmäisigkeit des 
Methodius gerügt, mit der er allen päpstlichen Verboten 

i) Einen ähnlichen Fastenerlafs haben wir von Johann Vm. (L E. 2984 
bei Löwenfeld, Ep. Pont Rom. ined., nr. 51, p. 29) et quare de iciu- 
nio sabati vel de celebratione qnattaor temporam pertinaciter agat, cum et 
de ieionio omnis sabatis b. papa SÜTcster Grecos convicerit et apostoli 
sexta feria et sabato ieiunaverint et sanctns papa Inooceotins saper hoc 
capitulum in suis decretalibas instituerit. Da man also damals in Rom 
überhaupt es mit dem Fasten streng nahm, hat der Papst möglicherweise 
audi von selbst in Mähren hierüber angefragt und danach seine Entscheid 
^■^ g^eben. 



§ 28. Die Schicksale der Methodianer. SS5 

zum Trotz, seinem eigenen eidlichen Gelöbnis, das er über 
dem hochheiligen Leib Petri abgelegt habe, zum Hohn die 
Messe fort und fort in slavischer Sprache gelesen habe. 
Keiner möge sich des mehr unterfangen und damit wie 
Methodius einen Meineid begehen, die Strafe des Anathemas 
setze er auf solches Beginnen. Allerdings möge zur Be- 
lehrung und Erbauung des gewöhnlichen Volkes die Predigt 
in der Volkssprache gehalten werden, das solle häufig ge- 
schehen, denn in jeder Sprache solle Gott gepriesen werden. 
Wer aber diesen seinen Geboten nicht gehorchen wolle und 
weiterhin Streit und Ärgernis erregen werde, den werde er 
nach zweimaliger vergeblicher Ermahnung aus dem Schofs 
der Kirche ausschliefsen. Zum drittenmal war also seitens 
des Papstes mit aller Energie entschieden worden, dafs die 
mährische Kirche auch in der Liturgie römisch bleiben 
sollte. Methodius war darauf nicht eingegangen und mufste 
nun noch nach seinem Tod ein scharfes Verdammungs- 
urteil deswegen über sich ergehen lassen. Seine Jünger 
aber wollten jedenfalls ebenso wenig auf diese nationale 
Eigentümlichkeit verzichten, und daran scheiterte ihre 
weitere Wirksamkeit, auch wenn Wiching nicht so feind- 
selig gegen sie aufgetreten wäre. Wie also des Methodius 
Eigenmächtigkeit in diesem zentralen Punkte seines Wir- 
kens die Streitigkeiten verursacht hatte, so sollte sein Werk 
in Mähren an den Folgen dieser Widersetzlichkeit gegen 
Rom zugrunde gehen. 

Mit diesem Brief kehrte Wiching heim, um des Me- 
thodius Stelle einzunehmen. Und nun begann der Kampf 
zwischen seiner Partei und den Methodianern, in dem er mit 
Hilfe des Swatopluck den endlichen Sieg davontrug. Er 
hatte das Verdammungsurteil über Methodius und das 
Charakteristikum seiner Kirche, die slavische Liturgie, mit 
heimgebracht und wird sich wohl dem Land und Volk 
gegenüber darauf berufen und damit seine Unterdrückung 
der Methodianer begründet haben. Um dagegen ein kräf- 
tiges Mittel zu haben, fälschten nun diese wohl als Ersatz 



S36 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

für den seiner Zeit von Wiching- unterdrückten Brief Jo- 
hanns an Swatopluck ein Schreiben, in dem sie Wahres 
und Falsches durcheinander mengend Stück für Stück geg-en 
Stephans Brief die Rechtgläubigkeit des Methodius seine 
ihm vom Papst verUehene rechtliche Stellung- und die päpst- 
liche Bestätigung seiner Liturgie nachwiesen. Das Gerücht 
von diesen Streitigkeiten, vielleicht auch direkte Klage der 
Methodianer , dafs Gorazd nicht anerkannt worden sei, ob- 
wohl Methodius ihn zum Nachfolger bestimmt habe, wohl 
auch die Opposition, die seine dogmatische Auseinander- 
setzung fand, kam dem Stephan zu Gehör und veranlafste 
ihn, den Bischof Dominicus und die Priester Johannes und 
Stephanus als Legaten nach Mähren zu Swatopluck zu sen- 
den, um diese Angelegenheit genauer zu untersuchen, und 
die Schwierigkeiten, die durch das Auftauchen eines zweiten 
Prätendenten für den erzbischöflichen Stuhl entstanden, zu 
beseitigen. 

Seinen Legaten gab Stephan genaue, den besonderen 
Umständen angepafste Instruktionen *) mit, die sich sogar 
auf das äufsere Benehmen seiner Legaten bezogen, durch 
welches sie diesem etwas ungeschlachten Volk gegenüber 
als frommreligiöse Männer erscheinen sollten. Am Hofe 
des Swatopluck sollten sie am ersten Tage nur die Be- 
grüfsung des Papstes sowie in ihm der Apostel Petrus und 
Paulus und der ganzen katholischen Kirche überbringen. 
Würden sie über die allgemeinen Zustände ihres Vaterlandes 
ausgefragt, so sollten sie klug ihre Antwort einrichten, dafs 
sie zur Ehre der christlichen Kirche und des Kaisers aus- 
falle. 

Von den eigentlichen Verhandlungspunkten werden nun 
vier erwähnt, und es erhalten die Legaten über vier genaue 
Instruktionen. Wenn etwa die Methodianer auf die Lehre 
Roms, dafs der hl. Geist von Vater und Sohn ausgehe, 
antworten sollten, es sei von den heiligen Vätern verboten, 

I) I. L. 3408. 



g 28. Die Schicksale der Methodianer. 387 

dem Symbolum etwas zuzufüg*en oder etwas weg'zunehmen, 
so sollten sie dag-eg-en sagen, Rom sei die Wächterin und 
Bestätig-erin aller Dogmen , es wanke in keinem Stück des 
Glaubens, wie ja Christus für den Glauben des Petrus g-e- 
betet habe, darum ändere Roms Kirche die Glaubenssätze 
nicht, wenn sie die Irrenden zum wahren Glauben zurück- 
führe, sondern sie vermittele nur den minder Einsichtig-en 
oder Böswilligen durch ihre Erklärung das rechte Ver- 
ständnis. 

Hinsichtlich der slavischen Mefsfeier wird mit nahezu 
denselben Worten das Verbot des Briefes und die Erlaubnis 
zur slavischen Predigt wiederholt. Hinsichtlich des Fastens 
wird direkt auf die entsprechenden Bestimmungen des 
Schreibens verwiesen. 

Endlich sollten die Legaten noch die Suspension über 
Gorazd verhängen. Gegen alles kirchliche Recht sei es, 
dafs Methodius seinen Nachfolger selbst bestimmt habe, 
dieser dürfe daher seines Amtes nicht weiter walten. Er 
solle nach Rom gehen und dort seine Angelegenheit klar- 
legen. Gewifs war diese neue Eigenmächtigkeit des Me- 
thodius ein grofses Unrecht in den Augen Stephans und 
eine ungebührliche Verletzung der canones, und es mag das 
Stephan in seiner ganzen Entscheidung und dem Verlangen 
der Unterordnung der mährischen Kirche imter Rom nicht 
milder gestimmt haben. 

Es scheint demnach, zumal Stephan auf die dogmati- 
schen Einwendungen eingeht, dafs eine Verhandlung und 
Disputation über den Glaubens- und Rechtsstandpunkt der 
beiden Parteien vielleicht vor Swatopluck stattgefunden hat. 
W^ie diese ausgegangen ist und welches Resultat die Prü- 
fung der Ansprüche des Gorazd in Rom gehabt hat, dar- 
über berichten uns die Papstbriefe nichts mehr. Wir wissen 
nur, dafs thatsächlich Wiching und die fränkischen Geist- 
lichen Sieger blieben und alle Methodianer, denen mit dem 
Verbot der slavischen Liturgie und der endlichen Durch- 
führung dieses Verbots der Boden zu weiterer Wirksamkeit 



SS8 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

genommen war, Mähren verliefsen. So wurden sie auf die- 
selbe Weise aus dem Lande und ihrer bisherigen Thätigkeit 
vertrieben, wie Methodius seiner Zeit die weitere Wirksam- 
keit des Richbald unmöglich gemacht hatte. 

In den slavischen Reichen, die der griechischen Kirche 
angehörten, in Bulgarien, Serbien u. s. w. fanden sie ihre 
Zuflucht »). 

So ward das Werk des Konstantinus und Methodius in 
Mähren zerstört, ihre Arbeit war umsonst. Was Rastislav 
mit Hilfe der Brüder sich aufgebaut hatte, eine slavisch- 
nationale Kirche, die seine politische Macht stützen und 
heben, das Volk einigen und kräftigen, vor jedem verderb- 
lichen äufseren Einflufs bewahren sollte, das zerstörte Swato- 
pluck aus politischer Kurzsichtigkeit und persönlicher Ab- 
neigung wieder und untergrub die Existenz seiner mähri- 
schen Kirche dadurch, dafs er sich Rom unterordnete und 
die Latinisierung Mährens auch auf dem Gebiet der Litiu-gie 
durchfuhren liefe. Denn „mit der Vertreibung der slavi- 
schen Geistlichkeit aus Swatoplucks Landen hörte von selbst 
die Feier des Gottesdienstes in der slavischen Sprache 
auf** *), damit aber hörte überhaupt die ganze Existenz der 
mährischen Kirche als einer national -slavischen von selbst 
u»d sofort auf. So vernichtete der Tod des Methodius mit 
seinen Folgen mit einem Schlag, was Konstantinus und er 
in mehr als zwanzig Jahren erstrebt und erarbeitet hatten. 



§ 29. Schlufsbemerkung. 

Von Konstantinopel waren die Slavenapostel aus- 
gegangen, treue Söhne und Anhänger der griechischen 
Kirche sind sie allezeit geblieben. Mit Roms Vollmacht 
ausgestattet, wirkte Methodius und vom päpstlichen Stuhl 

i) Über die litterarische Thät^gkeit der geflohenen Methodiusschüler 
vgl. Pypin und Spasoviö, Gesch. der slav. Litteraturen I, 74 flF. 
2) Ginzel S. 94. 



J 29. Schlafsbemerkung. ZM 

liefs er sich zum Erzbischof erheben und schwor dabei 
Gehorsam der römischen Kirche. 

Sein Lebenswerk aber, das Konstantin schon begfonnen, 
war die Slavisierung der Kirche, zu deren Erzbischof ihn 
Rom gemacht hatte. Das entsprach aber nicht dem Geiste 
Roms, die Unabhängigkeit einer Kirchenprovinz in litur- 
gischen Dingen konnte Rom nicht dulden, darum ver- 
warf es fort und fort das Charakteristikum der ganzen 
national-slavischen Thätigkeit des Methodius, seine slavische 
Liturgie. 

So war es denn ein unnatürliches Bündnis, das Metho- 
dius mit Rom eingegangen hatte. Auf die Dauer konnte 
es nicht bestehen, es mufste auseinandergehen sowie jede 
der beiden Seiten energisch ihren Standpunkt verfocht. 
Was beide gemeinsam in Mähren wirken wollten, unter- 
gruben sie beide durch den tiefgehenden Gegensatz in der 
liturgischen Frage, Methodius durch die Eigenmächtigkeit, 
mit der er an seiner slavischen Liturgie festhielt und Rom 
durch die Konsequenz, mit der es sie verbot. 

Und wie das Werk des Methodius mit dem Geist der 
römischen Kirche überhaupt unvereinbar war, so zogen sich 
nach seinem Tod seine Anhänger unter den Schutz der 
griechischen Kirche zurück und kehrten wieder dahin heim, 
von wo ihre Lehrer ausgegangen waren. 

Das mährische Reich selbst und mit ihm die mährische 
Kirche ^), die unter der Botmäfsigkeit Roms und imter eige- 



i) über die weiteren Schicksale der mährischen Kirche vgl. Bret- 
holz, Gesch. Mährens 1 , 99 ff. : „ Eine Reihe von Jahren wirkte nun in 
Mähren Wiching an der Spitze der deutschen Geistlichkeit, und Swatopluck 
schien damit wohl zufrieden, doch währte auch dieser Bund nicht allzu 
lange.*' Infolge der politischen Verhältnisse mufste Wiching 893 seinen 
Bischofssitz in Mähren verlassen und wurde König Arnulfs Kanzler. Nach 
seinem Abgang erwachte noch einmal die Erinnerung an die nationale 
Kirche. Swatoplucks Sohn und Nachfolger Moymir II. bat im Geist Rastis- 
lavs Johann IX. „um Ernennung eines eigenen mährischen Erzbischofs, also 
um Erneuerung der selbständigen mährischen Kirche. Der Papst sandte 
auch alsbald seine Legaten dahin, nämlich einen Erzbischof Namens Johann 



240 Zweiter Abschnitt: Geschichte des Methodius. 

nen Bischöfen stand, ungeachtet des heftigen Widerspruchs 
der bayerischen Bischöfe, wurden um die Wende des Jahr- 
hunderts durch die Ungarn zerstört. Für die lateinische 
Kirche Mährens blieb von dem Wirken der Brüder nichts 
als die Erinnerung, dafs sie an der Christianisierung des 
Volkes mitgearbeitet hatten und ,,nur in schwachen Spuren 
lebte die slavische Liturgie noch im Bereich der lateini- 
schen Kirche fort" ^). Die Früchte ihres Wirkens kamen 
der griechischen Kirche zugute. Die Thätigkeit der Brüder 
aber wurde die Basis für die spätere, nicht nur religiöse, 
sondern auch allgemeine Kultur der slavischen Völker. 



und zwei Bischöfe Benedikt und Daniel, die in der That für Mähren einen 
eigenen Metropoliten und drei Suffraganbischöfe weihten." Dagegen er- 
hoben unter Führung des Sakburger E?*zbischofs Theotmar die bayerischen 
Bischöfe in einem leidenschaftlichen Schreiben (s. oben § 7) Protest und 
reklamierten unter heftigen Vorwürfen gegen die Slaven Mähren für den 
Passauer Bischof. Ihre Klagen hatten keinen Erfolg, Mähren ging politisch 
und religiös unter. 

i) Dum ml er, Ostfränk. Reich« III, 258. 



III. 
Quellen 

zur Geschichte der Slavenapostel. 

(Vgl. Potthast, Bibliotheca historica medü aevi [2. Aufl.], p. 1 261 sq.) 



Kj octz, Geschichte der Slavenapostel. 16 



I. 

Epistola Anastasii apostolicae sedis bibliothe- 
carii ad Gaudericum episcopum ^). 



Sancto meritisque beato Gauderico egregio episcopo 
Anastasius peccator et exignus apostolicae sedis bibliotheca- 
rius devotissimus perennem orat salutem. 

I. Quia sanctitas tua, reverende pater, sanctae Veliter- 
nensi praeest ecclesiae, ubi scilicet beati Clementis antiquitus 
insig-nis honor cum celebris memoriae titulo commendatur, 
non immerito mota est ad ipsius reverentiam sublimius ex- 
colendam, et vitae meritum ad multorum imitationem ex- 
cellentius praedicandum. Neque enim aliunde sanctus coram 
deo et hominibus comprobaris, nisi quia cum spiritu erg-o 
sancto, quae sancta sunt, pio studio consectaris. Hinc eius- 
dem sancti martiris multa repertas cura reliquias apud ean- 
dem ecclesiam, cui praees, in templo nominis eins locasti. 
Hinc rursus oratoriam domum Romae mirae pulcritudinis 
edificasti. Hinc totum acquisitae possessionis tuae Patrimo- 
nium ipsi beato Clementi ac per eum domino deo salubriter 
dedicasti. Hinc etiam viro peritissimo Johanni, digno Christi 
levitae, scribenda eins vitae actus et passionis historiam ex 
diversorum colligere latinorum voluminibus institisti. Ad 



i) Friedrich S. 438 ff. : „Ich lasse nun den Brief des Anastasius folgen 
und bemerke blofs, dafs ich ihn drucken lasse, wie er mir in der Ab- 
schrift Dr. Heines voriiegt. Nur die Kapitelzahlen habe ich wegen der 
Vergleichung des Textes mit dem Gauderichs und wegen der Citate aus 
ihm beigefügt." 

16* 



244 Quellen. 

extremum hinc quoque mihi exigiio, ut si qua de ipso apud 
Grecos invenissem, latinae traderem lingnae, saepe iniungere 
voluisti. Cuius nimirum cum rerum gestarum monumentum 
iam latinus habebat stilus, illa tantum occurrunt adhuc 
romano transferenda sermoni, quae Constantinus Thessaloni- 
censis philosophus, vir apostolicae vitae, super eiusdem reli- 
quiarum beati Clementis inventione paulo ante descripsit. 
Verum quia reliquiarum huius inventionis fecimus mentionem, 
licet idem sapientissimus vir tacito nomine suo in storiola 
sua qualiter acta sit strictim commemoret, ego tamen quae 
hinc ipse his verbis enarrare solitus erat, compendio pandam. 
2. „Cum, inquit, ob nostrorum copiam peccatorum mira- 
culum marini recessus, quod inter alia huius beati Cle- 
mentis miracula lectitatur, apud Cersonam more solito a 
multis retro temporibus fieri minime cerneretur, mare quippe 
fluctus suos ad nonnuUos retractos spatia in proprios sinus 
collegerat, cepit populus a veneratione templi illius paula- 
tim tepescere et a profectione, qua illuc a fidelibus, et 
potissimum die natalis eins, properabatur , quodam modo 
pedem subtrahere, praecipue cum in confinibus ille sit 
romani locus imperii et a diversis barbarorum quam ma- 
xime nationibus frequentetur. Subducto itaque miraculo, 
quo camales, ut mos se habet, populi delectabantur , et 
crescente circumquaque multitudine paganorum, qua sunt 
infirmiores quique soliti deterreri, immo quia ut evangelice 
perhibeatur, abundavit iniquitas, refriguit Caritas multo- 
rum, desertus est et factus inhabitabilis locus, destructum 
templum, et tota illa pars Cersonicae regionis prope modum 
desolata est. Ita ut ubi Cersonis episcopus intra eandem 
urbem cum non plurima plebe remansisset, cerneretur, qui 
scilicet non tam urbis cives quam esse carceris habitatores, 
cum non auderent extra eam progredi, viderentur. Hac 
itaque causa factum est, ut ipsa quoque archa, in qua 
beati Clementis reliquiae conditae partim servabantur, peni- 
tus obrueretur, ita ut nee esset iam memoria prae longi- 
tudine temporum, ubinam ipse foret archa, declarans." 



£p. Anastasii ad Gaudericam. S45 

3. Haec quidem ille tantus ac talis revera philosophus. 
Ceterum cum apostolicae sedis missi nuper Constantinopolim 
pro celebranda sinodo morarentur, ubi et me quoque alia 
pro causa leg-atione functum per idem tempus contigit in- 
veniri, visum est nobis in commune huic rei ad liquidum 
indagandae omnem tribuere penitus operam, et a Metrophane, 
viro sanctitate ac sapientia claro, Smirneorum metropoleos 
praesule, omnem super hac veritatis certitudinem discere, 
utpote qui sciretur a nobis penes Cersonam a Photio cum 
aliis exilio relegatus. Qui videlicet quanto loco propinquior, 
tanto re gesta doctior habitus, ea nobis hinc curiose scis- 
citantibus enarravit, quae praedictus philosophus fugiens 
arrogantiae notam referre non passus est. Perhibebat enim 
„quod idem Constantinus philosophus a Michaele imperatore 
in Gazaram pro divino praedicando verbo directus, cum 
Cersonam quae Chazarorum terrae vicina est pergens ac 
rediens frequentaret , cepit diligenter investigare, ubinam 
templum, ubi archa, ubi essent illa beati Clementis insignia, 
quae monumenta super eo descripta liquido declarassent. Sed 
quod omnes accolae loci illius utpote non indigenae, sed ex 
diversis barbaricis gentibus advenae, immo valde saevi la- 
trunculi, nescire se quae diceret, testabantiu:. Super quo 
stupefactus philosophus se in orationem multo tempore 
dedit deum revelare, sanctum vero revelare corpus deposcens. 
Sed quod et episcopum cum clero plebeque gerendum sa- 
lutiferis hortationibus excitavit, ostensoque ac recitato quid 
de passione quidve de miraculis, quid etiam de scriptis 
beati Clementis et praecipue quid de templi siti penes illos 
structura, et ipsius in ipsa conditione librorum numerositas 
commendabat ; omnes ad illa littora fodienda et tam precio- 
sas reliquias sancti martiris et apostolici inquirendas ordine, 
quem ipse philosophus in historica narratione descripsit» 
penitus animavit.** Huc usque praedictus Metrophanes. 

4. Ceterum, quae idem mirabilis vere philosophus in 
huius honorabilium inventione reliquiarum solemniter ad 
hymnologicon dei omnipotentis edidit, Grecorum resonant 



246 Quellen. 

scolae. Sed et duo eius opuscula praedicata, scilicet brevem 
historiam et sermonem declamatorium unum, a nobis agresti 
sermone et longe ab illius facundiae claritate distante trans- 
lata, opinionem commento monumentorum eius carptim ad- 
dendo patemitatis tuae officio, quaeque iudicii tui cylindro 
polienda committo. Sane rotulam hymni quae et ad laudem 
dei et beati Clementis idem philosophus edidit, idcirco non 
transtuli, quia, cum latine translatur, hie pauciores, illic 
plurales syllabas generatum esset nee aptam nee sonoram 
cantus harmoniam redderet. Verum etsi hoc mihi a te, o 
vir desideriorum, imponitur, aggrediar, deo praeduce, quod 
hortaris. Quia etsi aliis non profuero scribendo, mihi tamen 
prodero saltem obediendo. 

5. Ceterum nolo sanctimoniam tuam latere, scripsisse 
beatum dementem quaedam quae ad nostram notitiam non- 
dum venere, quae admodum sanctus Dionysius Areopagites 
meminit Athenarum episcopus, et beatus Johannes Scytho- 
politanus, cuius doctrina inter gesta sinodalia reperitur, 
quorum sensus super hac circumstantia iam dudum trans- 
latos invenies in codice iam memorati s. Dionysii Athenarum 
antistitis. Quos oportet ut et ipsi quoque operi, quod de 
vita beati Clementis instantia tua praedicto Christi levita 
sudante texitur, inseratur. Qualiter autem reliquiae ipsius 
semper memorandi Clementis crebro dicto asportante philo- 
sopho in Romam delatae atque reconditae sunt, non necesse 
habeo scribere, cum et ipse inspector factus non nescias, et 
scriptor vitae illius silentio, sicut credimus, non praetereat. 



IL 

Legenda Italica. 



Vita cum Translatione S. Clementis ^). 

I. 

Tempore igitur quo Michael Imperator Novae-Romae 
regebat Imperium, fuit quidam vir nobili genere, civitate 
Thessalonica ortus, vocabulo Constantinus, qui ob mirabile 
Ingenium, quo ab ineunte infantia mirabiliter claruit, veraci 
agnomine Philosophus est appellatus. Hie cum adolevisset, 
atque a parentibus fuisset in urbem regiam ductus, 
essetque insuper magna religione et prudentia praeditus, 
honorem quoque Sacerdotii ibidem, ordinante Domino, est 
adeptus. 

Tunc temporis ad praefatum Imperatorem Cazarorum 
legati venerunt, orantes ac supplicantes, ut dignaretur mittere 
ad illos aliquem eruditum virum, qui eos fidem catholicam 
veraciter edoceret; adjicientes inter cetera, quoniam nunc 
Judaei ad fidem suam, modo Saraceni ad suam nos con- 
vertere e contrario moliuntur. Verum nos ignorantes ad 
quos potissimum nos transferamus , propterea a summo 
et catholico Imperatore consilium quaerere nostrae fidei 
ac salutis decrevimus, in fide vestra ac veteri amicitia 
plurimum confidentes. Tunc Imperator, simul cum Patri- 



i) Acta Sanctorum BoUand. Martii Tom. II. Antverpiae 1668, Fol, 
p. 19—21. 



248 Quellen. 

archa consilio habito, praefatum Philosophum advocans^ 
simul cum legatis illorum ac suis , honorificentissime trans- 
misit illuc, optime confidens de prudentia et eloquentia ejus. 

2. 

E vestig-io ig-itur praeparatis omnibus necessariis, iter 
arripiens venit Cersonam, quae nimirum terrae vicina Ca- 
zarorum et contigna est, ibique gratia discendi lingiiam 
gentis illius est aliquantulum demoratus. Interea Deo in- 
spirante, qui jam jamque tantum tamque pretiosum thesaurum, 
corporis videlicet S, Clementis , fidelibus suis revelare de- 
creverat, coepit praefatus vir, ac si curiosus explorator, ab 
incolis loci diligentissime perscrutari ac solerter investigare 
illa, quae ad se tum litterarum traditione, tum quoque vul- 
gari fama, de corpore B. Clementis, de templo angelicis 
manibus praeparato sive de arca ipsius, pervenerant. Ad 
quem praefati omnes , utpote non indig-enae , sed diversis 
ex g-entibus advenae, se quod requireret omnino nescire 
professi sunt. Siquidem ex longo jam tempore, ob culpam 
et negligentiam incolarum, miraculum illud marini recessus^ 
quod in historia passionis praefati Pontificis celebre satis 
habetur, fieri destiterat, et mare fluctus suos in pristinas 
stationes refuderat. Praeterea et ob multitudinem incur- 
santium Barbarorum locus ille desertus est, et templum 
neglectum atque destructum, et magna pars regionis illius fere 
desolata et inhabitabilis reddita; ac propterea ipsa sancti 
Martyris arca cum corpore ipsius fluctibus obruta fuerat. 

3. 
Super quo response miratus valde ac tristis Philosophus 
redditus, ad orationem conversus est, ut quod per homines 
explorare non poterat, divina sibi revelatio meritis praefati 
Pontificis dignaretur ostendere. Civitatulae ipsius Metro- 
politam, nomine Georgium, simul cum clero et populo ad 
eadem de coelo expetenda invitans : super hoc etiam referens 
illius gesta passionis, seu miraculorum ejusdem beatissimi 
Martyris, plurimos eorum accedere et tam pretiosas mai:- 



Vita cum translatione S. Clementis. 249 

garitas tamdiu neglectas requirere, et in lucem Deo juvante 
reducere, suis adhortationibus animavit. Quadam autem 
die, quae in III. Calendanim Januariarum inscribitur, tran- 
quillo mari navem ingressi, Christo duce iter arripiunt, 
praedictus videlicet Philosophüs cum Episcopo ac venerabili 
clero, nee non cum nonnullis de populo. Navigantes igitur 
cum ingenti devotione ac fiducia psallentes et orantes per- 
venerunt ad insulam, in qua videlicet aestimabant sancti 
corpus Martyris esse. Eam igitur undique circumdantes^ 
et multo luminum splendore lustrantes, coeperunt magis ac 
magis precibus sacris insistere, et in acervo illo, quo 
tantum thesaurum quiescere suspicari dabatur, curiose satis 
et instantissime fodere. 

4. 

Ubi diu multumque desiderio sancto cunctantibus, et de 
spe divinae miserationis plurimum confidentibus, tandem ex 
iraproviso velut clarissimum quoddam sidus, donante Deo, 
una de costis Martyris pretiose resplenduit. Ad quod specta- 
culum Omnibus immensa exultatione repletis, magisque ac 
amplius sine aliqua jam excitatione terram certatim erude- 
rantibus, sanctum quoque caput ipsius consequenter apparuit. 
Quantae jam omnium voces in coelum, quantae laudes et 
gratiarum actiones in Deum ab universis cum lacrymarum 
effusionibus, datae sunt, si vel aestimare quidem vix possu- 
mus, quanto minus exprimere? Tanta siquidem in omnes 
tum de sanctarum inventione reliquiarum, tum de immen- 
sissimi odoris suavitate erat innata laetitia, ut cum jubilo 
ineffabili gratulantes in paradiso extra sese putaretur con- 
sistere. Cum ecce post paullulum rursus quasi ex quibusdam 
abditis sanctarum reliquiarum particulis pauUatim et per 
modica intervalla, omnes repertae sunt. Ad ultimum quoque 
ipsa etiam anchora, cum qua in Pontum est praecipitatus,. 
apparuit. 

5. 

Omnibus igitur pro tantis Dei bonis immensa repletis 
laetitia, celebratis ibidem a sancto Pontifice sacrosanctis 



250 Quellen. 

mysteriis, ipsemet sanctus vir super proprium caput sanctarum 
reliquiarum loculum levans, ad navim cum ingenti univer- 
sorum subsequentium tripudio detulit ; ac deinde Georgiam ^) 
metropolim cum hymnis et laudibus maximis transportavit. 
Interea cum jam civitati appropinquarent , vir nobilis Nice- 
phorus ejusdem civitatis dux, illis cum pluribus aliis obviavit, 
et adoratis sanctis reliquiis, cum multis gratiarum actionibus 
praecedens sanctum loculum, ad urbem cum gaudio remeare 
properabat. Ibi etiam cum ingenti universorum tripudio 
sanctum ac venerabile corpus receptum adoravit, et recitato 
coram omni populo inventionis ejus mysterio, cum jam 
advesperasceret , et prae nimia populi frequentia ingredi 
ultra non posset , in templo S. Sozontis *) , quod urbi erat 
contiguum, cum diligenti custodia posuerunt: demum vero 
ad ecclesiam S. Leuntii ^) transtulerunt. Inde cum mane 
factum esset, universa civitatis multitudo conveniens, assumpto 
sanctarum reliquiarum loculo, totam cum magnis laudibus 
in circuitu lustraverunt urbem, et sie ad majorem basilicam 
venientes, in ea ipsum honorifice locaverunt: sicque omnes 
demum ad sua gaudentes reversi sunt. 

6. 
Post haec praedictus Philosophus iter arripiens, et ad 
gentem illam, ad quam missus fuerat, veniens, comitatus 
Redemptoris omnium Dei praedicationibus et rationibus 
eloquiorum suorum, convertit omnes illos ab erroribus, quos 
tam de Saracenorum quam de Judaeorum perfidia retinebant. 
Unde plurimum exhilarati, et in fide catholica corroborati 
atque edocti, gratias referebant omnipotenti Deo et famulo 
ejus Constantino Philosopho. Litteras insuper Imperatori 



i) Boll. minus recte: Gloriam. 

2) Egregio perfunctus martyrio est S. Sozon Pompejopoli in Cilicia. 
Nota Bolland. 

3) Multi in martyrologiis tum Latinorum tum Graecorum memoran- 
tur LeontUj cui potissimum in Taurica Chersoneso dicata fuerit ecclesia, 
nos latet. Not. Boll. 



Vita cum translatione S. Clementis. 351 

cum multis gTatiarum actionibus transmiserunt ; quia eos 
studio suo ad veram et catholicam revocare studuerit fidem ; 
affirmantes se ob eam rem imperio ejus semper subditos 
et fidelissimos de cetero velle manere. Deducentes autem 
Philosophum cum multo honore, obtulerunt ei munera 
maxima, quae ille omnia, ut revera Philosophus, respuens, 
rogavit ut pro muneribus illis, quotquot captivos externos 
haberent, sibi secum mox reversuro dimitterent. Quod 
protinus completum est. 

7. 
Philosopho autem reverso Constantinopolim , audiens 
Rastilaus princeps Moraviae, quod factum fuerat a Philo- 
sopho in provincia Cazarorum ; ipse quoque genti suae con- 
sulens, ad praedictum Imperatorem nuntios misit, nuntians 
hoc, quod populus suus ab idolorum quidem cultura reces- 
serat, et christianam legem observare desiderabat; verum 
doctorem talem non habent, qui ad legendum eos et ad 
perfectam legem ipsam edoceat : rogare se ut talem hominem 
ad partes illas dirigat, qui pleniter fidem et ordinem divinae 
legis et viam veritatis populo illi ostendere valeat. Cujus 
precibus annuens Imperator, eundem supernominatum Philo- 
sophum ad se venire rogavit; eumque illuc, id est, in 
terram Sclavorum, simul cum Methodto germano suo, trans- 
misit, copiosis valde illi de palatio suo datis expendiis. 
Cumque ad partes illas, Deo praeparante, venissent; 
cognoscentes loci indigenae adventum illorum, valde gavisi 
sunt; quia et reliquias B. Clementis secum ferre audierant, 
et Evangelium in eorum linguam a Philosopho praedicto 
translatum. Exeuntes igitur extra civitatem obviam, hono- 
rifice et cum ingenti laetitia receperunt eos. Coeperimt 
itaque ad id quod venerant peragendum studiose insistere, 
et parvulos eorum litteras edocere, officia ecclesiastica 
instruere, et ad correptionem diversorum errorum, quos 
in populo illo repererant, falcem eloquiorum suorum indu- 
cere; sicque abrasis et extirpatis de agro illo pestifero 



258 Quellen. 

multifariis vitiorum sentibus, divini verbi gramina seminare. 
Manserunt ergo in Moravia per annos quatuor et dimidium, 
et direxerunt populum illius in fide catholica, et scripta ibi 
reliquerunt omnia, quae ad Ecclesiae ministerium videbantur 
esse necessaria. 

8. 
His Omnibus auditis, Papa gloriosissimus Nicolaus, valde 
laetus super his quae sibi ex hoc relata fuerant redditus, 
mandavit et ad se venire illos litteris Apostolicis invitavit. 
Quo nuntio illi percepto valde gavisi sunt, gratias agentes 
Deo, quod tanti erant habiti, quod mererentur ab Apostolica 
Sede vocari. Mox igitur iter aggressi, duxerunt etiam 
secum aliquos de discipulis suis, quos dignos esse ad Epi- 
scopatus honorem recipiendum censebant : sicque post aliquos 
dies Romam applicuerant. 

9. 

Sed cum ante non multos dies supradictus Papa Ntcolaus 
transiisset ad Dominum, secundus Adrianus , qui illi in 
Romano Pontificatu successerat, audiens quod praefatus 
Philosophus corpus B. Clementis, quod studio suo repererat, 
secum deferret, valde nimis exhilaratus est, et extra Urbem 
cum clero et populo procedens obviam illis, honorifice satis 
eos recepit. Coeperunt interea ad praesentiam sanctarum 
reliquiarum, per virtutem omnipotentis Dei, sanitates mirabiles 
fieri ; ita ut quovis languore quilibet oppressus fuisset, adoratis 
pretiosi Martyris reliquiis sacrosanctis , protinus salvaretur. 
Quapropter tam Venerabilis Apostolicus quam et totius 
Romani populi universitas, gratias et laudes Deo maximas 
referentes, gaudebant et jocundabantur in ipso, qui iis post 
tam prolixi temporis spatia concesserit in diebus suis sanctum 
et Apostolicum virum, et ipsius Apostolorum Principis Petri 
successorem, in Sede sua recipere; et non solum Urbem 
totam, sed et Orbem quoque totum Romani Imperii, signis 
ejus ac virtutibus illustrare. Multis itaque gratiarum actioni- 
bus praefato Philosopho pro tanto beneficio redditis, conse- 



Vita cum translatione S. Clementis. S58 

craverunt ipsum et Methodium in Episcopos, nee non et 
ceteros eorum discipulos in Presbyter os et Diaconos. 

lo. 
Cum autem Philosophus, qui et Constantinus, diem transi- 
tus sui imminere sibi sensisset, ex concessione Surami Pon- 
tificis imposuit sibi nomen Cyrülum, dicens hoc revelatum 
sibi fuisse : et sie post quadraginta dies dormitionem aeeepit 
in Domino sexto deeimo Kalendas Martias. Praeeepit autem 
sanetus Apostolicus, ut omnes tarn Graeei quam Romani 
eleriei ad exequias ejus accurrerent eum psalmis et eantieis, 
cum cereis et thuria odoribus, et non aliter ei, quam ipsi 
quoque Apostolico, funeris honorem impenderent. 

II. 
Tune supradictus frater ejus Methodius aecedens ad sanc- 
tum Pontifieem, et proeidens ad vestig-ia ejus, ait: Dignum 
ae necessarium duxi sug-gerere Beatitudini Tuae, Apostolice 
Pater, quoniam quando ex domo nostra ad servitium, quod 
auxiliante Domino feeimus, sumus egressi; mater cum multis 
laerymis obtestata est, ut si aliquem ex nobis, antequam re- 
verteremur, obiisse contingeret, defunetum fratrem frater 
vivens ad monasterium suum redueeret, et ibidem illum 
digno et competenti obsequio sepeHret. Dignetur igitur 
Sanetitas vestra hoc munus meae parvitati eoneedere, ne 
precibus matris vel eontestationibus videar aliquatenus eon- 
traire. Non est visum Apostolico, quamvis grave sibi ali- 
quantulum videretur, petitioni et voluntati hujuseemodi 
refragari: sed clausum diligenter defuncti corpus in locello 
marmoreo, et proprio insuper sigillo signatum, post 
Septem dies dat ei licentiam recedendi. Tune Romanus 
elerus simul cum Episcopis ae Cardinalibus et nobilibus 
Urbis eonsilio habito convenientes ad Apostolieum coeperunt 
dicere: Indignum nobis valde videtur, venerabilis Pater et 
Domine, ut tantum tamque magnifieum virum, per quem 
tam pretiosum thesaurum Urbs et Eeclesia nostra reeuperare 



354 Quellen. 

promeruit, et quem Deus ex tarn longinquis reg^onibus et 
exteris ad nos sua gratuita pietate perducere, et adhuc etiam 
ex hoc loco ad sua regna est dignatus assumere, qualibet 
interveniente occasione in alias patiamini partes transferri: 
sed hie potius placet, honorifice tumuletur, quia et dignum 
valde est, ut famae tarn celebris homo, in tarn celeberrima 
urbe, celebrem locum habeat sepulturae. Placuit hoc con- 
silium Apostolico, et statuit ut in B. Petri basilica poneretur, 
in suo videlicet proprio monumento. 

12. 

Cernens Methodius jam suum defeci^se propositum, oravit 
iterum dicens : Obsecro vos Domini mei, quandoquidem non 
est placitum vobis, meam petitiunculam adimplere, ut in 
ecclesia B. Clementis, cujus corpus multo suo labore ac 
studio repertum huc detulit, recondatur. Annuit hujusmodi 
petitioni Praesul sanctissimus, et concurrente cleri ac populi 
maxima frequentia, cum ingenti laetitia et reverentia multa, 
simul cum locello marmoreo, in quo pridem illum praedictus 
Papa condiderat, posuerunt in monumento ad id praeparato 
in basilica B. Clementis ad dexteram partem altaris ipsius, 
cum hymnis et laudibus, maximas gratias agentes Deo: 
qui in loco eodem multa et miranda operatur, ad laudem 
et gloriam nominis sui, per merita et orationes Sanctorum 
suorum, qui est benedictus et gloriosus in secula seculorum, 
Amen, 



III. 

Legenda Pannonica'). 



Vita Sancti Methodii^. 

Mensis Aprüts VI, die Commemoratio et Vita beati patris 
nostri et doctoris Methodii archiepiscopi Moravici, 

I. 
Benedic pater I 
Deus benignus et omnipotens, qui creavit a nonexistentia 
in existentiam omnia visibilia et invisibilia et ornavit ea omni 
pulchritudine, quam si quis sing^ilatim perpendit, ex parte 
potest cognoscere et intelligere eum, qui fecit talia opera 
mirabilia et multa; e magnitudine enim et pulchritudine 
operum etiam parens eorum perspicitur *), quem canunt 
angeli ter sancta voce et omnes orthodoxi praedicamus in 
sancta trinitate, videlicet in Patre et Filio et Sancto Spiritu, 
id est in tribus substantiis ^) , quas possumus tres personas 
vocare, at in una divinitate : ante omne enim tempus praeter 
omnem rationem et intelligentiam incarnaliter Pater ipse 

a) Mit M verzeichne ich im folgenden einige Varianten in der Ausgabe 
von Miklosich, Vita Sancti Methodii russico-slovenice et latine, Wien 1870. 

b) M: hypostasibus. 



i) Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen. XIII. Band, 
Heft. Wien 1854. S. 156—163. 
2) Cf. Rom. I, 20. 



^56 Quellen. 

Filium genuit, sicuti dixit Sapientia *) : Ante colles ego par- 
turtebar, et in evangelio *) dixit ipsum divinum Verbum 
purissimo ore caro factum ultimis temporibus nostrae salutis 
gratia: Ego in Patre et Pater in me : ab eodem Patre 
Sanctus Spiritus quoque procedit, sicuti dixit ipse filius di- 
vina voce^): Spiritus veritatis , qui a Patre procedit — 
hie Deus perfecit omnem creaturam , sicuti dicit David *) : 
Verbo Domini coeli firmati sunt et sptritu oris ejus 
omnis virtus corum; ipse dixit et facta sunt, ipse man- 
davit et creata sunt, Ante omnia creavit hominem, limum 
e terra suscipiens, a se animam vivificante inspiratione in- 
flans rationisque cogitationem et volun^atem dans ut intraret 
in paradisum. Praeceptum dedit ei ad tentandum, ut, si 
observaverit id, fieret immortalis, si vero transcenderit, morte 
moreretur sua ipsius voluntate, non autem jussu divino. 
Diabolus vero cum hominem ita honoratum videret atque 
evectum ad eum locum, de quo ipse superbia sua decidit, 
effecit ut transgrederetur praeceptum, ac Deus e paradiso 
expulit hominem ad mortem condemnatum. Et ab eo tem- 
pore exagitare coepit diabolus et tentare multis insidiis 
genus humanum, sed Deus pro magna misericordia et amore 
hominem haud prorsus dereliquit, verum quovis anno et 
tempore elegit viros et ostendit hominibus opera et cer- 
tamen eorum, ut iUis similes se reddentes ad virtutem ex- 
citarentur. Ejusmodi fuit Enoch, qui primus ausus est ap- 
pellare nomen Domini, Enoch vero postea Deo gratus mor- 
tuus est. Noe justus inventus est ex generatione sua atque a 
diluvio in arca liberatus est, ut terra iterum divina creatura 
impleretur et omaretur. Abraham divisionem gentium dum 
omnes errant, Deum cognovit et socius ejus dictus est et 
promissionem accepit **) : Benedicentur in semine tuo omnes 

i) Proverb. 8, 25. 

2) Joh. 14, II. 

3) Joh. 15, 26. 

4) Psalm. 33, 6. 9. 

5) Genes. 22, 18; 26, 4. 



Vita Methodii. 357 

gentes terrae, Isaac ad effigfiem ^*) Christi in montem ad 
sacrificium ductus est. Jacob idola loci ^) delevit et scalam 
vidit a terra usque ad coelum et ang-elos in illa ascendentes 
et descendentes et in benedictione filiorum suorum de 
Christo praedixit. Josephus in Aegypto homines nutrivit 
divinum se exhibens. Job Aphsitidicum *) ^) justum rectum 
irreprehensum scriptura vocat, qui tentationem suscipiens 
et perpessus benedictus fuit a domino. Moses cum Aarone 
a presbyteris Dei Dens Pharaonis appellatus est et Aegyptum 
cruciavit, Dei homines eduxit, interdiu nube lucida noctu 
columna ig"nea, mare divisit et transivit per siccum, Aegyp- 
tios submersit et in deserto arido hominibus aquam prae- 
buit et pane angelico et avibus satiavit et coUocutus cum 
Deo coram eo quantum homo cum Deo loqui potest, legem 
hominibus dedit Dei digito scriptam. Jesus Nave hostibus 
debellatis terram hominibus Dei distribuit. Judices etiam 
multas Victorias reportarunt. Samuel Dei gratia accepta 
regem unxit et constituit verbo Domini. David clementia 
populum salvavit et cantica divina docuit. Salomon sa- 
pientiam a Deo accipiens majorem sapientia omnium ho- 
minum multa dicta bona cum parabolis edidit licet ipse 
non perfecerit. Elias malitiam populi fame castigavit et 
mortuum puerum resuscitavit et ignem de coelo verbo 
attulit, multos combussit et sacrificia mirabili igne cremavit. 
Abominandos vero sacerdotes occidens ascendit in cadum 
in curru igneo et equis, discipulo duplicem spiritum lar- 
gitus. Eliseus pallium excipiens duplicia miracula fecit. 
Ceteri prophetae suo quisque tempore prodigia, quae futura 
erant praedixerunt. Deinde Johannes magnus mediator 
inter vetus testamentum et novum, baptistes Christi et testis 
et praedicator vivis et mortuis factus est. Sancti Apostoli 

a) M: ad imaginem. 

b) M: soceri. 

c) M: ausitidicura. 



i) Legendum fortasse Usiticuni. 
Goetz, Geschichte der Slavenapostel. !• 



258 Quellen. 

Petrus et Paulus cum ceteris discipulis Christi, qui tanquam 
fulgura totum orbem permearunt, illustrarunt totam terram. 
Deinceps martyres sanguine suo maculam abluerunt et suc- 
cessores sanctorum apostolorum, reges *) baptizantes, multo 
certamine et labore paganismum exstirparunt. Sylvester 
venerandus cum treccntis octodccim patribus magnum im- 
peratorem Constantinum in adjumentum accipiens, synodo 
prima Nicaeac convocata vicit damnavitquc Arium et hae- 
resim ejus, quam excitabat contra sanctam trinitatem, sicuti 
Abraham olim cum treccntis octodecim vernaculis regem 
pcrcusserat; et a Mclchisedcko rege Salem benedictionem 
acccpit et panem vinumque. Erat cnim sacerdos Dei 
altissimi. Et ^) ipsc theologus Gregorius cum centum vi- 
ginti quinque patribus et cum magno imperatore Theodosio 
Constantinopoli confirmavit symbolum, id est, credo in 
unum Deum, et Maccdonium excommunicatum damnarunt 
et blasphemiam ejus, quam pronuntiabat contra sanctum 
Spiritum. Coclestinus et Cyrillus cum duccntis patribus et 
cum alio imperatore Ephcsi Nestorium viccrunt cum omni 
crrore, quem pronuntiabat contra Christum. Leo et Anatolius 
cum orthodoxo imperatore Marciano et cum centum octo- 
ginta ^) patribus Chalccdone Eutychii amentiam et errorem 
damnarunt. Vigilius cum Deo grato Justiniano **) et cum sex- 

centis triginta patribus quinta synodo convocata scrutati ^) 

damnarunt. Agathon papa apostolicus cum centum septua- 
ginta patribus et cum venerando *") Constantino imperatore 
in sexta synodo multas turbas oppresserunt expulsasque 
damnarunt cum omnibus illis qui in synodo aderant, vide- 

a) M: imperatores. 

b) M: Damasus vero et theolo^^us Grei^orius cum centum et quinqua- 
ginta patribus. 

c) M: cum sexcentis et triginta. 

d) M: cum pio Justino cum centum et LXV patribus. 

e) M: cum ducentis et LXX patribus cum pio Constantino. 



i) Desunt nonnulla. 



Vita Methodii. 359 

licet Theodorum Pharanicum, Serg-ium et Pyrrhum *), Cyrum 
Alexandrinum, Honorium Romanum, Macarium Antiochenum 
ceterosque socios eorum, christianam vero fidem ad veri- 
tatem constituentcs confirmarunt. 

2. 
Post hos autem omncs ^) Dcus misericors , qui vult ut 
omnis homo salvetur atque in cognitionem veritatis perveniat, 
nostro tempore nostri populi gratia, cujus nemo unquam 
curam gessit ^) , ad virtutem erexit ^) magistrum nostrum 
bcatum Methodtum, cujus omnes virtutes et certamina cum 
his Deo gratis viris singulatim comparare non erubescimus. 
Aliis enim similis erat, aliis vero paullo minor, et magis 
quam alii facundos strenuitate, strenuos facundia superabat ®) ; 
Omnibus enim similis factus omnium imaginem in se osten- 
debat, timorem Dei, legum reverentiam, carnis castitatem, 
assiduas preces et sanctitatem, sermonem vehementem et 
lenem, vehementem in adversarios, lenem in eos, qui prae- 
cepta suscipiebaut, iram, hilaritatem, misericordiam, amorem, 
constantiam, patientiam, omnia oninibus fachis est, ut omnes 
hicrifaceret ^). Erat autem utrimque haud infimo genere 
natus sed admodum nobili et honesto , noto antea ^) Deo 
et imperatori et omni regioni Thessalonicensi , uti forma 
quoque corporis ejus excellebat. Postea vero etiam Graeci «) 
illum a puero amantes magni faciebant **), donec Imperator, 
sagacitate ejus cognita, princtpatum Slovenicum eum tenere 

a) M: Severum et Pyrrhonem. 

b) M: post omnia vero haec. 

c) M: gesserat. 

d) M: ad magnam dignitatem evexit. 

e) M: aliis vero praestantior, facundos labore superans laboriosos vero 
facundia. 

f) M: antiquitus. 

g) M: causidici. 

h) M: honorifice de eo loquebantur. 

i) I Kor. 9, 22. 

17* 



360 Quellen. 

juberet. Dico vero cgo tanquam futura praevidens voluissc 
eum Slovents magistrum mittere *) , primum archiepisco- 
pum, ut omnes mores Slovenicos disceret et iis paullatim 
assuefieret. 

3. 

Multis in illo principatu annis peractis cum in hac vita 
tiirbas innumeras (esse) ^) vidcret , transmutavit tenebras 
terrenas cogitationibus coelestibus ^). Nolebat enim animam 
pretiosam inquietare *^) rebus non manentibus in aeternum, 
et data occasione principatu solutus ivit in Olympum , ubi 
sancti patres vivunt et postquam se totondit nig"ra vestimenta 
(cepit) et obediebat humiliter, perficicns omnia et totam 
explens monasticam regulam in libros incumbebat. 

4. 
Cum vero occasio ^) venisset, accersivit imperator philo- 
sophum fratrem ejus , (ut) ad Kozaros *) (iter ag-g^rederetur) 
et hie assumpsit eum secum in auxilium: erant enim ibi 
Judaei, qui christianam relig-ionem admodum blasphemabant. 
nie autem dicens: Paratus sum pro christiana religione 
mori (hoc) ^) non detrectavit, sed iens servivit minori fratri 
velut servus eique se subjecit. Hie «) orando , philosophus 
vero verbis, vicenmt eos ruboreque suffuderunt. Cum im- 
perator et patriarcha pulcherum ^) ejus certamen in via Dei 
vidissent, cogere eum voluerunt *), ut ordinaretur archiepis- 
copus in nobili loT:o, ubi tali viro opus esset, cum ille autem 

a) M: eum a se missum iri Slovenis doctorem. 

b) M: amorem terrestrium tenebrarum mutavit in desiderium coelorum. 

c) M: perdere. 

d) M: tempus. 

e) M: Chazaros. 

f) M: iter. 

g) M: Methodius. 
h) M: utile. 

i) M: suaserunt ei. 



i) Verba uncis inclusa ad sensum facilius explicandum addita sunt. 



Vita Methodii. 261 

noUet constituerunt invitum abbatem ^) in monasterio, quod 
nominatur Polychron ^) , cujus reditus est quatuordecim 
raodiorum auri ^) ; in patrum autem numero in illo habentur 
plus quam septuag"inta. 

5. 
Fuit vero in illis diebus Rostislav cum Suiatopolko 
princeps Slovenorum ^) et miserunt ex Moravta (nuntios) 
ad imperatorem Mtchaelem loquentes ita: Misericordia Dei 
bene valemus et intraverunt ad nos doctores multi christiani 
ex Italia et ex Graecia et ex Germania, docentes nos con- 
trario modo, verum nos Sloveni simplices homines sumus 
neque habemus quempiam, qui nos in veritate instituat et 
sensum (scripturae) interpretetur. Ag-e igitur, domine, mitte 
talem virum, qui nos omnem veritatem doceat. Tum dixit 
Michael imperator Constanttno philosopho: Audisne philo- 
sophe verba ista? Alius hoc perficere non potest nisi tu. 
Ideo dabo tibi munera multa et assumpto fratre tuo Methodio 
abbate, proficiscere : etenim vos estis Thessalonicenses, 
Thessalonicenses vero omnes pure Slovenice loquuntur. 
Tunc non ausi sunt repugnare Deo atque imperatori secundum 
verbum sancti apostoli Petri ^), prout dixit: Deum timete, 
regem honorificate ; sed cum magnum audivissent sermonem 
in preces incubuerunt cum aliis qui erant ejusdem ing'enii 
atque lii. Ibique manifestavit Dens philosopho Slovenicas 
lüteras ^^), et illico litteris formatis et sermone composito 
cum Methodio iter ag-gressus est Moravicum. Qui iterum 
coepit humiliter obtemperans servire philosopho et docere 

a) M : heguraenus. 

b) M: Polychronos. 

c) M: cui est reditus XXIV mensurarum auri. 

d) M: factum vero est illis diebus, ut Rostislavus, princeps Slovenorum 
cum Svjatopolco mitterent e Moravia. 

e) M: et tum deus philosopho slovenicas litteras revelavit. 

i) I Petr. 2, II. 



Ä6Ä Quellen. 

cum eo. Ac tribus annis elapsis reversi sunt ambo ex 
Moravia, postquam discipulos instituenint. 

6. 
Nicolaus apostolicus de talibus viris certior factus, ac- 
cersivit utrumque desiderans eos videre, tanquam ang-elos 
Dei; sanxit doctrinam amborum, evang-elio Slovenico in 
altari saneti apostoli Petri deposito, et ordinavit presbyterum 
beatum Methodtum. Erant autem (ibi) multi alii homines, 
qui blasphcmabant Slovenicas litteras, loquentes: Dedecet 
uUum populum habere libros hos *), nisi Hebraeos Graecos 
Latinosque secundum titulum Pilati, quem in cruce Domini 
scripsit ^), quos papa Pilaticos asseclas et trilingues nominans 
damnavit et mandavit cpiscopo cuidam, qui eodem morbo 
laboraverat, ut ordinaret ex discipulis Slovenicis trcs prcs- 
byteros et duos lectores ^). 

7. 
Post multos vero dies philosophus in Judicium ^) iturus 
dixit ad Methodium fratrem suum : Ecce frater nos consortcs 
eramus, unum sulcum imprimentes atque eg"0 in agro cado, 
postquam diem meum terminavi, tu autem amas montcm ^) 
valde, noH relinquere montis gratia disciplinam ^) tuam, hac 
re enim potes mehus salvus fieri ^). 

8. 
Kocel vero ad apostolicum mittens rog"avit eum, ut sibi 
cederet Methodium beatum doctorem nostrum et dixit äpo- 

a) M: nuUam popolura suas litteras habere decet praeter. 

b) M: anagnostas. 

c) M: institutionem. 

d) M: qua enim re melius potes salvus fieri? 



i) Luk. 23, 38. Joh. 19, 20. 

2) i. e. ad mortem. 

3) i. e. Olympum. 



Vita Methodii. 263 

stolicus: Non tibi tantum , sed omnibus partibus illis Slo- 
venicis mitto illum mag-istrum a Deo et a sancto apostolo 
Petro , primo episcopo *) et clavigero reg^ni coelestis. Et 
dimisit illum postquam scripsit epistolam hanc: Andrtanus *) 
episcopus et servus '"^) Dei Rostislavo ^) et Kocelo , gloria 
in alttsstmis ^) Deo et in terra pax , homi7tibus bonae 
voluntatis ^) ^). Audivimus de vobis spiritualia, quae sitieba- 
mus cum desiderio et precibus vestrae salutis gratia, quoniam 
experg-efecit Dominus corda vestra, ut eum quaereretis, et 
monstravit vobis, quomodo non solum fide, verum etiam 
bonis operibus oporteret Deo servire, fides enim sine operi- 
bus mortua est *) , et falluntur ^) ii , qui putant , Deum se 
cog'noscere, in operibus autem ab eo desciscunt. Non enim 
apud hunc episcopalem thronum ^ tantum rogastis doctorem, 
sed etiam ab orthodoxo «) imperatore Michaele , misitque 
vobis beatum philosophum Constantinum cum fratre, cum 
nobis occasio deesset ^). Uli vero jure sedis apostolicae in 
vestras cognito, coiÄra canonem nihil fecerunt, sed ad nos 
venerunt sancti Clementis reliquias ferentes. Nos autem 
triplici gaudio repleti statuimus re considerata Methodium 
in partes vestras mittere filium nostrum, postquam eum cum 
discipulis ordinavimus, virum perfectum intellectu et ortho- 
doxum, ut vos edoceret, quemadmodum rogastis, libros in 
vestram linguam interpretans secundum omnia Ecclesiae 

a) M: successore. 

b) M : et Svjatopolco. 

c) M: in excelsis. 

d) M: in hominibus bona voluntas. 

e) M: perduntur. 

f) M: ab hac tantum sede. 

g) M: pio. 

h) M; priusquam nos veniremus. 



i) i. e. Hadrianus (II). 

2) Suppl. servorum. 

3) Luk. 2, 14. 

4) Jacob. 2, 26. 



264 QueUen. 

praecepta plene cum sancta missa, id est, cum liturgia et 
baptismo, sicuti Constantinus philosophus divina gratia et 
sancti Clementis invocatione *) coepit , item si quis alius 
potuerit digne et orthodoxe docere ^), sit sanctum et bene- 
dictum a Deo et nobis et omni catholica et apostolica ec- 
clesia, ut facile praecepta divina discatis. Hunc unum 
servate morem, ut in missa primo legant apostolum et 
evangelium Romane, dein Slovenice, ut expleatur verbum 
scripturae ^) : Laudate Dominum omnes gentes, atque alio 
loco *) : Omnes loquentur vartts Unguis magnalia Deiy 
prout Spiritus sanctus dabat loqui Ulis % Si quis vero 
ex doctoribus ad vos venientibus et ex discipulis (eorum) 
aures suas a veritate avertentibus, ausus fuerit aliter vos in 
errores seducere, vituperans litteras lingiiae vestrae, sit 
excommunicatus , sed tantum in Judicium detur ecclesiae^ 
donec se correxerit; isti enim sunt lupi et non oves, quos 
convenit a fructibus eorum cognoscere *), et cavere ab 
illis. Vos autem filii carissimi, audit# praecepta Dei nee 
repudietis institutionem ecciesiae, ut inveniamini veri ado- 
ratores Dei Patris nostri coelestis atque omnium Sanctorum. 
Amen. — Excepit autem illum Kocel cum magno honore 
et iterum misit eum ad apostolicum et viginti viros honestos, 
ut illum ordinaret episcopum ^) in Pannonia in sedem 
sancti Andronici apostoli, qui ex septuaginta fuit ^). 

a) M: precibus. 

b) M: interpretari. 

c) M: si vero quis e magistris ad vos confluentibus et aures vestras 
vexantibus et a veritate in errorem avertere vos parantibus ausus erit vos 
aliter docendo perdere, vituperans libros linguae vestrae ne excommuni- 
cetur sed . . . 

d) M: in episcopatum. 

e) M: apostoli e LXX, quod etiam factum est. 



i) Psalm. II 6, I. 

2) Act. Apost. 2, II. 

3) Matth. 7, 15. 16. 



Vita Methodii. 365 

9- 
Post hoc vero antiquus inimicus invidus bono et adver- 
sarius veritatis incitavit cor hostis Moravtci regis cum 
Omnibus episcopis contra nos *). In nostro (inquiunt) imperio 
doces. nie autem respondit: Ego quoque, si intelligerem, 
vestrum id esse, abscederem, sed sancti Petri est; et in 
veritate, si vos propter ambitionem atque appetitum antiquos 
fines praeter canones exceditis, prohibentes institutionem 
divinam, cavete ne ferreum montem osseo vertice pertundere 
conati cerebrum vestrum effundatis. Dixerunt autem illi: 
Iracunde loquendo malum accipies ^). Respondit ille : Veri- 
tatem loquar coram regibus <^) neque (ejus) me pudebit, 
vos autem voluntatem vestram persequimini contra me, non 
sum enim praestantior illis, qui veritatem loquentes multis 
cruciatibus hanc vitam amiserunt. Multis verbis factis cum 
illi respondere non potuissent , dixit rex pronus ^) ^) : Ne 
fatigetis Methodium meum, jam enim sudare coepit, ac si 
esset prope fornacem. Dixit ille: Nae domine, philosopho 
sudanti quondam facti homines dixerunt ei: Quid sudas? 
Ille : Cum idiotis ®), inquit, disceptavi. Postquam de illa re 
contenderunt, discesserunt , illum vero miserunt in Suevos 
et detinebant annos duos et dimidium. 

lO. 

Venit nuntius ad apostolicum, qui de hac re certior 
factus anathema contra illos misit, ne ullus regis episcopus 
caneret missas id est officia, dum eum detinerent, atque ita 
eum dimiserunt dicentes Kocelo: Si hunc retines apud te, 

a) M : eum. 

b) M : dixerunt ei, irate loquentes : malum habebis. 

c) M: imperatoribus. 

d) M; rex obliquis oculis intuens dixit. 

e) M: cum hominibus rudibus. 



i) i. e. humiliter. 



366 Quellen. 

te a nobis haud facile absolves *). Sed illi non sunt ab- 
solut! a judicio sancti Petri, nam quatuor ex illis episcopis 
obierunt. Accidit vero tunc temporis, ut Moravt, postquam 
cog'noverunt presbyteros Germam'cos, qui apud se vivebant, 
non favere sibi, sed insidias struere, omnes expellerent. 
Ad apostolicum autem nuntium miserunt: Quoniam antea ^) 
patres nostri baptisma a sancto Petro jam acceperunt, da 
nobis Methodium archtepiscoputn et doctorem. Illico misit 
eum apostolicus et Suiatopolk princeps cum omnibus Moravis 
accipiens illum commendavit ei omnes ecclesias et clericos *^) 
in omnibus oppidis. Ab isto tempore coepit doctrina Dei 
valde crescere et tonsi ^) multiplicari in omnibus civitatibus 
et pag-ani credere in verum Deum a nugis suis deficientes ; 
tanto magis etiam imperium Moravicum coepit dilatare omnes 
fmes et hostes suos vincere cum omni prosperitate, quemad- 
modum et ipsi semper narrant. 

II. 
Erat autem prophetica quoque gratia in illo, quoniam 
multae ejus prophetiae impletae sunt, e quibus unam vel 
duas referam. Princeps paganus admodum potens, qui 
inter Vistulae accolas sedebat, illudebat christianis vexa- 
batque eos. (Methodius) mittens ad illum dixit: Bonum 
tibi esset, fili, baptizari ultro in tua terra, ne captus invitus 
baptizeris in aliena et recorderis mei; quod etiam contigit. 
Alio vero tempore iterum Suiatopolko bellum gereute cum 
paganis neque proficiente quidpiam sed cunctante, dum 
sancti Petri missa id est liturgia appropinquat, misit ad illum 
loquens: Si mihi promittis, fore ut diem sancti Petri cum 
militibus tuis apud me transigas, credo in Deum, eum tibi 
illos brevi traditurum esse. Quod et factum est. (Homo) 
aliquis admodum dives et consiliarius (regis) duxit fratriam 
suam in matrimonium et (Methodius) multum instituens 

a) M: tibi a nobis non bene erit. 

b) M: antiquo tempore. 

c) M: monachos. 

d) M: monachi. 



Vita Methodii. 207 

docens monensque non potuit eos disjungere. (Homines 
vero quidam) Dei servos se esse simulantes clam corrum- 
pebant eos ^) , pr.opter pecuniam adulati et tandem eos ab 
ecclesia seduxerunt. Et dixit: Veniet tempus, quando non 
poterunt vos juvare, meorum autem verborum recorda- 
bimini, sed non poterit quidpiam effici. Repente postquam 
ii a Deo defecerunt periculum eis injectum est et locus 
eorum non est inventus ^) , sed turbo* quasi pulverem 
toUens dispersit eos. Et alia multa similia his (acciderunt), 
quae in parabolis palam monstrabat. 

12. 

Quae omnia cum antiquus inimicus perosus genus huma- 
nuni ferre non posset, excitavit aliquos adversus illum, sicut 
Dathan et Abiron contra Moysen, alios palam alios clam, 
qui laborant yiopatorica haeresi ^) et infirmiores de via recta 
ad se devertunt dicentes: Nobis dedit papa potestatcm, 
hunc autem et doctrinam ejus jubet expelli. Tum con- 
gregati omnes Moravici homines jusserunt coram se reci- 
tari epistolam, ut audirent expulsionem ejus, homines vero, 
prout mos est hominibus, contristabantur et dolebant, quia 
tali pastore et doctore privabantur *^), exceptis debilibus, quos 
error movebat sicut ventus folia. Honorantes autem apo- 
stolicos libros ^) invenerunt scripturam : Krater noster Me- 
thodius sanctus, orthodoxus est, apostolicum opus perficit 
et manibus ejus sunt a Deo et ab apostolica sede omnes 
partes Sloventcae traditae, ut quem condemnaverit sit con- 
demnatus, quem vero sanctificaverit sit sanctus, et rubore 
suffusi digressi sunt cum pudore sicut nebula. 

a) M: adulantcs eos proptcr pecuniam et postremo excommuni 
cati sunt. 

b) M: hyopatorico morbo. 

c) M : privarentur. 

d) M: perlectis vero apostolici litteris. 



i) Psalm. 103, 16. 



^68 Quellen. 

Malitia eorum nondum hie substitit sed dixerunt lo- 
quentes: Imperator Uli irascitur adeo, ut si illum repererit, 
haud amplius sit ei vivendum, sed Deus misericors neque 
in hac re volens reprehensum servum suum, imposuit in 
cor reg-i *), prout cor regts semper in manu domint est ^), 
ut mitteret litteras ad eum : Pater venerande valde desidero 
te videre ; hoc mihi gratificatus ad nos venire festina, ut te 
videamus, donec es in hac vita et preces tuas accipiamus. 
Imperator eum statim illuc profectum cum magno honore 
et gaudio suscepit, et doctrinam ejus collaudavit atque ex 
discipulis ejus presbyterum et diaconum cum libris retinuit ; 
omnem voluntatem ejus perfecit, quantumcunque voluit, 
nulla re ei recusata, et osculatus eum comitatus est multis 
donis instructum iterum solemniter ad ejus sedem, item et 
patriarcha. 

14. 
In Omnibus itineribus in multa pericula a diabolo ad- 
ducebatur, in desertis in praedones, in mari in undas tur- 
bulentas, in fluviis in syrtes insperatas, ita ut in eo implere- 
tur apostolicum verbum ^) : Pericula latronum, pericula in 
mari, pericula fluminum, pericula in falsis fratribus, ifi 
labore et aerumna, in vigiltis multis, in fame et siti, et 
in ceteris tribulationibus, quas apostolus memorat. 

15. 
Post ista autem relicto tumultu et dolore suo Deo 
commendato, prius vero ex discipulis suis duobus pres- 
byteris constitutis, qui valde velociter scribebant, vertit brevi 
tempore omnes libros (scripturae) plene, exceptis Macca- 
baeis, ex Graeca lingua in Slovenicam, intra sex menses, 

a) M: imperatori. 



i) Proverb, 21, i. 
2) 2 Kor. II, 26. 27. 



Vita Methodii. 

a Martio mense inchoans usque ad vicesimam sextam diem 
Octobris mensis. Opere vero finito debitas gratias et lau- 
dem Deo eg"it concedenti talem gratiam atque eventum, et 
sanctam elevationem mysteriosam ^) cum clero suo (laudi- 
bus ex-)tollens fecit memoriam sancti Demetrii. Psalterium 
enim tantum et evangelium cum apostolo et electis officiis 
ecclesiasticis cum philosopho antea converterat. Tunc 
nomocanonem quoque id est regulam legis et patericon 
transtulit. 

i6. 
Dum Ungricus rex in partes Danubii venit, voluit illum 
videre et licet (homines) quidam loquerentur et putarent, 
eum non posse sine cruciatu ab illo liberari, ivit ad eum. 
nie vero, prout decet dominum, ita hunc suscepit honorifice 
et solemniter cum gaudio ; et collocutus cum eo, prout tales 
viros decebat sermones facere, dimisit illum cum amore et 
cum donis magnis, deosculatus eum, atque dixit: Memento 
mei semper, pater venerabilis, in sanctis precibus tuis. 

17. 

Omnibus causis ita ex sua parte dimotis, ora multi- 
loquorum obseravit, cursum perfecit, fidem servans et justi- 
tiae coronam exspectans; et quoniam sie Deo gratus et 
amabilis erat, appropinquabat tempus pacem accipiendi a 
passione et multorum laborum mercedem. Interrogarunt 
autem et dixerunt: Quem agnoscis pater et doctor honora- 
bilis inter discipulos tuos in insti tuende tibi successorem? *). 
Monstravit vero illis unum ex fidis discipulis suis dictum 
Gorazd, dicens: Hie est vestrae patriae vir ingenuus atque 
in Latinis libris apprime eruditus et orthodoxus; hoc sit 
Deo gratum et vobis sicuti et mihi. Congreg-atis vero per 
illum dominica palmarum omnibus hominibus ecclesiam 

a) M: quem pater et magister venerande, e discipulis tuis dignum 
iudicas, qui ex institutione tua tibi sit successor? 



l) St. Demetrii, cujus memoria celebrabatur die XXVl. mens. Octobris. 



370 Quellen. 

ingressus et noii multum locutus ^) benedixit regem et 
principem et clericos et omnes homines et dixit : Ciistodite 
mc proles, usque ad tertium diem. Sic etiam factum est. 
Cum tertia dies illucesceret dixit igitur *) : Domine in manus 
tuas commendo spiritum meuni. In manibus presbytero- 
rum requievit sexta die mensis Aprilis tertia indictione anno 
millesimo trecentesimo nonagesimo tertio a creatura totius 
mundi. Discipuli ejus re considerata debitos honores red- 
diderunt et officium ecclesiasticum Latine, Graece, Slo- 
venice instituerunt et sacrificium peregerunt et collocarunt 
(cum) in synodali ecclesia. Et coUectus est ad patres suos, 
ad patriarchas ^) et apostolos , doctores et raartyres. Ho- 
mines vero , populus innumerabilis congregatus , in funus 
vcnerunt, deflentes doctorem et pastorem bonum, viri et 
mulieres, parvi et magni, divites et pauperes, liberi et servi, 
viduae et orphani, peregrini et domestici, infirmi et sani, 
omnes in ejus funus venerunt, qui ^) omnia oninihus /actus 
est, ut omnes lucrifaceret. 

Tu vero desuper sanctum et venerabile caput ^), precibus 
tuis nos respiciens desiderantes te, libera discipulos tuos ab 
omni periculo, et doctrinam propagans et haereses per- 
sequens ^) , ut postquam tali modo , qualis vocatione nostra 
dignus est, viximus hie, perveniamus ad te tuus grex, ad 
dexteram Christi Dei nostri, aeternam vitam ab illo per- 
cipientes; ipsi enim est gloria et honor in secula secu- 
lorum. Amen. 

a) M: quamvis infirmus praedicaiis gratias egit imperatori. 

b) M: et prophetas. 

c) M: iiistitutionem tuam diffundens et haereses pellens. 

i) Luk. 23, 46. 

2) I Kor. 9, 22. 

3) Confer vitam S. Clementis c. 29. 



Zusätze und Berichtigungen. 



S. i6, Z. 17 von oben: Die Klemenskirche von Velletri wird auch im 
liber pontificalis erwähnt, wo es von Leo III. (795 — 816) heifst: 
Fecit isdem cgregiiis presul et in ecclesia beati Clementis, qui ponitur 
in Villitrias, vestem de stauraci. Duchesne Liber pontificalis II, 12 ^*. 

S. 36, Z. 6 von unten statt nm lies um. 

S. 44, Z. 9 von unten statt weifst lies w^eist. 

S. 47, Z. I von oben statt naeh lies nach. 

S. 47, Z. 19 von oben statt Geist lies Geistes. 

S. 61, Z. I von oben statt ad lies ac. 

S. 82, Z. 9 von unten: In dieser Zeit, Ende des 9. Jahrhunderts, mufsten 
auch die Päpste selbst bei ihrem Amtsantritt den Honorius in 
ilirem Glaubensbekenntnis als Ketzer verdammen, cf. liber diurnus 
form. 84 ed. Sickel p. loo^*: Auetores vero novi haeretici dog- 
matis Sergium Pyrrhum, Paulum et Petrum Constantitiopolitanos, 
una cum Honorio , qui pravis eorum assertionibus fomentum im- 

pendit Allerdings war in der Sprache der Papstbriefe wie 

im liber diurnus die Schuld des Honorius aus direkter „Zustimmung" 
zur Ketzerei abschwächend in „ Begünstigung " wie in der angeführten 
Stelle aus form. 84 verwandelt worden. Vgl. J. Friedrich, Zur 
Entstelmng des liber diurnus S. B. d. Münchener Akademie 1890 
I, S. 133. 

S. 119, Anm. 2 statt S. 4 lies S. 14. 

S. 148, Anm. 3 : Die Quellen zur Geschichte Wladimirs teilen übereinstim- 
mend mit, dafs er nach seiner Taufe und Vermählung mit der Prin- 
zessin Anna von Cherson mit anderen Heiligenbildern und kirch- 
lichen Gegenständen auch die Reliquien des hl. Klemens und seines 

Schülers Phico - MOIll,LJVffl CEHTAFO K./mMEHTA 

II ^*HBA mitgenommen habe. Cf. Golubinskij, Istorija rufskoi 

zerkwi I i, 200; Strahl, Gesch. d. russisch. Kirche I, 68. 

S. 154, Anm. 2: Wenn man Hanus' Erklärung der Bedeutung von Kyrillus 
als Schriftentdecker als richtig annimmt, legt sich die Erwägung 
nahe , dafs ihm dieser Name von seinen Schülern zum ehrenden 
Andenken beigelegt worden ist. Es erscheint das durchaus wahr- 
scheinlicher, als dafs er ihn sich selbst beigelegt hätte. Das würde 



3718 Zusätze und Berichtigungen. 

denn wohl zu einer Zeit geschehen sein, als er im Kampf um die 
slavische Liturgie schon als Erfmder der slavischen Schrift angesehen 
und gepriesen wurde. Das war aber schon zur Zeit der Abfassung 
der Vita Methodii der Fall. 

Diese Tradition und den Beinamen, die sich wohl erst münd- 
lich fortpflanzte, hat dann der Ueberarbeiter der translatio auf- 
genommen. Mit der Erzählung von der Annahme des Mönchsstandes 
hat er sie verbunden, weil eben bei derartigem Anlafs Namens- 
änderungen nichts Ungewöhnliches waren. So erklärt sich auch am 
besten, weshalb Anastasius und Johann VIII. den Namen Kyrillus 
nicht anwenden (s. S. loi), weil man eben in Rom von einer Er- 
findung der slavischen Schrift durch Konstantinus nichts wufste, weil 
der Name Kyrillus eben erst im Entstehen und in Rom noch nicht 
bekannt war und erst Ende des Jahrhunderts dem in Rom über das 
Lebensende des Konstantinus bekannten hinzugefügt wurde. 

Die Auslegung des „Kyrillus" als „Schriftentdecker" läfst, 
wie gesagt, eine derartige Entstehung und Zufügung des Namens als 
ganz ungezwungen vor sich gegangen erscheinen. 

S. 185^. Lapötre 1. c. 120 scheint zu seiner Behauptung, dafs ein Schüler 
des Metiiodius, ein Mönch Namens Lazarus, aus der Gefangenschaft 
entflohen und glücklich nach Rom gelangt sei , durcli den Schlufs- 
satz der Instruktion Johanns für Paul von Ancona gekommen zu 
sein: De percussoribus vero Lazari monachi vide, ut secundm Apo- 
stolorum canones a vobis iudicium proferatur. Damit ist aber jioch 
nicht gesagt, dafs das ein Schüler des Methodius war, und in seinen 
gl*.iclizeitigen Briefen, auch da er sich über die Unterdrückung der 
Appellationen des Methodius beklagt, er\vähnt Johannes keinen La- 
zarus. Auch die Vita Clementis kennt keinen Schüler Lazarus. 

S. 189, Z. 5 von unten: In ähnlicher Weise argumentieren in den Schreiben 
des Codex Carolinus auch die Päpste, zumal Hadrian I. gegenüber 
Karl dem Grofsen , wenn er von den Schenkungen Karls spricht 
und deren faktische Uebergabe betreibt. Auch da wenden die Päpste 
gern das Wort restituere an oder die Wendung sicut ex antiquitus 
fait. Hadrian I. läfst da sogar zur Bekräftigung die bekannten 
„ältesten Leute" auftreten, die eidlich vor des Königs Gesandten 
bestätigen müssen, dafs das fragliche Gebiet — es handelt sich um 
das Patrimonium Sabinense — von altersher dem hl. Petrus und 
der römischen Kirche gehöre. M. G. Epist. T. III, I Cod. Carol. 
ep. 69. Geradeso liefs auch Bonifaz VIII., als er 1300 das Jubel- 
jahr und den Jubiläumsablafs einführte, älteste Leute von über 100 
Jahren auffinden, die die frühere Feier dieses Festjahres bestätigen 
mufsten. 




UNIVERSITY OF CAUFORNIA LIBRARY 
BERKELEY 

Retum to desk from wUdi bonowed. 
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